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Die Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vi^teljährlicher 1 30H‘ ’J°
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❖ Jahresrundschau, in.
Der deutsche Reichstag war vom 8.Januar bis zum 5. Mai versammelt und trat am 20. November wieder zusammen. Bei der Etatsbe- rathung brach sofort der Sturm los, und der Kanzler gab das geflügelte Wort zum Besten, daß „die Auswanderung nach Amerika ein Zeichen großen Wohlstandes fei." Er klagte über alles Mögliche und noch etwas mehr, besonders über die böse „Fraktionspolitik", und höhnisch forderte er das Centrum, welches ihm ein langes Register von Begehungs« und Unterlasiungssünden vorhielt, auf, selbst einmal praktische Gesetzvorschläge bezüglich der Sonntagsruhe, Verminderung der Frauenarbeit, des Maximalarbeitstages rc. zu machen. Daß diese« so prompt und in so bündiger Weise geschah, hat den Kanzler gewiß selbst überrascht. Der Reichsetat, welcher sich in Ausgabe und Einnahme auf 621 Millionen Mark belief, hatte ein Defizit von 40^2 Millionen Mark. Herr v. Franckenstein, der Vorsitzende der Centrumsfraktion im Reichst »ge, erklärte darauf: „Wir bewilligen neue Steuern nur bei dem Nachweise absoluter Nothwendigkeit und Unaufschiebbarkeit." Das war das Centrum feinen Wählern und allen Steuerzahlern umsomehr schuldig, als allein der Militäretat innerhalb zehn Jahren von 262 Millionen auf 384 Millionen gestiegen ist, also uflf 122* jTuufvrttli"
dem Herzen der Regierung war allerdings die peinliche Prüfung der Ausgaben rc. seitens des Centrums nicht, und letzteres mußte sich manche beleidigende Kritik seitens der offiziösen Blätter gefallen lasten. Statt der früher so sehr betonten Sozialreform rückte die Regierung die Ko- lonialpolitik in den Vordergrund. Von der Alters- und Invalidenversicherung war nicht mehr die Rede. Die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die landwirthschastlichen Arbeiter war die ganze soziale Forderung der Regierung. Herzlich wenig! Das Centrum erwarb sich das Verdienst, die Frage des Arbeiterschutzes in ihrem vollsten Umfange in Fluß zu bringen, die Zolltarif, reform zu ermöglichen und so Landwirthschast und Industrie zu schützen, den Handwerkern mittels einer Gewerbeordnungsreform zu helfen, und den preußischen Gemeinden mittels der Ueberweisung
4r Auf geheimnisvollen Wege«.
Roman von llltlftU. 90
„Sie ist in Vernon, nicht wahr?" fragte Graf Eugen leichthin. „Ich werde sie finden. Ich weiß, daß Sie sie soeben erst verlasten haben. Ich habe Ihre Spur vom Schlofle aus verfolgt, meine gute Madame Roger. Ich weiß, daß der Knabe befreit und bei seiner Schwester ist. Ein Hirtenknabe, den ich antraf und in's Gehör vernahm, hat mir Alles erzählt, auch, daß Cecile Rofleau jetzt zu sehr beschäftigt ist mit ihrem ehemaligen Verlobten, als daß ich ihr noch länger trauen könnte. Ich bin nicht selbst in der Solitude ge- wesen, aber der Bericht des Knaben hat mir vollständig genügt. Ich weiß, daß Fräulein Giralda in Vernon ist. Wo ich sie finde, das werden Sie mir sagen!"
„Schurke!" brauste die Matrone auf. „Jetzt ist es genug. Lasten Sie mich in Ruhe meines Weges ziehen!"
„Erst antworten Sie mir. Hat sie den Zug nach Paris benützt?"
Madame Roger schwieg entschlosten.
