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JV 24. Sonnabend, den 30. Januar 1886.

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Deutsches Reich.

Berlin, 29. Januar.

** Der Reichstag beendete heute die erste Berathung über den Antrag Junggreen betreffend die Gleichberechtigung der dänischen Sprache mit der deutschen als Gerichtssprache in Nord-Schleswig. Der Antrag wurde zur zweiten Berathung im Plenum gestellt, dann wurde die zweite Berathung des Etats zu Ende geführt und die restirenden kleinen Etats, sowie das Etatsgesetz unv das Anleihe- gesctz, mit den durch die gefaßten Beschlüffe zum Etat veranlaßten Abänderungen genehmigt. Die Anleihe ist danach auf 28,710,856 Mk., die Höhe der Matrikularbeiträge auf 138,337,988 Mk. fest­gesetzt. Die von der Kommiffion vorgeschlaqene Resolution betr. gesetzliche Regelung der Unter­stützung der Familien der zur Hebung einberufenen Reservisten und Landwehrleute muroe von Rednern aller Parteien befürwortet, die Abstimmung findet erst in dritter Lesung statt. Morgen Antrag Ackermann betreffend Befähigungsnachweis.

** Das Abgeordnetenhaus fetzte die Be­rathung des Antrags Dc. Achenbach und Gen., betreff, den Schutz der deutfch-nationalen Interessen in den östlichen Provinzen fort. Abgeordn. Dr. v. Stablewski bestreitet den revolutionären Cha­rakter der Polen. Sie feien friedliche und loyale Unterthanen und erfüllten ihre staatsbürgerlichen Pflichten. Die Hoffnung auf eine Wiederherstel­lung Polens hielten sie allerdings fest, dieselbe aufgeben würde einen Eingriff in die göttliche Schicksalsbestimmung bedeuten. Die Behauptung von der Zurückdrängung des deutschen Elementes durch die Polen fei grundlos. Minister v. Putt- kamer konstatirt, daß die Polen den Gedanken der Wiederherstellung Polens festhielten. Es handle sich nicht um eine Vernichtung der Polen, sondern um Unterdrückung der revolutionären Propaganda. Das Bestreben auf Wiederherstellung Polens fei

-H- Auf geheimnisvolle« Wegen.

Roman von j. Mreftlh. U3

Der Graf hatte bereits längst die Hoffnung aufgegeben, sich bei dem Namen jemals nennen zu hören. Und nun klang dieses Wort so süß und zärtlich von des kleinen Alfred's Lippen, daß es plötzlich fein Herz ergriff wie nie zuvor. Ganz Ohr für die traute Scene, die sich im Pa­villon abspielte, achtete er des alten Marquis nicht. Sonst würde er erbebt fein vor Entsetzen.

Das Gesicht des Greises war dunkelroth vor Wuth. Die freundlichen, liebevollen Worte, welche drinnen im Pavillon ausgetauscht wurden, trafen ihn wie eben so viele Dolchstiche. Sie waren glücklich, während er unglücklich war bis ins tiefste Herz! Armand geliebt von dem schönsten Weibe, geliebt, geehrt von feinen Kindern, während feine Seele mit Blutschuld belastet war! War das Gerechtigkeit?

Wie ein Feuerstrom tobte es ihm durch das Hirn; in seiner Macht lag es, ihr Glück in Elend, chre Freude in Traurigkeit zu verwandeln. Der Moment der Rache war gekommen. Noch ein, zwei Augenblicke, während, welcher er sich schwer mit der Hand gegen die Fensterbrüstung stützte,

