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JV 25.

Montag, den 1. Februar

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1886.

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Zweites Blatt.

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-H- Auf geheiutttißvollen Wegen.

Roman von J. HrheafriL. 1U

„Barmherzigkeit, Herr Marquis!" rief Gabriele herzerschütternden Toner. „Barmherzigkeit für meinen Gemahl! Ich weiß weshalb Sie hierher kamen. Sie wollen Sühne haben für eine That, die Armand de Vigny nie begangen. Er ist schuldlos! All' die langen Jahre lebte er in Ver­borgenheit, den schönsten Theil seines Lebens fern von der Heimath vertrauernd, weil sein Onkel in Verblendung auf eines Schurken Stimme mehr hörte, alr auf die seines schuldlosen Neffen, der ihm nie ein Leid zugefügt und den er dennoch verdammte, ungehört, mitleidslos. Dem schlimmsten Verbrecher gewährt man die Rede der Rechtfer­tigung. - Sie verweigerten Armand de Vigny diese« Geringste, Herr Marquis, und folgten den Einflüsterungen eines Bösewichtes. Sie verstießen einen Schuldlosen, um eine Schlange an ihrem Herzen großzuziehen. O, wie ich darnach verlangt habe, all' die langen bitteren Jahre hindurch, die Wahrheit Ihnen in's Gesicht schleudern zu können, wie Sie sich versündigten an dem einen Herzen, das Sie am meisten geliebt auf Erden! Wie ich darnach verlangt habe, Herr Marquis, dem lüg­nerischen Feinde meines Gemahls die gleißnerische Maske von dem falschen Antlitz zu reißen. Mein Gatte ist schuldlos, so wahr ein Gott über uns lebt, der un» Alle einst richten wird. Armand de Vigny ist kein Mörder, doch der dort," und sie wies mit der ausgestreckten Hand auf den im frechen Hohn dastehenden Eugen von La- martin, „dieser hier ist schuld an Allem! Er wollte Armand de Vigny's Verderben denn er stand zwischen ihm und dem Besitz der de Vigny's!"

„Meine Gnädige," hob der alte Marquis mit beißendem Spott an. „Sie spielten jahrelang die stolze, gefeierte Comteste von Chatrois in den glänzenden Salons von Paris, während Sie in Wirklichkeit die Gemahlin Armand de Vigny's und die Mutter seiner Kinder waren. Sie zeig­ten sich kalt und herzlos vor der Welt, während Sie im Kreise der Ihren ganz Herz und Liebe waren. Sie kamen zu mir als die Mutter Gi- raldas, die Sie ja in Wirklichkeit sind und gaben sich mir als eine Schauspielerin zu erkennen und ich ließ mich täuschen. Sie sind in Wahrheit eine Schauspielerin und Ihnen ist der Lorbeer einer Elisa Rachel verloren gegangen."

„Herr Marquis —"

„Machen Sie der Comödie jetzt ein Ende. Ihre pathetischen Worte haben keine Kraft, meinen jahrelang gehegten Groll und Zorn in alle Winde zu zerstreuen. Ich weiß, daß Armand de Vigny schuldig ist. Ich sah ihn vor mir, die todtbrin- gcnd e Waffe in der festgeschlossenen Hand. Er hatte mich im Schlafe ermorden wollen. Eine gerechte Vorsehung verhinderte ihn daran. Jetzt soll er seine Strafe für seine Frevelthat finden!"

„Vater!" rief Gabriele, sich an den Grafen

von Chatrois wendend. „Kannst Du es zugeben, daß Deine Tochter zeitlebens elend werde? Blicke auf Armand! Ec ist schuldlos und ob die ganze Welt gegen ihn zeugte. Ec ist frei von Schuld und die Wahrheit muß an's Licht kommen. Sieh' auf meine Kinder; sie sind schön und edel wie ihr Vater 1 Schütze uns, schütze uns vor dem Grimme eines alten Mannes, den Haß und Rachsucht ver­blendet haben!"

