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Donnerstag, den 31. Dezember 189k
■8 Jahrgang
iildiikrWZcitiliiß
Die ,Histor.-polit. Blätter', bemerkten vor Kurzem in einer Erörterung über die gegenwärtige Stellung der Centrumspartei: „Ein preußisches Volksschulgesetz wird nie vollständig den Ansprüchen gerecht werden, wie sie vom idealen Standpunkte des katholischen Staatswesens vorschweben, insbesondere der Kirche nicht den schlechthin maßgebenden Einfluß in der Volksschule zusprechen." Dann hieß es jedoch weiter: „Aber das rechte Verhältnis zwischen den bei der Volksschule betheiligten Faktoren: Kirche und Staat, Familie und Gemeinde kann ein solches Gesetz Herstellen, den konfessionellen Charakter ehrlich wahren und auf jeden
Versuch der Verstaatlichung des Religionsunterrichtes vorbehaltlos verzichten."
Dieses „rechte Verhältniß" war vor dem sogen. Kulturkampf in Preußen im Wesentlichen vorhanden, und ihm verdankte man ein Schulwesen, welches im Großen und Ganzen als musterhaft bezeichnet werden konnte. Seit die Schule in den kirchenpolitischen Kampf hineingezogen wurde, hat unsere Volksschule Einbuße erlitten, vor allem in erziehlicher Hinsicht. Darüber kann ein Zweifel nicht obwalten. In unterrichtlicher Hinsicht wird allgemein über zu große Belastung mit Beiwerk zum Schaden des Nothwendigen geklagt. Was zur Verbesserung der äußern Lage des Lehrerstandes geschehen ist, findet Anerkennung, und es zeigt sich Bereitwilligkeit, auf diesem Wege nach Möglichkeit weiter zu gehen.
Die Zusammensetzung des Preußischen Abgeordnetenhauses ist einer befriedigenden Lösung der Frage nicht ungünstig, insoweit als die konservativen Parteien mit dem Centrum über eine beträchtliche Mehrheit verfügen. Denn wir wüßten nicht, wie ein brauchbares Volksschulgesetz anders als aus einer Verständigung dieser Parteien hervorgehen könnte. Unter diesem Gesichtspunkte ist es eine bedauerliche Thatsache, daß zur Zeit zwischen der Regierung und der konservativen Partei und anderseits zwischen der konservativen Partei und dem Centrum eine gewisse Verstimmung vorhanden ist, welche zu verschärfen die nationalliberale Presse eifrig sich bemüht. Wir hoffen aber, daß diese Nachwirkung der Annahme der Handelsverträge die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses nicht störend beeinflussen wird. Mit Verstimmungen kann man keine Politik treiben, und namentlich dürfen dieselben bei einer für unser gesammtes Volksleben so hochwichtigen Sache nicht mitreden.
Eine schottische Aeldin.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers.
(1. Fortsetzung.) in.
Eine Stunde später saßen der König und sein Begleiter Patrick in dem Prunksaale des Schlosses bei Tische und speisten mit dem Appetit eines ausgehungerten Magens, welchen ein langer scharfer Ritt vollständig ausgehöhlt hatte. Wilfrid und der Geistliche standen in rücksichtsvoller Entfernung in der Nähe der Eingangsthüre, während Lady Mac Edwin mit thränenfeuchtem Blicke und vor Stolz geschwellter Brust, zur Rechten des Königs Platz genommen hatte und' ihren vornehmen Gast aufmerksam bediente.
„Nun, mein lieber Patrick", begann Karl, nachdem er seinen größten Hunger gestellt, „wir sind wieder einmal gerettet".
„Sire", antwortete Patrick traurig den Kopf schüttelnd, „diese verwünschten Dragoner sind uns jetzt bereits seit acht Tagen auf den Fersen; für jetzt haben sie zwar unsere Spur verloren, aber bürgt uns, daß sie dieselbe nicht jeden Augenblick wiederfinden?"
„Freilich, freilich", gab Karl seufzend zurück. „Alles ist möglich, es ist wahr. Aber die See ist ja nicht weit entfernt, und wenn wir eben einen Nachen an der
* Das Dolksschulgesetz
tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Dasselbe wird allem Anschein nach den Mittelpunkt der bevorstehenden Landtags-Session ebenso bilden, wie die gegenwärtige Reichstags-Session um die Handelsverträge sich drehte. Es handelt sich da um eine kritische Entscheidung, kritisch nicht nur an sich, sondern auch für unsere gesammte innerpolitische Lage und die Stellung der Parteien untereinander.
