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Sonnabend, den 13. Februar
1886.
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*ZDas neue englische Ministerium. ^Der Sturz des konservativen Lord Salisbury ist in einer Weise herbeigeführt worden, die der parlamentarischen Taktik Gladstone's alle Ehre macht. Er hat es verstanden, die liberale Partei, die selbst noch inmitten des Wahlkampfes den Eindruck völliger Zerfahrenheit hat, soweit wieder zu sammeln, daß der offene Abfall sogar bedeutender Männer, wie Hartington, Goschen, die Partei nicht mehr zu erschüttern vermochte. So war er im Stande, dem Kabine! den Kampf zu erklären. Die Vorliebe der Königin Viktoria für die Tories, welche sie durch die seit so langen Jahren nicht mehr erfolgte persönliche Eröffnung des Parlaments bethätigte, hatte inzwischen die Stellung des Kabi- nets nicht verbessert. Gleich nach der Thronreve schickte Gladstone den Abg. Barclay mit einem Amendement vor, das eine Verbefferung der Lage der Landpächter befürwortete. Mit diesem An- trage wurde die Probe auf die Stimmverhältnisse im Hause gemacht. Der Antrag fiel, aber es waren zu wenig Abgeordnete vorhanden — von 670 nur 394 — um einen sicheren Schluß ziehen zu können. Der Versuch wurde mit einem ganz ähnlichen Anträge am andern Tage durch den Äbg. Jcffe Collings sofort wiederholt — und gelang. Von 579 Stimmen waren 329 für, 250 gegen das Amendement. Auf den Einwand der Konservativen, der Antrag bezwecke lediglich ein Miß- trauensvotum, entgegnete Gladstone: er übernehme die Verantwortlichkeit nach jeder Seite, d. h. er erklärte sich offen zur Uebernahme der Leitung der Geschäfte bereit. Nun wollte das konser- vatwe Kabinet neue Zwangsmaßregeln für Irland beantragen, es hätte den Schlachtruf der Reichseinheil erhoben, und hätte sicher eine Niederlage erlitten. Es wäre dann gefallen unter der Losung: „Gegen die Sonderbündler, gegen die Parnelliten und Gladstone, für die Reichseinheit und Alt-Eng- land." Das mußte Gladstone verhüten. Er durfte den Konservativen die Aussicht nicht taffen, mit dieser das Nationalgefüh! der Englänver berühren- den Losung den nächsten Wahlkampf zu beginnen. Daher ein nebensächliches agrarisches Amendement — das verleiht keinen Nimbus. Es ist dem alten Taktiker über Erwarten gut gelungen, eine
A Betrogene Betrüger.
Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.
Von 6terg ggtditr.
(Schluß.)
So viele Freunde der Stadtrath während der Zeit des Glückes gehabt, so wenige hatte er nun. Allenthalben gönnte man ihm sein Geschick. Ja, die öffentliche Meinung wandte sich geradezu erbittert gegen den Falliten, als man erfuhr, daß der Reichgeglaubte schon längst Nichts mehr besessen, sondern lhatsächlich lange Jahre von frem- dem Gelde gelebt hatte. Die guten Eigenschaften, welche Kehlhofer entfaltet hatte, sie waren alle vergessen, man hielt sich einzig an das Faktum, daß er seine Gläubiger — auf gut D ursch gesagt betrogen hatte. Und erst die Heirath Tochter mit dem Baron von Münchhausen! Wir man sich über diese amüsirte und Glossen mack^'
Niemand hatte den gespreizt thueu Baron gemocht; die adligen Kreise waren froh, daß sie vor einem solchen unlauteren Element in Zukunft bewahrt blieben und die abgewiesenen Freier und deren Anhang freuten sich königlich, daß es der „Gräfin" so übel bekommen war.
