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1886.

Sonnabend, den 9. Januar gti tu_J9 -e.

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❖ Jahresrundschau.

VII.

England kann das Jahr 1885 mit einen, dicken, schwarzen Striche im Kalender ankreiden, denn es hatte in demselben saft nichts als Verluste zu verzeichnen; sein aller Kriegsruhm erbleichte, und sein Ansehen im Rathe der Völker ist tief ge­sunken. Dies hat es hauptsächlich dem liberalen Kabinet Gladstone, das im Juni den Purzelbaum schlug, und der unsinnigen ägyptischen Politik zu verdanken. Dieselbe hat Abertausende von Menschenleben gekostet, ungezählte Millionen ver­schlungen und mit einem vollständigen Fiasko ge­endet. Im Januar rückten die Truppen unter Oberst Stewart energisch vor, um Gordon, der schon über sechs Monate in Chartum einge­schlossen war, zu befreien. Am 18. Januar wur­den die Aufständischen in dem Gefechte bei Abuk- lea nach heftiger Gegenwehr zurückgeworfen, und zwei Tage später fand die dreitägige blutige Schlacht bei Metemneh statt, in welcher der tapfere Feld­herr Stewart siel. Aber all' die Opfer und Mühen waren vergebens, — am 26. Januar .fiel.Ch.ar- tum durch Verrath in die Hände der Mahdisten, und am folgenden Tage wurde General Gordon ermordet. Die englischen Truppen mußten sich zurückziehen, denn der gefürchtete Mahdi war mit einem Schlage Herr des Sudan geworden, und in England war die Panik so groß, daß man eine Erhebung aller Muselmänner befürchtete. Auch im Osten bei Suakin schlug Osman Digma die entmuthigten Gegner. Gladstone, dessen Stellung schon durch den Fall Charlums und die afghani­sche Affaire unhaltbar geworden, mußte das Staatsruder aus der Hand geben, und an seine Stelle trat der konservative Lord Salisbury. Das neue Kabinet übernahm eine böse Erbschaft: es mußte die Differenzen mit Deutschland ausgleichen, die moralische Niederlage in Central-Asien sank- tioniren und für Ruhe und Ordnung in Aegypten sorgen. Zu dem Ende wurde Sir Wolff nach

-H- 'Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ). Ditzrifett. 95

XL VI.

Keinen Blick verwendete Jean Froffard von Gabrielens Antlitz und er sah, wie der letzte Rest von Farbe aus ihren Zügen wich. Gleichzeitig aber auch bemerkte er, wie sie mit großer Geistes­gegenwart plötzlich eifrig bemüht war, ihm ein Zeichen zu geben, und zu diesem Zweck ihr Diamant-Armband hin- und herdrehte. Er ver­stand sofort, gerade so gut, als ob sie es ihm mit Worten gesagt hätte, daß sie ihn dafür be- zahlen wollte, wenn er Nichts weiter sagen würde und in demselben Moment gab er chr ein Zeichen des Einverständniffes mit d.m Gang seiner Au­gen, welches ihr sagte, daß er sie nicht verrathen wollte.

„Welchen Preis?" stieß der Marquis hastig hervor. „Ich zahle Ihnen, was Sie fordern. Sagen Sie mir Alles!"

»Es ist nicht gerade viel, was ich weiß," ent­gegnete der Polizeispion. „Ich habe die angebliche Gräfin nach ihrer Landwohnung verfolgt. Diese weiß ich. Dort werden Sie sie aufsuchen, Herr Marquis!"

Konstantinopel geschickt, um mit dem Sultan zu verhandeln, und wenn seine Mission auch nicht ganz erfolglos gewesen, so sind die Früchte der­selben doch noch nicht gereift. Der Tod des Mahdi änderte an den Zuständen im Sudan nichts; die Aufständischen haben sogar vor Kurzem, 8000 Mann stark, die Südgrenze Aegyptens über­schritten, und den Engländern wird nichts übrig bleiben, als ihre Truppen zurückzuziehen. So traurig und schmählich endete das mit dem Bom­bardement auf Alexandrien so pomphaft eröffnete blutige Drama; — was aus Aegypten mit seiner Finanzwirthschaft werden soll, mag der Himmel wissen, denn außer England werden hier noch Frankreich, die Türkei und vielleicht noch andere Leute ein Wort mitreden. — Dafür, daß England den Ruffen in Afghanistan und den Mahdisten im Sudan gegenüber den Kürzeren gezogen, suchte cs sich in Ostasien durch die Annektirung des Reiches Birma zu entschädigen, deffen Hauptstadt Mandalay ihm am 17. Nov. fast ohne Sckwert- streich in die Hände fiel. Der König Thibo wurde nach Madras verbannt, — aber so glatt wird auch diese Sache sich nicht abwickeln. China erklärt nämlil;, Thibo sei sein Vasall und ihm tributpflichtig gewesen, und die himmlischen Zopf­träger verlangen in gleicher Weise von England alle zehn Jahre einen Tribut, denn in Folge des Krieges gegen Frankreich ist ihnen gewaltig der Kamm geschwollen.

