anderer Theil der Anti-Semiten hat die antisemitische Fahne verstohlen in die Tasche gesteckt, weil er in geschäftlicher Hinsicht die Rache des Judenthums fürchtet. Ein anderer Theil fühlt sich zurückgestoßen von allerlei unsauberen Vor- kommnisien, die sich in letzter Zeit im anti-semitischen Lager abspielten, und so ist eigentlich nur ein kleiner anti-semitischer Stamm vorhanden, den die Juden aber in keiner Weise zu fürchten Anlaß haben — so lange die Regierung, wie dies das energische Auftreten der .Rordd. Allg. Zlg.' gegen Stöcker beweist, so fest zu ihnen steht.
* Die .Franks. Ztg.' hatte mitgetheilt, daß der Vizepräsident des Reichstags Frhr. v. Frankenstein die bayrische Ministerpräsidentschaft übernehmen würde. Die Richtigkeit dieser Nachricht wurde heute in Reichstagskreisen entschieden in Abrede gestellt.
* Braunsberg, 11. Jan. Nach dem eben erschienenen Direktorium der Diözese Ermland zählt dieselbe: 281 Priester; 7 Geistliche sind im Laufe des Jahres 1885 gestorben. Verwaiste Pfarreien, die durch Kuraten resp. Kapläne verwaltet werden, gibt es 39. Das 50jährige Jubiläum als Priester feiert im Jahre 1886 Herr Domherr Borowski in Frauenburg, das 25jährige folgende Herren: Domvikar Bedenck-Frauenburg, Pfarrer Olschewski - Gölkendorf, Kaplan Schwarz - Queetz, Kuratus Poschmann-Plauten, Kaplan Schneider- Heiligelinde.
Ausland.
* Rom, 13. Jan. Am Freitag oder Sonnabend wird hier eine päpstliche Encyclica an die deutschen Bischöfe publizirt werden. (,Fr. Z.')
* Belgrad, 13. Jan. Ein königliches Handschreiben anläßlich des Neujahrsfestes an Garafchani dankt demselben für seine patriotische staatsmännische Arbeit und für seine persönliche Aufopferung im Dienste Serbiens und dessen Herrschers. Außerdem ertheilt der König volle Amnestie sämmt- lichen in Folge des Aufstandes von 1883 oerur- theilten Personen, die sich in den Gefängnissen von Belgrad, Risch und Pozarevatz befinden. Die Flüchtlinge in Bulgarien sind also von der Amnestie ausgeschlossen.
"Newyork, 12. Jan. Eine Depesche der .World' aus Washington meldet, die Vorlage wegen Suspension der Silberprägung habe während der gegenwärtigen Session des Kongresses keine Chance. Das Repräsentantenhaus sei der Vorlage entschieden abgeneigt, die Staaten Newyork, New-Jersey und von Neu-England hätten sich energisch für die Vorlage ausgesprochen, in den anderen sei die öffentliche Meinung getheilt oder gegen die Suspension.
Aus Stabt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 14. Januar.
• Gestern verweilte auf der Durchreise nach Berlin unser Landtagsabgeordneter Herr F. Göß- mann in hiesiger Stadt. Die Eröffnung de» Landtages findet bekanntlich heute statt.
geht und der Doktor war heute bei ihm. Laß uns weiter gehen." Giralda ließ sich überreden, um so mehr als auch ihre Angst sie antrieb, nicht länger still zu stehen. Der widerspänstige Schirm war wieder in Ordnung gebracht und das junge Paar war gerade im Begriff, seinen Weg fortzu- setzen, al» Graf Eugen seinem Helfershelfer ein Zeichen gab, worauf beide Männer sich auf die überraschten und erschrockenen beiden jungen Wesen stürzten. Man hörte den Schrei einer weiblichen Stimme und das Stöhnen eines Kindes. Gleich darauf befanden sich beide Geschwister in den Händen ihrer Feinde.
„Nicht ein Wort! Nicht geschrieen, Giralda!" raunte Graf Eugen ihr befehlend in's Ohr. „Sie kennen mich. Bei dem ersten Schrei, den ihr Bruder ausstoßen würde, um Beistand herbeizurufen, würde ich ihn so erbarmungslos erdrosseln, wie ich einen Wurm zertrete!"
Giralda drängte den Schrei, der auf ihren Lippen zitterte, zurück. Ihre Stirn brannte; sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie wußte nur, daß ihr Feind sie aufgespürt hatte und sie wieder in seiner Gewalt sei. Mehr noch um Alfred als um sich selbst besorgt, hielt sie ihre Arme um den Bruder geschlungen, als ob sie ihn mit ihrem Leben schützen wolle.
* Aus der gestern in Sachen der Ortskrankenkasse abgehaltenen Generalversammlung theilen wir vorläufig Folgendes mit: Die durch das Loos ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt mit Ausnahme des freiwillig ausgetretenen Herrn I. Beuntner, an dessen Stelle Herr Maschinenbauer Ch. König tritt. Die Besoldung des Rechnungsführers wurde auf monatlich 60 Mark festgesetzt. Der letzte Punkt der Tagesordnung, die Aerzteftage, rief eine sehr lebhafte, fast 3stündige Debatte hervor, aus welcher schließlich die Herren Dr. Raabe und Dr. Kind mit bedeutender Majorität als gewählt hervorgingen. Die General- Versammlung wurde Punkt 12 Uhr geschlossen.
