JW 30.
Montag, den 8. Februar
1886. -
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. Februar.
• Die Ausschüsse des Bundesraths, welche mit der Vorberathung des Branntwein-Monopols betraut sind, haben zahlreiche Abänderungen betroffen, infolge deren auch eine Neuaufstellung des finanziellen Erqebniffes erfolgen muß.
* Die in Aussicht gestellten positiven Maßregeln gegen die „Polo ni s i r nng" sollen, dem Vernehmen der ,Vossifchen Ztg.' zufolge, dem Landtage in 'zwei gesonderten Vorlagen zugehen. Die eine cerselben würde sich aus die innere Coloni- sation im engem Sinne, d. h. aus den Ankauf geeigneter Länvereien in der Provinz Posen durch den Staat behufs Ansiedelung einer deutschen landbauenden Bevölkerung, beziehen, die andere dagegen das Schulwesen betreffen. Hinsichtlich des Vorgehens auf diesem letztem Gebiete fehlt es zur Beurtheilung bis jetzt noch an einer genügend klaren Vorstellung.
* Dieselben Parteien, die sich im Abgeordnetenhaufe jetzt den Titel „nationale Parteien" anmaßen, haben dort, von dem bösen Gewissen über die Vergewaltigung der Geschäftsordnung veranlaßt, folgenden Antrag eingebracht: Das Haus der Adgeordneten wolle beschließen:
In Erwägung, daß der Versuch gemacht ist, den § 27 der Geschäftsordnung im Widerspruch mit seinem Zwecke, seiner Entstehungsgeschichte, seiner Anwendung, sowie mit der Natur der Sach« auf R*solutionen zu beziehen, deren allgemeiner Inhalt eine finanzielle Vorprüfung nicht ge- Rattet; in Erwägung, daß es sich hiernach empfiehlt, einer derartigen unberechtigten Berufung auf den bezeichneten Paragraphen für die Zukunft vorzubeugen, di« Geschäfts- ordnungS-Kommission zu beauftragen, eine diesen Erwägungen entsprechende Fassung des § 27 der Geschäftsordnung in Vorschlag zu bringen.
** Das Abgeordnetenhaus beriech gestern den Etat des Ministeriums des Innern. Auf eine Anfrage des Abg. Sattler erwiderte Minister von Puttkamer, daß die Frage der Handwerkerarbeit in den Strafanstalten ernstlich erwogen werde. Auf eine Anregung des Abg. Dr. Wehr theilte der Minister mit, daß wegen einer Aenderung des Kor» rigendenwesens ein Gesetzentwurf in Ausarbeitung fei. In der Hauptsache drehte sich die Debatte um die Nichtbestätigung von Bürgermeistern durch den Minister des Innern. Abg. Dirichlet brachte die bekannten Fälle von Tilsit, Insterburg und Posen zur Sprache. In diesen Fällen könnten nur
A Betrogene Betrüger.
Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.
Bon 6tir| S«*tr.
3. Kapitel.
, Baron von Münchhosen war Mittagsgast bei seiner Tante, der verwittweten Gräfin Dilfert, gewesen. Die Gräfin, eine alte, gebrechliche Dame, in Verhältnissen lebend, welche ihr eben den Unterhalt ermöglichten, war in der Badestadt hoch- angeschen und hatte ihren Großneffen, den sie als Kind einmal flüchtig kennen gelernt hatte, freundlich ausgenommen, als er seinen Antrittsbesuch machte. Zwar hatte die Gräfin in Anbetracht ihres hohen Alters sich schon längst jeder Gesellig- ! reit entzogen und lebte in strengster Abgeschieden- ! heit von der Welt, doch empfing sie hin und wieder ‘ Mittheilungen aus verwandten Kreisen und da : roar ihr Manches über Münchhofen zu Ohren ! gekommen, was für den jungen Mann nicht eben schmeichelhaft lautete.
