Einzelbild herunterladen
 

fehlen. ,

Es ist doch eine schone Sache, baß bie Siegle« rung für solche Ms die Kreis« und Provinzial- blätter zur Virfügung hat. Dieser Gedanke kam uns auch jüngst wieder, als wir im Kreisblatt unserer Nachbarstadt Hünfeld einen fulminanten Leitartikel zur Polendebatte lasen, der in echtem „Deutschthum" förmlich wüthete. Angefichts solcher „nationalen" Prachtleistungen mufe sich natürlich jeder Parteifreund Wmdthorst's Vorkommen wie ein Heimathloser und Vaterlandsoerräther. Aber ein Trost ist uns doch geblieben — und das ist der „deutsche" Reichstag in seiner überwiegenden Mehrheit. Und daß wir uns nicht nur als „Deutsche", sondern auch als „Mischen" und „Christen" fühlen, und daß die Humanität uns reichlich ersetzt, was wir in fraglichem Falle der „SiaatSraison" vergeben haben sollten, auch das sind Empfindungen, mit denen wir uns trösten dürfen.

*♦ Für mehrere „kleinere" Staate mit König­licher Polizeioecwaltung, darunter auch Fulda, ist seitens Der preußischen Regierung die Aufhebung I der Polizeidirektion in Erwägung gezogen worden.

Auf Antrag der Budgetkommiffion wurde diese Angelegenheit am 8. d. M. bei der 2. Berathung des Etats des Ministeriums des Innern im Abge­ordnetenhause zur Sprache gebracht. Der Voll­ständigkeit halber laffen wir den ausführlichen Bericht des .Reichs« und Staatsanzeigers' hier unverändert folgen. Derselbe lautet:

Zu Kap. 92, Polizeiverwaltung in den Provinzen, be­antragte die Buvgetkommission die Annahme nach- I stehender Resolution:

„Die König!. Staatsregiemng wiederholt aufzuforoern, a. in Erwägung zu ziehen, ob in einzelnen Gemein­den, in welchen die örtliche Polizeiverwaltung beson­deren Staatsbeamten übertragen ist. diese den durch die Gemeindeordnungen dazu bestimmten Beamten über- I tragen werden kann;

b. baldthunlichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen für diejenigen Städte, in welchen die örtliche Polizeiverwaltung durch besondere Staatsbeamte geführt wird, die B-itragspflicht zu den Kosten dieser Ver­waltung unter Aufhebung des §. 3 des Gesetzes vom 11, März 1850 für Staat und Gemeinden neu geregelt wird."

Der Abg. Zelle befürwortete auf’S Wärmste die Ge­nehmigung der Resolution ad a im Interesse namentlich der kleineren städtischen Gemeinden mit Königl. Polrzei- verwaltung, wie Göttingen, Zelle, Hanau, Marburg, Fulda, s wünschte jedoch eventuell die Möglichkeit der Uebertragung ’ einzelner Zweige der Ortspolizei an die Kommunen ge-

2lus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 13. Februar.

