1886.
Jfulbarr
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich^Ll
Inserate: Die eins.
selbst das niedrigste Laster das Licht scheut. Uebri- gens sind, wie Berlin, auch andere Städte überreich an Schaufenstern, die „im Schmutz" der modernen Kultur prangen.
Was hat die moderne Kultur in der Politik ge-
«n- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «b°nnem°ntspr-is ohne Bring-rl°hn und Best-llg-ld: 1 Mk. SO Pfg., - mit der
* Moderne „Kultur".
Das Wochenblatt der .Franks. Ztg.' v. I. hat zu dem Graef'schen Prozeß Gloffen gegeben, die in warmem Interesse für echte Kultur die Zu- läsiigkeit der Unterscheidung einer künstlerischen und einer bürgerlichen Moral mit der größten Entrüstung verurtheilen. Der bezeichnete Artikel erschien den Lesern eine willkommene Sühnung der von mehreren Tagesblättern leider angestrebten Beschönigung oder Rechtfertigung der durch obigen Fall entweihten Kunst und der Kultur überhaupt. Damals hat sich aber auch Niemand dem Gedanken verschließen können, daß der Gegenstand deS ProzesieS nur ein Glied aus der Kelte von Thatfachen sei, welche als Früchte einer glaubens- und sittenlosen Kultur alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens durchwuchern. Ist dieses auf Wirklichkeit gegründet, so nöthigt das Pflichtgefühl jeden für das Gute Begeisterten, den Protest gegen die Erzeugnisie der modernen Kultur und gegen die frivolen Lobhudeleien derselben zu verallgemeinern.
Wir verstehen unter Kultur im Allgemeine die Heranbildung des Menschen zu seinem zeitlichen und ewigen Wohle. Die Kultur als solche ist wesentlich religiös. Sie blüht am Altäre auf und nährt sich von ihm. Sie sinkt aber auch in die Rohheit zurück, wenn man den Altar zerstört. Das Christenthum hat im Geiste feines Stifters die wahre den ganzen Menschen veredelnde Kultur überall hingetragen. Es ward der lichte Aufer- stehungSmorgen der ehedem so tief versunkenen Gesellschaft. Wir aber sollten eine Zeit erleben, welche diese Segnungen der christlichen Kultur verkennt und von sich weist. Glaubt man besten Falles noch an Gott, so räumt man ihm doch in dem gesellschaftlichen Organismus keine Stelle ein. Die von dem Übernatürlichen getrennte eigene Einsicht, niedrige Selbstsucht und eine durchaus materialistische Weltanschauung führen das Regiment. Man terrorisirt den Glauben und die Sitten; man leugnet die Wohlthaten des Christenlhums; man nennt diese göttliche Institution das odium generis humani und eröffnet der gewaltsam niedergehaltenen Gesellschaft, durch Förderung allgemeiner Verwilderung, die Aussicht auf eine unausbleibliche, erschreckende Katastrophe!
Wir möchten lieber eine ganz andere Sprache
führen. Sähen wir nämlich, daß unsere Zeit, in dankbarer Anerkennung des von Gott kommenden Segens, die riesenhaften Errungenschaften der Gegenwart als duftenden Kranz auf dem Altäre des Dreifältigen niederlegte, wir würden nicht als die Letzten an der allgemeinen Huldigung uns betheiligen. Aber die moderne Kultur hat, wie die ,D. Rztg.' treffend sagt, für Gott keinen Altar mehr.
Da konnte es nicht fehlen, daß die Arbeit vergeblich und der Gesellschaft zum Unheil wurde. So urtheilt der gesunde Menschenverstand. Der schlichte Bauer führt den Rückgang der gesellschaft- lichen Verhältniffe auf die moderne Kultur als Hauptursache zurück. Ein Zerrbild ist doch die Kultur, welche die LebenSverhältniffe der Gegenwart physisch und moralisch vergiftet.
Knechtschaft ist die Kultur, die den Menschen zum Arbeitssklaven herabwürdigt. Systematisirte Verrohung ist die Kultur, die für den auf's Aeußerste drangsalirten Menschen nur die Gaben des Bacchus und der Venus zur Verfügung hat. Umsturz aller Ordnung ist die Kultur, die sich nicht entblödet, statt der Gerechtigkeit die rohe Gewalt als Grundlage der Staaten einzuführen. Betrachten wir die verschiedenen Gebiete, welche die moderne Kultur beherrscht.
Die Wissenschaft hat ihre höhere, geistige Bahn längst verlaffen, um sich in den Dienst der Materie zu begeben. Sie hat in Eduard von Hartmann s Philosophie des Unbewußten den letzten Versuch gemacht, dem Glauben Entfremdete über den Jammer des Daseins zu trösten, und die Ver- zwiflung der materialistischen Weltanschauung beurkundet, die den Selbstmord predigt: Das ist moderne Kultur.
Die moderne Dichtkunst ist nach Menzel em „System von Erbärmlichkeit und Herzensnieder, tracht." Sie würde einen Friedrich von Schiller in edeln Zorn bringen, weil sie sich „im Wiehern, Brüllen, Winseln, Miauen und Schmachten" gefällt.
Wer möchte ferner das moderne Theater unserer Großstädte eine Bildungsschule nennen? Reifen doch da mitunter die verwerflichsten Entschließungen zu Angriff nauf die Heiligkeit aller gesellschaftlichen Bande, west die Bühne von der Legalisirung oder Beschönigung aller Laster wiederhallt.
