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7. Montag, den 11. Januar 1886

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnemsntspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., __ mit der

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts d Mk. 75 Pfg.

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❖ Jahresrundschau.

VIII.

Zu den mannigfachen politischen Zuckungen, welche den Frieden Europa's im letzten Jahre fortwährend gefährdeten, traten im letzten Viertel plötzlich die Wirren auf der Balkanhalbinsel, welche ganz Europa in Unruhe und Aufregung versetzten und die Zündschnur an das orientalische Pulverfaß legten. Die ägyptische Frage und das Vorgehen der Italiener im Rothen Meere hatten glücklicherweise keine weiteren Wellen geschlagen, — da brach plötzlich am 18. September in Ost- rumetien die Revolution aus: Fürst Alexander von Bulgarien stellte sich an die Spitze derselben, trat den Berliner Vertrag mit den Füßen, jagte den türkischen Generalgouverneur zum Kuckuck und proklamirte ein Großbulgarien. Daß das perfide Rußland seine Hand dabei im Spiele hatte, ist zweifellos, -- aber späteren Tagen wird es erst vorbehalten sein, den aus Jntriguen, Falschheit und Ränken gesponnenen Schleier, der die An­fänge und den Verlauf dieser blutigen Posie ein­hüllt, ganz zu lüften. Die Lage war ernst und so verwickelt wie möglich, denn die Fäden der europäischen Politik laufen im südöstlichen Winkel Europas zusammen, und gerade dort machen sich die Jntereflengegensätze am schärfsten und folgen­schwersten bemerkbar. Alle Balkanstaaten rasselten mit dem Säbel und rüsteten; allen voran das kriegslustige Serbien, der Schützling Oesterreichs, das Höllenangst hatte, cs möchte 5d der Beute- vertheilung zu kurz kommen. Auch Griechenland machte mobil, denn Macedonien ist ein begehrens- werther Brocken, — kurz, der ganze Hexenkessel mit den kleinen Gerngroßen drin fing an zu brodeln und zu tanzen. Es war, als habe die ganze Sippe von Duodezstaaten, die gleichsam einen Wall zwischen dem hungrigen Rußland und der morschen Türkei bilden sollen, auf den Augenblick gelauert, um losschlagen und für die Hetzer und Spekulanten im Hintergründe die Kastanien aus dem Feuer holen zu können. Um einen Weltbrand zu verhüten, traten die Botschafter der Großmächte in Konstantinopel zu einer Konferenz zusammen; allein es war bei der Uneinigkeit der Mächte' zumal da Rußland und England im schroffsten Gegensätze zu einander stand n, und England er«

-H- Auf gehennuißvoüen Wegen.

Roman von J H,Henkel». %

Die Comteffe wurde nachdenklich. Ohne Zwei­fel war es Jean Froffard, der ihren Gemahl in seiner Verborgenheit aufgesucht hatte entweder um dem Grafen Eugen zu gefallen, ober — Gabriele wollte das Blut in den Adern stocken — ober um ben Verfolgten an ben Marquis be Bigny gegen eine hohe Summe zu verralhen. Unb Armand, welcher soeben erst dem Polizei­spion entronnen zu fein glaubte, befand sich jetzt in seiner allernächsten Nähe, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben. Die Gefahr in der ihr Gemahl schwebte, ängstigte die Comteffe über alle Maßen.

„Du siehst so bedrückt aus, Gabriele," sprach ihr Gatte lächelnd. „Ich bin jetzt sicher aufge­hoben. Ich habe zwei niedliche Zimmer gemietet, in einem Hause, in dessen Parterre sich eineMu- ickalienhandlung befindet und habe ein Schild mit meinem jetzt angenommenen Namen ausgehängt. Niemand wird unter solcher Maske mich hier in Paris vermuthen."

