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JM 12

Sonnabend, dm 16. Januar

1886.

Jfulbacr

kilniig

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Januar.

— Von dem Plane einer kirchenpolitischen Vorlage an den Landtag ist absolut nichts bekannt. Dagegen arbeitet man hier und sonst mit Hochdruck, um da« Centrum und speziell Dr. Windthorst partout al« einziges „Frieden«hinderniß" darzustellen. Jndeffen da« katholische Volk kennt die Flötentöne und geht nicht auf den Leim. — Uebermorgen (17. Jan.) tritt Dr. Windthorst in sein 75. Lebensjahr. Dieser Tag ist für das ganze katholische Deutschland von hoher Bedeutung. Kann sich der Centrumsführer auch nicht in der Gunst der Mächtigen sonnen, so hat er das gewiß nicht minder erhabene Bewußtsein, daß Millionen und Millionen mit stets steigender Ver­ehrung ihn lieben, daß zahllose ihn in seinem rastlosen Kampfe für des Volkes heiligste Jntereffen und des Vaterlandes Wohl in ihren Gebeten be­gleiten. Nicht wird die Geschichte von ihm welt­bewegende Thaten verzeichnen: aber sie wird seinen Namen in unvergänglicher Schrift tragen als den Namen des unermüdlichen Kämpfers für Wahr­heit, Freiheit und Recht! — Möge Gott uns noch recht lange unseren ausgezeichne­ten parlamentarischen Führer in aller Kraft und Rüstigkeit erhalten.

* Einer Mittheilung der .Kreuzztg/ zufolge wjirde die Frage wegen der anderwettigen Be­setzung de« erzbischöflichen Stuhles von Posen- Gnesen auf Grund eines vom Papste gemachten Vorschlages allerdings in „allernächster Zeit ihren Abschluß" finden, jedoch würde der neue Erzbischof nicht polnischer, sondern deutscher Nationalität sein.

•• Nach der bereits ausführlich mitgetheilten Eröffnung des Landtages traten beide Häuser zu kirzen Sitzungen zusammen; den Vorfitz im Ab­geordnetenhause übernahm als ältestes Mit­glied Abg. v. Lessing, auf deffen Aufforderung da» Haus seine Verhandlungen mit einem drei­fachen Hoch auf den Kaiser eröffnete. Dann sand die provisorische Konstituirung de» Hauses statt, woraus die nächste Sitzung auf Sonnabend, mit der Tagesordnung; Präsidentenwahl, angesetzt wurde. — Auch die Verhandlungen des Herren-

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von J. helfet».

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Des Mädchen» Hand war gerade im Begriff, in Alfred'« Tasche zu langen, al» der Graf sich plötzlich umsah und beide Geschwister erschreckt zu­sammenfuhren. „Ich sehe, was Sie vorhaben," sagte er kühl. „Sie wollen fliehen! Ader daran denken Sie nicht. Zum zweiten Male sollen Sie mir mcht entwischen!" Er hielt die Pferde an und hob den jetzt wieder weinenden Knaben auf dm Vordersitz, wo er ihn neben sich setzte und ihn in die Decke einhüllte, um ihn vor dem Regen zu schützen.

„Und jetzt, Giralda," rief er, die Pferde wieder in Trab setzend, au», „mögen Sie mtfliehen, wenn Sie e» wollen. Aber bedenken Sie es wohl, Sie besiegeln damtt da« Todesuttheil Ihres Bruders!"

Seine Worte, mit stoischer Ruhe gesprochm, machten einen furchtbaren Eindruck auf da» junge Mädchen. „Graf von Lamarttn," rief sie flehent­lich, „habm Sie denn gar kein Mitleid mit mir? Weder mein Bruder noch ich habm Jhnm je etwa«

Leide gethan. Ich bitte Sie, laßen Sie un­frei —'“

»Nicht« zu Leide gethan!" wiederholte der Graf höhnisch. „Ich denke, es ist Leide« genug für «ich, daß Sie Beide und Ihr anderer Bruder sich

