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1886.

Freitag, den 8. Januar

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❖ Jahresrundschau.

VI.

Das belgische Volk hat im Jahre 1885 vollauf die Segnungen eines konservativen Kabinets kennen gelernt. Das liberale „Bruder".Ministe­rium unter Frere Orban hatte bekanntlich durch seine unsinnige Schulpolitik und sonstige Dumm- Mten das Land an den Abgrund des finanziellen ' nkerotls gebracht und total zu Grunde gewirth. haftet. Jetzt aber hat das konservative Miuiste- rium das Gleichgewicht der Finanzen fast wieder hergestellt, und für das nächste Jahr ist sogar ein Ueberschuß von drei Millionen zu erwarten, — heutzutage, wo alle Finanzininister mit leeren Säcken dastehen, etwas ganz unerhörtes! liebet* Haupt ist es in dem von Parteikämpfen früher so arg durchwühlten Belgien in jeder Beziehung besier und ruhiger geworden, — Beweis genug, auf welcher Seite oie Karnickel, welche die Menschen gegen einander Hetzen, zu suchen sind. — König Leopold, welcher sich um die Erforschung des inneren Afrikas und den Kongo große Verdienste erworben, erhielt den Titel „Souverain des Kongo- Staates", auch tragen die Post-Freimarken dieses Staates sein Bild. — Die Welt-Ausstellung in Antwerpen übte eine große Zugkraft aus und machte bessere Geschäfte, als man erwartet haben sollte, da die Ausstellungswuth eine gewisse Er­müdung im Gefolge haben mußte. Der Eisen­bahnkongreß, der im August in Brüssel stattfand, verfolgte den Zweck, in gleicher Weise einheitliche Tarife re. festzusetzen, wie dies beim Weltpostver­kehr der Fall ist. Besonders bemerkenswerlh ist die Resolution, welche der Kongreß hinsichtlich der Sonntagsfeier der Beamten faßte und welche die thunlichste Heilighaltung des Sonntags fordert. In Deutschland hat man das ganze Jahr hin­durch wegen der Sonntagsruhe Untersuchungen angestellt, liberale Arbeitgeber und gedrückte Ar­beiter befragt und ist doch noch zu keinem Ziele gekommen. Traurig genug, daß Fürst Bismarck die Lohn- und Magenfrage höher stellt, wie das dritte Gebot Gottes: „Gedenke, daß du den Sab- bath heiligst."

Holland war im letzten Jahre reich an Stock­fischen und Häringen, sonst läßt sich nicht viel Rühmenswerthes sagen. Der Liberalismus ist dort

-?r Auf geheimuißvoUen Wegen.

Roinan von ? 8»he«frü. 94

Ein minutenlanges, tiefes Schweigen trat ein. „Es ist Alles so geheimnißvoll," hob dann Ga- brielen's Vater an. „Tu suchst nach Giralda's Mutter und Keiner kennt den Namen, den sie führt. Wie willst Du sie finden?"

Der Marquis seufzte schwer auf. „Es wird ebenso schwierig sein, als eine Nadel in einem Heuhaufen zu finden," fuhr der Graf fort. „Es wird Dir selbst wenig nützen, Nachforschungen nach dieser angeblichen Gräfin Alvarez anzustellen. Ich weiß nur Eins, was Dich zum Ziele führen kann."

„Und das wäre?"

„Eme passende Persönlichkeit anzunehmen, die befähigt ist, eine solche Aufgabe insgeheim auszu­führen."

„Ein guter Gedanke," erwiderte der Marquis nachdenklich. „Ich möchte diese geheimnißvolle Frau je eher desto lieber sprechen. Eugen, welcher alle diese Entdeckungen gemacht und merkwürdiger- weise seine Neigung von Comteffe Gabriele ob« und sie Giralda zugewandt hat, sucht nach ihr in der Nähe des Schlosses."

