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Mittwoch, den 23. Dezember 1891.

18. Jahrgang

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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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* Keim hl. Kater.

Eugen Wolff, der Berichterstatter des ,Berl. Tagebl/ in Ostafrika, ist vor Kurzem in Berlin ein­getroffen. Im Feuilleton des ,Tagebl.' veröffentlicht er er einen längeren Bericht über seine Audienz beim hl. Vater, welcher sich in Worten höchster Begeisterung über den hl. Vater ergeht, ein Beweis, welch' tiefen Eindruck die Person des edlen Priestergreises auf den Berichterstatter, einen protestantischenPastoren- sohn, gemacht hat. Er schreibt u. A.:

„Ich sah nur den Papst, er schien den ganzen Raum eingenommen zu haben, so erdrückend, so tief, so ge­waltig ergreifend war die Empfindung, die sich meiner bemächtigte. Es soll gewiß nicht respektwidrig sein, wenn ich sage, daß ich im ersten Augenblicke das Ge­fühl hatte, als ob eine wunderbar ausgeführte Figur des Papstes, etwa wie ich sie auf Oelgemälden gesehen, in Wachs vor mir sähe, mit künstlichen, aber durch Mechanismus beweglichen Augen. Ich war gebannt, sprachlos geworden vor dieser weißen, bleichen, ruhigen, ernsten, überirdisch verklärten Erscheinung. Mein Blick war so gefesselt durch den mächtigen Eindruck, den ich bekommen, daß ich wohl sekundenlang wie gebannt da­gesessen haben muß. Dem Papst sieht man die Stuben­luft deutlich im Gesichte an. Die silberweißen Locken fallen auf das bleiche, fast durchsichtige, abgemagerte Gesicht wie Thränen herab, der Mangel an Bewegung, Luft und Licht, in Wald und Feld und Flur, mit einem Worte in Gottes freier Natur, ist den Zügen unver­kennbar aufgedrückt. Wenn auch der Körper scheinbar schwach, so ist der Geist des Papstes doch noch mäch­tig. Die kleinen braunen Augen sind lebhaft und un­unterbrochen in Thätigkeit. Während sie im gewöhn­lichen Gesprächs-Thema mit warmer Milde und theil- nahmsvoll auf den Sprechenden blicken, werden sie plötzlich lebhaft feurig, beinahe sprühend, sobald ein den Papst besonders interessirendes Thema berührt wird. Der Papst erscheint dann um ein Menschenalter jünger. Die edle, ich möchte sagen verklärte Gestalt des greisen Oberhauptes der Kirche erfüllte mich mit der heiligsten Achtung. Selbst einen strenggläubigen Katholiken hätten in diesem Augenblicke keine tieferen Empfindungen be­seelen können, als diejenigen, von welchen ich durch­drungen wurde. Se. Heiligkeit ging, nachdem er mich mit lauter, wohltönender, noch die ganze Kraft der Lunge verrathender Stimme in huldvoll liebenswür­diger Weise willkommen geheißen hatte, sofort auf die Angelegenheiten über, die mich zu ihm geführt. In gedrängter Kürze machte ich Leo XIII. mein Expose. Seine Heiligkeit zeigte nicht nur ein riesiges Gedächt- niß von Dingen, die vor vielen Jahren passirt waren, nicht nur eine ganz genaue Sachkenntniß aller Ver­hältnisse, die ich berührte, sondern auch ein solches Interesse für das, was ich vorzutragen hatte, daß ich, von Neuem ausholend, dem heiligen Vater haarklein und mit allen Details dienen mußte. Das hatte ich

Ein modernes Aschenbrödel.

Bon Quille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(25. Fortsetzung.) Kapitel 12.

„Ist Alles bereit?"

„Ja, ich glaube!"

„Wo ist Fräulein Lockhart?"

„Sie wird gleich hier sein."

Geräusch und eine gewisse Verwirrung herrschten auf der kleinen Bühne von Mowbray-Hall. Ungeduld und Spannung machten sich inzwischen im Publikum bemerkbar, welches auf das Aufziehen des Vorhanges wartete.

Es war ein auserlesener Zuschauerkreis, dessen größter Theil in Seide und Spitzen, Sammt und Atlas, feinem Leinen, breiten Stickereien und den verschieden­sten, kostbarsten Edelsteinen prangte. Die Damen spielten kokett mit dem Fächer, die Herren studirten die von den feinsten Parfüms duftenden Programms oder be­trachteten den Flor junger Mädchen, welche den großen, reich mit Gold verzierten Saal durch ihre lieblichen Gestalten schmückten.

