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1886,

Freitag, den 12. Februar

F 34.

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Deutsches Reich.

Berlin, 11. Februar.

*♦ DerReichstag, dem die Vorlage betreffend die Verlängerung des Sozialistengesetzes sowie ein Bericht über die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken zugegangen ist, setzte heute die dritte B- rathung des Reichshaltsetats fort und beendete zunächst die Währungsdebatte. Es kamen mehrere Redner zum Wort und auch Finanzminister von Scholz griff in die Diskuffion ein, die theilweise einen sehr lebhaften Charakter annahm. Bei der Abstimmung über die vorgeschlagene Währungs­resolution mußte der „Hammelsprung" vorge­nommen werden. Das Haus ist nämlich heute ungewöhnlich stark besucht, stärker wie je in der ganzen Session. Es war deshalb schwierig, die Abstimmenden zu übersehen und das Bureau ent­schied sich deshalb für die Auszählung des Hauses. Dieselbe ergab die Annahme mit 145 gegen 119 Stimmen. — Das Ocdinarium wurde sodann debattenlos erledigt. Bei dem Extraordinarium waren in der 2. Lesung für Herstellung und Ein­richtung von Dienstgebäuden in den westafrlkanischen Schutzgebieten 146,000 Mark bewilligt worden. Abg. Dr. Windthorst beantragte, diese Summe auf 94,000 Mk. zu verkürzen. Rach längerer Debatte wurde der Beschluß der 2. Lesung auf­rechterhalten. Entgegen dem Beschluß der 2. Lesung wurde die 1. Note für den Bau eines Postmenst- gebäudetz in Allenstein auf Antrag der Abgg. Borowski und Spahn bewilligt. ' Werterberathung morgen.

•* Dem Abgeordnetenhause sind Gesetz­entwürfe betr. die Anstellung und das Dienstoer- hältmß der Lehrer und L.hrerinnen an den Volks­schulen in Westpreußen und Posen, sowie betr. die Bestrafung der Schulversäumniffe für die Ele­mentarschüler (Polenvorlagen) zugegangcn. Das Haus setzte die zweite Berathung des Staatshalts- hattsetats in Justrzetat fort. Abg. Korsch (cons.) sprach gegen, Abg. Knauer für eine Herabsetzung der Gerichtskosten. Abg. Träger (fortsch.) wandte sich gegen die Handhabung des Anklagerechts der Staatsanwaltschaft auf Grund des öffentlichen In- tereffes. Es scheine, daß dabei das politische Panei- interesse mit dem öffentlichen Jntereffe verwechselt werde. Er bezog sich hierbei auf verschiedene be- kannte Einzelfälle, namentlich auf den des Abg.

A Betrogene Betrüger.

Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.

Von 6t»tg Drecker.

Krhlhofer's zitternder Hand entfiel das verhäng­nisvolle Schreiben und tr sah seine Frau faffungs- los an.

Diese hielt sich krampfhaft an der Lehne eines Stuhles fest und sah gleichfalls starr nach ihrem Galten.

Run war es am Tage, daß sie belogen und betrogen waren, daß der Hoffnungsschimmer, wel­cher ihnen Rettung zu verheißen schien, ein trü­gerischer geweseil war!

Daß nicht nur der Baron sie betrogen sondern daß auch sie cs nicht daran hatten fehlen lassen, diesen hinters Licht zu führen und ihn über ihre eigentlichen Vermögensumstände zu täuschen, barmi dachten die Beiden nicht.

Die ganze Fluth ihrer stürmischen Verwün­schungen richtete sich natürlich auf den schwindel­haften Baron und wäre dieser zur Stelle gewesen, wer weiß, ob das wüthende Ehepaar ihn nicht buchstäblich zerriffen hätte.