„Die Entdeckung, daß Armand lebt, muß für

nicht so bullenbeißerisch wie anderwärts, aber er hat doch bei der Verfassungsrevision und dem Schulgesetz manche Großthaten verbrochen, die seine wahre Natur kennzeichnen. In der Kammer sitzen 43 Liberale und 43 Konservative und somit kommt dieselbe über den „tobten Punkt" nicht hinaus. Glücklicherweise hat das Land keine Kultur­kämpferei und der Katholizismus pulsirt daselbst frisch und lebendig.

Das unglücklichste und am schwersten heimqe- suchieste Land war Spanien. Furchtbare Erd­beben erschütterten zu Anfang des Jahres die süd­lichen Provinzen, besonders Granada; dem ersten Stoße am Weihnachtsfiste des vorigen Jahres folgten noch viele andere: 690 Personen wurden getobt et und 1173 verwundet; 2834 Häuser wur­den vollständig zerstört und 1637 mußten nieder­gelegt werden; 40,000 Menschen waren obvach- los geworden, und der pekuniäre Verlust betrug 20 Millionen Franks. Den Erdbeben folgten Ueberschwemmungen und im Sommer trat der Würgengel der Cholera int ganzen Lande mit seltener Heftigkeit auf. Zu diesen elementaren Unglücksfällen gesellten sich die revolutionären Um­triebe und Wirren, und um das Maß des Un­glücks voll zu machen, raffte am 29. November der Tob ben wackern, energischen unb hochherzi­gen König Alphons im jugendlichen Alter von 28 Jahren dahin. Was wird aus dem unglücklichen Lande werden? Die Königin Christine Hal für ihr 5jähriges Töchterchen bte Regentschaft übernommen, — wird sie die Kraft haben, dem Ansturm der Republikaner unb ben lauernden Prätendenten die Stirne zu bieten ? Das konservative Kabinet hat einem "liberalen sofort bas Felb räumen müssen — unb wir wollen nicht hoffen, baß bies ein böses Omen für bie Zukunft sei.

Rußlaub hat bas zweifelhafte Verdienst, im Jahre 1885 am meisten dazu beigetragen zu haben, die Ruhe und den Frieden Europa's zu stören. Sein Hauptstreben geht dahin, immer weiter in Asien vorzudringen, und wenn der Kampf zwischen Rußland und England um die Hegemonie in Indien und den angrenzenden Ländern auch noch nicht zum Ausbruche kam, so haben die Er­eignisse des letzten Jahres doch klar bewiesen, daß er nur eine Frage der Zeit ist. Der russische Koloß schiebt sich immer weiter nach Osten; er

ihn ein harter Schlag gewesen fein," bemerkte der Graf, als fein Freund plötzlich schwieg. „Ich habe stets gehofft, daß Gabriele seine jahrelangen Huldig­ungen mit ihrer Hand belohnen würde. Unb jetzt ist er ber Liebhaber Giralda's?"

„Ja. Auch ich kann nicht begreifen, warum er Gabriele aufgegeben hat. Wahrscheinlich hat sie ihn abschläglich beschieden. Wenn er in ber Stabt wäre, so könnte er mir beim Nachforschen sehr nützlich sein. Ich habe sonst keine Bekannte, die ich in die Affaire hineinziehen möchte. Warte einmal! Eugen hatte vor Jahren einen Ge­heimpolizisten , den er beauftragte, Armanb's Spur aufzufinden. Sein Name ist Jean Fros- sard. Ich muß erfahren, ob dieser Mann noch lebt."

„Darüber kann ich Dir Auskunft geben," sprach der Graf eifrig. „Ich habe seinen Namen erst kürzlich in einem Morgenblatt gelesen. Er hat eine dunkle Geschichte aufgeklärt. Soll ich sogleich einen Boten zu ihm schicken?"

