Dienstag, den 12. Januar
1886
A
Fuldaer
gehen. Am 10. November wurden die Kammern
Juli ein diesbezüglicher Antrag gestellt. Am 24. März nahm die Deputirtenkammer das Ideal Gambetta's, die sogenannten Llstenwahlen an, wodurch die Zahl der Deputirten von 553 auf 597 wuchs. Am 6. August wurde das Paria- ment geschloffen, und der Wahlkampf, der jetzt entbrannte, war ein so wüster und erbitterter, daß er in der ganzen Welt seines Gleichen vergebens suchen dürfe. Man kämpfte nicht blos mit init Stuhlbeinen, Biergläsern, I UIIV o-cupc qciiug, UIN Ull ver iaiyori;cyen Todtschlägern und Revolvern und dieser Kampf I Kirche ihr Müthchen zu kühlen und das hat sie vollzog stch nicht blos zwischen der konseroatroen L ' ' ~ ~
und der republikanischen Partei, sondern mehr noch zwischen den Opportunisten und den Radikalen.
schwenderischen und wahnsinnigen asiatischen Politik in Anklagestand zu versetzen, und wurde am 4.
seinem Poften belassen, Gcevy wurde von der Nationalversammlung mit ziemlich großer Majorität wiedergewählt, freilich hatte die republikamsche Mehrheit durch willkürliche Cassirung der konservativen Wahlen in mehreren Departements das Stimmenoerhältniß in dem nicht vollzähligen Kon- greß künstlich beeinflußt. Die turbulenten Scenen, welche sich sowohl bei der Tongking-Debatte, wie bei der Präsidentenwahl abspielten, legten von der politischen Reife der französischen Volksvertreter ein gar schlecht s Zeugniß ab. Trotz all' dieser Wirren hatte die französische Republik Zeit, Lust und Muße genug, um an der katholischen
wieder eröffnet, und seit dem Tage bot Frankreich das Bild einer mustergiltigen Konfusion. Die Frage, welche im Vordergrund der Diskussion stand, war die: ob Tongking geräumt werden solle oder nicht, denn das Ministerium Briffon hätte abdanken müssen, wenn die verlangten Kredite nicht bewilligt worden wären. Nicht minder wichtig war die Präsidentenwahl, die darüber entschied, ob die Strohpuppe Gcevy noch länger an der Spitze der Republik bleiben sollte oder nicht. Nun, man hat den guten schwachen Herrn, da
Januar vollzog sich ein Wechsel im Kriegsministerium, und in der Charwoche purzelte das ganze Kabinet Ferry, an dessen Stelle ein Verlegenheits-Ministerium, mit Brisson an der Spitze, trat. Die immer mächtiger gewordenen Radikalen _____, ______ ..... „
trugen sich in allem Ernste mit der Absicht, den I kein ' gefügigeres Werkzmg" auszuttlwe/'ist""' auf Exminlsterprasidenten Ferry wegen seiner ver- seinem Posten belassen, Gcevy wurde von der
denn auch nach all-n Regeln der Kunst gethan. Das großartige Kulturwerk, das sie schon feit Jahren betrieben, wurde damit fortgesetzt, daß die Kaplangetzäkter atzesMsc <r..~ die-OlDeueffchwtfikcrr aus den Pariser Hospitälern verjagt wurden; die Krone aber setzten sich die Kultuckämpf.r mit dem Rande der Gen ovefakirche auf, die am 28. Mai schändlich entweiht und in ein Pantheon verwandelt wurde, wo der am 22. Mai verstorbene Dichter Viktor Hugo als erster Nationalgötze seine Aufstellung fand. Die Schändung der Kirchen hat aber noch immer Barrikadenbau im Gefolge gehabt.
bannten auf dem Fuße, jede seiner Bewegungen beobachtend und jeden seiner Schritte scharf bewachend, wie der Spürhund die Fersen des gehetzten Wildes verfolgt.
XL VI.
