18. Jahrgang
Freitag, den 25. Dezember 1891.
eitliiiß
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SMF* Zweites Blatt. "WG
Weihnachtslied.
Und zögst Du tausend Meilen weit In alle Welt hinaus, Und kommt die liebe Weihnachtszeit, Du wollt'st, Du wärst zu HauS. Die Nachtigall, so süß sie singt, Weckt Sehnsucht nicht so sehr, Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt Bon Deiner Heimath her.
Da fällt Dir mit dem Tannenbau» Und mit dem Lichterschein Der ganze schöne, gold'ne Traum Bon Deiner Kindheit ein.
Es wird Dir so erinnerungsmild, Die Thränen kommen schier, Und manches liebe Menschenbild Tritt vor die Seele Dir.
Und Mancher, der Dir theuer war Und Gutes Dir erzeigt, Er schläft nun auch schon manches Jahr, Die Erde sei ihm leicht!
Und wenn Du in der Heimath bist In Liebe zugethan, Dann stecktest Du zum heil'gen Christ Gern auch ein Lämpchen an
Und bist geschieden Du im Groll, Heut' thut Dir's doppelt leid. Du denkst nach Hause wehmuthvoll; Das macht die Weihnachtszeit. Denn bitt'rer ist die Fremde nicht Als in der Weihnachtslust, Wo Du, ein unbekannt' Gesicht Bei Seite treten mutzt.
D'rum, zögst Du tausend Meilen weit In alle Welt hinaus, Und kommt die liebe Weihnachtszeit, Du wollt'st, Du wärst zu Haus. Die Nachtigall, so süß sie singt, Weckt Sehnsucht nicht so sehr, Als wenn das Weihnachtsglöckchen klingt Bon Deiner Heimath her.
Weihnachts-Plauderei.
An derselben Stelle wo er voriges Jahr gestanden hat, steht der Weihnachtsbaum und seine Lichter strahlen wie damals. Und die Hausgenossen, die um den Baum und den Gabentisch sich bewegen, sind das auch noch dieselben, wie am letzten Christabend? Hat vielleicht der Tod inzwischen ein theures Glied abberufen, damit es Weihnachten droben im Himmel feiere? Hat das irdische Leben und Streben getrennt, was im vorigen Jahr noch vereinigt war? Aber das Schicksal giebt mit der einen, während es mit der andern nimmt. Auch neue Gesichtchen tauchen um manchen Baume auf, die zum allerersten Male ob dieser Herrlichkeit die Augen aufreißen und die dicken Aermchen vergnügt ausstrecken. Und das kleine Zeug, was voriges Jahr noch kroch und stammelte, kann nun schon über die Tischkanten sehen und fassen und sein Behagen in verständlichen Worten kundgeben. — Die Feste bleiben, die Reihen derer, die sie feiern, verschieben sich langsam, unaufhaltsam. Die Empfänger wachsen sich zu Gebern aus; die Eltern, die jetzt das Schauspiel bieten, rücken allmählich ans den großelterlichen Zuschauerplatz.
Bedenkt sie alle, die zur Familie gehören, auch die Heimgegangenen mit einem frommen Gebete, und wenn der Jüngstgeborene auch kaum die Augen aufgethan bat, so tragt ihn doch herein, damit auch ihn ein Hauch des Geistes anwehe, der die rechte Christbaumfeier beseelt. Was soll der leuchtende Baum? Etwa bloß die materiellen Geschenke bestrahlen und die Befriedigung des Eigennutzes oder der Eitelkeit verherrlichen? So scheint man leider in manchen Häusern zu denken, wo nicht vom Christkindchen, sondern vom schwerbepackten „Weihnachtsmann" gesprochen und das Wesen des Festes in einer möglichst kostspieligen und protzigen „Bescheerung" gesucht wird. Dort ist kein Stern von Bethlehem aufgegangen und kein Friedensgesang der Engel vernommen worden. Der Weihnachtsbaum erhält seine rechte Bedeutung und seine erziehliche Kraft nur da, wo die natürliche Liebe, die die Familienglieder verbindet, geheiligt und gehoben wird durch den Anschluß an jene göttliche Liebeskraft, von der es in der hl. Schrift heißt: Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn für sie hiugab. Der Christbaum und die Weihnachtsgeschenke sollen wirksame Zeichen sein des christlichen Familien
geistes. Im Lichte des Glaubens, im Grün der ftohen Hoffnung auf den Erlöser und in der belebenden Wärme der frommen, selbstlosen, opferwilligen christliche Liebe sollen die Herzen sich einigen zu Frieden und Freude und jede Familie ein Abbild sein der heiligen, Deren Dreizahl das Geheimniß der Weihnachtsnacht vervollständigt.
