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Montag, den 22. Februar
1886.
Die ,Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, von«, und Feiertag« «mSgeoommen. Vierteljährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfa, — mit der belletristisch« Wochenbeilage ,Sterne an» Binnen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Di« einspaltige Zeil« ober deren Raum 15 Pfg., so,. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Bestrebungen einer Regierung zu verstärken, die wie die preußische in kirchlichen Dingen so das Mißtrauen des katholischen Volkes sich zugezogen hat. Ver- gefle man nicht, daß im „Kulturkämpfe" ein ganze« Geschlecht h.rangewachsen ist, welches im Anblick der Thaten und Verwüstungen des „CulturkampfeS" ein prinzipielles Mißtrauen gegen die preußische Negierung in Sachen der Religion und der bürgerlichen Freiheit in sich ausgenommen hat. Die Katholiken haben gelernt, daß sie mit jeder Verstärkung der Regierungsgewalt in Preußen und leider auch im Reiche sich eine Macht heranziehen, deren erste mächtige Griffe wieoer der kaum und mit den größten Opfern errungenen Religionsfreiheit gelten würden und zwar um sie zu erdrosseln im Jntereffe einer Nationalkirche nach russischem Vorbilde.
Das Centrum wird sich also nicht auf- lösen, fondernjetzterstrechtbeisa in men- bleiben, um das Errungene auch zu wahren, — im Dienste der Freiheit, des Rechte« und des Vaterlandes!
* Die «e«e kircheupolitische Borlage.
(Schluß.)
Im Namen de« Rechte« und der sittlichen Begriffe, die auch den Staat durchdringen muffen, muß man energisch protestiren gegen die Auffaffung, welche die Begründung des Gesetzentwurf« von dem Verhältniß der Staatsgewalt zu der Volksvertretung kundgibt. Da heißt es:
Es war seit zwei Jahren die Absicht der Regierung, den Wünschen der katholischen Unterthanen Sr. Maj. des Königs in dieser Weise entgegenjukommen. Sie ist daran verhindert worden durch den Umstand, daß das Zusammentreten der parlamentarischen Körperschaften in den letzten Jahren jedesmal von Borgängen begleitet war, welche dem Eindruck Borschub geleistet haben würden, als ob sich durch Angriffe, Drohungen und harte Worte ein Druck auf die Regierung Sr. Majestät üben taffe, und infolge dessen sie zu Entschließungen bewogen werden könnte, welche sie freiwillig nie gefaßt haben würde.
Die Regierung hat einem großen Theile des Volkes, einer ganzen Cgnfession, ihre heiligsten Rechte, die noch dazu durch wiederholte königliche Versprechen gewährleistet waven, ohne jeden triftigen Grund gewaltsam entzöge» ; sie hat sich all- mälig von dem Unrechte und der .Unklugheit , die siebegangen, überzeugt, und nun sollte inan meinen, daß sie sofort nach Eintritt dieser Uebfrzeugung sich beeilen müßte, ihr Unrecht wieder Lut zu machen. Sie thut die« aber nicht, sie schiebt die Erfüllung einer heiligen Pflrcht noch zwei ^ahre hinaus, weil — man höre putz staune — weil ■ die Beraubten und Geschädigten ihr Recht' zurückverlangen und dies nicht etwa auf dem Wege der Gewalt, des Aufstandes, sondern auf dem ganz gesetzlichen, verfassungsmäßigen des Parlaments! Das verfassungsmäßige Recht der Bitte und Beschwerde wird dadurch geleugnet, geleugnet wird ferner die Pflicht einer jeden Regierung, ein Unrecht, da« sie gethan, sofort nach der Erkenntniß vom Unrechte in thunlichster Bälde wieder gut zu machen; prinzipiell negirt wird auch da« verfassungsmäßige und natürliche Recht der Volksvertretung, Wünsche und Beschwerden de« Volkes auszudrücken. Tie Regierung will sich nichts abtrotzen lassen und verweigert deshalb die Erfüllung all- gemein al« gerecht erkannter Forderungen, weil die Volksvertretung sie verlangt! Wenn sich die Negierung auf btefen prinzipiell übrigens ganz unzulässigen Standpunkt stellen will, dann hat sie auch die Pflicht, der Volksvertretung zuvorzukom
