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299 Dienstag, den 29. Dezember 1891. 18. Jahrgang

_ , ^glid6, Sonn- und F>- -rtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bie^teljahrucher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilaac .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

»ldaer

Danksagung.

Für die Marienkirche in Hannover sind mir zum ehrenden Andenken des verstorbenen Dr. Ludwic Windthorst so viele und reiche Spenden übersandt worden, daß ich mich verpflichtet fühle, Namens des großen Tobten und Namens der Mariengemeinde in Hannover allen Gebern öffentlich Dank zu sagen, in­dem ich zugleich die Liste der nach dem Tode Windt- horst's eingegangenen Gaben hiermit veröffentliche:

1. Im Sterbezimmer Windthorst's vorgefunden 1042 44 2. Bon Sr. Königlichen Hoheit, Herrn Prinzen

Luitpold, Regenten des Königreichs Bayern 10000 —

3. Kollekte des Erzbisthums Köln..... 23489 -70

4. Kollekte des Bisthums Breslau 19000 —

5. Kollekte des Bisthums Kulm 6435 28

6. Spende aus dem Apostolischen Vikariate zu

Dresden............. 1000 —

7. Kollekte des Bisthums Ermland .... 3500 —

8. Kollekte des Bisthums Fulda.....1651 66

9. Kollekte des Bisthums Limburg 1380 68

10. Zweite Diözesan-Kollekte des Bisthums Münster 2798 93

11. Spende aus dem Bisthum Passau .... 120 —

12. Kollekte des Bisthums Rottenburg .... 13455 —

13. Kollekte des Bisthums Trier...... 11420 —

14. Dritte Diözesan-Kollekte des Bisthums Hildes­

heim .............. 5509 31

15. Spende der Centrums-Fraktion 6000 —

16. Spende des Bonifatius-Vereins in Freiburg i. B. 5000 —

17. Verschiedene kleinere Gaben...... 469 —

Summa: 112.272 M.

Außerdem sind von verschiedenen Gebern im Jn- und Auslande Meßstiftungen für Windthorst, seine Familie und für die Verstorbenen der Centrums-Frak- tion in der Marienkirche begründet worden.

Das Andenken des um unser Vaterland und unsere Kirche gleich verdienten unvergeßlichen Mannes konnte nicht bester und würdiger geehrt werden, als durch Er­füllung des von ihm so oft ausgesprochenen Wunsches: „Wer mir eine Freude machen will, spende einen Bei­trag zur Marienkirche."

Indem ich nun die reichen Gaben als ein Weihe­geschenk des katholischen Deutschland am Grabe des Verstorbenen vor dem Votiv-Altare Sr. Heiligkeit des Papstes niederlege, rufe ich allen edlen Gebern ein herzliches Bergelt's (Sott! zu.

Zur Erinnerung an diese Liebesthat der deutschen Katholiken wird alljährlich in der Marienkirche am Tage nach dem Kirchweihfeste ein feierliches Hochamt für alle Wohlthäter dieses Gotteshauses gehalten werden.

Hildesheim, am Vorabende des hl. Weihnachts­festes 1891.

Der Bischof von Hildesheim.

t Wilhelm.

Br. Zur Charakteristik der politischen Forderungen des neuen sozialdemokratischen

Urogramms.

, poetischen Forderungen des neuen sozialdemo­kratischen Programms decken sich im Allgemeinen mit denen des alten Gothaer Programms. Nur sind die- selben im Emzelnen genauer bestimmt. Die Grundlage ist dieselbe, nämlich die Forderung der demokratischen Republik im weitesten Sinne des Wortes. So hat schon Karl Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms den demokratischen Abschnitt" desselben charak- terisirt. Zugleich aber hat er die heftigsten Vorwürfe gegen diesen Theil des Gothaer Programms erhoben, weil dasselbe diese Forderungen an den heutigen Staat, speziell an das preußisch-deutsche Reich stellte. Wenn man nicht in der Lage war, sagt er, die demokratische Republik zu verlangen, wie es die französischen Arbeiter- Programme unter Louis Philippe und unter Louis Napoleon thaten, weil die Verhältnisse Vorsicht ge- bieten, so hatte man auch nicht zu der Finte flüchten Ein einer demokratischen Repu- bflk 'sinn haben, von einem Staate zu verlangen, der Nichts Anderes, als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflußter, büreaukratisch gezimmerter polizeilich gehüteter Militärdespotismus ist-'

