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JV 33.
Donnerstag, den 11. Februar
1886
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vi^teljLhrlicher 1 Ät 50 ^S"
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Münchhofen hätte seinem würdigen Schwiegervater geradezu ins Gesicht lachen mögen. Er und 20,000 Mark, wenn er nur so viele Pfennige be- sessen hätte.
Aber er bezwang sich und theilte seinen! Schwiegervater das Märchen von den noch nicht angelangten Revenüen mit, welches dieser auch willig glaubte.
„Thut nichts, thut nichts, Schwiegersöhnchen!" versetzre der Stadtrath jovial. „Ich kann noch ein paar Tage warten. Kommen Sie, daß wir mein Goldputhähnchen aufsuchen."
Der gemüthliche Schwiegervater legte den Arm des Barons in den feinigen und stieg trällernd mit ihm die Stiege hinab.
. Münchhofen schritt nahezu willenlos an seiner Seite. Ihm war es ungefähr zu Muthe, wie einem armen Sünder, der zum letzten traurigen Akte geführt wird.
Was konnte unter solchen Aussichten die Zukunft bringen?
A Betrogene Betrüger.
Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.
Von 6ter$ Koecker.
* Der unschuldige Fürst Bismarck.
Die ,Nordd.' versucht abermals, der Welt einzureden, daß Fürst Bismarck an den Maigesetzen ganz unschuldig sei. Die Wiederholung dieser Sophistik legt auch liberalen Blättern den Gedanken nahe, daß es auf eine Täuschung Rom's abgesehen. Auf der einen Seite die stete Wiederholung der Anklage der Unfriedlichkeit gegen das Centrum, zum Zwecke der Verdächtigung desselben beim hl. Stuhle, auf der andern Seite die fortwährende Versicherung, Fürst Bismarck habe nur an den Kampf gegen die Polen gedacht, die Maigesetze seien ihm von Dr. Falk und den andern Ministern aufgedrängt worden, damit soll Fürst Bismarck dem hl. Stuhle als Friedensengel vorgestellt werden. Jeder Katholik, dec den Kulturkampf mit durchlebt hat, schüttelt den Kopf und fragt erstaunt, ob es denn möglich sei, daß man solchen Unsinn dem hl. Stuhle vorzureden wage. Bei den Offiziösen ist Alles möglich; diesen Leuten kann man nie zu viel zutrauen. Aber daß man in Nom durch so plumpe Dichtungen und Trugschlüffe sich täuschen laffe, das ist Gott sei Dank undenkbar.
Zu den sonderbaren Behauptungen der ,Nordd.' schreibt die ,Corr. Nienk/ u. A. Folgendes: Zunächst wiederholt sie, daß Fürst Bismarck bei der Aufhebung der katholischen Abtheilung und dem Erlaß des Schulaufsichtsgesetzes, also im Jahre 1871 und 1872, nicht an den Kampf gegen den Katholizismus, sondern nur an den Kampf gegen die „Polonisirungsbestrebungen" gedacht habe. Solche „Polonisirungs Bestrebungen" haben gar nicht exiftirt und konnten nach der Stellung der Abtheilung unter dem Kultusminister gar nicht existiren. Fürst Bismarck hat selbst damals einen ganz andern Grund für bie Aufhebung der Abtheilung angegeben. Am 10. März 1873 sagte Fürst Bismarck im Herrenhauses
„Es war dieser modus vivendi (zwischen Staat und Kirche), in dem wir eine Anzahl Jahre in einem friedlichen Verhältniß gelebt haben, nur durch eine ununterbrochene Nachgiebigkeit von Seiten des Staates erkauft, indem er seine Rechte rückhaltlos in die Hände einer Körperschaft legte, die zwar eine Behörde fein sollte zur Wahrung der königlichen Rechte gegenüber dem Papste, die aber schließlich eine Behörde wurde zur Wahrnehmung der Interessen der Kirche gegenüber den Rechten des Königs: ich meine die katholische Abtheilung im Kultusministerium."
Also der Kampf zwischen Kirche und Staat, Papst und König, d. h. der Culturkompf, wurde als Grund der Aufhebung angeführt, und zwar
vom Reichskanzler selber. Damit wird das Gerede, daß es sich nur um die Polenfrage gehandelt habe, authentisch widerlegt.