landesverrätherisch, da es die Loslösung preußi­schen Gebiets bedeute. Die bürgerlichen Rechte der Polen seien in keiner Weise gefährdet. Daß sich die Ausweisungen gegen den Katholizismus rich­teten, sei ganz unbegründet, lieber die Ausfüh­rung der Maßregeln würden verlogene Mittheilun- gen verbreitet; es sei mit möglichster Milde ver­fahren worden. Kriegsminister Bronsart v.Schel­lendorff konstatirt, daß der polnische Soldat tapfer und zuverlässig fei, so lange man ihn agitatorischen Einflüssen entrücke. Das solle künftig in erhöhtem Maße geschehen. Reichskanzler Fürst Bismarck wendete sich gegen die gestrigen Ausführungen Windthorst's, der auf eine legale Zersetzung Deutsch­lands hinarbeite. Die Proklamation Friedrich Wilhelm III. sei kein Vertrag, sondern der wohl­wollende Ausdruck seines königlichen Herzens, mit dem er seine Absichten, wie er die Polen zu regie­ren gedenke, aussprach. Richter habe gestern int Reichstage eine objektive Unwahrheit gesprochen, indem er sagte, der Reichskanzler droht mit einem Staatsstreich, falls der Reichstag das Branntwein- Monopol verwerfe. Werde das Monopol abgelehnt, so werde auf dem Wege der Landesgesetzgebung (durch entsprechende Erhöhung der Schankgewerbe­steuer) die Aufbringung der erforderlichen Mittel angebahnt werden. Er denke an keinen Staats­streich, nicht einmal an eine Auflösung des Reichs­tags. Ab. Dr. Enneccerus (nl.) suchte den Antrag Achenbach gegen die erhobenen Angriffs zu verthetdigen. Der Antrag fei eine Antwort au: die Mahnung des Reichskanzl-'-s. den nationalen Gedanken festzuhalten. Auf die Aeußerungen des Reichskanzlers replizier Dr. Windthorst in län­gerer, vortrefflicher Rede, worin er u. A. auch darauf hinwies, daß die Katholiken im Civil- und Militärdienst zurückgefetzt würden. Die Weiter- berathung wurde aus morgen vertagt. (Wir wer­den auf die Windthorst'sche Rede in der nächsten Nummer d. Bl. zurückkommen. Die Red.)

* In der Reichtagskommission für die Zucker­steuervorlage hat der freisinnige Abgeordnete Rohland einen Abänderungs-Antrag eingebracht, nach welchem die Rübensteuer nicht erhöht, sondern ermäßigt werden soll. Es wird beantragt, die Rübensteuer, die nach der Regierungsvorlage im ersten Jahre auf Mk. 1.70, im zweiten Jahre aus Mk. 1.80 pro Doppcl-Centner erhöht werden soll, im ersten Jahre auf M. 1.40, im zweiten Jahre

um dem furchtbaren Sturm in seinem Innern nicht selbst zu unterliegen — dann plötzlich riß er sich los aus seiner Erstarrung und stürzte wie ein Wahnsinniger, mit einem unartikulirten Laut, der dem Schrei eines verwundeten Raubthieres glich, nach dem Eingang des Pavillons, riß die Thür auf, schleuderte Gilbert von Beaufort, der diesem Gegner gegenüber sich machtlos fühlte, bei Seite, als ob er eine Puppe fei, und fuhr im nächsten Moment wie ein Feuerbrand mitten in den trauten Frieden, der hier fein Scepter schwang, hinein, das Antlitz wild verzerrt vor maßloser Wuth, die Faust drohend zum Schlage erhoben.

Ein Schrei, grell wie der Entsetzensschrei ret­tungslos dem Martertode Geweihter, brach sich von den Lippen der aus seligster Vergessenheit zur qualvollsten Verzweiflung Aufgeschreckten. Rur Einer wankte nicht. Die Arme wie zum Schutze vor den Seinen ausgebreitet, ohne Wehr, doch stolz, unerschrocken, das Auge fest und furchtlos auf seinen Gegner gerichtet, stand Armand de Vigny seinem Todfeind gegenüber.

Lvni.