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trag, worauf Abg. Dr. Möller (fteif.) die politi­schen und wirthschaftlichen Nachtheile der Auswei­sungen darlegte und einzelne Fälle, in denen mit besonderer Härte vorgegangen wurde, mittheilte. Abg. v. Helldorff-Bedra (kons.) bestritt die Kom­petenz des Hause», in dieser Frage Beschlüsse zu fassen, und rechtfertigte die Ausweisungen vom nationalen Standpunkte aus. Abg. Dr. Windt­horst wandte sich namentlich gegen die Ausführun­gen des Vorredners und empfahl seinen Antrag zur Annahme. Dr. Windthorst fertigte dann auch die offiziösen Schmähungen auf ihn ab. Frie­densstörer nenne man ihn; wenn man seine Rechte wahrnimmt, dann ist man kein Störenfried. „Es ist nicht wahr, daß ich den Frieden störe", sagte Dr. Windthorst und kam dann auf die Ver­handlungen zwischen Preußen und Rom zu sprechen. Wir werden einen Lorbeerkranz auf das Haupt des Fürsten Bismarck setzen, wenn wir den kirchenpolitischen Frieden erhalten! Diese Be­merkung rief den lauten Beifall des Centrums hervor. Darauf wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.

* Der Abg. Dr. Windthorst hat folgenden Eventualantrag zu der von den Freisinnigen in Bezug auf die polnischen Ausweisungen eingebrach­ten Resolution eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen, die Ueberzeugung auszusprechm, daß die von der königlich preußischen Regierung ver­fügten Ausweisungen russischer und österrei­chischer Untertanen nicht gerechtfertigt erscheinen und mit dem Jntereffe der Reichsanglchörigen nicht vereinbar sind.

• Der Verein der Spiritus-Fabrikanten in Deutschland tritt am Sonnabend in Berlin zu einer Generalversammlung zusammm. Die Tages­ordnung lautet: „Stellungnahme zu dem Entwurf eines Gesetzes betreffend das Branntwein- Monopol; Berathung eines Nothsteuer-Gefetz- entwurfes."

* Aus München, 14. Jan., wird der ,Fr. Ztg.' geschrieben: Auf Grund von Mittheilungen, Die uns von verläßlicher Seite zugehen und von anderer Seite bestätigt werden, sind wir in der Lage, folgende authentische Angaben über die bayrische Ministerkrisis zu machen: König

„Beleidigen Sie mich nicht mit Anträgen, die ich nie erhören kann!" erwiderte sie, näher rückend, damit sie ihren kleinen Bruder trösten konnte. „Ich kann Ihren Haß, doch nimmer Ihre Liebe ertragen!"

„Der Unterschied zwischen Liebe und Haß ist kein so großer, als es den Anschein hat," erroiberte der Graf sarkastisch. „Beide sind gleich wild und leidenschaftlich, und ich rathe Keinem, sie heraus­zufordern. Haben Sie auch bedacht, oder haben Sie in Ihrer Unschuld keine Ahnung davon, daß diese nächtliche Fahrt mit mir Sie vollständig kom- promittirt und den jungen Herzog von Beaufort trotz seines Glaubens an Ihre Treue veranlassen wird, auf eine Heirath mit Ihnen zu verzichten? Ich will Ihnen nur mitthellen, daß er Sie, wenn Sie auch frei wären, jetzt nimmermehr heirathen könnte.

Giralda schwieg.

„Ich bin nicht so schlecht, al« Sie vielleicht glauben," begann der Graf wieder. „Ich bin fast zur Verzweiflung getrieben worden durch den Ge­danken, daß ich beinahe so gut wie ein Bettler bin, während ich jahrelang der gerechtfertigten Meinung war, der direkte Erbe meines Onkel« zu sein. Sie vermögen au« mir einen edlen Men­schen zu machen. Giralda, ich liebe Sie! Ich verehre Sie fast wie eine heilige! Sie können Alle» au« mir machen, ich würde sein wie Wachs in Ihrer Hand! Sie habe» große Gewalt über mich!

