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1886.

Donnerstaa, dm 4. Februar

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stärker heranzieht und die Monatserlässe beseitigt. Abg. Rickert (freis.) bestreitet, daß seine Partei prinzipiell gegen eine schärfere Heranziehung des Kapitalbesitzes sei; und wünscht gleichfalls organische Reform der direkten Steuern aus preußischem Boden. Minister v. Scholz erklärte daß die Regierung in dieser Session keine bezügliche Bor« läge machen werde, nachdem ihre frühere Vorlage gescheitert. Rach längerer Debatte, an der nch noch die Abgg. Dr. Wehr, Dr. Meyer-(Breslau), Stephanus, Frh. v. d. Reck, Rickert und der Finanzminister v. Scholz beteiligten, wurde der Etat genehmigt. — Morgen: Etat.

* Gegen das Branntwein-Monopol haben sich erklärt die Handelskammern zu Hamburg, Düsseldorf und Insterburg, der Handelsverein zu Hameln, die nasiauischen Brenner zu Lunburg a d L., die münsterländischen Brenner zu Borken, die badischen Brenner zu Bruchsal, der national­liberale Verein zu Osnabrück, der unterfränkische Weinbauverein zu Würzburg, eine sozialdemokra­tische Volksversammlung zu Gotha.

* Die Begründung zum Antrag auf Ausdeh­nung der Geltung des Sozialistengesetzes bis zum 30. September 1891 besagt unter an- deren, es sei weder den Gegnern des Gesetzes gelungen, in der überwiegenden Mehrheit der Ration den Klauben an die ersprießliche Wirkung des Gesetzes zu erschüttern, noch lasie sich be­haupten, daß diese Wirkung bereits in dem Maße sickMlbur-machte. um definitiv auf das Gesetz­

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Deutsches Reich.

Berlin, 3. Februar.

•• Im Reichstag stand heute die erste Be- rathung der Vorlage des Unfallversicherungsgesetzes für Personen in land- und forstwirthschastlichen Betrieben auf der Tagesordnung. Die Wichtigkeit der Sache hätte eine recht zahlreiche Frequenz des Hauses bewirken sollen; allein das war keineswegs der Fall, denn es waren nur ca. 80 Abgeordnete anwesend. Namens des Centrums leitete Freiherr zu Franckenstein die Debatte ein, indem er aus­führte, daß die Feststellung der Grundprinzipien dieser Versicherung Sache des Reicks, die Aus­führung im Einzelnen aber den Bundesstaaten überlasien werden müßte. Der Abg. Dr. Schrader (deutsch-freisinnig) bekämpft die Vorlage. Er will eine möglichst ausgedehnte Unfallversicherung, aber er bekämpft den von d.r Reichsgesetzgebung em- geschlagenen Weg und möchte am Liebsten mit der ganzen Unfallversicherung von vorne angefangen wissen. Privatversicherung ist sein Ziel. Der Staats- sekretair des Innern, Herr v. Bötticher, vertheidigte den in dieser Vorlage eingeschlagenen Weg gegen den Herrn Vorredner. Der Herr Staatssekretair greift alle die einzelnen Kritiken des Herrn Dr. Schrader auf und wiederholt, daß die Organisation der Unfallversicherung für die Alters- und In­validitäts-Versicherung benutzt werde. Den vom Herrn Abg. Freiherrn zu Franckenstein gemachten Vorschlägen sagt Redner Prüfung ru. V^caus spricht der deutsch-konservative Abg, v. Maltzahn- Gültz für die Vorlage und polemisirt gegen den deutsch-freisinnigen Redner. Abg. Buhl (nat.-ttb.) und Graf Behr (Rchsp.) wünschten, daß die Ver- sicherungskosten durch Zuschläge auf die Grund­steuer aufgebracht würden. Abgeordnete Fcohme und Bock (Soc.) wandten sich dagegen, daß die Gemeinden die Kosten der Krankenversicherung aufbringen sollen. Die Kosten sollen durch die Arbeiter aufgebracht werden, die auch allem die Verwaltung führen sollen. Abg. v. Helldorf-Bedra

(cons.) äußerte zahlreiche Bedenken gegen die Vor- । läge, erklärt aber, daß die Organe der Selbst­verwaltung, die namentlich auf der Rechten ver­treten seien, sich gern den Ausgaben unterziehen, welche durch die Versicherung an sie gestellt werden. Ministerialdirektor Boffe wandte sich gegen tue Forderung der Aufbringung der Kosten durch Zu­schläge auf die Grundsteuer. Morgen: Zweite Berathung der Beamten-Unfall-Fürforge.