Mar die äußere Politik^ Englands reich an Konflikts Niederlagen und Mißerfolgen, so M die innere ein Bild heillosen Durcheinanders dar. Das konservative Ministerium, welches eine schwere Bürde auf seine Schultern lud, war nicht auf Rosen gebettet und lebt so zu sagen von der Hand in den Mund. Auf Grund der neuen Wahlkreis- Bill fanden im November die Wahlen für das Unterhaus statt, deren Ausgang ein geradezu ver­blüffender war. Die Liberalen verfügen zwar über mehr Stimmen, als die Konservativen, allein den Ausschlag geben weder die Einen noch die Andern, sondern die 86 Parnelliten. In der Hand des irischen Volksmannes liegt es, das Zünglein der Wage nach rechts oder nach links zu drücken, und dies gab dem regierungssüchtigen alten Gladstone, der trotz seiner weißen Haare und seiner zahlreichen Niederlagen wieder ans Ruder will, Anlaß, den Parnelliten ein eigenes irisches

„Das Landgut, das Armand und seine Fa­milie bewohnte, ist mir bekannt," versetzte der Marquis, nicht wenig enttäuscht über diese Mit­theilung des Polizeibeamten, von dem er ganz andere Enthüllungen zu erhalten gehofft hatte. „Es ist die Villa Larose, die an der Nordbahn gelegen ist. Ich werde noch heute hinausfahren. Und sollte ich sie dort nicht auffinden, Monsieur Froffard, so beauftrage ich Sie hiermit, nach ihr, sowie nach Giralda zu suchen."

Bei dieser Redewendung angekommen, ertönte draußen das Geräusch von herannahenden Schrit­ten und gleich darauf trat ein Diener ein, welcher auf silberner Platte der Comtefle eine Karte überreichte. Gabriele nahm nachläffig und kalt die Karte in die Hand. Aber nur einen Blick warf sie auf den darauf verzeichneten Namen und sie wechselte jäh die Farbe. Angst und Schrecken leuchteten aus ihren Augen. Die Karte entfiel ihrer Hand und ihre ganze Gestalt durchlief ein fieberhaftes Zittern. Doch nur einen Moment dauerte dieser Gefühlsausdruck. Sich beherrschend, sprach sie in einem Tone, der nichtsdestoweniger vibrirend war: „Führe den Herrn in's Mufikzimmer — ich werde sogleich erscheinen."

„Der Bediente zog sich zurück und ließ die

Parlament als Trinkgeld anzubieten! Was man in der Politik nicht Alles erlebt, — sie stellt noch die schlimmsten Schachermenschen in den Schatten. Das Kabinet Salisbury hat einstweilen keine Ur­sache, abzudanken; aber was die nächste Zukunft bringt, ist schwer zu sagen.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Januar.

* Dr. Windthorst ersucht die Mitglieder der Centrumsfraetion im Abgeordnetenhause, am Tage der Eröffnung des Landtages, den 14. d. M., pünktlich in Berlin eintreffen zu wollen. Am bezeichneten Tage findet Abends 7^ Uhr die erste Fraetionssitzung im Abgeordnetenhause statt. In dieser Sitzung werden verschiedene wichtige Entschließungen zu faffen sein.

* Der Reichstag nahm heute wieder seine Sitzungen auf bei ziemlich unbesetzten Bänken, wie das in der ersten Sitzung nach den Ferien stets zu sein pflegt. Es herrschte heute vor Beginn der Sitzung eine lebhaftere Stimmung und allenthalben sah man Gruppen von Abgeordneten sich bilden, die sich begrüßten. Auch während des ersten Thei- les der Sitzung machte sich diese Stimmung gel­tend, die einen Moment unterbrochen wurde, als das Haus sich erhob, um das Andenken des am 27. Dezember verstorbenen hannoverschen national- liberalen Abgeordneten Viffcring zu ehren. Nach einigen anderen Eröffnungen nahm das Haus -debattelos in dritter LesWg den Gesetzentwurf über die Kontrole des ReichshäsiShÄts-Etats und des Landeshaushalts von Elsaß-Lothringen an. Ebenso debattelos wurden eine Reihe von Wahlprüfungen vorgenommen. Sodann wurde in die 2. Berathung des Eisenbahn-Etats eingetreten, die den glattesten Verlauf nahm und in kurzer Zeit zu Ende geführt wurde. Die nächste Sitzung ist auf morgen Nach­mittag 2 Uhr angesetzt; zur Diskussion steht die Kanalvorlage.

* Im nichtamtlichen Theile druckt der .Reichs­anzeiger' den lateinischen Brief des Papstes an­läßlich der Verleihung des Christus-Ordens an Bismarck ab. Adresstrt ist derselbe: „Excelso viro magno cancellario.“ Der Papst dankt darin für die namentlich auf den Rath des Reichskanzlers ihm in der Kurolinensrage übertragene Vermittelung und die dadurch gebotene Gelegenheit, ein dem

Thür ein wenig offen. Graf von Chartrois, welchem die plötzliche Erregtheit seiner Tochter nicht entging, nahm die Karte vom Boden auf, um sie ihr zu reichen. Während er dieses that, las er den Namen, der in fremdländischer Hand­schrift darauf geschrieben stand:

„Professor Lange, Musiklehrer."

Die Comteffe nahm die Karte mit zitternder Hand und ließ sie in ihre Tasche gleiten. „Ent­schuldigen Sie mich, meine Herren," sprach sie mit erzwungenem Lächeln, „ein alter Freund wünscht mich zu sprechen." Sie erhob sich. In demselben Augenblick führte der Bediente den fremden Herrn an der halboffenen Thür vorbei in das Musikzimmer.

Graf von Chatrois, Marquis de Vigny und Monsieur Froffard, alle Drei fahen unwillkürlich nach dem Fremden, deffen einfache Karte die sonst fn kalte und stolze Comteffe Gabriele so mächtig bewegt hatte. Sie Alle gewannen nur einen flüchtigen Anblick von dem Manne, welcher vor­überschritt. Es war eine majestätische Erscheinung mit grauem Haar, langem, grauem Bart und einer großen, golbnen Brille — mit einem Wort, der Musikprofeffor, wie er leibt und lebt. Die Comteffe hatte iyn ebenfalls neugierig angesehen