»* Die Polenreben bes Fürsten Bismarck stub in Tausenden von Exemplaren, die in Berlin in der Wilhelmstraße als Sepacatausgabe gedruckt wurden, mit den Kreis- und Provinzial - I blättern gratis unter das Volk vertheilt worden. Auch das hiesige ,Kreisblatt' war gestern in der Lage, seinen Lesern den Separat-Abdruck dieser .großen und hochbedeutsamen" Reden zu über­mitteln. Der Inhalt der Reden ist rubricirt und trägt folgende, mitunter sehr drastische und merk- würdige Ueberschristen: 1) Verwaltung der Provinz Pojen bis zum Jahre 1830. Di.- Proklamationen Friedrich Wilhelm's III. enthalten keine bindenden Versprechungen. 2) Die Provinz Posen nach 1830. Votum des Generals v. Grolmann über das „böse Prinzip" der Provinz, den polni-chen Aoel. 3) Verwaltung Posens unter Friedrich Wilhelm IV. Die preußische und ausländische Demokratie ver- bündel sich mit den Polen gegen Preußen. 4) Vorliebe der Deutschen für das Ausländische. Ihre Sympathieen für bie polnischen Flüchtlinge. Letztere halten an ber Wiederherstellung des König­reiches Polen fest. 5) Fürst Bismarck verfolgt seit seinem Amtsantritt als Ziel die Entwickelung der deutschen Nationalität, wird aber von der Fortschrittspartei darin bekämpft. 6) Stellung Preußens im Jahre 1863 zu Rußland. Feind- feligkeit Napoleon's III. 7) Aktenstücke über bie Stellung Englands. 8) Die Fortschrittspartei be­kämpft im Jahre 1863 bie nationale Politik der Regierung und stärkt dadurch die Stellung Na- poleon's HL 9) Der Abgeordnete Windthorst tritt im Reichstage für die Bestrebungen aus Wiederherstellung des Königreichs Polen ein. (!) 10) Die Regierung wird niemals bie Wiederherstellung Polens innerhalb der preußischen Grenzen zugeben. 11) Die Aufhebung der katho«

lischen Abtheilung im Kultusministerium, weil sie den polnischen Bestrebungen Vorschub leistet. Be­ginn des Kulturkampfes. 12) Begünstigung der polnischen Bestrebungen durch die Oppositionspar­teien. 13) Die „Ausländerei" der Deutschen. Polonlsiren deutscher Namen. 14) Unterdrückung der Deutschen in Posen durch polnische Geistliche. Verweigerung des Confirmanden-Untercichtes. Id) Nothwendigkeit der polnischen Ausweisungen. Wei­tere Maßregeln. Expropriirung des polnischen Adels. Nur deutsche Beamten in Posen. 16) Blick in die Zukunft. Gefährdung des Reiches durch die Obstrukiionspolitik des Reichstages. JDte Ueberschriften der zweiten Rede lauten: 1. Herr Windthorst gesteht selbst zu, daß er stets im An­griff gegen die Regierung sich befindet. 2. Herr Windthorst ist Welfe, Kulturkämpser und Fortschrittler. (!) 3. Herr Windthorst begünstigt die Zersetzung des Reiches. (!) 4. Die Polen sind unsichere preußische Unterthanen. 5. Die Proklamationen Friedrich Wilhelm's III. geben den Polen keine vertragsmäßigen Rechte. 6. Nothwehrrecht Preußens gegenüber den polm« scheu Bestrebungen. 7. Die polnischen Damen. 8. Der polnische Bauer und bet polnische Edel­mann. 9. Unwahrheit der Behauptung des Ab« geordneten Richter, daß dec Reichskanzler einen Staatsstreich beabsichtige. 10. Möglichkeit einer Besteuerung des Schnapses in Form einer Licenz- steuer; darunter wird der Schankwirth am schwer- sten leiden. 11. Aehnlichkeit unserer Verhältnisse mit den englischen; die Parnelliten und die Polen, das Centrum und die Fortschrittspartei dienen den Polen als Piedestal. Mit solchen Waffen wird offiziös gekämpft. Diese Reben Bismarck's sollen in 500,000 Exemplaren in der Druckerei der ,Nordd. Allgem. Ztg.' gedruckt worden sein, und I zwar auf B stellung des Herrn Dr. Klee, welcher I dem unter Leitung des Herrn G.-heimrath Bitter stehenden literarischen Bureau angehört. In gleicher Weise sollen auch die zur Polenfrage gehaltenen

I Sieben des Herrn Ministers v. P u t t k a m e r gratis I verbreitet werden. An gleich interessanten Ueber« I schriften wird es wohl auch in diesem Falle nicht

Bau einer Eisenbahn von Weimar über Rastenberg I nach Großrudestedt.

