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JV 17. Freitag, den 22. Januar 1886.

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* Fürst Bismarck und der Schnaps des »armen Mannes".

In der Sitzung des Reichstags ain 28. März 1881 sand die erste Berathung zweier Gesetz­entwürfe betr. die Erhebung der Brausteuer und betr. die Erhebung von Reichsstempelabgaben statt. Der Abg. Lasker erklärte, er denke sich die Reform der Steuern liegend in der Stempelsteuer, in welcher bei uns die Erbschaftssteuer eingeschlossen sei, in der Erhöhung der Tabaksteuer uns in der Erhöhung der Spiritussteuer, und dies würde das direkte und indirekte Bedürfniß für das Reich völlig ausreichend gedeckt haben. Darauf erwiederte der Fürst Bismarck: „Wenn der Abg. Lasker nur den Branntwein und nicht in gleicher Weise das Bier accentuirt hat, so kann ich darin nicht mit ihm gehen. Bisher ist das Bier in der Besteuerung wesentlich im Rückstände gegen Branntwein, und meines Erachtens sollte das Bier verhältnißmäßig höher besteuert sein als der Branntwein; denn es ist vergleichsweise das Getränk einer schon mehr wohlhabenden Klaffe, der Branntwein aber ist das Getränk des berühmten armen Mannes, und es ist der Branntwein ein Getränk, welches der Ar­beiter nicht immer entbehren kann. Ich habe nie gefunden, daß der Arbeiter bei der Arbeit, wenn sie ihm schwer wurde, mit bayerischem Bier sich erholte, einmal weil er es nicht hatte — es ist das Getränk des Wohlhabenden im Vergleich mit ihm — und zweitens hilft es ihm nicht nach Bedarf. . . . Der arme Mann bedarf des Brannt­weins, in mäßigem Grade zwar, aber doch zur Ernährung, ein kleines tägliches Quantum, da seine Mittel ihm bayerisches Bier und Wein nicht gewähren."

Rach dem Branntweinmonopolentwurf, der dem Bundesrath vorliegt, soll das Liter Branntwein zu 100 Prozent reinen Alkohols zwischen 2 und 3 Mk. kosten. Nehmen wir den niedrigsten Satz, 2 Mk., so würde ein vierzigprozentiger Branntwein dem Verschleißer selbst auf 80 Pf. pro Liter zu stehen kommen. Ec wird ihn also schwerlich unter 1 Mark abgeben können, d. h. er wird für den Branntwein mehr nehmen müffen, als für Bier und gewöhnlichen Wein.

Für Bier und Wein, sagte der Fürst Bismarck am 28. März 1881, hat der arme Mann kein

Auf geheimnisvolle« Wegen.

Roman von ? Irhrafeid. 106

„Der kranke Mann war ein Freund von ihr," erklärte Madame Goutier auf seinen fragenden Blick. „Er hatte sich eine Verletzung zugezogen und wurde nach der Solitude zu Cecile Roffeau gebracht, welche ihn dort verpflegt. Ich habe zuerst gedacht, Fräulein Giralda wäre dahin ge­gangen, aber ihr Regenschirm, die Gelees und die Bisquits, die man heute Morgen an der nächsten Straßenecke fand, widerlegen es!"

„Das sieht ja aus wie Raub und Ueberfall auf offener Straße, sagte Gilbert halb zu sich selbst, bei welchem Gedanken sein Herz fast ver­gehen wollte. „Und das ist Alles, was Sie von Giralda wiffen, Madame Goutier?"

Die gute Frau antwortete bejahend und erbot sich, dem jungen Mann einen Begleiter zum Doktor mitzugeben, um dort feine Nachforschungen wrtzusetzen. Gilbert war damit einverstanden und Madame Goutier rief den Knaben, welcher Gil- bert hergeführt hatte und welcher noch vor der Dhür wartete, herhei. Er eilte dem Hause des Arztes zu und hatte das Glück, ihn anzutreffen; " stellte sich demselben vor und brachte ihm sein Anliegen in wenigen Worten vor?