Im Abgeordnetenhaufe wurde heute die zweite Berathung des Entwurfs des Staatshaus­haltsetats bei mäßig besetztem Hause fortgesetzt. Bei Eröffnung der Sitzung um ll1/» Ufa: befand sich am Ministertische Herr v. Scholz mit mehreren Kommisiarien, später erschien noch Dr. Friedoerg. Der Etat der direkten Steuern setzt die Gesammt- einnahme hieraus auf 151,131,000 Mk an. Bei Kapitel 4, Titel 1, (Grundsteuer) erwiderte Re- gierungskommisiar Fuisting auf eine Anfrage des Abg. Kräh, wie weit man mit der seit 8 Jahren in Vorbereitung besindlichen Angelegenheit der Grundsteuerentschädigungen in Schleswig-Holstein gediehen sei, daß in 8 Kreisen das Verfahren geregelt worden sei; ein Zeitpunkt für die Rege- lung in den übrigen Kreisen könne nicht angegeben werden. Abg. Wolff (kons.) hielt bei TU. 3 (Einkommensteuer) eine Rede zu Gunsten der stär­keren Heranziehung des Kapitals. Er bedauere, daß der Finanzminister in seinem Programm der Kapitalrentensteuer keine Erwähnung getan habe. Dia Entlastung b<L -rmd. Gewe^-

betriebes gehöre zur sozialen Reform^ und müße wieder und wieder gefordert werden. Abg. v. Meyer (Arnswalde) protestirte für feine Person gegen die Steuererlässe, die mit dem Defizit m direktem Zusammenhänge ständen. Dem Redner beliebt es, die lex Huene das traurigste auf dem Boden des Parlamentarismus gewachsene Gesetz zu nennen. Weiter polemisirte Redner gegen das ganze neue System, vom Reiche Alles zu erhoffen und verlangt zum Schluffe eine Vorlage des Finanzministers, welche die hohen Einkommensiusen

Uom Ikillluglrst«.

Die Alten, welche uns doch so viele Götter hinterlaffen haben, vergaffen völlig einen Gott ober eine Göttin der Zeitungen, des Zeitungßwe,ens der Zeitungleser und Zeitungschreiber. Apollo und Minerva sind zwei viel zu vornehme Götter für Papier und Druckerschwärze, und Odm würde sich dagegen verwahren, wenn man die beiden Raben welche ihm die Weltgeschichte in's Ohr raunen, etwa „Morgenblatt" ober „Abendblatt" taufte. Es wäre hohe Zeit, diesem Mangel abzuhelfen, denn abgesehen von dem Kräfteauswan^ den die Schöpfung der Zeitung erfordert, nimmt das Lesen derselben die civilisirte Welt in einer Weile in Anspruch, gegen welche Essen unb Trinken Aus­ziehen und Anziehen, und was der Mensch sonst noch zu thuu hat, leider auch das selbstständige Nachdenken, schon gar nicht mehr aufkommen kön­nen Die Kinder in der Wiege werden bald nicht mehr mit dem „Schlaf', Kindlern schlaf'" emge- schläfert werden, sondern mit der Vorlesung einer eigens für diesen Zweck geschriebenen und ver- legten „Fachschrift für die Jntereffen der Wickel- kinder", und die Tobten werben, emgehullt in mehrere Nummern des „Organ für Verstorbene", in den Sarg gelegt werden.

cz-st das Zeitungslesen eine Erholung ober eine Arbeit eine Lust ober eine Qual? Ist es Gewinn oder Zeitvergeudung? Ist es Kunst, Handwerk ober Stümperei? Es ist je nachdem alles mitein­ander! Das Zeitungslesen will gelernt und geübt werden, wie jede andere Feitigkeit, und jeder

würde staunen, wenn er die Stunden genau ge­zählt erfahren könnte, welche er zeitlebens mit Nutzen oder Unnützen auf das Zeitungslesen ver­wendet hat. Aber wie verschieden ist das Lesen des einen und des anderen!