Schon seit Monaten gibt namentlich die national- liberate Presse allerhand Befürchtungen hinsichtlich der Gestaltung des Volksschulgesetzes Ausdruck; alle die alten Schlagworte, unter denen die „Herrschaft des Priesters in der Schule" das beliebteste ist, werden wieder in Dienst gestellt, um von vorn herein gegen die Vorlage des Grafen Zedlitz einzunehmen, dem man anscheinend nicht verzeiht, daß er der Nachfolger des Herrn v. Goßler ist. Selbstverständlich betheiligen sich auch die ,Hamb. Nachr.' eifrig an der Hetze gegen die zu erwartende Vorlage. Ihnen verursacht vor Allem die Andeutung der ,Nordd. Allg. Ztg.' Besorgniß, daß den Organen der Religionsgesellschaften das Recht zugestanden werden solle, „vollständig frei diejenigen Geistlichen und Lehrer auszuwählen, welche mit der Ertheilung des Religionsunterrichtes betraut werden".
yit den- schon erwähnten Aüffatzc der ,.^sM.-pvlli. Blätter' war ferner gesagt: „Das Volksschulgesetz darf nicht gegen das Centrum gemacht werden; das zu verhindern, hat unseres Erachtens die Fraktion in der Hand, wenn sie, wie wir als selbstverständlicherachten, unerfüllbare Wünsche zurücktreten läßt, an den.Bürgschaften für eine katholische Erziehung in der katholischen Schule aber unerbittlich festhält. Wäre das nicht zu erreichen, so bliebe nur übrig, die Unterrichtsfreiheit zur Wahrheit zu machen."
Go steht die Sache in der That. Will man das staatliche Schulmonopol in seinem bisherigen Umfange aufrecht erhalten, so wird man dm Forderungen der Religions-Gesellschaften, welche — für den katholischen Volkstheil gilt das unbedingt — auch die Forderungen der Eltern sind, ausreichend Rechnung tragen müffen. Sonst wäre der Zwang zur Staatsschule ein uner- träglicherZwang, die Quelle unabsehbarer schwerer Konflikte. Das mögen alle Diejenigen erwägen, welche an dem verantwortungsvollen Werke mitzuarbeiten berufen sind.
Deutsches Deich.
Berlin, 29. Dezember.
* Der Preußische Landtag ist durch Königliche Verordnung von gestern zum 14. Januar einberufen worden.
* Ein großes kaiserliches Weihnachtsgeschenk ist der katholischen St. Sebastiangemeinde in Berlin zu Theil geworden: Mittels Allerhöchster Ordre vom 16. d. M an den Kultusminister hat der Kaiser zum Bau der' neuen Sebastiankirche ein Gnadengeschenk bis zum Betrage von 60,000 Mark bewilligt. Mit den durch dieses kaiserliche Weihnachtsgeschenk hochbeglückten Berliner Katholiken wird man überall im katholischen Deutschland dem Kaiser herzlichen Dank aussprechen für das der armen katholischen Sebastiangemeinde in Berlin bewiesene Wohlwollen. Das Immediatgesuch vom 7. Juni 1888, in welchem der Kirchenvorstand um ein kaiserliches Gnadengeschenk für den Kirchenbau von St. Sebastian bat, hat somit an höchster Stelle Erhörung gefunden. Auf ein Gesuch an die städtischen Verwaltungsbehörden Berlin's um Unterstützung für den Kirchenbau hat der Magistrat allerdings 40,000 Mk. bewilligen wollen, aber die betreffende Magistratsvorlage wurde von der freisinnigen Stadtverordnetenversammlung abgelehnt. Nun ist durch das kaiserliche Gnadengeschenk die Fertigstellung der St. Sebastiankirche allerdings gesichert — aber damit ist die Berliner Kirchennoth, die eben erst am hl. Weihnachtsfeste in überaus trauriger Weise wieder zu Tage trat, noch lange nicht gehoben. Das kaiserliche Gnadengeschenk von 60,000 Mk. sollte für alle Katholiken ein erneuter Anreiz sein, ihrerseits zur Abhilfe der Kirchennoth der Katholiken Berlins mit einer Gabe nach Kräften beizutragen.
* Auf dem am 15. und 16. Februar in Berlin ,LetEnd-yhev dentkchM HanWErtog wird über dm Verlauf und die Ergebnisse der Haudwerkerkonferen;. vom Juni 1891, worüber bisher Stillschweigen gewahrt wurde, Bericht erstattet. Auf der Tagesordnung stehen ferner der Befähigungsnachweis, dessen Einführung ' energisch gefordert werden soll, die Stellung der Innungen, Jnnungsausschüsse und Jnnungsverbände in der angekündigten Organisation des Handwerks (Hand- werkerkammern), Ausbildung des Genossenschaftswesens und einige andere Gegenstände.
