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JV 300 Mittwoch, den 30. Dezember 1891. 18. Jahrgang

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..Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Blelttljahrucher 21 loitncmsntSpttx3 ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage,Sterne und Blumen^ und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Weihnachtsansprache des Papstes.

Beim Empfange der Kardinäle im Vatikan am 23. ds. Mts. verlas Kardinal Monaco Lavalletta eine Adresse, in welcher aus Anlaß des Weihnachtsfestes Wünsche namentlich mit Bezug auf die Linderung der Lage und Beruhigung der arbeitenden Klasse aus­gedrückt werden.

Der Papst erwiderte diese Adresse mit einer Rede, in welcher er darauf hinwies, daß er in Gemäßheit seines apostolischen Amtes und geleitet von dem leb­haften Wunsche, einem so großen Theile der leidenden Menschheit zu Hilfe zu kommen, den Beschluß faßte, mit der Arbeiterfrage sich zu befassen, mit jener Frage, bezüglich welcher die Ansichten der Soziologen so ge- theilt sind, mit einer Frage, bei der wegen der Natur ihres Gegenstandes, wegen der Jnteressen- kollision und wegen der Verderbtheit der Leidenschaften gar so zahlreiche Schwierigkeiten zusammentreffen. Den Grundzügen der Lehre des Evangeliums entsprechend, so fährt der Papst in seiner Rede fort, haben Wir in unserer Encyklika die wahre Lösung des Problems uns vorgenommen, ohne aber Unsere Aufgabe damit allein als beendet zu betrachten. Und nachdem die Opposition gegen die Encyklika zuerst in Frankreich eine für den päpstlichen Stuhl günstige Bewegung unter den Arbeitgebern und Arbeitern hervorrief, wollen Wir von diesem Umstande Nutzen ziehen und Unsere Lehren noch Vortheilhafter anzuwenden trachten. Dem letztgenannten Zwecke habe auch die Rede gedient, welche der Papst an die französischen Pilger richtete. Auch Anderen gegenüber, welche zu folgen geneigt wären, würden die gleichen Rathschläge ertheilt wor­den sein, wenn der Papst wüßte, daß dieselbe Be­wegung, wie in Frankreich, sich auch in den verschiede­nen Ländern Europa's und Amerika's, zumal in Ca- nada, zu organisiren beginne. Aber in der Allen bekannten unwürdigsten Weise wurde gleich von vorn­herein diese Bewegung aufgehalten und die Pilgerzüge der Arbeiter verhindert. Die Gesellschaft jedoch und deren Lenker, was haben sie Beide von jenen Schaaren der Andächtigen zu fürchten, die da kommen, um dem Papste ihre Ehrerbietung zu bezeugen? Sie mögen sich vielmehr vor Jenen in Acht nehmen, welche der Kirche ferne bleiben, dieLehren derselben mißachten und die darum auch dieBehörden geringschätzen. Unter den letzteren werden sie Unruhestifter, Störer der öffentlichen Ordnung und Volksaufwiegler finden, die soweit gehen, an den Grund­lagen der gesellschaftlichen Ordnung zu rütteln. Des Papstes Wort ist immer das Wort des Friedens, der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe; dasselbe bringt den Arbeitgebern sowohl wie den Arbeitern die Pflichten in Erinnerung, durch die sie mit einander verbunden stnd und die sie gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen haben. Des Papstes Wort prägt ihnen auf's Schärfste ein, sich gegenseitig nicht zu bekämpfen, sondern brü­derlich zu unterstützen und zu lieben. Und selbst, wenn nun das Wort des Papstes es nicht unterläßt, dessen Rechte zurückzufordern und eine wahre Unabhängigkeit zu reklamiren, so erweist es auch dadurch der Sache der Ordnung und des Friedens einen ganz hervor-

Eine schottische Heldin.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers?)

Auf Dem Gipfel eines Hügels, von welchem man den Anblick auf die zahllosen kleinen Buchten hatte, welche in die schottische Küste einschneiden, erhob sich der Stammsitz einer altadeligen schottischen Familie, deren Ursprung sich in die graue Vorzeit verlor und welche im Dienste der Könige ihr Blut verspritzt hatte. Zu der Zeit freilich, wo unsere Erzählung beginnt, war als einziger Sprößling des einst so weitverzweig­ten edelen Geschlechts der Mac Edwins nur ein junges Mädchen übrig geblieben. Der alte Graf hatte an der Seite Karls I. auf dem Schlachtfelde sein Leben ausgehaucht, und so befand sich denn die arme Waise nur unter dem Schutze und der Obhut eines secbzig- jährigen Dieners und eines alten Geistlichen, welchen die puritanische Verfolgungswuth bis dahin verschont hatte.