Weiter sagt die ,Nordd.', Fürst Bismarck ser erst „später" für die Maigesetze eingetreten.
„Nachdem dieselben, hervorgegangen aus der Initiative des Ministers Falk, von dem Staatsministerium acceptirt worden waren, blieb nur die Alternative übrig zwischen einem Ministerwechsel und einem eimnüthigen Vorgehen der Minister."
Wer empfindet nicht tiefes Mitleid mit der hier geschilderten Ohnmacht des armen Reichskanzlers, der nichts ausrichten kann gegen seine Collegen im preußischen Ministerium, der vor einem Minister- wechsel ängstlich zurückscheut und sich einem Falk unterwirft!
Fürst Bismarck versichert uns stets, daß in Preußen nicht die Minister, sondern der König herrscht. Die,Nordd.' aber belehrt uns, daß zur Zeit der Entstehung der Maigesetze in Preußen weder der König noch Fürst Bismarck geherrscht habe, sondern Herr Falk und die ihm folgende Mehrheit des „Staatsministeriums". Wer hätte das Herrn Falk angesehen?
„Initiative des Ministeriums Falk"? Am 14. Mai sprach der Reichskanzler das geflügelte Wort: „Nach Canossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig!" und in dieser Rede kündigte er, Fürst Bismarck, nicht etwa Herr Falk, „die Regelung der Grenze zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt", und zwar „auf dem Wege der Gesetzgebung" an. Also Fürst Bismarck war der Herold der Maigesetzgebung.
An demselben Tage, am 14. Mai 1872, richtete Fürst Bismarck die bekannte Papstwahl- Depesche an die Vertreter des Deutschen Reichs bei den auswärtigen Höfen. Dieselbe ersuchte die Regierungen zu einer vereinten Beeinflussung der nächsten Papsiwahl zu veranlaffen. War das etwa auch ein Kainpf gegen die „Polonisirungsbestreb- ungen" ? Es ist doch gut, die alten Dinge sich ins Gedächtniß zurückzurufen. Es heißt in dieser „Stoß-in's-Herz-Depesche":
„Ein Papst, welchem die Gesammtheit ober die Mehrzahl der europäischen Souveräne aus formalen oder materiellen Gründen glaubte die Anerkennung versagen zu müssen, würde so wenig denkbar sein, wie es denkbar ist, daß ein Landesbischof in irgend einem Lande Rechte ausübte, ohne von der Staatsregierung anerkannt zu fein."
Daß der Versuch, den Papst in die Stelluug eines nach der Formel der persona grata ge«
Zurück konnte er nicht mehr, sondern er mußte suchen, sich möglichst warm zu betten. Er konnte nichts thun, als den Dingen ihren Lauf lassen. Also — mit dem Strome!
Sein alter Leichtsinn kam wieder über ihn und leise sprach er vor sich hin:
„Vogue la galere!“
6. Kapitel.
Der Herr Sladtrath Kehlhofer hatte nun bereits über vierzehn Tage mit unermüdlicher Geduld auf das Darlehen gewartet, welches ihm sein Schwiegersohn in so bereitwilligster Weise in Aussicht gestellt hatte. Aber Tag auf Tag verstrich, ohne in seinem Gefolge die erwünschte Ankunft der Revenuen gebracht zu haben. Und Papa Kehlhofer brauchte das Geld durchaus, wenn er nicht in schmählicher Weise seine Zahlungen ein« stellen wollte.
In seiner gewohnten sorglosen Weise hatte er von einem Wucherer Geld entliehen und dieser drängte nun auf Rückzahlung des Darlehens. Zwar hatte Kehlhofer von den schuldigen vierzehntausend Mark deren kaum achttausend erhalten, aber was verschlug dies? Gezahlt mußte die ganze Summe trotzdem werden.
Es ist deßhalb kein Wunder, wenn der Stadt-
prüften Landesbischofs herabzudrücken, gescheitert ist, liegt bekanntlich nicht am Rerchskanzler.