»Und Rupert?" fragte die Comteffe. „Was sagt er zu der eiligen Flucht und den immer­währenden Verkleidungen? Was sagt er dazu,

nichts Wichtigeres zu thun zu haben, als sich um den letzten Rest von Kredit int Rathe der Völker zu bringen. Folgende vier Punkte waren es, welche vornehmlich im Jahre 1885 die dritte Re­publik brandmarkten: leere Staatskassen mit einem ungeheuren Defizit; permanente Unruhen im Innern und Gewaltmaßregeln; Kulturkämpferei und die unglücklichen Expeditionen nach Tongking und Ma­dagaskar. Das Defizit ist der schlechten Finanz- wirthschast, den unsinnigen Etsenbahnbauten, den langen Fingern hochgestellter Beamten und beson- ders der Kriegsführung in Tongking zuzuschreiben, welche Milliarden verschlang.

klärte, den Berliner Vertrag nicht mehr anerkennen zu wollen, nicht daran zu denken, daß irgend ein positives Resultat erzielt wurde. Die Disharmonie des europäischen Konzertes ist selten trauriger zu Tage getreten, als auf jener Konferenz. Die Türkei verhielt sich abwartend, und Rußland setzte seiner Heuchelei damit die Krone auf, daß es den „re­bellischen" Fürsten Alexander aus der Liste seiner Offiziere ausstrich und seine Absetzung verlangte. Da plötzlich zerriß am 14. November König Milan von Serbien mit seiner Kriegserklärung an Bul­garien das diplomatische Gespinnst; statt der Bot­schafter nahmen die Kanonen das Wort! Die ersten Kämpfe fielen zu Gunsten der Serben aus; allein in der dreitägigen heftigen Schlacht bei Dragoman und Sliwnitza wandte sich das Blatt; der tapfere Fürst Alexander entflammte feine Bulgaren, schlug den Gegner und trieb die Serben schneller über die Grenze zurück, als sie dieselbe überschritten hatten. Aus dem fürstlichen Revolutionär Alexander wurde plötzlich ein bewunderter Held; selbst Ruß­land zog andere Saiten auf, und von der Ab­setzung des Fürsten war keine Rede mehr. Es war viel Blut geflossen, denn die Kämpfe in der zweiten Hälfte des November waren mit einer Erbitterung geführt worben, die einer bessern Sache würdig gewesen wäre. Die Konferenz, die em Machtwort hätte sprechen sollen, scheiterte, und nun legte sich, um weiteres unnützes Blutvergießen zu verhüten, Oesterreich in's Mittel, und es begannen wochen­lange , ermüdende Waffenstillstandsverhandlungen, deren Ende wohl ein Grsßbulg?.rien sein wird. Es muß, wie gesagt, späteren Zeiten vorbehalten bleiben, die ganze Summe von Jntriguen, die sich hinter den Koulisien abgespielt haben, aus­zulockern — eins nur haben die Vorgänge auf der Balkanhalbinsel klar bewiesen, daß die böse orientalische Frage weiter schlummert und daß es nur eines Funkens bedarf, um sie zur Explosion zu bringen.

Frankreich theilte im verflossenen Jahre mit England den traurigen Ruhm, in der inneren und äußeren Politik nichts als Mißerfolge zu ver­zeichnen und zum Gespötte Europas herabzusinken. Die einstmals „große" Nation, vor der ganz Europa zitterte, blamirte sich, so gut sie konnte, unb die republikanischen Kraftmenschen, die sich als prahlerische Hanswürste geberbeten, schienen

baß ich nicht bei Dir bin, in bieser Zeit der Noth?"

Armand be Vigny ergriff ihre Hände und brückte sie zärtlich, aber fest in den feinigen. „Mein theures Weib!" erwiderte er innig. „Ru- iert weiß unser Geheimniß. Ich habe ihm Alles gesagt!"

„Alles?"