Das Haupt Karls I. war unter dem Richtbeil Cromwells gefallen, die Anhänger des Königs waren nach allen Richtungen der Windrose zerstoben und die republikanischen Truppen hatten die wenigen Schotten,

*) Nachdruck verboten.

ragenden Dienst. Die geschwornen Feinde des Papst- thums jedoch, welche dasselbe um jeden Preis ernie­drigt zu sehen wünschen, bekämpfen sogar die edelsten und wohlthätigsten Unternehmungen desselben, sobald sie voraussehen, daß sie den Ruhm des Papstthums vermehren und dessen Einfluß vergrößern würden. Dies fft der Fall bezüglich der Abschaffung der Skla­verei. Welches Unternehmen ist schöner und unserer Zeit würdiger, als das, alle Nationen, ihre politischen Rivalitäten vergessen zu sehen, um in einträchtiger Weise die Wohlthaten der Civilisation unter den Wil­den Afrikas zu verbreiten? Wir haben dafür gehalten, daß der Kirche eine ausgedehnte Antheilnahme an diesem Unternehmen zufalle und Wir haben Sorge ge­tragen, dasselbe mit allen Mitteln zu fördern. Gerade deshalb aber, weil die Aufhebung der Sklaverei von der Kirche gefördert wird, ist es vorgekommen, daß man es versuchte, nicht etwa dem Unternehmen direkt entgegenzutreten, was zu schmählich gewesen wäre, son- dern die Aktion der Kirche als eine überflüssige abzu­lehnen. Nichtsdestoweniger wird das Papstthum die ihm von der Vorsehung zugewiesene Mission in der Welt fortsetzen, eine Mission des Friedens, des Heiles und der Erlöfung, zum Vortheile selbst Derjenigen, welche es bekämpfen.

Der Papst ertheilte schließlich den Kardinälen seinen Segen. Bei dem Empfange der Kardinäle zeigte fich der Papst heiter und frisch. Leo XIII. sprach gegenüber dem Kardinal-Vikar die Hoffnung aus, daß es ihm vergönnt sein werde, auch das nächste Jahr in ungebrochener geistiger Rüstigkeit das Heilige Kollegium empfangen zu können. Die Rede des Papstes wurde diesmal nicht verlesen; der Papst hielt sie felbst, frei­stehend, mit heller Stimme und fo lebhaftem Geberden- fpiel, daß Alle auf's Freudigste erstauut waren.

G Die Sozialdemokratie und der Eid.

Daß für einen folgerichtig denkenden und handeln­den Sozialdemokraten es keinen Eid im Sinne der christlich denkenden Gesellschaft oder auch aller Derer, die an einen persönlichen Gott glauben, geben kann, ist nicht zu bestreiten; die folgerichtige Sozialdemokratie ist atheistisch und die Hauptführer derselben haben oft genug erklärt, daß sie an daS Dasein eines Gottes nicht glauben. Der Eid im christlichen Sinne und auch im Sinne der modernen europäischen Staaten ist eine Betheuerung feierlichster Art „bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden," wodurch der Eidleistende sich heilig verpflichtet, sei es, die Wahrheit zu sagen oder dies und jenes zu thun. Der Glaube an die Existenz Gottes als eines Allwissenden, eines Belohners und Rächers, ist dabei die Grundlage, ür einen Gottesleugner ist dies Fundament aber hin- ällig, deshalb weigerte sich auch ganz folgerichtig das lerstorbene englische Parlamentsmitglied Bradlaugh, )en Eid auf die Verfassung zu leisten, weil in der Formel der Name Gottes vorkommt; schließlich ließ man ihn mit dem bloßen Versprechen zu seinem De- putirtensitze zu. Anders haben es die sozialdemokrati­schen Abgeordneten im sächsischen Landtage welche dem Sohne des Opfers treu geblieben waren, derart auf's Haupt geschlagen, daß sie sich zu voll­ständiger Ohnmacht verurtheilt sahen. Was den jungen Prinzen betraf, so waren über sein Schicksal die wider­sprechendsten Gerüchte in Umlauf. Die Einen behaup­teten, er habe sich längst in Frankreich in Sicherheit gebracht, während er nach anderer Angabe sich noch immer mit einigen wenigen Getreuen in Schottland auf der Flucht befand, verfolgt von den Häschern Cromwells, welche Wälder, Schluchten und Häuser durchsuchten, um des vornehmen Flüchtlings habhaft zu werden.

Eines Abends, es war im November, saß in dem großen Saale des Ritiersitzes die junge Erbin der Mac Edwins unter dem Mantel des weiten wappen­geschmückten Kamins, in welchem ein lustiges Feuer brannte, umgeben von ihren beiden Beschützern. Während Wilfrid, der alte Diener, mit dem Geistlichen eine Partie Schach spielte, saß Lady Mac Edwin, das Ge­sicht in beide Hände geborgen, sinnend und ins Leere starrend da und schien träumerisch an die Zukunft zu denken oder auch sich mit den Bildern und Ereignissen der Vergangenheit zu beschäftigen.