Wie bei der Papstwahldepesche, so dachte er auch bei dem prinzipiellen Streit mit dem Bischof von Ermland an ganz etwas anderes, als die „Polonisirungsbestrebungen". Dieser Streit um die Grenze bezw. die Unbegrenztheit der staatlichen Souveränetät war die Einleitung zur Maigesetzgebung, und er wurde nicht von Dr. Falk oder dem ^StaatSministerium", sondern vom Fürsten Bismarck selbst auSgcfochten. Ec endete bekanntlich mit der ersten Anwendung der „Gehaltssperre", ein Kampfmittel, welches erst 1875 gesetzlich sanc- tionirt wurde.
Als im Sommer 1872 unter Zuziehung mehrerer kirchenfeindlicher Professoren die Entwürfe der Maigesetze festgestellt wurden, da mag Fürst Bismark sich wohl'nicht um jede Einzelheit jedes Paragraphen bekümmert haben, und wir glauben es ihm gerne, daß er diese Gesetze zu „juristisch" fand; ihm wären „discretionäre Vollmachten" lieber gewesen. Aber für das Ganze dieser Gesetzgebung ist er vollauf verantwortlich. Er allein setzte im Herrenhause die Annahme der grundlegenden Verfassungsänderung mit der großen Rede über den „Kampf des Priesterthums mit dem Königthum" durch.
Die angeblich Falk'schen Maigesetze von 1873 hatten uns mit Ruthen gestrichen; die Gesetze von 1875 aber peitschten uns mit Scorpionen, und diese Gesetze find zugestandenermaßen das eigenste Werk des R-ichSkanzlerS. Die vollständige Auf- Hebung der Verfaffungsartikel, die Zerstörung der von dem Jesuitengesetz noch verschonten Klöster, die allgemeine Sperre, das Expatriirungsgesetz — dafür fällt die ungetheilte und ungemilderte Verantwortung dem Reichskanzler zu.
Laffen wir einem für uns gewiß nicht parteiischen Zeugen, der ,Rat.-Ztg? das Wort:
Für die Ziele der Falk'schen Gesetze (von den Einzelheiten sprechen wir nicht) ist der Kanzler in den siebziger Jahren nicht wie ein Minister eingetreten, der sich einer Mehrheit seiner Collegen unterworfen hat, sondern mit dem Eifer und der Leidenschaft des Führers im kirchenpolitischen Kampfe. Es ist überflüssiig, zum Beweise Cltate aus den Parlamentsberichten jener Jahre zu geben, alle, die jenen Kampf miterlebt haben, sind die Zeugen der damaligen Bismarck'schen Führerschaft. Die Canossa-Säule auf dem Burgberge bei Harzburg trägt nicht das Bild des Herrn Falk, sondern dasjenige des Fürsten Bismarck.
Die ,Rat.-Z.' hat nicht blöd für die Vergangen-
rath sich keineswegs in rosenfarbener Laune befand, sondern einem brüllenden Löwen g eich in seiner Wohnstube einherschritt.
Am Fenster saß seine Gattin mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, während der Bruder des Stadtraths, der Häuserspekulant Kehlhofer, eine lange, dürre Gestalt mit aufrichtigen, biederen Gesichtszügen auf dem Sopha Platz genommen hatte.
„Wenn Du mir denn durchaus nicht helfen willst," sagte der Stadttath eben, indem er zornig vor seinem Bruder stehen blieb, „so magst Du mich auch mit Deinen Vorwürfen verschonen, die ich nicht nöthig habe. Ich war ein Narr, mich an Dich zu wenden. Ich habe einen reichen Schwiegersohn, der kann und wird mir helfen!"
Der Bruder lachte höhnisch auf.
„Just die richtige Adresse!" sagte er alsdann. „Ist Dir vielleicht Herr Rappmann bekannt?"
„Der Besitzer des Vcktoriahotels?" fragte Kehlhofer verwundert. „Was soll's mit dem?"
„Der wird Dir noch eine recht nette lieber* raschung bereiten," verfitzte der Häuserspekulant. „Er will Dich nächstens aufsuchen, weil er Dich für einen steinreichen — Schwiegervater hält!"