„Ja, Gabriele! Er weiß, wer Du bist — wer ich bin — er weiß Alles! Ich sagte ihm, wo Giralda sich befindet — welche Stellung in der Welt er einst einnehmen werde — und welche Gefahr Dich beständig umgibt! Unb, Gabriele, ich habe es nicht zu bereuen, ihm Alles gesagt zu haben. Er hilft mir meine Last tragen unb Dich betet er förmlich an wegen Deiner Treue, Deiner Liebe, Deiner eblen und unveränderlichen Nei­gung zu mir, während all' der langen, dunklen Jahre der Sorge, des Kummers und der qualvollen Trennung!" Freubenthränen erglänz­ten in ben Augen Gabriele»«; das Glück ber Mutter bewegte sie tief unb ließ ihr Herz höher schlagen.

„Ich bin heute Morgen zu Dir gekommen, Gabriele, um Dir alle» diese« zu erzählen," fuhr Armanb fort, „unb Dich von meinem neuen Auf­enthalt in Kenntmß zu setzen. Auch sehnte ich I

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Januar.

** Der Reichstag, dem die Vorlage betreffenb die Unfallversicherung der Land- und forstimrth- schaftlichen Arbeiter zugegangen ist, beschloß auf Antrag des Abg. v. Bernuth, die Geschäftsord- nungskommisston mit der Prüfung der Frage zu beauftragen, wie die zum Etat eingebrachten Re­solutionen geschäftlich behandelt werden sollen. Dann wurde in die Berathu ig der Vorlage be­treffend die Ausführung eines Nordostseekanals eingetreten. Abg. Dr. Hänel (bf.) erklärte, baß feine Fraktion bie Vorlage sympathisch begrüßte; bieselbe sei aber auf das Mangelhafteste begründet. Selbst bie Bedenken, die Graf Moltke im Jahre 1871 gegen das Kanalprojekt bekundet, hätten keine Berücksichtigung, gefunden.. Abgg. jgraf Hol« ft ein (fonf.) und Graf Behr (Reichsp.) halten gleichfalls die Begründung für unzureichend und erwarten, daß die Regierung in der Kommission ausreichendes Material beibringen werde. Staats­sekretär Dr. v. Bötticher sagt dies bereitwillig zu. Die Auffassung des Grafen Moltke im Jahre 1871 I bafirte auf dem damaligen Stande unserer See­wehr. Heute lägen die Verhältnisse ganz ander«. Abg. Dr. Bamberger (bfr.) erblickt in der heutigen Abwesenheit des Grafen Moltke einen Beweis dafür, daß dieser an seiner früheren Ueber» Zeugung sesthalte. Abg. Dr. Hammacher (nl.) befürwortet die Vorlage mit Wärme. Abg. Bios (Soz.) erklärt sich aus wirthschafilichen Gründen gleichfalls dafür und äußert Wünsche in Bezug auf die Vergebung der Arbeiten. Staatssekretär

mich danach, von Dir über Alfred's Schicksal zu hören. Hast Du Nachrichten über ihn?"

„Ja, mein Gemahl. Alfre» befindet sich in Sicherheit! Er ist bei Giralda!"

Armand sah seine Gattin ebenso glückselig, als verwundert an.

„Ich erhielt heute Morgen einen Brief von Giralda," fügte die Comteffe hinzu, das Schreiben hervorziehend und es Armand überreichend. Der Vater la« den Brief feiner Tochter mit wechseln­dem Erstaunen. Daß feine Existenz dem Marquis bekannt sei; daß Giralda vom Schloß vertrieben; daß sie mit Alfred zusammengetroffen und nun mit ihm zusammen in Vernon Wohnung genom­men hatte, — alles Dieses waren Thatsachen, bie ihn fast überwältigten. „Was sollen wir thun, Gabriele?" fragte er, indem er ihr den Brief zurückgab.

„Marguerite ist noch in Villa Larose als Ein« Hüterin," erwiderte die Comteffe. „Ich empfing diesen Brief im Beisein meines Vaters. Ich habe Jeannette nach der Villa hinausgeschickt, um ihr sagen zu lassen, daß sie sofort nach Vernon ab» reifen und Giralda und Alfred aufsuchen solle. Der Gedanke, Beide allein in dieser fremden Stadt zu wissen, macht mich halb wahnfinnig. Wenn Graf Eugen sie aufspürte und auf'« Neue