men und die Klagen hinwegzuräumeu, ehe sie im Parlament ihren Ausdruck finden. Uebrigens läßt sich durch jene Worte der Motive Niemand täuschen, am wenigsten das Cent rum und seine Wähler. Diese wiffen ganz genau, daß die beabsichtigten Milderungen — mehr ist es ja nicht — niemal« bewiligt worden wären, wenn nicht dasCentrum mit aller Energie auf dringendes Verlangen seiner Wähler die geraubten Rechte der Katholiken auf freieReligionsübungbeijederGelegen- heit zurück verlangt hätte. Die Wähler — denn um diese handelt es sich — werden von diesem Wege nicht abgehen. Denn wie die Verhandlungen mit dem Papste, wie die Gesetzgebungsversuche ausgehen mögen, — das weiß das katholisch Volk, daß ohne seine Standhaftigkeit und Eintracht niemals auch nur die geringste Erleichterung gekommen wäre, und daß es anstatt verführerischer Lockstimmen noch heute immer noch die Sprache der brutalen Unterdrückung hören würde, wie in den ersten Jahren des „Culturkampfes". Wenn nun den Katholiken bruchstückweise ihre entzogenen Rechte zurückgegeben werden — noch soll selbst nach der jetzigen Vorlage nicht einmal die Spendung der Sakramente ohne hohe obrigkeitliche Erlaubniß frei sein — so wiffen die Katholiken, daß fie dies nur ihrer Einigkeit und ihrem politischen Auftreten zu danken haben. Aber auch nur dieser Einigkeit und einem entschiedenen politischen Ansmren iRftor ItrMir J« c-uncen tjuucii, wenn ihnen die kaum zurückerstatteten Rechte nicht wieder bei erster Gelegenheit entrissen werden. Wie das deutsche Reich nach Moltke sich fünfzig Jahre lang seiner erreichten Einheit wehren muß, so wer- den die Katholiken sich, wenn sie einmal ihre Rechte wieder haben, (was noch lange nicht der Fall ist) sich noch Jahrzehnte um die Bewahrung dieser Rechte im deutschen Reiche und besonders in Preußen wehren müssen. Das liegt klar in den politischen Verhältnissen begründet.
Daher verräth cs wenig politischen Blick und es heißt den Katholiken eine große Dummheit zutrauen, wenn man meint, jetzt und später nach ganz errungener religiöser Freiheit werde sich das Centrum auflösen. Möglicherweise wird er oder ein Theil desselben in manchen Fragen eine weniger oppositionelle Stellung einnehmen, aber schon der Jnstmct wird ihm verbieten, die absolutistischen
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Februar.
* Die am nächsten Mittwoch im Herrenhause stattfindendeBerathung der kirchenpolitischen Vorlage wird wohl darüber Aufschluß geben, ob dieselbe vom hl. Vater gebilligt worden ist. Die ,: „Äus drei vöu zwei'ori fiyrevenen Stellen ausgehenden, uns vorliegenden zuverlässigen Nachrichten Uber „Tatsächliches" können wir jetzt mit Bestimmtheit folgern, daß die Herrenhaus- Vorlage, wie sie ist, nicht auf einer Vereinbarung zwischen Berlin und Nom beruht, nicht die vorgängige Zustimmung des päpstlichen Stuhles erhalten hat. Weshalb von beiden zunächst beteiligten Seiten Positives über diesen Punkt noch nicht verlautet, ist bei der Lage der Dinge und bei der Fortsetzung weiterer Verhandlungen erklärlich genug; aber obige Schlußfolgerungen ergeben, wie gesagt, bestimmt das Resultat einer noch nicht erfolgten Verständigung." Es gewinnt die Annahme an Wahrscheinlichkeit, daß bald weitere Conzessionen der preußischen Regierung folgen werden. Dafür spricht auch der Umstand, daß die Verhandlungen lebhaft fortgesetzt werden.