Graf Eugen von Samartin war ohne weiteren Aufenthalt bis nach der Eifenbahnstation geritten, um sich angelegentlichst nach Giralda zu erkunvigen. Er erfuhr dort zunächst, vaß der Fcühzng bereits vor einer Stunde abgegangen fei, welche Nachricht beinahe fein Herz still stehen machte vor Furcht, daß ihm sein Opfer abermals entschlüpft sei. Weitere sorgfältige Erkundigungen ergaben jevoch, daß keine junge Dame, auf welche Giralda's Personalbeschreibung paßte, diesen Zug benutzt hatte. Ein Lächeln der Befriedigung umspielte den Mund des schurkischen Grafen. Wieder sein Pferd besteigend, ritt er nach dem ersten Gasthof der Stadt, eines jener alten kunstvoll aufgeführten Steingebäude, welche als Bauwerke früherer Generationen noch jetzt bewundert werden.
Der Wirth des Gasthofes „Zur goldenen Harfe", ein kleiner behäbiger Mann mit geröthetem Gesicht, eilte heraus, feinen Gast willkommen zu heißen.
„Hat bei Ihnen eine junge Dame Wohnung genommen, Herr Wirth?" fragte Eugen, sich aus dem Sattel schwingend. „Eine junge Dame, welche
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Januar.
* Die ,Germ.' schreibt: Aus Rom erhalten wir die telegraphische Nachricht, daß die Posener Bi- schofsfrage gelöst sei. lieber die Art der Lösung haben wir noch, nichts erfahren, wie wir überhaupt auch die vorstehende Nachricht unter aller Reserve wiedergeben.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bezeichnet die Nachricht, der Papst habe mit Beziehung auf die katholischen Missionen an den Kaiser geschrieben, als eine Erfindung.
• Laut Angabe der ,Pol. Corr.' betrug die Gesammtzahl der aus Preußen ausgewiesenen und in Galizien eingetroffenen Polen russischer Staatsangehörigkeit Ende Dezember 370 Familien mit 1168 Personen, von denen der größte Theil )urch die HilfskonMz in Lemberg und Krakau untergebracht worden ist. Die Zahl der aus Preußen ausgewiesenen und in Galizien eingetroffenen Polen österreichischer Staatsangehörigkeit betrug zum gleichen Z iipunkte 115 Familien.
• Zur Beschränkung des Schnapstrinkens in der Armee macht die ,Allgem. Militäcztg/ einige verständige Vorschläge: Die Unteroffiziere und Offiziere sollten in Gegenwart von Untergebenen ja recht vorsichtig sein bei dem Genüsse alkoholischer Getränke; im besonderen sollte das starke Trinken von Schnaps überhaupt vermieden werden. Auf Märschen, bei Felddienst-Uebungen, bei den Manövern u. s. w. sollte dem Soldaten durch das Beispiel gezeigt werden, daß erst dann
wurde, hatte eben nur papierenen Werth. Wie viele Tausende von Soldaten in Tongking verbluteten, und wie viele Millionen die Expedition verschlang, wird vielleicht niemals genau bekannt werden; aber wie schwach die Position der Fran- z'sen in Anam und Tongking ist, gebt schon aus der haarsträubenden Thatsache hervor, daß mehr als 24,000 Christen unter den gräßlichsten Martern dort niedergemetzelt worden sind. Die Krone aber setzte sich Frankreich damit auf, daß ein Feldherr den anderen der Unfähigkeit, der Trunksucht und der Spitzbüberei beschuldigte, und daß somit der Welt einShauspiel geboten wurde, welches einzig in der Geschichte dastehen dürfte!
❖ Jahresrundschau.
IX.
