JV 16
Donnerstag, den 21. Januar
1886
Fuldaer Zeitung.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Vfa., — mit der belletristischen Wochenbeilage.Sterne UN» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Bei Tagesanbruch saß er wieder im Sattel. Dies war an dem Morgen, an welchem Graf Eugen der Madame Roger in Vernon begegnete, und an dem Abend desselben Tages war es, als der schurkische Graf Giralda zum zweiten Male entführte. Der Tag ging für Gilbert mit nutzlosem Suchen hin, als er Abends nach seinem Schloß zurückkehrte, ohne irgend etwas ausgerichtet zu haben, da war er noch niedergeschlagener, als am Tage vorher, denn noch immer war keine Nachricht von Giralda eingetroffen. „Wo mag sie weilen, mein Liebling, meine süße Braut?" fragte er sich selbst mit g uh «dem Angesicht. „Ach, hätte ich doch nur ein paar Zeilen, nur eine Nachricht von ihr!
Sein Wunsch sollte alsbald Erholung finden; denn kaum hatte er diese Worte beendet, als Madame Toussaint her eintrat und ihrem jungen Herrn einen Brief überbrachte. Gilbert riß ihr den Brief hastig aus der Hand, denn sein Herz sagte ihm, von wem das Schreiben sei. Er wartete noch einen Augenblick, bis die Haushälterin sich entfernt hatte; dann öffnete er da» Couvert und
I hinausverfügen, was es bisher schon auf dem Schulgebiete in polnischen Gegenden zu Wege gebracht hat? Die Ankündigung von neuen Maßregeln gegen die Polen hat übrigens ihr Gutes gehabt. Gab es unter den polnischen Reichstagsmitgliedern — was noch bestritten ist — Freunde des Schnapsmonopols, heute sind sie curirt. Ich kann gestützt auf gute Informationen die Mittheilung machen: es wird kein einziges Mitglied der polnischen Fraction für das Monopol stimmen. Wie die ,Corr. Falkenberg' noch erfährt, dürfte die Regierung alles aufbieten, um den angeblich bedrängten deutschen Katholiken unter den Polen ihre Fürsorge merken zu laffen. Indessen kennen diese die Hand, welche ihnen entgegengestreckt werden wird, aus dem Culturkampfe hinlänglich.
I Von jenen Maßregeln erwarten viele Conservative eine „Erstarkung und Ausdehnung des Protestantismus" in Posen und Westpreußen. Daher wohl stimmen die Conservativen auch den Ausweisungen zu.
** Der Reichstag trat heute in die erste Be- rathung des Gesetzentwurfs, betreff, die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten, ein. Staatssekretär Dr. v. Schelling legte dar, daß es ausschließlich die Rücksicht auf die praktischen Verhältnisse sei, welche die Regierung veranlaßte, die gesetzliche Ermächtigung für die Regelung der Gerichtsbarkeit auf dem Verordnungswege vorzunehmen. Abg. Rintelen (Centr.) verlangte, daß Klarheit in die staatsrechtlichen Verhältnisse der Kolonien gebracht werde und protestirt feierlichst gegen eine Bemerkung in .den Motiven der Vorlage, welche die Schutzgebiete geradezu dem absolutistischen Ermessen des Reichskanzlers unterstelle. Bundes- kommissar Geh. Rath Dr. Krauel entgegnet, es handle sich hier um die Ertherlung eines gesetzlichen Mandats zur vorläufigen Regelung der Rechtsverhältnisse in den Kolonien. Es werde noch experimentirt werden müssen und dazu bedürfe es einer gewissen Spielraums. Abg. v. Rheinbaben (Reichsp.) befürwortet sofortige Erledigung der Vorlage. Abg. Dr. Bamberger (freis.) verlangt, daß die auf Grund des vorliegenden Gesetzes erlassenen Verordnungen dem Reichstage zur Genehmigung vorgelegt werden. Abg. Dr. Meyer-Jena (natl.) erklärte sich für die Vorlage, beantragte aber Berathung derselben in einer besonderen Kommission. Abg. v. Helldorff (kons.) suchte die Ten-
Arrf geheimnisvollen Wege«.
Roman von 1 105
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Januar.