Die stattliche Frau Mowbray bewegte sich, ein Muster von Wirthin, graziös, höflich und lächelnd unter ihren Gästen; die Kinder in hellrosa und hellblauen Kleidchen schwebten wie kleine Rosenknospen und Ver­gißmeinnicht durch den Raum. Das Orchester begann

doch von dem greisen, vielbeschäftigten mächtigen Kirchenfürsten nicht erwartet. Punkt für Punkt mußte ich die Ereignisse, die zur Sprache kamen, erörtern. Punkt für Punkt gab mir Seine Heiligkeit mit einer Schlagfertigkeit, mit einer Logik und einem Scharfblick seine Ansicht kund, wie man es sonst sicherlich von keinem am Abschlüsse seiner Lebensbahn angelangten, gewöhnlichen Sterblichen erwarten kann. Es ist dies um so mehr zu verwundern, als der Papst seinem abgemagerten Körper nur ein geringes Quantum Nahrung zuführt. Während Se. Heiligkeit sehr zeitig anfsteht und schon in der Frühe eine große Anzahl von Zeitungen gelesen hat, nimmt er erst später, gegen 10 Uhr, kurz ehe er empfängt, eine kleine Tasse Kaffee ohne weitere Zuthat ein. Sein Mittagsmahl, um 2 Uhr — besteht aus einer kräftigen Bouillon und einer weiteren einfachen Speise; des Abends nimmt der Papst noch einen Teller Suppe. Dieses sind seine ganzen materiellen Genüsse und doch heißt es: „Der Papst lebt herrlich in der Welt". Sollte man mir die Frage stellen: „Wie lange glauben Sie, daß der Papst, den Sie gestern gesprochen, noch leben kann?" so könnte ich mit voller Ueberzeugung antworten, wenn es Gottes Wille ist, kann der Papst auch 92 und auch 100 Jahre alt werden. Mager, blaß, enthaltsam, aber zäh, recht zäh ist Leo XIII. . . . Ganz besonderes Interesse hat der Papst für Missionsangelegenheiten, welchem Kapitel wohl der größere Theil der Unterhaltung zufiel. Auch hierin bezeugte der Papst ein scharfes Gedächtniß; die Karte Afrikas hat Leo XIII. so genau im Kopfe, wie ein afrikanischer Forschungsreisender. Togo, Kamerun, Dahome, Sansibar sind ihm ebenso geläufig, wie Jemandem, der sich die Geographie Afrikas zum speziellen Studium gemacht hat. . . . Auch auf jeden Nichtkatholiken muß der Eindruck, den die milde ver­klärte Gestalt des edlen greisen Kirchenfürsten macht, gewaltig und unvergeßlich sein.----

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Dezember.

* Anläßlich der Annahme der Handelsverträge im deutschen Reichstage hat zwischen dem Reichskanzler, Grafen Caprivi und dem Grafen Kalnoky folgen­der Depeschenwechsel stattgefunden: „Euer Excellenz bitte ich, als einer der überzeugtesten Mitarbeiter, meine Freude und meine wärmsten Glückwünsche aussprechen zu dürfen anläßlich der Annahme der Handelsverträge im deutschen Parlamente. Daß dies mit so überwäl­tigender Majorität geschah, beweist, daß man in Deutsch- land die großen Ziele dieses Friedenswerkes ebenso zu würdigen weiß, wie das eminente Verdienst, welches Euer Excellenz dabei zufällt und welches von Ihrem Monarchen in so ehrender Weise anerkannt wurde. Graf Kalnoky." — „Euer Excellenz sage ich meinen auf- richttgen Dank für den erneuten Beweis des warmen Antheils an dem Fortgang unserer gemeinsamen Arbeit,

eine Ouvertüre zu spielm, der Vorhang ging langsam in die Höhe und ließ auf der Bühne ein reizendes, im Geschmack Ludwig des Fünfzehnten ausgestattetes Bou­doir sehen, mit weiß und goldenen Möbeln, gestickten, schweren Seidendraperien und dergleichen, ein Zimmer, gleich einer Bonbonniere, wie Lady Lyndon lächelnd bemerkte, indem sie sich in ihren Armsessel zurücklehnte, und die Diamanten auf der südlich dunklen Farbe ihres Halses schimmerten.