So das Urtheil von Marx über die demokratischen Forderungen des Gothaer Programms im Allgemeinen. Wie wurde er, wenn er noch unter den Lebenden wäre, über die gleichen und noch weitergehenden demokrati­schen Forderungen des neuen Erfurter Programms urtheilen? Würde er dieselben auch jetzt noch ver-

urtheilen? Wir antworten auf diese Frage unbedingt mit Nein; denn dieselben Forderungen haben im neuen Programme einen ganz anderen Sinn, wie er den Intentionen von Marx entspricht. Marx verurtheilte keineswegs diese weitgehenden demokratischen Forde­rungen an sich. Gerade er sieht in der demokratischen Republik die letzte Staatsform der bürgerlichen Gesell­schaft, in welcher der Klasienkampf definitiv auszu­fechten ist. Was er an dem Gothaer Programm ver­urtheilte, war dieses, daß dasselbe diese demo­kratischen Forderungen an den heutigen Staat, speziell an die deutsche Reichsregierung, stellte und „im Rahmen des heutigen nationalen Staates" für realisirbar hielt. Das aber thut das Erfurter Pro­gramm nicht mehr. Es stellt diese Forderungen allge­mein, fordert zunächst die demokratische Republik als Uebergangsstufe zur sozialistischen Gesellschaft und mit dem Bewußtsein, daß diese Forderungen von den be­stehenden Staatsgewalten nicht erfüllt werden. Der politische Theil des sozialdemokratischen Programms dient daher vor allem dem Zwecke der Agitation, es ist das „sozialdemokratische Aktionspro­gramm". wie Kautsky es in der .Neuen Zeit' nennt. Derselbe Kautsky, welcher an der definitiven Feststellung des Erfurter Programms zumeist betheiligt ist, unter­richtet uns auch näher über den Sinn der demokrati­schen Forderungen desselben, Wenner schreibt: „Forde­rungen aufstellen, welche die heutigen Zustände zur Voraussetzung haben, heißt nun aber keineswegs, sich auf Forderungen beschränken, welche unter den heutigen politischen Machtverhältnissen erreichbar sind. Nicht diese bilden das Kriterium für unser aktives Programm, sondern die ökonomisch-soziale Struktur der Gesellschaft ist es, der wir unsere Forderungen anzupassen haben. Darin soll sich eben die Sozialdemokratie von den sogen, unpolitischen Arbeiterparteien einerseits und dem utopistischen oder sektirerischen Sozialismus andererseits unterscheiden, daß sie den herrschenden Gewalten keinerlei prinzipielle Konzessionen macht, daß sie aber dem je­weiligen ökonomischen und sozialen Status der Gesell­schaft bei ihren Vorschlägen bewußt und entschieden Rechnung trägt." Die Sozialdemokratie sieht nur darauf, daß ihre politischen Forderungen formell den heutigen Verhältnissen insofern entsprechen, daß sie in der bürger­lichen Gesellschaft überhaupt möglich erscheinen. „An­träge, die wir an den heutigen Staat stellen, schreibt Kautsky, „mögen so radikal sein wie sie wollen, aber sie müssen den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechen." An eine wirkliche Erreichung dieser Forde­rungen auf friedlichem Wege denkt die sozialdemo­kratische Partei nicht. Sie stellt diese Forderungen zu­nächst, weil sie in der Demokratisirung der Gesellschaft auf politischem Gebiete den Weg erblickt zur Sozia- lisirung der Gesellschaft auf wirthschaftlichem Gebiete. Auch das spricht Kautsky in den mehr erwähnten Auf­sätzen über den neuen Programmentwurf unverhohlen aus mit den Worten: „Jndeß ist die Demokratie für uns nicht Selbstzweck, sondern nur das Mittel zu einem größeren wichtigeren Zwecke: der sozialen Umgestaltung der Gesellschaft. Die Sozialdemokratie ist ihrem ganzen Wesen nach revolutionär; die — formale — Demo­kratie dagegen nur unter bestimmten Voraussetzungen, in der Regel ist sie dagegen eher konservativ." Nicht )ie wirkliche Demokratie erstrebt die Sozialdemokratie, ondern die r e v o l u t i o n ä r e, von welcher Karl Marx n der Kritik des Gothaer Programmentwurfes gesagt sat: „Zwischen der kapitalistischen und der kommuni- tischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Uebergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann, als die revolutionäre Diktatur )es Proletariats."

So viel über die politischen Forderungen des sozial- lemokratischen Programms, welche in ihrer gegen­wärtigen Tendenz der Zustimmung von Marx zwar gewiß sein dürfen, aber bei den Staatsregierungen und den bürgerlichen Parteien um so weniger auf Beachtung rechnen können. Man wird darüber nur zur Tages­ordnung übergehen, um sich vor der revolutionären Demokratie, der letzten Vorstufe des radikalen Sozia­lismus, zu schützen. Dazu braucht man freilich weder das allgemeine Wahlrecht zu beschränken, noch auch den Reichstagsabgeordneten Diäten zu verweigern. Diese Mittel sind der sozialdemokratischen Bewegung gegen­über zu kleinlich. Eine engherzige Bureaukratie ist am wenigsten fähig, tiefgehende politische Bewegungen zu überwinden. Man gebe vielmehr dem Arbeiterstande

alle Freiheit, seine berechtigten Jnteresieu auf legitimen Wege zu vertreten, dann wird man am ehesten die revolutionären Tendenzen der Sozialdemokratie durch­kreuzen.