* Zwischen den betheiligten Ministerien schweben zur Zeit Verhandlungen darüber, ob das im Em- kouunensteuergesktz ausgesprochene Gebot der Geheimhaltung der Veranlagungsergebnisie im Wege der Gesetzgebung weiter ausgedehnt werden soll, um zu verhüten, daß die Beraulagungsergebniffe gelegentlich der Auslegung von Wahllisten und von Steuerlisten der Gemeinden und sonstiger öffentlicher Verbände bekannt werden. Da sich ergeben hat, daß ohne eingehende Erhebungen Seitens der Provinzialbehörden die Frage nicht gelöst werden kann, so sind solche bereits veran- . laßt worden.
* Der Buchdruckerstrike ist beendet; der Leiter der hiesigen Strikebewegung P. Schmidt erschien heute auf dem Bureau des Bundes der Berliner Buchdruckerei-
auf die Anwesenden, die einen AugenkMck wie von Schrecken gelähmt lautlos da saßen. Fast im nämlichen Augenblicke wurde die Thüre des Saales aufgerissen und einige Diener stürzten athemlos mit todesbleichen Gesichtern herein und verkündeten, daß so eben eine ganze Schwadron rother Dragoner herangesprengt sei, das Schloß vollständig umzingelt und alle Ausgänge besetzt hätte.
Tödtliche Blässe bedeckten die Gesichtszüge des alten Wieners und des Geistlichen als sie diese Schreckenskunde vernahmen, der jungen Gräfin perlte der kalte Schweiß in Hellen Tropfen von der Stirne, und der König stieß, seinen treuen Diener mit unsäglich traurigem Blicke anstarrend, mit Mühe die Worte hervor: „Wir sind verloren!"
IV.
Die entsetzlichste Angst malte sich auf den Gesichtern aller Anwesenden, während unten die alte eichene Eingangsthüre des Schlosses unter den wuchtigen Stößen der Hellebarden der republikanischen Soldaten erdröhnte; jede Minute war zu befürchten, daß sie krachend aus den Angeln flog.
Plötzlich fuhr sich die junge Gräfin mit der Hand über die Stirne und rief dann, den König freudig anblickend, aus:
Das Blatt sieht in diesem „Zugeständniß" so eine Art Belohnung für die Zustimmung des Centrums zu den — Handelsverträgen! Eine echt Bismarck'sche Auffassung! Wir nehmen auch unserseits, sagt die ,Köln. Vztg.', ohne weiteres an, daß der neue Entwurf besser sein wird als der Goßler'sche, gegen welchen schwere Bedenken von verschiedenen Gesichtspunkten erhoben wurden. Aber eine Stellungnahme zu der Vorlage ist unmöglich, so lange nicht genauere Mittheilungen als bisher erfolgt fi>d
Der Erlaß eines Volksschulgesetzes für Preußen ist eine ungemein schwierige Aufgabe. Alle bisherigen Versuche sind gescheitert und man hat sich mit Ver- waltungsmaßregeln beholfen, welche das Gepräge des jeweiligen politischen Regiments trugen. Das war eine mißliche Sache, und es wäre gewiß ein wahrer Segen, wenn man die Schule aus dem Parteigetriebe herausheben könnte. Soll das dieses Mal gelingen, so wird dazu ein großes Maß von Besonnenheit und Selbstbescheidung erforderlich sein. Auch die preußischen 1 KathoPen werden diese üben müssen, woran sie übrigens längst gewöhüt find.
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Küste hätten und wir dann vielleicht die hohe See gewinnen könnten ..."
„Sire", fiel Lady Mac Edwin dem König ins Wort, „in der nahen Bucht ist eine kleine Barke vorhanden."
„Und heute Morgen war in der That ein großes Schiff unter holländischer Flagge auf hoher See sichtbar", ergänzte Petersen.
„Ah, fuhr der junge König fort, „wenn es mir gelänge nach Frankreich hinüber zu kommen, so würde mein Bruder Ludwig XIV. dem Enkel des großen Heinrich IV. sicherlich eine Armee und eine Flotte zur Verfügung stellen, damit ich mein Land zurückerobern könnte. Ich würde alsdann, setzte er mit verbindlichem Lächeln zu Lady Mac Edwin wendend hinzu, „als König in der Lage sein, Milady für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft meinen Dank abzustatten". • - „O, gewiß, Sire", antwortete sie fieudig erregt, „solche herrliche Worte sind für mich mehr werth als ein Königreich."
Eben wollte der König das Gespräch fortsetzen, als sich draußen Pferdegetrappel und Waffengestirr vernehmen ließ und zugleich eine Stimme erscholl, welche laut und gebieterisch rief:
„Man öffne im Namen des Parlamets!"
Wie ein Donnerfchlag wirkten diefe wenigen Worte