Doch nach und nach legten sich die Wogen wieder, andere Ereignisse traten in den Vorder-
solche Entscheidung herbeizuführen. Für die Lösung der irischen Frage — und diese ist für England von der allergrößten Wichtigkeit — ist die Ablösung Salisbury's durch Gladstone sehr erwünscht. Gladstone's Sohn Herbert ist, wie er sich öffentlich geäußert hat, für Home Rule. Man sagt, er habe bei einem Aufenthalte in Irland einmal die Greuel einer Pächteraustreibung mit erlebt und sei deshalb ein Anhänger der freiheitlichen Maßnahmen in Irland. Wichtiger ist, daß das, was Herbert Gladstone ausgesprochen hat, sich mit den Ansichten sei- ncs Vaters deckt, dessen Programm bereits in seinen Grundzügen bekannt geworden, nnd von seiner Partei, mit Ausnahme einiger nun offen abgefallenen Whigs, gebilligt wird, ja auch schon die Zustimmung Parnell's haben soll. Gladstone hat seiner Zeit sehr gegen seinen Willen und nur in einer Zwangslage die Unterdrückungsgesetze für Irland ergehen lassen. Er wie seine Partei sind überzeugt, daß so nicht weiter gewirthschaftet werden darf, wenn das Land nicht der Revolution anheimfallen soll. Irlands Eigenart, die Jahrhunderte lang ausgeprägt ist, fordert gebieterisch eine selbstständige Verwaltung und ein gesondertes Parlament. Mehr- forderungen der Irländer, wie keltischer Sprachenzwang, völlige Enteignung der Großgrundbesitzer, Durchführung sozialistischer Doktrinen, das sind lediglich unüberlegte Wünsche unreifer Agitatoren, die ebenso wenig berechtigt sind, als die Furcht der Engländer, die Schwester-Insel könne, einmal vom englischen Joche befreit, sich bei auswärtigen Verwickelungen gegen England wenden und sich ganz und gar vom Reiche lösen. Die politische Union beider Lande ist eine natürliche Nothwen- digkeit, die allgemein anerkannt wird. Nicht aber die parlamentarische Union mit Irland, die, wie es in der letzten Thronrede zum Erstaunen des Parlaments geschah, als wesentlicher Bestand- theil der ReichSverfassung, als Grundgesetz bezeichnet worden ist. Die Herstellung dieser Union geschah erst im Jahre 1800 durch einen Gewaltakt, der das ganze Land empörte, der dem Gesammt- staate unendlich geschadet hat und ein schwerer politischer Fehler war. Das ist jetzt allgemein er- kannt, die Frage ist in Fluß gekommen und es gibt kein Rückwärts mehr. Es bietet sich jetzt aber die Gelegenheit, den Zwiespalt friedlich auszu
grund und der Stadtrath a. D. wurde als gefallene Größe bei Seite geschoben.
Für Kehlhofer und seine Familie aber brachen trübe Zeiten an und wenn sein Bruder ihn nicht thatkräftig unterstützt hätte, so hätte er verhungern können. Der Häuserspekulant Kehlhofer war aber ein herzensguter Mann, der, als das Unglück seinen Bruder erreicht hatte, dessen schlimme Seiten vergaß und nur noch den bedürftigen Bruder in ihm sah.
Der Baron von Münchhofen war in Betracht der Umstände noch am besten aufgehoben, denn das Gericht, dem, Spiel des Zufalls, der Amts- ' richter Haßlinger präsidirte, verurtheilte ihn wegen Betrugs und wies ihm auf drei Monate eine kostenlose Wohnung nebst freier Kost an und sorgte, durch sorgfältigen Verschluß noch der Eventualität nach Kräften vorzubeugen, daß der Baron der Welt verloren ging.
8. Kapitel.
Wer heute die Straßen des rheinischen Badeortes durchwandert, erblickt ein Schild, auf dem mit Goldbuchstaben geschrieben steht: „Modewaaren-Geschäft von Marie Münchhofen."
