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o Ein Blick in die Zukunft.*)

Als das deutsche Reich begründet wurde, hat man ihm eine Verfassung gegeben, die dem deut­schen Volke einen großen und wichtigen Antherl an der Gesetzgebung einräumte. Die damals herrschende Partei hat denselben zur Kulturkämpferer und Gründerei mißbraucht und zu jener Wirth- schastspolitik, welche unser Volk bis dicht an den Abgrund wirthschaftlichen Ruins gebracht hat. Mit Hilfe des Centrums ist die wirthschaftliche Krisis überwunden worden, und unter dem Schutz einer neuen Schutzzoll, und Sozialpolitik zeigte sich überall wieder hoffnungsvolles Leben. Statt nun aber auch in der unheilvollen Kirchenpolitik mü den alten Sünden und Fehlern gründlich auf- zuräumen und in der Sozialpolitik zielbewußt fort­zuschreiten, zeigt sich auf beiden so wichtigen Ge­bieten das Bestreben, es bei den kleinen Beffe- rungen bewenden und den Rest des Nebels ver- sumpfen zu laffen. Um das zu erreichen, und um auch eine Reihe von politischen Machtfragen, so die Polenausweisung, das Branntweinmonopol, die abermalige bedeutende Verstärkung des Heeres- aufwandes und vielleicht noch andere im dunklen Schooße der Zukunft rührende Probleme, glatt und ohne allzu großen Widerstand durchzusetzen, bedurfte Bismarck einer sogenannten „Mittelpartei", eines willfährigen Mischmasches aus liberalen und konservativen Elementen, die, um dem Ding einen Namen zu geben, unter dem Schlagwort „national" sich zusammensindet und die Absichten der Regie­rung selbst dann billigt, wenn sie dieselben nicht kennt. Diese Mittelparteibildung schreitet unauf­haltsam fort, in der Presse ist sie schon ziemlich marschfertig, ihr fehlt im deutschen Reichstage nur das Wichtigste, die Mehrheit. Der Aerger darüber, daß der Reichstag den mittelparteilichen Plänen neuerdings den standhaftesten Widerstand entgegen- setzt, treibt nun das ganze mittelparteiliche Konglo­merat zu den ärgsten Vorstößen und Verleum­dungen gegen die „Reichsopposition" und ihre Hauptbestandtheile, Centrum, Freisinnige und „Aus­länder" .

Fünfzehn Jahre nach Gründung d-s deutschen Reiches wirft eine deutfche Volksminderheit der deutschen Volksmehrheit den Vorwurf in's Gesicht, sie besitze keinen Patriotismus, sie habe „anti-

*) Nachdruck verboten.

mit der

5t;e Fuldaer Zeitung' erscheint t S g Uch. Sonn- und FÄ-rtage "bg^ommem Vr«teMhrl»qer Avonnem^ auswärts 1 Btt. 75 Pfg.

JM 23.