* Zu den Kreistagsabgeordneten des Kreises Fulda sind, dem ,F. K.' zufolge, nach den heute Vormittag beendigten Wahlen gewählt worden:
I. Aus dem Verband« der Landgemeinden:
1. Gutsbesitzer F. I. Herrlein von Margrethenhaun.
2. Kaufmann Eligius Groß von Dittershausen.
3. Bürgermeister Joh. Georg Bogel von Kerzell.
4. Bürgermeister Joseph Mohr von Rothemann.
5. Gutsbesitzer August Harnickel von Rückers.
6. Gastwirth Johann Adam Nau von Hauswurz.
7. Landwirth Damian Heurich von Rommerz.
8. Bürgermeister Bonifazius Weber von Blankenau.
9. Gastwirth und Bauer Plazidus Weißmüller von Großenlüder.
10. Bürgermeister Joh Seb. Schäfer von Oberbimbach. 11. Bürgermeister Daniel Herbert von Zirkenbach.
12. Bürgermeister Magnus Herr von Petersberg.
II. Aus dem Verbände der Stadt Fulda:
1. Oberbürgermeister F. Rang.
2. Vizebürgermeister Th. Arnd.
3. Fabrikant Julius Fuchslocher.
4. Fabrikant Jos. Hohmann.
5. Mühlenbesitzer Konst. Reinhardt.
III. Aus dem Verband« d«r größeren Grundbesitzer und höchstbesteuerten Industriellen rc.:
1. Gutsbesitzer C. C. Souchay in Künzell.
2. Domainen-Rentmeister Moll in Fulda.
3. Gutsbesitzer A. Barthels in Karolinenhof bei Dirlos.
4. Gutsbesitzer Karl Gottlob Döbel in Riesig.
5. Gutsbesitzer Ferdinand Struth in Sickels.
6. Kastellan Ferdinand Graff zu Schloß Adolpseck bei Fulda.
** Die Theaterdirektion Herrmann hat den für hiesige Stadt angekündigten Cyclus ihrer Vorstellungen gestern Abend mit dem bekannten vier- aktigen Schwank von Schönthan „Der Raub der Sabinerinnen„ eröffnet. Es soll nicht unsere Absicht sein, bei den im Uebermaße gebotenen Vergnügungen für diese Theatervorstellungen marktschreierische Reklamen zu machen, allein ebensowenig wollen wir vergessen, daß es unsere Aufgabe ist, von allem Bemerkenswerthen, das in hiesiger Stadt geschieht, geziemende Notiz zu nehmen. Und da es am gestrigen Abend gerade die Eröffnungs- Vorstellung war, welche in Scene ging, so sehen wir uns veranlaßt, derselben besondere Aufmerk- samkeit zu widmen. Der „Raub der Sabiner- innen" ist eines jener modernen Zugstücke, auf welches sich das bereit» im vorigen Sommer an dieser Stelle über „Hasemanns Töchter" Gesagte ebenfalls anwenden läßt. Ungemein reich an rasch wechselnden Scenen und modernen Witz« und Schlagwörtern läßt es den Zuschauer keinen Augenblick aus der Spannung und aus dem Lachen herauskommen. Es ist mit Witz und Geschick gemacht, aber zu den Erzeugnissen wahrer Poesie
„Bringe den Knaben nach dem Wagen, Bertram," befahl der Graf, während er sein wachsames Auge auf Giralda ruhen ließ, was ihn jedoch nicht hinderte, gleichzeitig die Straße nach beiden Seiten hin zu beobachten. Der kleine Alfred wurde, mehr tobt als lebendig, in den Wagen gebracht; die Angst hatte ihn fast ge- tödtet.
„Fessele ihn," befahl der Graf kurz. Bertram «eilte sich, des Knaben Hände und Füße zu binden.
„Ach, nehmen Sie ihn nicht von mir fort, nehmen Sie mich auch mit I" rief Giralda angsterfüllt aus, als sie des Knaben unter- irücktes Stöhnen hörte, welches ihr durch'» Herz drang.
„Das ist auch ganz meine Absicht", erklärte )er Graf mit schriller Stimme, der man die Aufregung anmerken kannte. „Sie sollen ihn begleiten, ja, sie sollen gewissermaßen seine Wärterin ein, denn von Ihrem Verhalten wird & abhängen, ob er am Leben bleibt. Ich bin ein des- larater Mann, Giralda, und befinde mich in ge« \ >rückter, verzweiflungsvoller Stimmung. Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein, in den Wagen zu i !ommen."