Die christliche Familie zu hegen und zu pflegen, soll der Kirche und des Staates vornehmstes Bestreben sei»; auch des Staates, denn er ist das beste Bollwerk gegen den Umsturzgeist. Mit der brennenden sozialen Frage steht auch der Weihnachtsbaum in Beziehung. In dem Hause, in dem man wirklich ein Christfest feiert und am heiligen Abend die Herzen erfüllt sind mit dem Hauch jener Liebe, die Gott in Menschengestalt zum Heiland der Menschheit werden ließ, da findet der Geist der Gottlosigkeit nnd der gierigen Gewaltthätigkeit keine Stelle. Aber wo man Weihnachten nur im Geiste der Eitelkeit und der Habgier feiert, da nährt man die Begehrlichkeit, die Unzufriedenheit, Feindseligkeit und die gewissenlosen Anschläge.
Man nennt Weihnachten das Fest des Friedens und der Liebe. Die Sozialdemokratie kennt nur Unfrieden und Haß, und sie wurzelt in diesen Untugenden. An Stelle der stillen, heiligen und seligen Nacht, die uns der Glaube zeigt und feiern läßt, ist ihr Ideal die wilde, höllische, vernichtende Nacht. Daß Gott aus Liebe Mensch geworden ist und die Menschen errettet hat, will sie nicht glauben und verstehen. Sie will nach dem Systeme der Schlange des Paradieses die Menschen zu Göttern machen. Alles, was Gott geschaffen und erlöst hat, soll zu einem chaotischen Trümmerhaufen zusammengeworfen werden, aus dem der „Menfchengeist“ eine neue Welt zu schaffen hätte, derselbe jämmerliche Meuschengeist, der die alte Welt so verpfuscht und verdorben hatte, daß der Himmel einen Retter von göttlichem Wesen und göttlicher Kraft auf die Welt schicken mußte, um dem Verderben zu wehren! Die Sozialdemokratie will gerade das zu Schanden machen, was das Ehristkindchen der armen Welt zu bringen gedachte. Ihr Ziel ist die Vernichtung des Erlösungswerkes. Gedenken wir in der heiligen Nacht, daß auch wir berufen sind, das Christkindchen unb fein Werk zu vertheidigen.
Wodurch? Von den Wehren und Waffen im öffentlichen Leben haben wir hier nicht zu reden. Aber für das private Leben wäre heute wohl die Warnung am Platze: Verbreite Frieden und Liebe um dich her, den Frieden und die Liebe, die uns das Christfest giebt und stärkt. Wo Friede den Menschen bescheert ist und die Sonne der Liebe vom Himmel strahlt, da vergehen die Fäulnißkeime, die in Zank und Unzufriedenheit ihren Nährboden finden.
Das schöne Reden und Singen von Frieden und Liebe thut's nicht allein. Die hehren Worte werden vielfach nicht in ihrer ganzen Tiefe aufgefaßt. Ich vermeide alle harten Worte und alle rauhen Handlungen im Verkehr mit den Meinigen und auch mit anderen Leuten; ich lebe also im schönsten Frieden. So rühmt fick vielleicht Mancher, der von nichts an- derm, als raffinirter Selbstsucht geleitet ist, dessen Herz warme Liebe weder empfindet noch anssttahlt, dessen „Frieden" nur eine durch artige Formen verdeckte Friedlosigkeit ist. Dem äußeren Scheine nach ist Alles in Ordnung in den Beziehungen zwischen ihm und seinen Angehörigen oder seiner Umgebung; im Grunde aber herrscht dort nur der kühle Respekt, die höfliche Theilnahmslosigkeit. Es sind keine warmen belebenden Sonnenstrahlen, sondern glitzerndes, eisiges, künstliches Bogenlicht.
Man kann dreist sagen: Es wird zu Weihnachten zu viel geschenkt! Die Geschenke sollten mehr symbolischen, als realen Werth haben. Indem man die Geschenke recht auffallend und kostbar macht, droht man Urtheil und Gefühl bei sich und bei den Empfängern zu verwirren und zu fälschen. „Meine Frau und meine Kinder können sich über meine Liebe wahrhaftig nicht beklagen", meint der Familienvater angesichts der vollen Gabentische. Und am Bescheerungs- abend wird auch dem „guten, lieben" Mann und Papa versichert, daß seine Güte ebenso grenzenlos sei, als die Dankbarkeit und Liebe der Begnadigten. Alles Lug und Trug! Dieser Mann, der reiche Geschenke gibt, weil er es dazu hat, ist ein Egoist, der seine Frau nicht liebt und nicht ehrt, sondern unter seiner Ueberhebung und seiner Vergnügungssucht oft leiden
------------------j--- ----------- läßt, der seine Kinder aus Eitelkeit und Schwäche verzieht ober aus Bequemlichkeit ber Erziehung entbehren läßt.