Freitag, den 29. Januar

nationale" Tendenzen, sie liebäugele mit dem Aus- lande! Ist das nicht unerhört? Muß nicht das Ausland theils den Kopf schütteln, theils sich höhnisch freuen über diese Manifestation der deut­schen „Einheit"? Und warum alle diese schweren Insinuationen? Einzig allein darum, weil der Reichstag Reichstag sein will, weil die Mehrheit sich das Recht vindizirt, die Vorlagen der Regie- rung zu prüfen und gegebenen Falles zu verwerfen, weil sie das Aufsichtsrecht üver den gesammten deutschen Regierungsapparat beansprucht, mit einem Worte, weil sie auf die Reichsverfassung pocht, welche ein Werk des Fürsten Bismarck ist. In allen Fragen, welche wirklich die deutsche Ehre arigehen, steht die sogenannte Reichsopposi­tion ebenso fest zur Regierung, wie sie gegen Vorgänge, welche ihrer Gewiffensüberzeugung nach die deutsche Ehre gefährden, frei und frank ihren Tadel richtet. Wo ist denn z. B. der logische Grundsatz zu finden, daß das Branntweinmo- nopol mit der deutschen Ehre und dem nationalen Interesse zusammenhängt? Die Monopolfrage ist eine staatswirthschaftliche Frage, über Vorzüge und Nachtheile, über Wesen und Wirkungen des Mo­nopols gehen die Ansichten der Nationalökonomen weit auseinander. Wer in eine solche rein sach­liche Frage die politische Parteileidenschaft hinein- trägt, sie zum Merkzeichen für die Vaterlandsliebe und nationale Gesinnung stempeln will, der beweist nur, daß er um durchschlagende sachliche Gründe verlegen ist, daß er aus der Sache eine Macht­frage macht, der gegenüber man in der Wahl der Mittel nicht erforderlich wählerisch zu sein pflegt. Und so geht's mit den meisten Fragen, welche heute den „nationalen" Preßchorus und die „nationalen" Parteien elektrisiren. Was erst ge- wiffenhast zu beweisen wäre, wird von vorn­herein als feststehender Fundamentalsatz hingestellt. Bei Allem soll das „nationale Jntereffe" engagirt sein, und es liegt auf der Hand, daß man auf diese Weise selbst das Allertollste dem „nationalen Jntereffe" in die Schuhe schieben kann.

Kann das auf die Dauer so fortgehen! Dars der Deutsche es sich länger gefallen laffen, mit einigen billigen Phrasen und Schlagwörtern en­gagirt zu werden für Dinge, welche seinen Geld­beutel und den allgemeinen Volkswohlstand empfind­lich berühren? Man sollte doch so ehrlich sein, statt „national" einfach „nationalliberal," und statt

„Jntereffe" ruhig „Parteiintereffe" zu sagen. Und doch hat die Partei, welche sich in dem Wettlauf der heutigen Phrasenpolitik in die vordersten Reihen drängt, seither noch sehr wenig im Volke erreicht. Selbst die äußersten Kraftmittel der „Entrüstungs". Bewegung haben nichts gefruchtet, die Regierungs­mehrheit steht heule fester da, als jemals im vorigen Jahre. Wenn wir daher auch angesichts der wachsenden Charakterlosigkeit in die allernächste Zukunft mit banger Sorge hineinschauen, so ist der politische Horizont doch nicht ohne jeden Hoff­nungsschimmer. Nach dem derzeitigen entnervenden und entkräftenden Byzantinismus einer hohlen Phrasen- und Loyalitätshascherei, einer Partei­politik der „nationalen" Unterroerning des Ver- standes, wird auch wieder ein besserer Geist das deutsche Volk erfassen. Freilich wird ohne schwere Prüfungen und Briefen der Uebergang nicht ge­funden werden. Vielleicht wird der „nationale Mischmasch an der Sozialdemokratie zu büßen haben, was er am freien Sinne des deutschen Volkes gesündigt hat. Es wird aber eine lange Zeit darüber vergehen, bis das von unseren „Nationalen" jo oft ohne Grund um sein Leu­mundsattest angerufene Ausland wieder die rechte Achtung vor der deutschen Selbstständigkeit und Freiheitsliebe gewinnt. Heute mag die kraftvolle und mächtige Persönlichkeit Bismarck's mit dem Gewicht ihres hohen Ansehens und ihrer seltenen Willenskraft noch einigermaßen ein Gegengewicht gegen die Schwäche und Erbärmlichkeit der „natio­nalen" Schmeichler bilden; wenn aber dieser eine Mann, dessen Wille und deffen Stimmungen und Neigungen in Deutschland bei großen Parteigruppen allein maßgebend sind, den Schauplatz wird ver­lassen haben, dann erst wird sich die ganze Kläg­lichkeit des hohlen, inhaltsleeren „Nationallismus' enthüllen, der eben den letzten Trumpf aufspielt, indem er der staatserhaltmdsten aller Parteien, der Centrumspartei, „Radikalismus" im schlimmsten Sinne vorwirft. _________

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Januar.