Der Durchschnittsmensch, der nur sem Leibblatt täglich lieft, ist der glücklichste von allen ZeitungS- lesern, vielleicht auch unbewußt der Gescheidteste. Das Blatt, wenn er es zur Hand nimmt, ist ihm von Anfang bis zum Ende so bekannt, wie feine angetraute Ehefrau, und wenn irgendwo, so ist das Gleichniß hier anwendbar: Er ist mit seiner Zeitung verheirathet. Mehr noch möchte man sagen: Er steht unter dem Pantoffel dieser Ehe! Und diese Pantoffelehen sind bekanntlich die glücklichsten. Der Ehemann braucht über nichts nachzugrübeln; es wäre unnütze Arbeit, denn cs bleibt doch bei dem, was die „Frau" gesagt hat. Diese Frau — die Zeitung nämlich — ist es welche stets allein spricht, welche allein das Wort führt und daher, wenn nicht schon beim ersten Male, so doch beim zweiten Male recht behält. Diese Ehefrau ist gewöhnlich so gefällig, das muß man ihr laffen, dem Geschmack ihres Eheherrn m jeder Weise entgegenzukommen, um ihm den Tisch jederzeit so zu bestellen, wie er es am liebsten hat. Ein „Stammleser" - um den allbekannten „Stammgast" auf das Zeitungswesen zu über­tragen - wird selbst in den aufregendsten Zeiten seine Lieblingsgerichte nicht vermissen und vaher mit stets bewahrtem Gleichgewicht der Seele Mor- gens nach dem Lesefrühstück an seine Geschäfte und Nachmittags nach der Lesevesper an fein

zu verzichten. _ „ r,

• Königsberg, 2. Februar. Herr Propst Dinder hat auf besondere Aufforderung des h. Vaters die Ernennung zum Erzbischöfe von Posen angenommen. m

* Münster, 3. Febr. Die „Verhandlungen der XXXII. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zu Münster i. W. vom 30. August bis 3. September 1885", nach stenographischer Aufzeichnung herausgegeben vom Lokal-Komite, sind erschienen und werden nach Verfolg an die Mit- Schläfchen gehen. Für den richtigen Philister hat die eigene kleine Welt, welche sich um ihn dreht, nur ein kleines Fensterchen, welches ihm morgens und nachmittags vor die Augen ruckt, um durch dasselbe hincurch einen Blick auf das Getriebe des Mikrokosmos zu werfen; das kleine Fenster ist feine Zeitung, die ihm der Postbote m's Hans bn®er Gegensatz zum „Stammleser" ist der schwarmgeistige Leser. Ihn intereffirt alles, er will alles wiffen, alles erfahren; er will alles von A bis Z lesen; er will über dieselbe Ange- leqenheit aller Meinungen kennen lernen — ob« gleich ihn vielleicht alle diese Geschichten im Grunde so wenig angehen, so wenig berühren, als das Wetter auf dem Mars ober sonst einem Planeten. Diese Schwarmgeister stürmen in den Kaffee­häusern und Lesesälen hin und her und marbern dort die Zeitungen von allen Tischen zusammen. Der eine kommt zu spät in's Büreau, der andere ins Geschäft, und gar mancher vergißt seine Familie, sein Hans über den ewig aus- und absteigender Eimern der Zeitungslektüre. Der richtige Zei­tungsschwärmer nimmt niemals Spielkarten zui Hand, er gönnt sich kaum die Zeit seinen schwar­zen Kaffee zu zuckern; er verspürt es nicht wem er ihn ungezuckert schlürft - er fliegt von Spalt« zu Spalte, von Blatt zu Blatt, von Zeitung zr Zeitung, wie eine hungernde Ameise, die Würmei auf der Wiese sucht. Er weiß selbst nicht, roarun er so hastet und hetzt - er hat nur das Be wußtsein, daß er noch die.Times' ober .Fanfulla daß er noch ein spanisches ober ein russische!

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