Geld. Wird er Geld haben für den nach dem Fürsten Bismarck ihm unentbehrlichen Branntwein, wenn dieser 1 Mk. oder auch nur 80 Pf. kostet, d. h. mehr als das Bier und ebenso viel wie eine gute Flasche Wein? Wenn er das billigere Bier und den gleich theueren oder auch wohl billigeren Wein nicht bezahlen kann, dann kann er auch den Branntwein nicht bezahlen.

„Ich weiß nicht," sagte der Fürst Bismarck in der angeführten Reichstagssitzung, „ob Herr Lasker Gelegenheit gehabt hat, öfter unter harter körper­licher Anstrengung bei schlechtem Wetter mehrere Stunden lang im Freien- sich energisch zu bewegen, und wenn harte Winde über die Ebene streichen, ich glaube, dann würde er mir zugeben, daß der Branntwein von Demjenigen, der auf solcher harten Arbeit gewesen ist, weniger leicht entbehrt werden kann, als das Bier. Wenn Herr Lasker es je versucht hätte, bei heißeni Wetter ein Schwad auf einer Wiese auch nur einmal zehn Schritte lang zu mähen, dann würde er, glaube ich, auch einen tüchtigen Schluck Branntwein, wie der Ar­beiter ihn nimmt, wenn er dieselbe hundertfach in einem Tage macht, nicht verachten. Dort hilft das bayerische Bier nicht, das Bier macht im Gegentheil träge, anstatt die Nerven anzureizen, macht müde, schwerfällig." Indem wir Vorstehen­des nach der ,D. Rchsztg.' verzeichnen, werden wir morgen auf den Monopolentwurf zurückkommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Januar.

* Wie die.Post' erfahren haben will, wird die neue kirchenpolitische Vorlage nicht zuerst im Abgeordnetenhause, sondern im Herrenhause eingebracht werden. Das klingt nicht unglaublich, wenn es überhaupt zu einer Vorlage kommt, und der Glaube daran gewinnt weiteren Boden. Als Gegenstände der Vorlage werden die Vorbildungs­frage (insbesondere Seminare und Knabenseminare) und der unglückselige Staats-Gerichtshof für kirch­liche Angelegenheiten bezeichnet.

** Das Abgeordnetenhaus trat heute in die Etatsberathung ein. Abgeord. v. Schorlemer schilderte die finanzielle Lage als eine ungünstige. Die Rede des Finanzministers habe sich auf eine Empfehlung des Branntweinmonopols zuge-

„Die junge Dame war gestern Abend nicht hier," erklärte der Doktor. „Sie hatte mir ge­sagt, fie würde jeden Abend nach meinem neuen Patienten Nachfrage halten, gestern Abend bei dem Unwetter habe ich sie nicht erwartet. Wäre sie gekommen, so hätte ich gute Nachrichten für sie gehabt. Dem Fieber O Einhalt gethan. Der Kranke ist sehr schwach, aber ich sehe durch­aus keinen Grund, weshalb er nicht wieder ge­nesen sollte."

„Und wer ist dieser Mann, an welchem Fräu­lein Alvarez solch' lebhaften Antheil nimmt?" fragte Gilbert.

„Es klingt fast wie ein kleiner Roman," sagte der Arzt. „Er ist, wie es scheint, ein früherer Liebhaber von Cecile Roffeau. Er ist seit acht­zehn Jahren von Frankreich fern gewesen. Er war in Australien. Sein Name ist Jacques Ricard."

Der junge Herzog hatte schon diesen Namen nennen gehört und wußte auch, daß der Träger desselben mit dem Geheimniß, das den Mordan­fall auf den Marquis de Vigny umgab, im Zu­sammenhänge stand. Aber Gilbert hatte jetzt keine Zeit, an etwas Anderes zu denken, als einzig an das Eine: Giralda aufzufinden.