" Freiburg, 10. Febr. Das erzbischöfliche Ordinariat erläßt eine Verfügung, betreff, die Ver­kündigung eines außerordentlichen Jubiläums durch das Rundschreiben unseres hl. Vaters Leo XIII. vom 22 Dez. v. I., wonach sür unsere Erzdiözese die JubiläumSzeit erst nach Schluß der österlichen Zeit beginnen und am Schluffe des Jahres endi­gen soll. (Bad. 33eo6.) J

Ausland.

* Belgrad, 12. Februar. Khevenhüller ist heute nach Wien abgereist.

* Aus Athen wird der ,Frks. Z. uoer Wien gemeldet: Zwei weitere Jahrgänge Armee-Reser­visten sollen eingezogen weiden. — Die Küstenbe­festigung des Piräus ist vollendet. — Der Abschluß einer griechisch-serbischen Allianz unter Rußlands Auspizien wird in Aotede gestellt.

* London, 12.Febt. Der Krawall ist beendigt. In allen Theilen Londons herrscht wieder Ruhe. Alle Läden find offen und die Geschäfte nehmen ihren gewöhnlichen Gang. Die von den Behörden ! getroffenen Vorsichtsmaßregeln bleiben bis auf ! Weiteres aufrechterhalten. Eine Reihe voii auf« i rührern, bie beim Stehlen erwischt wurden, sind i bereits verurtheilt, andere werden wegen Aufruhres i vor die Gerichte gestellt werden. — Gestern fanden ! auch in verschiedenen Provinzialstädten Kund« i gedungen beschäftigungsloser Arbeiter statt. Ja ! Leicester griff bie Volksmenge mehrere Strumpf- ; waaren-Fabriken an, welche wegen Streikes ihrer i Arbeiter feiern. Die Fenster wurden zertrümmert | und bie Maschinen zerstört. Die Polizei stellte

schließlich bie Ruhe roieber her.

* Aus Leicester wird vom 12. b. (Mittags) gemeldet: Die Unruhen erneuerten sich seit heute früh stärker. Die Ruhestörer drangen in mehrere Magazine ein, zertrümmerten die Fenster und be­warfen die Polizei mit Steinen. Die Behörden forderten die Bürger auf, sie bei der Wiede^ Herstellung der Ordnung zu unterstützen. — Nach weiteren Meldungen aus Leicester, Nachmittags 4U2 Uhr, begannen die strikenv-n Strumpfwaaren« arbeitet die Maschinen in den Fabriken zu zer­stören. Die Polizei war nicht zahlreich genug, um dem Beginnen Einhalt zu thnn. Die Behörden baten die benachbarten Städte um Beistand.

lieber Anzahl bie Kernbayern.

* Münster, 10. Febr. Die ,Ry.-West. Ztg.' metbet: Am Sonntag ist der letzte in ber bekamt- ten Bestechungsaffaire hier eingezogene Zahlmei­ster wieder auf freien Fuß gesetzt. Die bereits früher freigelassenen zwei Zahlmeister haben ihre Dienstgeschäfte wieder übernommen. Da damit sämmtliche in ber Angelegenheit s. Z. eingezogene Zahlmeister roieber freigelassen und größtentheils in die innegehabten Dienststellen roieber eingerückt sind, so scheint die angestrengte Untersuchung be­lastende Thatsachen nicht ergeben zu haben.

♦ Weimar, 11. Febr. Der Landtag geneh« migte heute die Regierungsvorlage, betreffend den und man kann ihn mit seiner dröhnenden Stimme oft sagen hören:

Mein Goldputhühnchen, ich bin ordentlich froh, daß Alles so gekommen ist. Früher raubten mir die Sorgen, wie ich mir Geld verschaffen sollte, den Schlaf, jetzt lebe ich zwar sehr einfach, aber zufrieden. Wenn nur die Mutter sich beffer in bie Sage schicken wollte! Die bereitet mir mit ihren Lamentationen manche trübe Stunde! Aber ein Tropfen Wermuth muß schließlich mit durchgekostet werden!"