®c sei ein Verschwender, hatte e« da geheißen, ber, wenn er nicht bald sich ermanne, in kurzer ■ ffttft die väterlichen Erbgüter vergeudet haben i würde. \
politische Rücksichten auf die Parteistellung betreffenden Kandidaten maßgebend gewesen sein. Der Minister des Innern v. Puttkamer lehnte es ab, die Gründe der Nichtbestätigung in jedem einzelnen Falle anzugeben. Wo sich eine Wahl als agitatorische Agitation gegen die Regierung darstelle, werde die Bestätigung verweigert werden. Dieser Standpunkt des Ministers wurde von den freisinnigen Rednern Dr. Hänel, Büchtemann, Zelle, Dirichlet, Rickert und Czwalina bekämpft; derselbe beweise, daß wir schroffes Parteiregiment hätten. Minister v. Puttkamer und Abg. v. Minnigerode bestritten dies. Den Preis der Täppigkeit errang Abgeordneter Kennemann, der sich als enfant ter- rible im Superlativ erwies. Herr Rennemann verbrach seine Jungfernrede und diese berechtigt zu großen Hoffnungen über den Mann, der seiner Zeit das erste Reislein de» Staatspfaffenthums in der Provinz Posen gepflanzt Haden soll. Er brachte es fertig, den Oberbürgermeister Herse ohne einen Schatten des Beweises der Schäoigung des Dentsch- thums zu verdächtigen. Der Abgeordnete Kantak und die Fortschrittsredner hatten leichte Müh', Herrn Kennemann zurückzuweifen, dessen Verthei- bigung selbst auf gouvernemenlaler Seile schallendes Gelächter erregte. Zum Schluß entspann sich eine Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Hobrecht (nat.'Iib.) und dem Abg. Rickert (bfr.) über die augenblicklichen Parieikombinationen. Die zur Be- rathung stehenden Etatstitel wurden genehmigt. Weiterberathung Montag.
* Im Herrenhaus findet vor dem 20. Febr. keine Sitzung statt. Dort wird also die Berathung des zur Polenfrage gestellten Antrages noch einige Zeit auf sich warten lassen.
* Aus Pofen schreibt die ,Posener Ztg.': „Die Angelegenheit der ausgewiesenen 100jährigen Klara Mendlowitsch, welche gegenwärtig in Folge der für eine so alte Frau immerhin erheblichen Reifestrapazen hier krank barnieberltegt, hat einen überraschenden Verlauf genommen. Es ist nämlich von höherer Stelle die Weisung eingetroffen, auf Staatskosten den Unterhalt ber Frau bis zu ihrem Tode zu übernehmen. Eine große Ausgabe wird dem Staate dadurch freilich nicht erwachsen, da die arme Frau allem Anscheine nach wohl nicht mehr lange leben wird. Es scheint also doch, trotzdem die Mendlowitsch nach der .Schief. Zig.' die Wittwe eines Drehorgelspielers und eine pro»
Indessen waren seit diesen Mittheilungen Jahre vergangen, Münchhvfen war vor kurzer Zeit selbst in den Badeort gekommen und hatte der Tante gut gefallen. Er besuchte die alte Dame hin und wieder; sie hatte ihm geklagt, daß sie sich so sehr einschränken müsse und er hatte zarte Anspielungen fallen lassen, daß er die Tante ständig zu sich einladen wolle, wenn er, wie dies nicht anders zu erwarten sei, bald in den Sranb der Eh; treten würde. Das gewann ihm völlig der alten Dame Herz.
Heute war Münchhofeu bei der Gräfin Mittagsgast gewesen, hatte sich höflich verabschiedet und schlenderte nun gemächlich die breite Allee hinauf, welche zu den Boulevards führte, an deren Beginn das Rafe Tasch gelegen war.
Als er bald daraus das genannte Lokal betrat, kam ihm Jean, der Kellner, entgegen.
„Schönsten guten Tag!" flüsterte der dienstbare Geist. „Der Rentner Kehlhofer wartet schon eine Weile auf Sie, Herr Baron. Ein feiner Mann, ein reicher, steinreicher Mann! Bitte, wollen Sie sich gefälligst zu ihm bemühen?"