Der Besuch des Ladens ist zu empfehlen, denn man erhält daselbst ausgezeichnete Waare und wird höflich von der Inhaberin bedient, einer noch jun
gleichen, es kann jetzt noch eine Lösung gefunden werden, die für beide Länder annehmbar ist. Glad- stone ist zur Erreichung dieses Zieles die geeignetste Persönlichkeit.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Februar.
* In einem Piivat-Telegramm wird der,Germ.' aus Rom die Mittheilung, daß die preußische kirchen - politische Vorlage gestern von einer Cardinals - Commission in Berathung genommen worden ist. Hofen wir, daß das Entgegenkommen der preußischen Regierung ein ausreichendes sein wird, um zu einer Vereinbarung zu führen. Denn in dieser Behandlung der Sachfragen hat der Ernst der freundlichen Beziehungen zu Rom, welche von den Berliner Offiziösen ja überaus betont werden, die Probe zu bestehen. Auch die .Nordd. Allg. Ztg.' selbst schrieb in ihren wiederholt von der ,Germ.' angezogenen Artikeln über „Politische und kirchliche Agitation": Zwischen Preußen resp. dem Reich und dem Vatikan sind vertrauensvolle Beziehungen eingetreten, welche, wenn sie auch noch nicht die Bürgschaft naher Verständigung geben, doch die beiderseitigen Friedensneigungen bezeugen." Die „Friedensneigungen" haben sich eben in der Behandlung der Sachen zu zeigen, und bei der offiziell und offiziös fortwährend von preußischer Seite hervorgehobenen friedlichen Gesinnung ' des Papstes Leo XIII. wird man doch wohl endlich zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß der h. Vater Nichts von Preußen fordert, als was er nach sorgfältiger Berathung gemäß den Grundsätzen und Lebensbedingungen der Kirche fordern muß.
** Der Reichstag führte heute die dritte Berathung des Reichshaushaltsetats zu Ende. Beim Extra-Ordinarium des Militäretats legte Kriegsminister Bronsart von Schellendorf die Erwägung nahe, für militärische Ersatzbauten künftig ein Pauschquantum einzustellen. Abg. Richter (dfrs.) entgegnete, daß so lange durch das Militärsepten- nat das Bewilligungsrecht beschränkt sei, eine ander- weite Beschränkung desselben nicht gebilligt werden könne. Abg. Barth (dfrs.) wünschte, daß die die Militärverwaltung mit großen Mühletablisse- gen Frau, welche, etwas Blässe abgerechnet, immer noch für hübsch gelten kann.
Die Roth, die an Menschen herantritt, die uns einst nahe standen und uns im Hoch- und Ueber- muth Unrecht zufügten, läßt manche Wunde vernarben, die bis dahin still geblutet. Mildere Gefühle werden in der Brust wach und das Herz fühlt sich zum Vergeben und Verzeihen getrieben.
So auch erging es dem Amtsrichter Haßlinger, den einst die schöne Marie Kehlhofer so herzlos zurückgewiesen hatte. Nachdem der gefallene Baron seine Haftzeit abgebüßt, sorgte er dafür, daß Botho eine Anstellung bei einem städtischen Advokaten, einem Studiengenoffen Haßlinger's, erhielt und damit der allergrößten Noth der Familie ein Ziel gesetzt wurde.
Marie erkannte wohl die Hand, die sie geschla- gen und die ihr dafür nun solche Gutthat erwies, und sie gelobte, allezeit treu die Pflichten zu erfüllen, die auf ihr lagen, und sie hat ihr Wort gehalten.
Am Tage sieht man oft einen älteren, dicken Herrn in Marie's Laden treten, welcher zwar sehr einfach, aber sauber gekleidet ist und stets ein Päck- chen unter dem Arme trägt. Dies ist der Agent und Stadtreisende Kehlhofer, der Vater der jungen Frau.
Der alte Herr ist immer bei gutem Humor