Giralda zögerte. Ihre Augen schossen Blitze ' rurch die Dunkelheit der Nacht und durch den Regen auf ihren Feind. Auf der Straße war
gehört es nicht. k Das Ganze ist nur auf den Kassen- und Lacherfolg berechnet. Und in der That streichen die Verfasser derartiger Schwänke ganz enorme Summen ein. Wer sich einfallen läßt, sein Talent an eine Tragödie zu verschwenden, der kommt vielleicht in die Literaturgeschichte, sicherlich aber nicht auf einen grünen Zweig. Ja wenn heute ein Shakespeare aufstände und unsere Bühnen mit klassischen Trauerspielen überschwemmte, so würden ihn die Theater-Direktoren schließlich zur Thüre hinauswerfen. Aber die lustigen Jünger des Soccus kommen weiter als ihre auf hohem Kothurn einherschreitenden Kollegen; sie lassen die Ehre fahren und greifen nach dem Baren. L'Arronge, Moser, Schönthan, Blumenthal, das sind die Glücklichen, denen die Hunderttausende wie reife Aepfel in den Schooß fallen. Der Erstere erhielt, wie wir noch jüngst in einem größeren Blatte lasen, für ftin bekanntes Lustspiel „Doktor Klaus" 100,000 M., Moser und Schönthan erhielten für ihren gemeinschaftlichen Schwank „Krieg im Frieden" jeder 100,000 M. Ebensoviel vereinnahmte Schönthan bis jetzt für seinen Schwank „Der Raub der Sabinerinnen". Wenn man nun bedenkt, daß diese Herren noch eine ganze Reihe zugkräftiger Lustspiele und Schwänke ge- dichtet haben, so kann man ihre Einnahmen keck nach Millionen Mark berechnen. Es läßt sich allerdings nicht verkennen, daß eben das Geld auch Alle» ist, was die Stücke ihnen einbringen — die Geschichte der Poesie wird, wie gesagt, die Namen dieser Dichter kaum erwähnen. Aus dem Gesagten mag nun der Leser ersehen, meß Geistes Kinder diese modemen Bühnenstücke sind und hiernach ermessen, in wie weit dieselben seinem persönlichen Geschmack und Bedürfniß entsprechen. Wir sind der Theaterdirektion auf Grund der gestrigen Eröffnungsvorstellung jedenfalls die Anerkennung schuldig, daß sie über Kräfte verfügt, die ihre Sache verstehen und an deren Leistungen bloßer Dilettantismus bei Weitem nicht hinanreicht. Wenn dementsprechend die Auswahl der aufzuführenden Stücke eine zweckmäßige «st, so dürfte den Theater- freunden noch manche angenehme Unterhaltung in Aussicht stehen. Der Besuch der Eröffnungsvorstellung war ein ziemlich guter, insbesondere waren es die vorderen Sitzreihen, wUche kaum eine Lücke zeigten.
* Die Königl. Regierung bringt zur öffentlichen Kenntniß, daß zufolge Erlasses des Herrn Mini- fiere für Handel und Gewerbe in dem Regierungsbezirk Cassel in Zukunft nur die Aichungsäm- ter in Caffel und in Fulda zur Aichung von Waagen jeder Größe befugt sind. Dagegen ist die Befugniß der Aichungsämter zu Eschwege, Hanau, Marburg und Witzenhausen aus die Aichung von Waagen mit einer Tragfähigkeit bis zu 10,000 kg. und die Befugniß aller übrigen zur Aichung von Waagen berechtigten Aichungsämter auf die Aichung von Waagen mit einer Tragfähigkeit bis zu 2000 kg. beschränkt worden.
* Zur Rhönbahnfrage wird dem ,Cass. Jl.' neuerdings geschrieben:
„Die von der preußischen Regierung, resp. vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten in der Rhönbahnfrage Niemand zu erblicken. Die Läden waren alle geschloffen und deren Inhaber hatten sich in ihre hinteren Wohnz-mmer zurückgezogen. Es war nicht möglich, daß sie Jemand hören würde, wenn sie versuchte, um Hilfe zu rufen. Halb ohnmächtig ließ sie es schließlich zu, daß der Graf ihr in den Wagen half.
„Soll ich die junge Dame binden, Herr Graf," fragte fein Diener.
„Nein, es ist nicht nöthig," erwiderte Eugen. „Du brauchst nur den Knaben so hinzusetzen, daß ich ihn jederzeit erreichen kann. Wenn sie versuchen sollte, zu entfliehen, so ist damit sein Tode»- urtheil besiegelt."
Giralda sank ans einen der gepolsterten Sitze nieder, worauf Bertram Beide mit einer alten Decke zudeckte; dann sprang er vom Wagen auf« die Straße.
„Gehe sofort nach der Klippe in's Fischerhaus und bringe Frau Bichou mit," sprach Graf Eugen mit gedämpfter Stimme. „Du kannst Dich sogleich auf den Weg nach der Bahn machen. Ich werde meine Passagiere schon allein bewältigen." Er nahm den Kutschersitz ein, die Zügel und die Peitsche in die Hand und forr ging es in langsamen Schritt zum Thore bnau«, während Bertram die entgegengesetzte Richtung nach der Station einschlug. (Forts, folgt.)