Damit wies Jean auf einen kleinen Tisch, hinter welchem unser Bekannter Kehlhofer bereits behäbig Platz genommen hatte.
feffionelle Bettlerin fein soll, an maßgebender Stelle anerkannt zu werden, daß dieser Ausweisungsfall eine Remedur dringend erheischte."
* Heidelberg, 6. Febr. Wie der ,Pf. B.' meldet hat sich der Zustand des greifen Erzbischofs Orb in von Freiburg nicht unerheblich verschlimmert und rouroen demselben am verflossenen Dienstag die Sterbefakramente gereicht. Orbin ist über 80 Jahre alt und schon seit längerer Zeit leidend.
Ausland.
* Paris, 6. Febr. Die Verlobung des Kronprinzen von Portugal mit der Prinzessin Amalie, Tochter des Grafen von Paris, ist heute offiziell erklärt worden. Die Hochzeit findet in Lissabon statt.
•* Aus Konstantinopel wird berichtet, daß noch einundzwanzig Stunden vor dem türkisch-bulgarischen Uebereinkommen die Verhandlungen zwischen der Pforte und Bulgarien auf dem Punkte standen zu scheitern und daß das Uebereinkommen schließlich nur dadurch möglich wurde, daß Bulgarien eine ganze Reihe von Punkten, welche die Türkei als unannehmbar bezeichnet hatte, fallen ließ. Diese von Bulgarien zurückgezogenen Forderungen waren: Die Ernennung der Oberoffiziere der ostrumelischen Armee durch den Fürsten; das Verlangen, daß die rume- lischen Gerichte im Namen Alexanders und nicht des Sultans Recht sprechen das von dem Fürsten Alexander beanspruchte Begnadigungsrecht bei Todes- urtheilen; das Verlangen Alexanders, daß er auch in Ostrumelien den Titel eines Fürsten und nicht den eines General-Gouverneurs führe, und enblicb, daß er nicht von fünf zu fünf Jahren ernannt, sondern ihm ein für allemal die Erblichkeit seiner Würde in Ostrumelien zugesprochen werde. Der türkische Ministerrath arbeitete hieraus Gegenvorschläge aus, worin die eben erwähnten bulgarischen Punkte abgelehnt und verlangt wurde, daß Bulgarien jährlich 400,000 Pfund an die Türkei zahle, und zwar 250,000 für den Entgang an Zolleinnahmen und 150,000 als Tribut und daß Bulgarien im Bedarfsfälle dem Sultan zur Ver- theidigung seiner europäischen Besitzungen 100,000 Soldaten zu stellen habe. Als Gegenkonzession hierfür hat die Türkei das Besatzungsrecht der Balkanpässe gestrichen. Auf dieser Basis kam schließlich
Jean wandte sich darauf zu diesem und sagte mit einem tiefen Komplimente:
„Herr Stadtrath, hier ist der Baron von Münchhofen!"
Kehlhofer, welcher eben mit einer umständlichen Probe der Güte des echten Bayrischen beschäftigt war, blickte auf und als er den elegant gekleideten, aristokratisch schönen Mann erblickte, dessen tadellose Hand ein blitzender Diamantring schmückte, verklärte sich fein Gesicht.
Zuvorkommend erhob er sich.
„Habe ich die Ehre, Herrn Baron von Münchhofen auf Münchhofen zu sprechen?" fragte er in verbindlichstem Tone.
Münchhofen verbeugte sich nachlässig.
„Ich bin der Stadtrath und Rentnier Kehl- hoser", sagte der Wohlbeleibte, nachdem sich Beide gesetzt hatten und der Kellner außer Hörweite roar. „Ich bin auf Ihr freundliches Schreiben hierhergekommen, denn ich bin der Urheber des von Ihnen gelesenen Inserats."
Münchhofeu nickte mit dem Kopfe.
„Ehe wir fortfahren, mein Herr," sagte er alsdann, „möchte ich Sie bitten, mir mitzutheilen, welch ein Beweggrund Sie bei Veröffentlichung des Inserates leitete?"