Herr Rappniann machte endlich dieser uner«

Amtsgerichtsraths Lorche in Ror'ohausen. Endlich wandte sich Redner gegen die Diätenprozesse und die in der offiziösen Presse versuchte Beeinflussung der Gerichte, wodurch das Rechtsbewußtsein er­schüttert werde. Justizminister Dr. Friedberg er­klärte, daß die politische Parteistellung mit dem öffentlichen Interesse nicht identifizirt werden dürfe, daß allerdings irrige Auffaffungen bei der Staatsanwaltschaft vorkommen konnten, generelle Verfügungen aber daran nichts ändern könnten. Ueber die Diätenprozesse, die noch schweb­ten, könne er als preußischer Justizminister kein Urtheil abgeben, ohne sich den ernstesten Mißdeu­tungen auszusetzen. Im weiteren Verlaufe der Debatte sprach sich Abg. Dr. ö. Jazdzewskr gegen das Verfahren der Besetzung der Richterstellen in der Provinz Posen aus. Die Abgg. Tcimborn und Seyffarth plaidirten für Errichtung des Land­gerichts in Crefeld und Abg. Mooren für die Er­richtung eines solchen in Gladbach. Der Justrzetat wurde in allen seinen Theilen angenommen. — Nächste Sitzung: Sonnabend 11 Uhr. Präsidenten­wahl und Etat der Bauverwaltung.

* Anknüpfend an die Behauptung eines Korre­spondenten, daß der Bischof von Fulda es gewesen sei, der den von der .Norddeutschen' erwähnten Ausspruch gcthan habe: „Das Centrum ist nicht die Kirche", schreibt die .Germania': Es sind in den letzten Monaten mehrere „hoqe Kirchenfürsten" in Berlin gewesen, mehrere sind u. a. vom Fürsten Bismarck empfangen worden u. s. w. Darüber aber sind die „hohen Kirchenfürsten" einig, daß, wenn dem Fürsten Bismarck am Frieden gelegen ist, er in Rom ihn haben kann, und daß das Centrum nach deffen eigenen Grundsätzen den Frieden mit Rom weder hindern will, noch hindern kann, da es stets selbst auf die hierarchischen Ver­treter der Kirche als die einzig kompetente Stelle zum Friedensschluffe hingewiesen hat. Diesen Sinn hat auch die von der ,Nord.' zitirte Aeußerung des „hohen Kirchenfürsten", und dieselbe trägt hoffentlich dazu bei, auch beim Fürsten Bismarck die vom Centrum immer vertretene Auffassung endlich zum Durchbruche zu bringen.

* Die Kommission für den Befähigungs- Nachweis (Antrag Ackermann und Genossen) be­gann die Berathung der Liste derjenigen Handwer­ker, für welche der Befähigungs-Nachweis vorge­schrieben werden soll. Mit acht bezw. elf gegen quicklichen Scene ein Ende, indem er nochmals fragte, ob Herr Kehlhofer für die Schuld seines Schwiegersohnes einzustehen gedenke.

„Fällt mir im Traum nicht ein!" donnerte der Stadtrath. „Hat der Schwindler sich die Suppe eingebrockt, so mag er nun auch selbst zusehen, wie er sie auslöffeln kann."

„Dann thut es mir leid," sagte Rappmann bestimmt, „und ich sehe mich genöthigt, die Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen."

Kehlhofer durchlief ein Fieb^rfrost.

„Aber so warten Sie doch noch einige Tage!" rief er aufgeregt. „Ich muß erst mit mir selbst in's Klare gekommen sein!"

„Sehr wohl," sagte Rappmann, indem er sich zum Gehen wandte, „ich werde bis übermorgen warten. Einstweilen können Sie auf meine Dis­kretion bauen."

Als der Hotelbesitzer gegangen war, sank der Stadtrath stöhnend in einen Armsessel. Mit un­heimlicher Klarheit erschien ihm die nächste Zu­kunft und damit die unumstößliche Gewißheit, daß er ruinirt sei. Und als ihm dies völlig klar ge­worden, als er sich eingestanden hatte, daß sein Leben günstigsten Falle» nur noch ein Ringen um das tägliche Brod sein werde, da schlug der

acht Stimmen wurden die Barbiere (Rasirer), Bäcker und Bandagisten in die Liste ausgenommen, die Aufnahme der Bader abgelehnt. Abg. v. Kleist- Retzow hat einen neuen Antrag eingebracht, welcher dem Bundesrath das Recht geben soll, die Liste der dem Befähigungs-Nachweis unterliegenden Hand­werke nicht nur zu ergänzen, sondern auch zu be­schränken.