„Und ich bin gleichfalls recht glücklich und zu­frieden," äußert die junge Frau. „Durch die Güte Onkel Kehlhofer's ist es mir möglich gewesen, mein Geschäft zu begründen, und es geht ganz gut. Mein Mann ist gleichfalls zufrieden mit feiner Stellung!"

„Ja, ja," stimmt Kehlhofer bet, „in dem flei- feigen Advokatenschreiber erkennt man den früheren Herrn Baron von Münch—Hausen nicht mehr. Sein Chef ist sehr mit ihm zufrieden."

„Willst Du nicht einmal die Kinder sehen?' fragt regelmäßig schließlich die junge Frau.

„Natürlich, natürlich!" lacht dann ber Agent in seiner dröhnenden Weise. „Führe mich nur hin zu den kleinen, herzigen Goldfasänchm, die ein­gedenk der selbst empfangenen Lehre, wir behüten wollen, daß sie nicht treffe wie uns das Loos be­trogener Betrüger!"

mente große Mehllieferungsverträge abschließt, an­statt, wie es jetzt geschieht, Roggen zu kaufen und denselben besonders mahlen zu laffen. Krtegsmi- minifter von Bconsart bestritt, daß dies vortheil- Hafter sei und erklärte, das jetzige System beizube« halten. Beim Extraordinarium des Marineetats wurde der in zweiter Lesung gestrichene Aviso be­willigt, dafür aber eine Anzahl Abstiche in an­nähernd derselben Höhe wie die Forderung für den Aviso vorgenommen. Beim Etat der Zölle sprach sich Abg. Dr. Meyer-Halle in längerer Siede gegen den Antrag auf Verbot ber Verwenmmg von Surrogaten bei ber Bierbereitung aus. Dadurch würde bie Möglichkeit technischer Fortschritte im Brauereigewerbe verhinbert. Der Rest bes Etats würbe ohne erhebliche Debatte angenommen, die Matricularbeiträge auf 138,443,176 Mark, bie dauernden Ausgaben auf 626,152,333 Marc, die fortdauernden auf 70,063,076 Mk. festgesetzt und das Anleihegesetz, wie das Etatsgesetz genehmigt. Gegen den Gesammtetat stimmen nur die Sozial­demokraten. Von den beantragten R-solutionen wird nur die eine gesetzliche Regelung bet Unter­stützung ber Familien der zur Stellung einberu­fenen Sieservisten und Landwehrleute angenommen. Morgen: Antrag Rintelen bett, die Bestrafung von Wahlbeeinfluffungeu.

* Das Korrespondenzblatt des Verbandes ber katholischen Studentenvereine Deutsch- lands zeigt einen Zuwachs von 89 Mitgliedern im Sommersemester 1885 gegen das Wintersemester 1884/85. Die Gesammtzahl der Mitglieder belief sich am Schluffe des vetfloffenen Semesters auf 794, dazu kommen noch 243 auswärtige Mit­glieder, welche sich auf 22 Vereine vertheilten. Von diesen 794 Mitgliedern studieren 355 Theo­logie, 111 Rechte- und Staatswissenschaft, 239 Heilkunde, 118 Philosophie, Philologie und Ge­schichte, 39 Mathematik und Naturwiffenschaft, 7 Forstsach, 1 Bergfach und 39 Baufach. Rückstcht- lich ihrer Staatsangehörigkeit entfallen 673 auf Preußen, 30 auf Bayern, 2 auf das Königreich Sachsen, 33 aus Württemberg, 20 auf Baden, 6 auf das Großherzogthum Hessen, 15 auf Olden- bürg, 2 auf Elsaß - Lothringen und 3 auf übrige deutsche Länder. Von den bayerischen Mitgliedern liefern wieder das größte Kontingent die Pfälzer, dann kommen die Schwaben und in äußerst fpär«