Das Töchterchen glaubt Wunbers was gethan zu haben, wenn es seinen Eltern eine eigenhänbige Stickerei, eine Schlummerrolle, Pantoffeln ober bergleichen als kräftiges Zeichen seiner Liebe verehrt. Dasselbe Töchterchen merkt es gar nicht, wie es ben einen kurzen Augenblick ber „Ueberraschung" hundert- und tausendfach im Jahre wett macht durch ein launenhaftes, flatterhaftes, widersetzliches Benehmen, das den Eltern fort und fort unangenehme Empfindungen bereitet. Wie gern würden die Eltern auf alle „H an barbeiten“ verzichten, wenn sie bafür das Herz ihrer Tochter, das ungestörte Bewußtsein des Einklangs im Denken und Fühlen eintauschen könnten!
Es muß ein wahrer, solider, das ganze Herz durch und durch erfüllender Frieden sein, wenn er im Lichte des Christbaumes bestehen soll. Es genügt nicht, zu sagen: „Wir vertragen uns ganz gut“, sondern man muß prüfen und suchen und fegen und streben, bis auch die letzten verborgensten Zwistigkeiten beseitigt sind, daß frei und ungestört der Strom des guten Willens und des vollen Vertrauens zwischen den beiden Herzen hin- und herfluthen kann.
Viel werthvoller, als die Heranschleppung großer Geschenke, ist die Ablegung kleiner Fehler, die Andern unbequem sind. „Es kommt von Herzen“, sagt man zur Empfehlung von Gaben. Freilich, ihr innerer Werth hängt von der Beschaffenheit des Herzens ab, und darum sollte bei dem frommen Geschenkaustausch am Christbaum die erste Sorge und das lebhafteste Streben Aller sein: das Herz zu bessern und zu veredeln, damit das ganze tägliche Thun unb Treiben durchglüht sei von der wohlthuenden Wärme echter, reiner, selbstloser, wirklich christlicher Friedlichkeit und Liebe.
Im Kalender steht jedes Jahr nur einmal Weihnachten, und den Baum pflegt man nicht zweimal zu schmücken. Aber im Herzen muß alle Tage Weihnachts- Freude und Christfest-Liebe herrschen und fort und fort, von der Morgenfrühe bis zur Schlummerstunde sich bethätigen. Dann wird auch im Hause anbauentb jene selige Stimmung herrschen, die in den schönen Stunden des Christabends ihren feierlichen Ausdruck findet.
Wer die rechte Liebe und den wahren Frieden im Herzen hat, der wird auch außerhalb des HauseS so wirken, — mag er als Brodherr schalten, als Freund rathen, als Wohlthäter helfen, — daß er nicht bloß äuß erlich e Vortheile den Mitmenschen bietet, sondern auch Frieden verbreitet und Liebe weckt und so die Grundvesten des Reiches des Guten stärtt.
Wünschen wir uns nicht bloß ein fröhliches, sondern auch ein fö rderliches Fest!
± Alte Mimische Geschichten.
i.
Die historisch interessanten Mittheilungen aus dem Pfarrbuche von Schmalnau (j. Beilage zu Nr. 270 d. ,Fuld. Ztg.'), die uns die gesummten hochadeligen Pröpste und Kapitulare des Hochstiftes Fulda vom Jahre 1754 der Reihe nach vorstellen, wecken die Erinnerung an einen kuriosen Streit, ben jene stolzen Würbenttäger mit bem Landesfürsten Amand von Buseck ausgefochten haben. Und zufälliger Weise ist auch ber Zankapfel unweit von Schmalnau zu finben.
Der Konflikt spann sich nämlich um nichts anderer als um ben bekannten, bei Memlos entspringenden Sauerbrunnen, ber, wie Herr Dr. Justus Schneiber mittheilt, schon vor vierhunbert Jahren im Rufe ber Heilkraft staub und bereits anno 1696 von dem „Fuldasschen Leib-und Stadt-Medikus" Dr. Hack beschrieben wurde.
Bekanntlich ließ der verstorbene Kommerzienrath B. Müller vor nicht allzu ferner Zeit diese sehr kohlensäurehaltige Quelle in einen neuen Schacht fassen, ein Unternehmen, das jedoch leider bei seinem bald darauf erfolgten Tode wieder ins Stocken gerieth. Doch es gibt nichts Neues unter der Sonne : denn dieselbe Idee, ben bewährten Gesundbrunnen ber leidenden Menschheit weit und breit zu erschließen, war ja bereits schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Köpfen ber Fuldaischen edelgeborenen Prälaten aufgetaucht unb damals schon hatte ein eigener Unstern über dem Plane gewaltet, der die beabsichtigte Ausführung verhinderte.