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Dezember.

* Außer im deutschen Reichstage sind bisher die Handelsverträge nur im ungarischen Reichsrathe zur definitiven Annahme gelangt. Das ungarische Parla­ment hat auch bereits den Handelsvertrgg mit der Schweiz und die Patent- und Musterschutz-Konvention mit Deutschland erledigt. Im österreichischen und italie­nischen Parlament ist die Verabschiedung der Verträge erst im neuen Jahre zu erwarten. Mit der Schweiz hat Italien noch keinen Vertrag vereinbart; die be­züglichen Verhandlungen beginnen erst am 4. Januar in Zürich. Frankreich hat sich durch seine extremen Schutzzoll-Tendenzen isolirt und scheint jetzt zu fühlen, daß es damit in eine Sackgasse gerathen ist. Spanien soll Deutschland eine vorläufige Verlängerung des be­stehenden Handelsvertrages vorgeschlagen haben, aber unter der Bedingung, daß deutscher Spiritus vom 1. Februar ab den hohen spanischen Schutzzoll tragen soll. Es ist klar, daß die deutsche Regierung keine Neigung hat, dieses Angebot zu acceptiren, da dasselbe durch den Ausschluß des deutschen Sprits nahezu werthlos wird.

* Gewiß im Sinne aller Katholiken Deutschlands hebt die ,Germania' hervor, daß die Zeit naht, wo der Antrag auf Aufhebung des Zrsuiteugrsrtzes im Reichs­tage zur Verhandlung kommen müsse. Leider gehen, da die Reihenfolge, wie die Anträge eingebracht wur­den, den Ausschlag gibt, noch acht Jnitiafivanträge der Lerathuug jenes Antrages vor. Hoffentlich gelangen dieselben so rasch zur Erledigung, daß die nächste Ses­sion des Reichstages nicht schließt, ohne daß über das Schicksal des Jesuitenantrages entschieden worden wäre.

* Die auf Grund des Ergebnisses der amtlichen Untersuchung über die Arbeiter und Betriebsverhält- nisfe in den Steinkohlenbezirken schon im Jahre 1890 in Aussicht genommene Novelle zum Allgemeinen Berg­gesetz, die mit Rücksicht auf die auch die Verhältnisse des Bergbaues berührenden Ergänzungen der Gewerbe­ordnung durch das Reichsgesetz vom 1. Juni d. I. seiner Zeit zurückgelegt werden mußte, ist jetzt soweit ge­fördert, daß sie dem Landtag bald nach Beginn seiner Verhandlungen zur Berathung zugehen kann.

* Im kaiserl. statistischen Amt ist eine vorläufige Uebersicht über die Ergebniffe der Riibenzuckerfabri- kation in der Kampagne 1891/92 aufgestellt worden. Danach waren in Deutschland 403 Rübenzuckerfabriken im Betriebe, davon 315 in Preußen. In denselben wurden bis zum 1. Dezember 66,2 Millionen Doppel- zentner Rüben, davon 30,2 Millionen Doppelzentner selbstgebaute, verarbeitet und daraus 9,6 Millionen Doppelzentner Füllmasse gewonnen. Die muthmaßliche in der Kamvagne noch zu verarbeitende Rübenmenge ist auf 28,3 Millionen Doppelzentner geschätzt. In der Kampagne 1890/91 wurden in 406 Fabriken 106,2 Millionen Doppelzentner Rüben verarbeitet.

* Erzbischof v. Stablewski hat sein Mandat zum preußischen Abgeordnetenhause niedergelegt.

* Trier, 24. Dez. Pfarrdechant Weißbrodt in Koblenz ist von Bischof Michael Felix zum Ehren-Dom- herrn ernannt worden.

* Frankfurt a. M., 25. Dez. Soeben trifft fol­gende Depesche Seitens des Vorsitzenden der Cen­trumsfraktion des Reichstages hier ein: Am Sarge des großen Geschichtsforschers Janssen, des gelehrten und unermüdlichen Vertheidigers von Wahr­heit, Freiheit und Recht trauert ob des unersetzlichen Verlustes mit dem ganzen katholischen Deutschland die Centrumsfraktion des deutschen Reichstages. Graf Balle st rem, Vorsitzender.

* München, 24. Dez. Nach den „N. N." hat der gestern vom Prinz-Regenten in Audienz empfangene lermalige Rector magnificus der hiesigen Universität Dr. v. Christ seine jüngstgehaltene Rektorats-An- i rittsrede überreicht, welche wohlgefällig entgegen­genommen wurde. (Herr von Christ hat seine Rede vor Drucklegung derselben nochmals überarbeitet und diejenigen Stellen, die für das religöse Gefühl am meisten verletzend sind, daraus entfernt.)

* Metz, 24. Dez. Eine Versammlung zur Einfüh­rung des Volks Vereins für das katholische Deutsch­land (Sektion deutschredender Katholiken) in Metz fand