„Nehmen Sie sich in Acht! Hüten Sie sich!" zischelte Graf Eugen. „Er thut nicht gut, mich
der neuen Steuererträgnisse aus den bewilligten Zöllen eine Verminverung der Kommunallasten in Aussicht zu stellen. In der Kolonialpolitik stimmte es insoweit zu, als es die Rücksicht auf die Steuerzahler wünschenswerth erscheinen ließ, besonders warnte es vor kostspieligen Ueberstürzungen. So hat denn das Centrum sich als eine wahre Volkspartei bewiesen, und wenn es auch nicht den Dank der Regierung erhielt, den es niemals verlangt, so wird es doch seitens des deutschen Volkes und insbesondere seitens der deutschen Katholiken für sein wackeres Arbeiten im Interesse unseres Vaterlandes Dank und Siner» kennung finden. — Am 1. Aai wurde die Zolltarifnovelle beendet, bte Erhöhung der Getreidezölle sowie die der Börsensteuer angenommen. Am 15. Mai erfolgte der Schluß der an Arbeit wie an Stürmen rächen Session, nachdem kurz vorher noch der Kanzler mit den WAfen und den Sozialdemokraten in der heftigsten Weise aneinander gerathen war. Mit voller Befriedigung sind die Reichsboten nicht auseinander ge- gangen, aber das Centrum durfte sich Las Zeug- niß ausstellen, daß Alles, was auf foziLl-politiichem Wege geschehen, in erster Linie ihm zu verdanken ist, und wenn nicht mehr geschehen ist, so kann das Centrum am wenigsten dafür verantwortlich' gemacht werden.
Der am 20. November eröffneten neuen Legislaturperiode wurde ein ganzes Bündel neuer Zölle LL'fialer.'iLL- r i - r rangen für das
Heer, die Marine und die Kolomalpotitst als ün- liebsames Präsent überreicht, auch stellte der Regie- rungsvertreter das Tabaksmonopol in Sicht- und die offiziösen Blätter ließen sogar das B r a n n t- weinmonopol als Fata morgana am Horizont austauchen. „Geld, immer mehr Geld", so lautet die Parole. Kaum waren die Reichsboten in Berlin warm geworden, al« mit dem Erscheinen des Fürsten Bismarck auch der Tanz und Sturm wieder losging. Namentlich machte er seinem Grolle gegen das Cent rum Lust, aber das Centrum läßt sich keine grauen Haare über den fürstlichen Zorn wachsen. Der stürmischen Missionsdebatte sowie der Interpellation wegen der Polen-Ausweisungen haben wir schon Erwähnung gethan; auch sind diese Ereignisse noch frisch in Aller Gedächtnisse. Der Konflikt zwischen dem Kanzler und der Mehrheit der Volksvertretung ist zu reizen. Sie kennen mich von früher, Madame Roger! Ich warne Sie noch einmal, denn ich bin ein verzweifelter Mann, der nichts zu verlieren, aber Alles zu gewinnen hat. Antworten Sie mir: Wo ist das Mädchen?"
„Wenn Sie warten, bis ich es Ihnen sage, so können Sie alt werden wie Methusalem!"
„Und Sie sollen dennoch sprechen. Hat sie Vernon verlaffen? Ist sie nach dem Schloß de Vigny, oder nach der Villa Larose zurückgekehrt. Sie sollen mir anroorten, Frau, oder beim Himmel, ich werde Ihnen die Zunge lösen." Bei diesen Worten faßte er ihre Zügel etwas loser, weil fein Pferd sich bäumte.
Madame Roger's Augen schossen Blitze auf ihren Verfolger. „Weg mit der Hand!" rief sie aus.
Er lachte und erfaßte die Zügel fester.
Mit schneller, unerwarteter Bewegung erhob sie plötzlich ihre Reitpeitsche und ließ dieselbe mit voller Wucht auf seine kleine, weiße, reichlich mtt Ringen geschmückte Hand niederfallen.
Mit einem Fluch und einem Schmerzensschrei zog der Graf seine blutüberströmte Hand zurück und sein Pferd bäumte sich von Neuem wild auf vor Schreck.
eine unleugbare Thatsache, und vielfach ist von der Auflösung des Reichstags die Rede gewesen. Ob sie erfolgt oder nicht, ist schwer zu sagen; jedenfalls fürchten wir sie nicht, denn die ersehnte Mittelpartei wird ein frommer Wunsch des leitenden Staatsmannes bleiben.