„Großpapa, schütze uns", bat der kleine Alfred, zutraulich auf Gabnelens Vater zueilend.

Tief bewegt beugte der alte Mann sich nieder zu seinem jüngsten Enkel und küßte ihn.

„De Vigny," sprach er dumpfen Tones, „Du kannst es nicht wollen, daß eine ganze Familie unglücklich werde. Achtzehn Jahre ist eine lange Zeit und Armand, wäre er selbst schuldig, hat schwer genug gebüßt durch ein Leben der Ein­samkeit. Laß Milde walten und versöhne Dich mit ihm!"

„Nie, niemals!" stieß der Marquis wuth- bebend heror. „Nie vergebe ich meinem Mörder!"

„Er ist nicht Dein Mörder!"

Gellend tönte die Worte durch den Raum und die Haare aufgelöst, das Antlitz überströmt von heißen Thränen, stürzte Giralda dem Mar­quis zu Füßen und rief, seine Knie umklammernd, aus:

„Er ist nicht Dein Mörder, Onkel de Vigny! Niemals hat Dein Neffe Armand die Hand gegen Dich erhoben. Ein frevelhaftes Spiel ist mit Dir getrieben worden! Du kannst, Du darfst meinen Vater nicht verdammen, denn ec ist schuldos! O, um der Liebe willen, die Du mir zugewandt, ver­gib und sei versöhnlich!"

Der Marquis stand wie unter einem Zauber­baum. Die Härte wich aus seinen Zügen, die Augen, mit denen Giralda ihn anblickte, bezwan­gen ihn ganz und gar. „Wie hatte er diese Augen einst geliebt an seinem Neffen und er halte ihn betrogen! Wie hatte er diese Augen geliebt an diesem schönen, liebreizenden Mädchen, die da vor ihm lag, hingegoffen in Schmerz und Thrä­nen, und auch sie sollte ihn getäuscht haben?" — Ein Schwindel ergriff den alten Mann; ihm war es, als umklammerte eine Estenfaust seine Brust, ihn des Athems beraubend. Auch sie hatte ihn betrogen, sie, dieses unschuldsvolle Mädchen, für deren Treue er sein Leben gelaffen hätte. Auch sie war fasch und Alles nur Komödie gewesen, wie Eugen ihm wieder und immer wieder gesagt hatte! War eS möglich? Konnte es sein? Der alte Mann schwankte, sein Herz lehnte sich auf gegen den Glauben, daß dieses Mädchen ihn ver« ralhen haben solüe.

Eugen, die Gefahr des Momentes wohl er­kennend, neigte sich schnell an sein Ohr. „Sie ist falsch bis auf den Grund ihrer Seele," flüsterte er dem Greise zu. Erinnere Dich der Worte, die sie Dir durch mich zugesendet, der Worte, daß sie Dich jetzt ebenso Haffe, wie sie Dich früher geliebt, und daß Du Dein Schlimmstes thun solltest!"

Die List verfehlte ihre Wirkung nicht. „Weg, weg von mir!" donnerte der alte Marquis. „Und wenn ein Engel vom Himmel hernieder­stiege, um für Armand zu bitten, es wäre um­sonst! Ich will Sühne! Offizianten, thut Eure Schuldigkeit!"

„Ja, kommt her!" rief Gabriele voller Ver- Verzweiflung. „Ergreift ihn, d en Vogelfreien, den Reffen, den der eigene Onkel morden lassen will, ergreift ihn, aber zuvor tobtet mich, denn nur über meine Leiche geht der Weg zu Armand de Vigny!"

„Gabriele!" stieß ihr Gemahl, der bis hierher

schweigender Zeuge der tief ergreifenden Seen gewesen, deren Mittelpunkt er war, dumpf hervor „Gabriele, gib Raum! Laß mich gehen! Di mußt leben für unsere Kinder! Sage mir Lebe wohl — Gott will es!"