* Dr. Windthorst veröffentlicht folgende Danksagung:
Zu meinem Geburtstage sind mir wieder so viele Hunderte von Telegrammen, Briefen, Blumenspenden und anderen Beweisen der ungeminderten Theilnahme von allen Seiten zugegangen, daß es mir bei dem Drang meiner sonstigen Obliegenheiten zu meinem schmerzlichsten Bedauern ganz unmöglich ist, für jeden einzelnen Glückwunsch insbesondere zu danken. Ich bitte deshalb auch in diesem Jahre meinen so herzlichen als ganz verbindlichsten Dank öffentlich und Allen zugleich abstatten zu dürfen. Derselbe ist um so viel inniger, je freundlicher sich mit den Glückwünschen fast überall die ausdrücklichsten Zustimmungen zu meinem Verhalten im politischen Mandat und die ergreifendsten Versicherungen vereinigt haben, daß nichts und niemand auf der Welt im Stande sein werde, mich von den Freunden oder diese von mir loszu- reißen. An meinem Theil lege ich abermals gern das Versprechen ab, daß ich, durch keine Anfechtung erschüttert, auf dem mir anvertrauten Platz ausharren und alle meine Kraft der großen Sache, für die wir arbeiten, so lange widmm werde, als nicht der Herr über Leben und Tod ein Ende machen will. Besonderen Dank statte ich denen ab, welche den Anlaß meines Geburts- sestes benützten, um mir größere und kleinere Beiträge zum Bau einer zweiten katholischen Kirche in Hannover zur Verfügung zu stellen. Indem ich dieses Lieblingskind meiner Wünsche dem fortgesetzten Wohlwollen meiner verehrten Freunde recht angelegentlich empfehle, bitte ich Gott, daß er den gütigen Gebern lohne, was ich ihnen auf andere Weise nicht vergelten kann. Berlin, 18. Januar 1886. Dr. Windthorst.
* In Betreff des neuen Candidaten für Posen erfährt die ,Corr. Falkenb.' au» informirter Quelle, daß derselbe weder Pole ist, noch einen polnischen Namen trägt. Damit scheiden mehrere der bisher Genannten aus. Ob Rom oder Preußen den Candidaten in Vorschlag gebracht, weiß dieselbe nicht; wahrscheinlich das letztere. Daß der heil. Stuhl die regierungsseitig etwa vorgeschlagene Persönlichkeit sehr genau in Bezug auf alle hier in Frage kommenden ,Qualifikationen prüfen wird, unterliegt keinem Zweifel. Ebenso ist zu hoffen, daß die zur Berichterstattung etwa Aufgeforderten Rom eingehend informiren werden. Jedenfalls wird die Stellung des neuen Erzbischofs in Posen noch erschwert werden durch die neu angekündigten Maßregeln gegen die Polen. Noch zerbricht nian sich die Köpfe über die Natur derselben. Man meint, sie würden sich auf dem Schulgebiete bewegen; indessen kann Preußen noch über das
sah sofort, daß er sich nicht geirrt hatte. Der Brief war in der That von Giralda. Sie gab ihm ihre Adresse in Vernon auf und versicherte ihm, daß sie sich wohlbefände. Nach aller Angst, die er ihretwillen ausgestanden, erfüllte ihn dieser Brief mit neuer Hoffnung. Er küßte ihn, wie ein stürmischer Liebhaber zu thun pflegt, immer und immer wieder, und seine Thränen, Thränen der Freude, fielen darauf nieder. „Ich werde morgen mit dem Frühzuge abreisen", sagte er zu sich selbst. „Dann kann ich morgen Nachmittag bei Giralda sein."
Am nächsten Morgen machte Gilbert sich auf den Weg nach Vernon, um Giralda dort aufzusuchen und in Sicherheit zu bringen. Die Brust von Muth und Hoffnungen geschwellt, ritt Gstbert in den nebelgrauen Morgen hinaus. Er träumte von einem baldigen Wiedersehen des jugendlich schönen Bräutchens, nicht ahnend, daß sie in diesem Moment bereit» ihm auf'S Neue gänzlich entrückt war. Die Entdeckungen der nächsten Stunden sollten ihn jäh au» allen seinen Himmeln stürzen und ihn nahezu an den Rand des Wahnsinns treiben.
LII.