Da Marquis de Vigny sich damit einverstanden erklärte, so wurde ein Eilbote zu Monsieur Frossard abgesandt, mit der Bitte an denselben, sofort nach dem Palais Chatrois zu kommen. Es war kaum ein Stunde vergangen, als der Ge­heimpolizist sich beim Grafen von Chatrois an­

will sich nach Süden hin, auf dem Wege über Indien, einen Seeweg erschließen, unb zugleich ist es sein unausgesetztes Streben, bas Testament Peters des Großen zu erfüllen, b. h. Konstanti­nopel, den Schlüssel Asiens, in die Hände zu be­kommen. In den ersten Monaten des Jahres rückten russische Regimenter in Ceniralasien gegen Menv vor, unb im März standen btefelben bereits an ber Grenze Afghanistans. Kein Wunber, daß England der Gefahr, die feinen indischen Besitz­stand drohte, nicht gleichgiltig gegenüber stand; hüben unb brühen wurde gewaltig gerüstet, in London und Petersburg raffelte man mit dem Säbel, unb die diplomatischen Noten, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen, flogen hin und her. Am 30. März kam es am Kautschk- flusse zwischen den Afghanen unb ben Truppen des General Komarow zu einem blutigen Zusam­menstöße, unb nun hielt alle Welt den Krieg zwischen England und Rußland, der unabsehbar in seinen Folgen gewesen wäre, für unvermeidlich. Allein bas damalige englische Kabinet Gladstone, welches die Vorsicht für den bessern Theil der Tapferkeit hielt, und sich nicht verhehlte, daß seine Marinesoldaten ber russischen Sanbartnee nicht ge­wachsen seien, gab schließlich klein bei und bequemte sich zu einem Friebensvertrage, welcher ben Russen bie Möglichkeit an bte Harro gibt, jeden Augen­blick in Afghanistan cinzufallen und sich weitere Wege nach Süden hin Hu bahnen. Der blutige Entscheibungsiumpf zwischen ber. beiden großen Reichen ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. — Die Zustände int Innern Rußlands sind bie denkbar traurigsten: der Kaiser lebt wie ein Ge- fangener auf feinen feftungSartigen Schlössern und wagt sich nur selten und nur unter starker Bedeck­ung in seine Hauptstadt; die Nihilisten wühlen unausgesetzt, denn auch im Jahre 1885 gab es mehrere große Nihilistenprozesse; die Unterschlag­ungen, welche sich die Beaurten bis in die höchsten Kreise hinauf, zu Schulden kommen ließen, grenz­ten ans Fabelhafte; das Volk ist unzufrieden und ausgesogen, unb trotz all biefent Elend hatte die russische Regierung nichts Angelegentlicheres zu thun, als Kulturkämpferei zu treiben unb katho- lische Bischöfe und Priester nach Sibirien zu ver­bannen.

melden ließ. Es wurde ihm der Bescheid, unver­züglich in ben Salon zu kommen.

Er trug das gleichmüthigste Gesicht von der Welt zur Schau, als er zu den beiden alten Herren eintrat. Marquis de Vigny machte ihn in aller Kürze mit allen Thatsachen bekannt, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, daß Gras Eugen diesen Mann ebenfalls in der­selben Angelegenheit engagirt hatte. Jean Fros- sard hörte ihm aufmerksam zu, hielt es jedoch nicht für geraden, dem Marquis mitzutheilen, daß er bereits in dieser Sache beschäftigt fei. Soeben hatte der Marquis de Vigny ihm Alles Nöthige erzählt unb er hatte noch keine einzige Bemerkung gemacht, als die Comteffe Gabriele wiederum ins Zimmer trat. Ihr Antlitz war bleich unb kalt rote das einer Marmorstatue. Sie sah aus, als ob nichts sie aus der Fassung bringen könne; wer sie so sah, mußte die lieber« jeugung gewinnen, daß die Trägerin dieser Züge keiner Gemüthsbewegung fähig sei. Unter der eisigen Kälte jedoch, welche sie zur Schau trug, brannte es lichterloh. Es war ihr unmöglich ge­wesen in ihrer Aufregung, die sie befallen, länger allein zu sein; sie hatte sich deshalb entschlossen, zu ihrem Vater unb dessen Gast zurückzukehren, um jedes Wort zu hören, das gesprochen wurde