Der preußische Landtag, der am 15 Januar zusammentrat und bis zum 9. Mai tagte, brachte das v. Huene'sche Verwendungsgesetz zu Stande, was schon aus dem Grunde nicht fallen durfte, weil die Regierung auf den Zolltarif nicht verzichten wollte. Auch das Lehrerpensions- gesetz ist zu Stande gekommen, doch setzte das Herrenhaus den Staatsblitrag von 750 auf 600 Mark herab. Das Roth-Kommunal-Steuergesetz ging ebenfalls durch, — leider auch da« rheinische Zusammenlegungsgesetz, was aber kerneswegs als eine freudige Errungenschaft bezeichnet werden kann. Wie in kirchenpolitischer Beziehung der Landtag unthätig blieb, so hat die Regierung auch mit den angekündigten Steuergesetzen zurückgehalten; __ sie glaubt mit der Aufhebung der untersten Klaffensteuerstufen genug gethan zu haben, und fordert jefct wieder b’rauf los.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Januar.
• Das Programm für die Feier des 25jährigen Regierungsjubiläums Sr. Maj. des Kaisers als König von Preußen ist wie folgt festgesetzt:
Am 'auweicur »r^n <ij> e •*'?) Pird Sei d« 8er »eilte von V«t Kupp« 6eT-ach»»ß»a«-,st1 ■*„..*«? Anblasen. Demnächst findet für die hiesige Garnison um 10 Uhr in der Garnison- und St. Michaelskirche Gottesdienst statt, woran sich die Truppen durch Deputationen bether- ligen. Um 11 */< Uhr ist für die Generäle und Offizierkorps Parole-Ausgabe; gleichzeitig werden auf dem Königsplatze 101 Salutschüsse gelöst. Hiernach wird um 12 Uhr in der Kapelle des königlichen Schlosses ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, dem die in Berlin, Potsdam und Spandau anwesenden aktiven und zur Disposition stehenden Generäle, die Obersten, welche sich im Brigade-Com- mandeurrange befinden, und die Commandeure der Leibregimenter beiwohnen. Anschließend hieran findet im Weißen Saale des königlichen Schlosses eine Gratulations- Defilirkour statt. Am Sonntag Mittag 12 Uhr findet in der Kapelle des Schlosses feierlicher Gottesdienst und danach im Weißen Saale Gratulationscour statt. Zu derselben versammeln sich der Kronprinz und die Kronprinzessin sowie die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses im Rittersaale, die verschiedenen Hofchargen sowie der Geheime Kanzleirath im Künigszimmer, die Generaladjutanten die Generäle ä la suite und die Flügel-
„Lasten Sie sich das eine Lehre sein, wie man respektable Frauen behandelt, Herr Gras von La- martin," rief die Haushälterin mit vernichtendem Blick. „Jetzt thun Sie Ihr Schlimmstes. Wir werden ja sehen, wer gewinnt."
Sie gab ihrem Pferde ein Zeichen und ritt in scharfem Trabe ihres Weges weiter. Sie hielt es für rathfam, nicht wieder umzukehren und Giralda zu warnen, weil sie fürchtete, dadurch gerade den Grafen auf die rechte Spur zu lenken, während sie doch bemüht war, ihn von Giraloa's Fährte abzubringen.
Graf Eugen blickte ihr zornig und haßerfüllt nacy. „Ich werde das Mädchen finden und wenn ich jedes Haus in diesem Reste durchsuchen soll!" murmelte er. „Doch erst nach dem Bahnhof. Erhalte ich dort Die gewünschte Auskunft nicht, so werde ich von Haus zu Haus fragen, bis ich die Flüchtlinge gefunden haben werde! Fürwahr, sie haben mir bereits Schwierigkeiten genug gemacht. Aber Geduld, meine schöne Giralda, ich bin Dir näher, als du ahnst! Bald wirst du gänzlich in meiner Macht sein, aus der du nicht wieder entkommen sollst und dann sollst du mir büßen für Alles, was ich um Deinethalben habe erdulden muffen!" Er schlang um seine verwundete Hand