Die inneren Unruhen traten durch die fortwährenden Kriseleien im Ministerium, die heftigen Wahlkämpfe und durch die drohende Haltung der beschäftigungslosen Arbeiter zu Tage. Schon im
Die Tongkingexpedition ist ein trauriges und häßliches Blatt in der Geschichte Frankreichs, und die Verachtung, mit welcher man die asiatischen Barbaren behandeln zu dürfen glaubte, hat sich bitter gerächt. Bei Kelung und Songfon zogen die Franzosen den Kürzeren, — Admiral Courbet fiel am 15. Juni in der Schlacht, — und der Friede, der mit China auf dem Papier geschloffen trat Jean Froffard so zur Seite, daß Gabrielen's Begleiter und der alte Marquis de Vigny einander in's Auge sehen konnten. Der Marquis sah frei und arglos in das Antlitz der Vorüberschreitenden; fiel ihm kein Zug auf in diesen ihm einst so theu- ren Mienen?
Armand's Augen füllten sich mit Thränen hinter den schützenden Brillengläsern. Der Anblick dieses alten, edlen Antlitzes erschütterte ihn bis in das Innerste seiner Seele. Tausend Erinnerungen aus fernen, sonnigen Tagen kehrten in sein Ge- dächkniß zurück in diesem Moment. Aber er mußte sich beherrschen. Sich verneigend gegen die beiden älteren Herren, ging er seines Weges weiter, sich schwer auf seinen Krückstock stützend, als sei er wirklich ein alter, gebrechlicher Mann. Im näch- sten Augenblicke hatte er das Palais Chalrois ver- laffen. Gleich darauf erschien auch der Polizeispion auf der Straße. „Ich will nicht Jean Fros- sard heißen," murmelte er vor sich hin, „wenn dieser alte Musikprofessor nicht Armand de Vigny ist, der unter falscher Flagge seit langen Jahren sich vor den Seinen verbirgt. Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen. — ah, ich glaube einem großen Familiendrama auf der Spur zu sein, dessen Äitdeckung mir goldene Früchte eintragen soll!" In einiger Entfernung folgte er dem Ver-
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Eine für Frankreich neue Erscheinung wirdies daß die konservativen und monarchisch-gesinnten Elemente zum ersten Male den inneren Hader bei Seite setzten und geschlossen den Republikanern und Radikalen entgegentraten. Hierdurch kam es, daß am 4. Oktober, dem Wahltage, die Konser- vativen 270 Sitze eroberten, und wenn auch bei den zahlreichen Stichwahlen die Linke wieder die Mehrheit an sich riß, so war doch zweierlei klar geworden; erstens, daß die erhaltenen Elemente in Frankreich eine große Gefolgschaft hinter sich haben, und daß eine katholische Partei, nach Art des deutschen Centrums, nur eine Frage der Zeit ist; und zweitens, daß der bankerotte Republikanismus vor dem rücksichtslosen Radikalismus die Segel streichen muß. Die Listenwahl hat sich als ein zweischneidiges Schwert erwiesen, und die republi- kanische Lotterwirthschaft wird daran zu Grunde
-H- Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von J. g7
Wenige Minuten später schritt der Herr „Professor", bleich, demüthig und gebeugt an Gabrielens Seite durch die große Halle.
In demselben Moment wurde wie zufällig auch die Thür des Salons geöffnet und Monsieur Frof- fard trat in die Halle. Er wurde von dem Grafen von Chatrois und dem Marquis de Vigny hin- ausbegleitet und verließ unter tiefen Verbeugungen .n ®QI°n- Gabriele übersah die Situation mit emem einzigen Blick und raffte all' ihre Fassung zusammen. Mit dem Talent einer wirklichen Schau- ? otAu ܰar ""der blitzschnell die stolze Ge- lellfchastsdame geworden, die jedoch eine huldvolle unb protektorische Miene für ihren alten Lehrer
« "t *önnen üch auf mich verlassen, Pro- sefsor, sagte mit gedämpfter Stimme, welche je»
°em scharfen Gehör des Polizeispion» nicht "3ch werde meinen ganzen Einfluß gel» bezieh'?*"' ®ie fönnen W jederzeit auf mich ""gebliche Professor murmelte einige Dan- »?‘öot£e- 3» diesem Augenblicke hatten Beide die Salons erreicht, wo der Graf und seine fucher standen. Eine Entschuldigung murmelnd,