Herzog Gilbert von Beaufort erreichte Vernon nur wenig später, al« er sich ausgerechnet hatte.
den; der Verkleinerung unserer kolonialpolitischen Resultate als ungerechtfertigt zurückzuweisen. Nach längerer Auseinandersetzung zwischen den Abgeordneten v. Helldorff und Dr. Windthorst über parlamentarische Regierungsform wuroe die Vorlage einer besonder» Kommission überwiesen. Es folgte Berathung des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern. Abg. Dr. Barth (freis.) wandte sich gegen die Schutzzollpolitik. Staatssekretär v. Burchard erklärt zunächst, daß die Regierung an der Verhandlung über den Antrag, betreff. Zollfreiheit der Petroleumfässer nicht theilnahm, weil der Antrag in seiner Fassung der Regierung ungesetzliches Verfahren zuin Vorwurf machte und trat sodann den Barth'schen Angaben entgegen. Die Schutzzollpolitik habe einen wirthschaftlichen Aufschwung und eine Besserung der Löhne zur Folge gehabt. Die Weiterberathung wird auf morgen vertagt.
* Die Gesammtkosten der Volkszählung, sowie die Verarbeitung und Publikation der Resultate dieser Zählung sind einschließlich derjenigen Ausgaben, welche der Mittheilung von Abschriften der Zählkarten rc. über die in Preußen ermittelten Ausländer an die betreffenden fremden Staaten entstehen, auf 589,100 M. veranschlagt. Davon werden für das Etatsjahr 1885/86 320,500 Mark als außeretatsmäßige Ausgabe verrechnet werden, 215,600 sind für das Rechnungsjahr 1886/87 in Ansatz gebracht und 53,000 Mk. für das darauf folgende Jahr vorbehalten.
* Hamburg, 20. Jan. Die internationale Fahrp!a«konfers«z ist heute Vormittag hier zusammengetreten. Die Konferenz ist von 93 Vertretern der Eisenbahnverwaltungen und Dampf- schifffahrtsgesellfchaften besucht. Deutschland und Oesterreich-Ungarn delegirten auch staatliche Vertreter. Der Sommerfahrplan tritt am 1. Juni in Kraft. Die Konferenz für den Winterfahrplan von 1886/87 findet am 17. Juni in Amsterdam statt. Em Antrag der Gotthard- bahn auf einheitliche Bezeichnung der Nachtzeiten auf den Fahrplänen wurde angenommen.
* Aus Würzburg wird der .Germania' geschrieben: „Die jüngst erschienene Encyclica des hl. Vaters an die preußischen Bischöfe wurde unter Mitwirkung des als katholischer Gelehrter weithin bekannten päpstlichen Prälaten und Theologieprofessor Dr. Hetlinger dahier ausgearbeitet,
Er begab stch zunächst nach einem Gasthofe, um seine Toilette in Ordnung zu bringen, ehe er sich auf die Suche nach seiner Verlobten machte. Die erste Person, welcher er im Gasthofe „zur goldenen Harfe" begegnete, war Gras Eugen von Lamartin. Ein satanisches Feuer erglänzte in den Augen des Grafen und ein dämonisches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich vor seinem jungen Rivalen verbeugte, so daß demselben das Blut in den Adern erstarrte. Seine Gefühle jedoch bestmöglichst zu verbergen suchend, erwiderte Gilbert den Gruß des Grafen und wollte eben an ihm vorüberschreiten, als der Letztere die Hand ausstreckte und ihn dadurch zum Bleiben aufforderte.
„Das ist ja ein glückliches Zusammentreffen, Herr Herzog," redete Eugen ihn an. „Wie es scheint, sind wir in gleicher Absicht hier. „Wirklich, die Damen besitzen eine große Anziehungskraft, indem ein junge» Mädchen Sie von Schloß Adlershorst und mich der eleganten Pariser Ge- ellschaft entfremdet. Ich habe soeben die Ent- reckungen gemacht, daß Fräulein Alvarez, oder oll ich sagen Fräulein de Vigny, hier ist!"
„Geben Sie mir den Durchgang frei, Graf von Lamartin," sagte Gilbert stolz. „Ich will den mir so theuren Namen nicht von Ihren Lippen entweiht wissen!"