„Nicht um mein Leben gebe ich den Weg fre zu Dir. Heran, Officianten! Wer wagt es, mich die Tochter des Grafen von Chatrois, zu berühren?

Eine furchtbare Pause trat ein. Kein Lau regte sich in dem Raume. Stolz wie eineKönigi stand Gabriele da, ihre Augen flammten, ih Busen wogte in stürmischer Erregung. Graf Enge schäumte vor Wuth über diesen unerwarteten Wider stand. Er winkte Jean Frosiard, seine Schuldig keit zu thun, aber der Polizeispion wich seiner Blicke aus, als sähe er ihn nicht. Die Officiante standen starr und regungslos. Keiner rührte sic vom Fleck.

Aber jetzt — die Gestalt des alten Marqui reckte sich zu ihrer ganzen Höhe empor und roi ein wüthender Löwe erbebte er. „Wer cs wagt? erdröhnte seine Stimme. Nicht länger vermach er, an sich zu halten; der ganze Strom der wi! den Rachsucht, der in ihm gährte, brach sich gi waltsam Bahn. „Ich, ich wage es!"

Mit einem Sprunge stand er vor Gabrieb seine nervige Faust umklammerte ihr zartes Hani gelenk und mit einem Ruck schleuderte er die Wehi lose bei Seite. Ein Schrei von den Lippen dc Ueberwältigten, der sich mischte mit dem Wehlar Giralda's und dem Triumphruf ihrer Feind gellte durch den Ramm.

„Und jetzt heran, Officianten," gebot der Mar quis, die rechte Hand schwer auf Armand's Schult« niederfallen lastend, 8er königlich stolz dastan! „Ich beschuldige diesen Mann des Mordversuche auf mein Leben! Legt ihn in Fesseln und füh: ihn in ein sicheres Gewahrsam! Armand de Vign ist Euer Gefangener! Thut Eure Schuldigkeit!

Die Beamten zauderten. Die hoheitsvolle E scheinung des Angeklagten machte sie unschlüssig „Kreaturen!" zischelte der Marquis. „Soll i es für Euch thun? Her die Fesseln!"

Die Offizianten traten heran. Armand li( Alles widerstandslos mit sich geschehen. J-tzt wc es gethan. Gabriele hing halb ohnmächtig a dem Hals des geliebten Gatten.

„Führt ihn ab!" gebot der Marquis.

„Halt!" donnerte da plötzlich draußen eh Stimme. „Alle Ausgänge scharf besetzt! In diese Pavillon ist ein Verbrecher, der uns um kein! Preis entkommen darf!"

Der Klang der Stimme, der von draußen si vernehmen ließ, rief die verschiedenartigsten Gesüh wach in den Herzen der im Pavillon Anwesende

Eugen's Züge verzerrten sich in maßloser Wut während Giralda einen Freudenschrei ausstieß.

„Das ist Jacques Ricard!" rief sie. „Er gekommen, um sein Wort einzulösen und die U schuld Armand de Vigny's darznthun!"

In diesem Augenblick wurde die Thüre des P villons aufgeristen und heran traten zwei Pecsone auf welche alle Anwesenden wie mit einem Schla erstaunt hinblickten. Die Angekommenen war Cecile Rosteau und ihr Begleiter Jacques Ricai

Das Fieber, welches Letzteren auf's Neue k fallen hatte, war durchldie Geschicklichkeit des Arzte besten Hilfe Cecils angerufen, glücklicherweise i hoben morden, so daß er am andern Morgen Stande war, seine Reise fortsetzen zu können. 3 ihrer Ankunft in Sansouci hatten sie erfahren, d sie Comteste Gabriele an ihrem Lieblingsplatz, Pavillon, finden würden und daß wahrscheinl der Marquis de Vigny bei ihr sein werde, da sich im Parke befände.

Sich danach sehnend, daß ihre Unterredung t