Hauses wurden mit einem Hoch auf den Kaiser eröffnet, worauf da» bisherige Präsidium, Herzog von Ratibor, Präsident, Graf Armin Boitzenburg und Dr. Baseler Vizepräsidenten, wiedergewählt wurden. — In der heutigen, 2. Sitzung des Herrenhauses gedenkt Präsident Herzog v. Ratibor der seit der letzten Session verstorbenen Mitglieder, des Hauses, hebt die Verdienste derselben hervor und fordert die Mitglieder auf, da» Andenken der Verstorbenen durch Erheben von den Plätzen zu ehren. Hierauf gelangte ein Schreiben des Reichs­kanzlers zur Verlesung, in welchem er dem Hause mittheilt, daß er aus der Spende, welche ihm zu seinem 70. Geburtstage überwiesen, eine Schön- Hausen-Stiftung begründet habe und das Statut derselben übersende. Das Hau» erklärte sich da­mtt einverstanden, daß sein jeweiliger Präsident die Aufsicht über die Stiftung übernimmt. Die angekündigten Gesetzentwürfe einer Kreis - und Provinzial-Ordnung für Westfalen und einer Land­güter - Ordnung für Schleswig - Holstein werden einer besonderen Kommission von 15 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen. Schluß der Sitzung 123/4 Uhr. Nächste Sitzung unbestimmt.

•• DerReichstag trat heute in die Berathung der Interpellation Dr. v. Jazdzewski über die polnischen Ausweisungen und Der denselben Gegen­stand betreffenden Anträge ein. Am Bundesraths- tische ist Niemand anwesend. Abg. Dr. Windthorst motivirte seinen Antrag dahin, daß derselbe die Ausweisungen „nach ihrem Umfange und nach ihrer Art" für nicht gerechtfertigt erwart. Abg. Dr. v. Jazdzewski vettrat in zweistündiger Rede den Stand­punkt der Interpellation und führte aus, daß die Ausweisungen dem Rechte und der Humanität zu­widerliefen und eines großen Staate» unwürdig feien. Dr. Windthorst konstatirte nach Beendigung der Rede, daß die Debatte über die Interpellation beendet fei und die weitere Debatte die gestellten Anträge betreffe. Abg. Liebknecht motivirte den fozialdemokrattfchen Antrag auf Rückgängigmachung der Ausweifungsmaßregeln, die ein Rückfall in die alte Barbarei feien. Der Reichstag solle feinen Willen durchsetzen und da» Volk werde bei einem Konflikte hinter ihm stehen. Alsdann begründet Abg. Dr. von Jazdzewski kurz den polnischen An- zwischen mich und das schönste Befitzthum im gan­zen Kaiserreich gestellt haben!"

„Wir werden Ihnen ein Lösegeld zahlen, wenn Sie uns freigeben wollen," flehte das Mädchen wieder. „Ich will Ihnen jede Summe garantiren, die Sie bestimmen wollen. Meine Mutter wird sie Ihnen zahlen —"

„Das Lösegeld, welche» ich begehre, sind Sie selbst!" unterbrach der Graf da» junge Mädchen. „Ich liebte einst Ihre Mutter, die Comtesse von Chatroi», und wandte meine besten Lebensjahre daran, ihr diese Liebe zu erklären; ohne Erfolg. Diese Liebe hat sich seitdem in Haß verwandelt. Es würde ihr das Herz brechen vor Kummer, zu erleben, daß ihre Tochter mein Weib würde, und gezwungen fein, dieselbe mit ihrem Vermögen aus­zusteuern, daß es mir zu Gute käme! Armand haßt mich, und es wäre eine erwünschte Revanche für mich, wenn ich seine Tochter als Frau heim­führte. Mit einem Worte, Giralda, Alles verweist mich darauf hin, daß ich diesen KourS einschlage, und nicht das Wenigste tragen Sie selbst dazu bei! Ihre «Ähönheit, Ihre jugendliche Anrnuth, Ihre Unfchuld, Alle» dieses zusammen haben mein Herz, da» längst die Welt satt bekommen hatte, wieder zu neuer Lebenslust angefacht. Ich weiß nicht ein­mal ob Sie nicht gar noch der königlichen Erschei­nung Ihrer Frau Mutter, der Comtesse Gabriele, vorzuziehen find!"