Die moderne Malerei hat in der Sache Graef ein unverwüstliches Brandmal empfangen. Die ihr huldigen, bedauern nur ihre Veröffentlichung, weil
Man sieht auf allen Seiten feierlich beschworene, aber mit Unverfrorenheit durchlöcherte Verträge. Die aufgeklärte Zeit starrt in Eisen! Unterdrückung persönlicher Rechte; Centralisation der Erwerbsquellen; Leugnung des Legitimitäts-PrinzipS und gewaltsame Annexion; Gewalt gegen die Kirche, die sich dem Staate nicht unterwerfen kann; Verbannung von Katholiken um ihrer Religion willen: das ist moderne Politik!
Wir schließen mit dem Hinweis auf die Früchte, welche die moderne Kultur im bürgerlichen Leben gezeitigt hat. Wir wissen, daß die um den Glauben Betrogenen und im Wohlstand Geschädigten auf Umsturz denken. Anarchisten und Nihilisten lauern überall. Die Mastenoerarmung schreitet Schrecken verbreitend durch die Länder. Die Unzufriedenen, über die moderne Zeit Erbosten zählen nach Millionen und auf die Dauer werden auch Millionen Soldaten nicht genügen, die unausbleib- liche Katastrophe fernzuhalten.
Möchten darum die Behörden in die verlassenen Bahnen wahrer, christlicher Kultur zurücklenken. Die moderne Kultur ist das physische und mora- lische Verderben der menschlichen Gesellschaft. Das hat in der Encyclika über den Staat Leo XIII. warnend hervorgehoben!
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Februar.
* Das Herrenhaus wird am 24. d. Mts. zur Berathung der Kreis- und Pcovinzialordnung für Westfalen und der Landgüteror.nung für Schleswig-Holstein zusammentreten.
• * Das Abgeordnetenhaus setzte die Berathung des Etats des Ministeriums des Innern fort. Im Etat wird eine Vermehrung der Gendarmerie an der Ostgrenze gefordert um den pol- Nischen Zuzug aus Rußland fernzuhalten und dem Schmuggel zu begegnen. Abg. Wehr und Jaekel (freie.) traten für die Mehrforderung ein. Letzterer gab ein Bild von den Grenzvechältniflen und den Schwierigkeiten, mit denen es die Behörden an
A Betrogene Betrüger.
Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.
Von Seng Sieter.
Eben saß die Baronin in dem luxuriös ausgestatteten Salon, welchen sie nebst anderen Gemächern im Hotel Viktoria inne hatten, als die Seitenthüc sich öffnend und der Baron zum Ausgehen gekleidet, aus derselben trat.
Als er seine Gattin erblickte, lächelte er zäct- lich und eilte auf sie zu, um ihr galant die Stirn zu küffen.
„Nichts von der Post?" sagte er mit gutgespielter Enttäuschung, ein geschloffenes Billet, das auf dem Tische lag, ergreifend. „Ich erwartete heute ganz sicher von meinem Gutsverwalter Benachrichtigung, bei welchem Banquier ich meine Revenuen erheben soll."
„Ach so," sagte Marie lächelnd und ein Freudenschimmer haschte über ihr Antlitz. „Er wnd Dich hoffentlich nicht lange warten lasten."
Während ihrer Entgegnung hatte er den Brief geöffnet, welchen er bis dahin spielend in der Hand gehalten hatte. Ein eingelegtes Billet entfiel dem Kouvert. Er überflog besten Inhalt.
„Was ist es?" fragte seine Gattin.
„Nichts von Belang," erwiderte der Baron, die Hotelrechnung für diesen Monat."
„Auf wie hoch beläuft sich die Nota?" fragte Marie gespannt.
„Reine Lappalie," entgegnete Münchhofen nach- lästig. „Fünfundzwanzighundertundachtzig Mark!"
Marie schlug erstaunt die Hände zusammen.
„Für einen Monat?" rief sie alsdann. „Mein Himmel, von einer solchen Summe lebt ja eine ganze Familie bequem das ganze Jahr hindurch!" . u.
Möglich," sagte der Baron und warf die Nota auf den Tisch. „Jeder streckt sich nach seiner Decke, sagte ja Dein hochgelehrter Herr Kousin kürzlich noch. Ich vermöchte mich nicht mehr einzuschränken, als wie ich es thue. Hm, nun ist es mir doppelt peinlich, daß meine Revenuen noch nicht eingetroffen sind. Allein swas quälen wir uns? Weißt Du was, Weibchen? Du könntest zu Deinem Vater gehen und ihn bitten, daß er mir auf wenige Tage fünftausend Mark leihe!" „ r .
Marie's Gesicht war aschbleich geworden und würde der Baron seine Frau angeblickt haben, so hätte er deren Erschrecken wahcnehmen müsten.
Tausenderlei Gedanken und Pläne durchzuckten mit Blitzesschnelle das Hirn der jungen Frau. Erfinderisch, wie sie war, brauchte sie sich in» besten nicht lange zu besinnen. Sie hielt es für das Beste, die Unbefangene zu spielen und wirk- lich zu ihren Eltern zu gehen, natürlich nicht, um Geld zu fordern — das wäre wohl vergeb- lich gewesen. Von zu Hause konnte sie ja mit irgend einer Ausrede zu ihrem Manne zurück- kehren, der mit der Bezahlung der Rechnung eben warten mußte, bis seine Revenuen eingelroffen waren.
Gesagt, gethan.
Marie erhob sich sofort und machte sich zum Ausgehen bereit.
„Aber hast Du nicht ausgehen wollen?" fragte sie ihren Gatten.
„Damit hat es keine Eile," erwiderte dieser, welchem das sofortige Eingehen seiner Gattin auf den geäußerten Wunsch höchst gefiel. „Ich erwarte Deine Rückkunft!"
Höflich begleitete er Marie bis an de Thür und schritt dann hochbefriedigt in den Salon zurück.
! Nachlässig ließ er sich auf einem Fauteuil nieder, zündete sich eine Cigarre an und erging