* Vom Rhein, 10. Febr. Der .Canisius- Vereins-Corr.' wird geschrieben: „Im November v. I. hat das preußische Unterrichtsministerium in einem langem Erlaß Aufgabe und Bedeutung der Kleinkinder-Bewahranstalten gezeich­net, und dieselben der Fürsorge der Behörden empfohlen. Neuerdings hat nun, wie wir ver­nehmen, die Kölner Regierung die ihnen unter­stellten Kreisschul-Jnfpectoren zur Förderung des Kleinkinderschulwesens und Errichtung neuer An­stalten aufgesordert. Gleichzeitig wurde hinzuge- fügt, daß für die erstmalige Errichtung einer jeden Anstalt eine Beihilfe von je 200 Mark zu ermat­ten sei. Auch die Kölnische Stadtverwaltung, ist auf die Gründung weiterer Anstalten aufmerksam gemacht und ihr dabei gleichzeitig eröffnet worden, cs wäre wohl am zweckmäßigste» zu trachten, wenn in jedem Psarrbezirk eine solche Kleinkindelanstalt errichtet mürbe.. Die Fürsorge der Regierung in biefer Hinsicht ist gewiß freudig zu begrüßen. Na­mentlich in den größer» Städte» und de» Centre» der Industrie, wo nur zu häufig eine große Anzahl von Kindern geistiger und körperlicher Verwahr- losuiig anheimfällt, können sie höchst segensreich wirken. Bedingung dabei bleibt freilich, daß die Anstalten auf religiös -sittlicher und confessioneller Grundlage errichtet werde». Von den mehr ober minder religionslosen sog. Fröbel'schen Kindergär­ten kann kein Heil kommen. Auch wäre dringend zu wünschen, daß die katholischen Anstalten unter Leitung religiöser Genossenschaften, also unter Lei­tung von Schwestern gestellt würden. Leider hat gerade die in ihrer Mehrheit „liberale" Kölnische Stadtvertretunz vor mehreren Jahre» in dieser Beziehung Schwierigkeiten erhoben, während wir wohl kaum in ber Annahme irren, daß von Seiten der dortige» Regierung der Berufung von Schwestern kein Hinderniß in den Weg gelegt würde."

* Karlsruhe, 11. Febr. Der Abgeordnete Wacker ist aus der Fraktion ber katholische» Volks­partei ausgetreten. — Der Abg. Senber veröffent- burch ben Genuß verweichlichte, charakterschwache Manu bie Hänbe vor bas Antlitz unb weinte bitterlich.

7. Kapitel.

Zwischen bem Stabtralh Kehlhofer unb seinem Schwiegersöhne war es zu einer unerquicklichen Scene gekommen unb es hätte nicht viel gefehlt, so wäre riesele zu Thäilichkeiten ausgeartet.

Kehlhofer, welcher sich vor Wuth fast nicht kannte unb welchem bie Erkenntnis bes heran- nahenden Elends auch ben letzten jovialen Anstrich genommen hatte, schalt ben Baron einen ehrlosen Hochstapler, einen gemeinen Betrüger.

Mit Entsetzen stanb Marie als Zeugin des ganzen Auftrittes daneben. Schaudernd gedachte sie der Zukunft voll nacktester, grenzenloser Armuth. Und welch' einen Fluch ber Lächerlichkeit hatte sie auf sich geloben 1

„Aber es ist ja noch nicht Alles verloren," sagte Munchhofen, nachdem der erste Sturm sich gelegt hatte. „Sie werden mir eben wohl oder übel bie nöthigen Kapitalien zur Errichtung irgend eines Geschäftes vorstrecken müssen."

„Müssen?" höhnte ber Stadtrath. „Wenn ich nun aber nicht kann?"

„Wie?" starrte ber Baron den Sprechenden an.