Minutenlang bohrten sich die Blicke beider Männer fest in einander. Wie die Statuen zweier

aus Mk. 1.20 pro Doppel-Cenlner herabzusetzen und dementsprechend auch die Export-Bonifikation im ersten Jahre auf Mk. 14 und vom zweiten Jahre ab auf Mk. 12 zu fixiren. I

* Am Sonnabend soll die erste Sitzung der'zu- stehenden BundeSrathsausscyüsse über das Brannt­wein-Monopol stattfinden, wenn nicht wieder eine neue Verzögerung erfolgt. Eine Anzahl von Bundesrathsbevollmächtigten war eigens hierher gereift, weil es hieß, daß die Berathungen bereits am gestrigen Tage beginnen sollten. Die Ver- Zögerung wird auf den Umstand zurückgeführt, daß die Benachrichtigungen für einzelne Bevoll­mächtigte namentlich der süddeutschen Staaten noch nicht vollständig eingegangen wären. Wiederholt verlautet, daß zwischen den Bundesregierungen noch immer Verhandlungen über das Monopol stattfinden.

* Aus Posen, 28. Jan., schreibt die,Posener Ztg.': „Gestern Vormittag traf hier ans Schlesien eine angeblich 104 Jahre alte Frau ein, welche als Ausländerin von der Polizeibehörde ihres Ortes ausgewiesen worden ist, und von hier nach Thorn reifen wollte, um sich über Alexan­drowa nach Russisch-Polen zu begeben. Im Pferde­bahnwagen, welcher von der in Begleitung rei­senden Frau zur Fahrt vom Bahnhofe nach der Stadt benutzt wurde, erregte die ärmliche Greisinn allgemeines Mitleid und es wurde für dieselbe rasch eine kleine Sammlung veranstaltet. Die Be­merkungen, welche bei dieser Gelegenheit über der­artig: „zum Sch-ltze des Deurschthums'' ange­wandten Maßregeln von den Passagieren gemacht wurden, waren gerade nicht sehr schmeichelhafter Art. Die Frau ist übrigens noch hier, da sie er­krankt ist."

* Wie sich die ,Frkf. Ztg.' aus Metz telegra­phisch melden läßt, ist Pfarrer Scheuffgen, Direk­tor des Knabenseminars in Montigny, zum Dom- probst in Trier ernannt worden.

Ausland.

* Wien, 28. Jan. Die Weihe des auf der Stelle des abgebrannten Ringtheaters durch die Mumficenz des Kaisers errichteten Stiftungs- Hauses mit Sühnekapelle ward vorgestern in erhebender Weise durch den Cardinalerzbischof von Wien in Gegenwart des Monarchen und des ge« fammten Hofstaates vollzogen und machte die Feier einen erhebenden Eindruck.

Heldengestalten standen sie sich gegenüber — der eine in der Kraft des Mannes, schön und hoheit­lich; der andere würdevoll, stolz, aber finster in feiner ganzen Erscheinung.

Nach achtzehn Jahren sahen sich die beiden Menschen, die einander einst so sehr geliebt, zum ersten Male wieder, aber das Herz des Greises war von Haß und Rachsucht erfüllt, von Rach­sucht genährt und gemehrt durch einen nichts­würdigen Bösewicht, dem um Reichthum und Stellung die Ehre und das Glück einer ganzen Familie fein zu hoher Preis dünkte und der sein freventliches Spiel bis zum Aeußersten getrieben hatte.

Wir mit Allgewalt kam es über Armand de Vigny beim Anblick des alten Mannes, den er wie einen Vater einst geehrt und geliebt, an dem er gehangen mit dem ganzen schwärmerischen Sinn eines dankbaren Jünglings und der ihn, unter der Wucht eines verhängnißvollen Jrrthums stehend rann verstoßen und in Verzweiflung getrieben falte, weil er einen Mordversuch auf des Greise» Leben verübt haben sollte, er, der nie die Waffe gegen einen wehrlosen Rebenmenschen erhoben, dem die Ehre allzeit das Höchste gewesen, der eine» Verbrechens gar nicht fähig war.