* Die Posener Erzbischofsfrage scheint jetzt auf Grund eines UebereinkommenS mit dem h. Stuhle und unserer Regierung definitiv geregelt zu sein. Es wird nämlich gleichzeitig aus Rom und Posen von informirter Seite telegraphisch

Der Marquis betrachtete zuerst den jungen Herzog und sah dann nach Giralda hinüber. Sie saß auf der Chaiselongue und ihr Hut lag neben ihr; ihr Haar hing über ihren schönen Nacken herab und ihr liebliches Gesicht erglänzte vor Erwartung, halb hoffend, halb ängstlich.

„Wie dem alten Mann das Herz erbebte. Auf einem Schemel zu ihren Füßen saß ihr Bruder Alfred, fein Köpfchen ruhte auf ihrem Schoße. Sein Gesicht blickte erwartungsvoll wie das ihre, doch fehlte ihm der ängstliche Zug, der auf dem Antlitz seiner Schwester ausge­prägt lag.

Nun traten die beiden Gestalten, welche mit dem Boote angekommen waren, in die Thür und die vier Lauschenden sahen sie mit den verschieden­artigsten Empfindungen nähertreten. Die Ange­kommen waren Armand de Vigny und sein ältester Sohn Rupert. Ersterer trug noch feine Verklei­dung und sah aus wie ein alter Mann. Sobald er jedoch Giralda's ansichtig wurde riß er feine Brille ab und eilte so schnell auf sie zu, wie es einem alten Manne nimmer möglich gewesen wäre. Ein einziger Blick genügte Giralda um ihren Vater zu erkennen.

„Vater, mein Vater!" rief sie und stürzte ihm

-H- Ans geheirnmtzvolleu Wege«.

Roman von }. trhkifrit. 112

Monsieur Frossard führte die ihm folgenden drei Herren auf Umwegen nach dem erhöhten Platze, wo dieser Pavillon stand. Er hielt sich ängstlich im Schatten der Bäume, bis er mit seinen Begleitern hinter dem kleinen Gebäude stehen blieb, wo die dicken, tief herunterhängenden Zweige der hier stehenden, alten Bäume ein prächtiges Versteck gewährten, so daß, wenn wirklich Jemand zufällig des Weges kommen sollte, er die hier Verborgenen doch nicht bemerken konnte. . ..

Lautklopfenden Herzens, aber geräuschlos, schlichen die vier Männer näher Heron, bis sie dicht vor den Jalousien standen. Jetzt konnten sie in das Innere des kleinen Heiligthums hineinsehen.

Der Pavillon war mcht leer.

Der Herzog von Braufort stand auf der Schwelle sein Gesicht erglänzte vor Freuden, als er feine Hände ausstreckte und zwei Personen will- kommen hieß, welche anscheinend soeben von der Seine aus angelangt waren.

entgegen, ihr Haupt an seiner Schulter bergend. Thränen erstickten ihre Stimme.

„Jener Mann ihr Vater?" flüsterte der Mar­quis überrascht. „Jener Mann soll Armand de Vigny sein? Eugen, Froffard Ihr seid von Sinnen!" . ,

Der Geheimpolizist gab dem Marquis lerne Antwort, doch legte er statt dessen seine Hand auf des alten Mannes Arm, was den Erfolg hatte, daß er von Neuem aufmerksam auf das sah und hörte was drinnen im Pavillon vorging.

„O, lieber Vater," sprach Giralda mit ge- brochener Stimme, „es scheint mir so endlos lange, seitdem ich die Heimath verließ ! Du weißt jetzt, weshalb ich von Dir ging. Kannst Du mir vergeben, mein Vater?"

„Ich habe Dir nichts zu vergeben, meine edle Tochter!" erwiderte der verkleidete Flüchtling und der alte Marquis fühlte sich tief getroffen durch die schöne klangvolle Stimme. „Du hast muthig und edel gehandelt und würdest mich gerettet haben, wenn es in Deiner Macht gelegen hätte." Er küßte und segnete sie, wie nur ein glücklicher Vater, der stolz auf fein Kind fein kann, es zu thun vermag. Dann ließ er sie los und breitete feine Arme aus, um auch Alfred an fein Herz zu