— Es heißt, das Branntwein-Monopol
yoj Mein ist die Rache. 7 Original-Erzählung aus unser«« Tagen.
Unter den eingelaufenen Briefen, die Verwaltungs-Direktor Bortmann eine« Tage« auf seinem Bureau durchlas, befand sich auch folgende« Schreiben:
Hochverehrter Herr!
Ich habe Ihnen gegenüber eine für mich äußerst schmerzliche Pflicht zu erfüllen. Unschuldig bin ich ein Opfer der Tücke und des Hasse« geworden; ich weiß und hege die feste Ueberzeugung, daß auch Sie an meine Unschuld glauben. Doch was nutzt das? Meine Karriere ist vernicklet, die Zukunst dunkel und ungewiß. Ich darf das Schicksal Ihrer Fräulein Tochter nickt länger an das meinige fesseln; ich löse hiermit jede Verbindlichkeit, welche dieselbe durch das Versprechen, mich mit ihrer Hand zu beglücken, eingegangen, mit blutendem Herzen, aber unabwendbarer Nothwen- Weit. Ich danke Ihnen, ich ranke Ihrer guten örau, ich danke Marie für alle Liebe und Freundschaft, die Sie mir in so reichem Maße zukommen ließen. Leben Sie wohl! Gänzliches Vergessen
kann ich nicht fordern; wenn Sie meiner gedenken, thun Sie es mit Wohlwollen.
Ihr dankbarer Julius Lehrbach.
Bortmann faltete das Schreiben langsam zusammen. Dann fuhr er mit der Hand über Stirne und Augen und sagte mit bewegter Stimme: „Er ist ein Ehrenmann trotz seiner Ver- urtheilung. Ich glaube fest an seine Unschuld. Ader er hat Recht, er mußte so handeln, wie er es tat, und wir müssen leider fein Wort zurück- nehmen."
Das Osterfest des Jahres 1880 nahte sich. In dem Hause der Frau Räthin Lehrbach herrschte ein reges Leben, das gegen die hier sonst gewohnte Stille abstach. Schon seit mehreren Jahren pflegte die ganze Familie, wenn immer möglich, zu Ostern sich um die Mutter zu versammeln; selbst der sehr in Anspruch genommene zweite Sohn, der Arzt, machte es möglich, auf einige Tage seine Praxis zu verlassen. Sie wußten ja alle, wie große Freude die alternde Mutter hatte, wenn sie ihre sämmtlicheu Kinder um sich vereint sah. Dann leuchtete das sanfte Auge der guten Frau in hellerem Scheine auf und mit Rührung überschaute sie alle ihre Lieben, deren Kreis sich durch
SM die blühenden Enkel, die Kinder ihrer glücklichen Töchter, immer mehr ausdehnte.
Das Osterfest des vorhergegangenen Jahres war still und in gedrückter Stimmung verlaufen. Einer fehlte ja, und die Umstände, welche ihn, den sie alle liebten und alle tief bemitleideten, damals ferngehalten, waren so trauriger Art, daß eine rechte Festesfreude nicht auskommen konnte. Heuer aber sollte die Frau Räthin alle Angehörigen wieder einmal um sich versammelt sehen.
Recht trübe und wenig verheißend waren die Aussichten für Julius' weitere« Fortkommen gewesen. Aber das Glück hatte doch wieder gelächelt. Sofort nach feiner Freilassung, die auf dem Gnadenwege vor Ablauf der ganzen Strafzeit erfolgte, bot das Bankhaus, in welchem der älteste Sohn beschäftigt war, Julius eine Stelle an. Die Inhaber der Firma wollten zeigen, wie hoch sie ihren ersten Buchhalter schätzten und wie wenig sie an die Schuld seines Bruders glaubten. Es war ein tröstender, wohlthuender Lichtblick gewesen in das trübe Dunkel des Verhängnisses, das Julius getroffen.
Es war Mittwoch in der Charwoche. Drei junge Männer, Julius, fein Bruder, der Arzt und jener Advokat, der damals feine Verteidigung