Lady Mac Edwin mochte etwa achtzehn Jahre zählen'; sie besaß ziemlich regelmäßige Gesichtszüge,

gemacht, insbesondere Liebknecht. Sie leisteten ohne Weiteres den Eid in der gewöhnlichen Formel, und als ein sächsischer Minister Liebknecht daran erinnerte, daß derselbe für ihn und seine Partei-Kollegen wohl doch nur eine leere Formalität sei, verwahrte dieser sich ganz entschieden dagegen und behauptete, wenn auch die Sozialdemokratie gottesleugnerisch sei, so habe doch der Eid für sie gleiche Bedeutung wie für die anderen Parteien.

Liebknecht versteht es bekanntlich recht gut, sich aus Einwürfen, die ihm wegen seiner Aeußerungen gemacht werden, mit einer eigenthümlichen Dialektik herauszu­winden ; Widersprüche, die er selbst erkennt, gibt es bei ihm nicht. Nur möchten wir seiner Aeußerung gegen­über an eine andere Auffassung vom Eide bezw. dem Meineide erinnern, welche ein anerkanntes sozialdemo­kratisches Parteiblatt,die .Gelsenkirchener Arbei­ter-Zeitung', im Juli d. I. vorbrachte. Das ge­nannte Blatt schrieb nämlich, c5 „sei ein Zeichen ehren- werther Gesinnung", einen Meineid vor Gericht zu leisten, also wissentlich Unwahres zu beschwö­ren, wenn man dadurch „Genossen vor den Folgen gewisser Schandgesetze bewahren könne". Das Blatt meinte damit die Folgen des Sozialisten-Gesetzes und überhaupt der Gesetze, welche die Sozialdemokratie in ihrer Agitation träfen. Als die .Gelsenkirchener Zei­tung' diese haarsträubende Theorie brandmarkte und daraus ableitete, daß dann dem Sozialdemokraten schließ­lich, wenn er meine, es handele sich um ein Vergehen, welches in Folge der Zugehörigkeit des betreffenden Angeklagten zur Sozialdemokratie als ein solches be­trachtet werde, der Meineid erlaubt sei, fühlte die .Gel­senkirchener Arbeiter - Zeitung' sich nicht nur nicht be­wogen, ihre Behauptung zurückzunehmen, sondern hielt dieselbe nach wie vor aufrecht. Weder der ,Vorwärts' noch irgend ein anderes sozialdemokratisches Organ hat damals, obschon ein großer Theil der Presse sich wieder­holt mit der Sache beschäftigte, irgendetwas gegen die Theorie der .Gelsenkirchener Arbeiter-Zeitung' vorge­bracht. also sie auch nicht zurückgewiesen. Hält viel­leicht Herr Liebknecht ebenfalls unter gewissen Umständen den Meineid eines Sozialdemokraten für ein „Zeichen ehrenwerther Gesinnung?“

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Dezember.

* Offiziös wird versichert, daß der Volksschulgesetz­entwurf dem Landtage gleich bei dessen Eröffnung zu­gehen werde.

* Gegen das „Klebegesetz" scheint sich ein Sturm erheben zu wollen. An der Spitze der Agitation stehen die bayerischen Freisinnigen. Dieselben wollen in ganz Bayern ohne Unterschied der politischen Partei­stellung Unterschriften zu einer Petition an Bundes­rath und Reichstag sammeln, in welcher um baldmög­lichste Beseitigung des ganzen Gesetzes unter Entschädi­gung bereits erworbener Rechte gebeten werden soll. Die bayerischen Sozialdemokraten werden sich' an dieser Agitation aber nicht betheiligen, wenigstens schreibt der Abg. Grillenberger in seiner ,Fränkischen Tages­große schwarze Augen, blonde Haare, eine kleine nieb= liehe Hand. Ihr Körper schien zwar sehr zart gebaut zu sein, aber von Zeit zu Zeit zuckte sie in nervöser Weise leicht am ganzen Leibe zusammen. Wie sie da in ihrem schwarzen Anzuge, mit den bleichen Gesichts­zügen und dem traurigen Lächeln auf den Lippen da saß, hätte man Lady Mac Edwin für eine zarte, weichangelegte Vertreterin ihres Geschlechts halten können. Jndeß barg Lady Mac Edwin unter dm zarten, last ätherisch zu nennenden Formen ihres Körpers einen energischen Charakter, ein muthiges, glühendes Herz. Ihr gewöhnlich so sanfter Blick be­lebte sich im Nu und schoß Blitze, wenn ein begeistern­der Gedanke ihrem jungen Hirn entsprang.

Zu damaliger Zeit, wo man nicht einmal den Namen des Königs ohne Bedenken aussprechen durfte, scheute sie sich nicht im Mindesten, sich frei und offen als Anhängerin der Sache des Königs zu bekennen, und keinen Tag ließ sie vorübergehen, ohne ebenso un­gescheut ihren goldenen Becher auf seine Gesundheit und sein Wohlergehen zu leeren.

. An dem Tage, an welchem das Haupt Karls I. auf dem Schaffote fiel, murrte sie ingrimmig vor sich hin: „Diese Elenden!" und als sie die Nachricht ver­nahm, daß auch die letzten schottischen Truppen, ohne