Er dankte dem Doktor für die ertheilte Auskunft

spitzt, aus deffen 300-Millionen-Ertrage der Mi­nister reiche Gaben vertheilt habe, die freilich noch nicht zu prüfen sind, weil wir das Monopol noch nicht haben. Das Branntweinmonopol-Projekt sei das großartigste Monopol-Project; er wundere sich nur, daß nicht auch gleichzeitig die Brennereien und die landwirthschaftlichen Güter verstaatlicht werden sollen. Die, welche sich so sehr für das Monopol begeisterns übersehen nur, daß sie event. für die Fabrikatsteuer die Wege bahnen. Die wirthschastliche Lage gestalte sich immer ungün­stiger, namentlich sei der mittlere und kleinere Grundbesitz erheblichst niedergegangen. Davon sei zu einem großen Theil die Goldwährung schuld. Schließlich kam Redner auf den Culturkampf und mahnte zur Beendigung desselben. Abg. v. Min- nigerode (conf.) meint, daß wir immer noch mit einem blauen Auge davonkommen und ver­breitet sich sodann über die ungünstige Lage, in welcher sich vor Allem die Landwirthschaft befinde, die einzig und allein durch die fremdländische Kon­kurrenz so schwer gedrückt sei, da man doch von einer Ueberproduction bei derselben, abgesehen von der Zuckerfabrikation, nicht sprechen könne. Mit der Landwirthschaft leiden zugleich das hypo­thekarisch angelegte Kapital und mehr noch In­dustrie und Gewerbe, da die landwirthschaftliche Bevölkerung nicht mehr so konsumsitionssähig sei. Er erblickt eins der wirksamsten Mittel zur Befferung der Lage in dem Aufgeben der Gold­währung. In Bezug auf die Zuckersteuerreform wünscht er besondere Besteuerung der Melasse­entzuckerung. Endlich spricht er sich für das Brannt­weinmonopol aus. Abg. Rückert (freis.) findet den Etat noch weniger ungünstig, als er erwartet hatte, da sich die wirthschaftlichen Verhältnisse im Laufe der letzten Jahre erheblich verschlechtert hätten. Die neue Wirtschaftspolitik habe auch die von der rechten gehegten Erwartungen nicht erfüllt. Mit solchen kleinlichen Mitteln wie Schutz­zölle sei in dem großen Concurrenzkampfe mit dem jungen Riesen der neuen Welt nichts aus­zurichten. Mit dem Aufgeben der Goldwährung würde man sich an der Nachwelt versündigen. Minnigerode's übertriebene Darstellung der Noth- lage der Landwirthschaft schädige nur den landwirth­schaftlichen Credit. Das Branntweinmonopol, das ebensowenig Aussicht auf Annahme wie das Tabaks­

und empfahl sich, um nach dem Gasthofe zurück­zukehren. „Sollte Giralda Eugen gesehen haben und vor ihm geflohen sein?" fragte er sich. „Nein! Sie ist gewaltsam fortgeschleppt worden und Eugen ist der Mann, der die That vollführt hat. Seine geheimnißvolle Reise während der letzten Nacht hatte den Zweck, sie nach irgend einem entlegenen Asyl zu bringen, wo Bertram als ihr Gefangen­wärter sie bewacht. Ich werde zu Eugen gehen und ihn zwingen, mir die Wahrheit zu sagen. Er erreichte den Gasthof „zur goldenen Harfe" und fragte den Wirth, ob der Graf von Lamartin zu Hause fei

„Der Herr Graf verließ das Haus, gleich nach­dem Euer Gnaden fortgegangen war," erwiderte der Wirth. Er wird, wie ich glaube, nicht zurück­kommen."

Gilbert'S Antlitz wurde leichenblaß. „Auf welche Weise ist er abgereist?" brachte er bestürzt hervor.

„Er ritt sein eigenes Pferd," versetzte der Wirth.

„Dann ist er nach demselben Ort gegangen, wohin er gestern Abend mit dem Fuhrwerk war," sprach Gilbert nachdenklich halb laut vor sich hin.

Der Wirth lächette. Nach einer Weile begann er: „Heute ist Markttag und einige Landleute er­zählten mir am Vormittag, daß sie mein Gespann gesehen hätten. Die Pferde waren in Schweiß ge-