„Nun, wer ist das?" fragte sie, auf das Programm blickend. „Wurde doch noch eine andere Besetzung ge­wählt? Ich glaubte, die kleine, bleiche Gouvernante würde die Clottlde spielen. Wissen Sie, wer diese Dame ist?" wandte sie sich an ihren Nachbar zur Rechten.

„Nun, wer es auch sein mag, es ist eine bezau­bernde Erscheinung," erwiderte der Gefragte lächelnd. „Lassen Sie uns einmal sehen." Und sein Programm nachlesend, sagte er: „Clottlde, Fräulein Lockhart."

„Dann ist es doch die Gouvernante," sprach Lady Lyndon, mit weitgeöffneten Augen die junge Dame auf der Bühne betrachtend. „Ist es möglich?"

War es möglich? Lady Lyndon war nicht die Ein­zige, welche voller Verwunderung diese Frage aufwarf. Frau Mowbray blickte ihre Gouvernante über die Maraboutfedern ihres Fächers an und in ihren blauen Augen zeigte sich ein etwas verlegener Ausdruck, ein Zweifel, ob sie gut daran gethan, Magda auf Sir Alick's und Ethel's Veranlassung zum Mitspielen auf­gefordert zu haben. Auch die Kinder starrten ungläubig

die in Ihrem gütigen Telegramm zum Ausdruck kommt Die Ueberzeugung, mich auch hierbei mit Euer Excel­lenz eins zu wissen, ist und bleibt für mich von un­schätzbarem Werthe. v. Caprivi."

* Ueber den Bolkssch'ilgrsetz-Entwurf macht die .Nordd. Allg. Ztg/ einige Andeutungen nach drei Rich­tungen hin: 1. in Bezug auf die Rechte der Gemein­den gegenüber der Schule, 2. in Bezug auf die Rechte der Religionsgesellschaften, 3. in Bezug auf die Be­soldungsverhältnisse der Lehrer. Ein klares Bild ist fteilich aus den Andeutungen nicht zu gewinnen. Vor­weg wird betont, daß der neue Entwurf in erster Linie auf praktische Durchführung der Artikel 21—26 der Verfassung ausgehe, und namentlich auch von Arttkel 23 nicht um Haaresbreite abgewichen werden solle, nach welchem alle öffentlichen und Privatunterrichts­und Erziehungs-Anstalten unter Staatsaufsicht stehen. Je weniger der Goßler'sche Entwurf den An­sprüchen der Kirche gerecht wurde, um so mehr Frei­heit suchte das Centrum in der Kommission für die Privatschulen zu erobern. Es bleibt abzuwartm, wie weit der Jneue Entwurf diese unter Staatsaufsicht stellt. An und für sich kann man dem Staate das Aufsichtsrecht zuerkennen, es fragt sich nur, wie weit er in den innern Organismus der Privatschule ein­greifen will. Die Konservativen bemängelten an dem Goßler'schen Entwürfe hauptsächlich die Verkürzung der Rechte der Gemeinden. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' sagt nun, um den Eifer der Gemeinden für die Schule zu heben, sei es durchaus nothwendig, ihre Selbständigkeit zu betonen und ihr Verantwortlichkeits­bewußtsein zu steigern; jede Duplicität der Verwal­tung solle möglichst fortfallen. Wie es scheint, soll ins­besondere der Gemeindevorstand allgemein das Vor­schlagsrecht haben und die Schulaufsichtsbehörde daran bei Ernennung des Lehrers gebunden sein. Damit bei Einrichtung der Volksschule die konfessionellen Verhältnis^ möglichst berücksichtigt und der religiöse Unterricht von den betreffenden Religionsgesellschaften geleitet werden könne, soll den letztem „auch im Ge­meindeschulvorstande derjenige Einfluß sichergestellt wer­den, welcher eine Erfüllung der verfassungsmäßigen Bestimmung zu verbürgen geeignet erscheint." Hoffent­lich wird das wahr. Der Goßler'sche Entwurf wollte auch die konfessionelle Volksschule, gab aber die Min­derheiten noch stark der Willstir der Mehrheiten preis, und die Kommission verschlechterte die Entwürfe noch. Weiter sagt die ,Nordd. Allg. Ztg.': „Nachdem be­reits der bestehende Zustand der ist, daß die Lehrpläne mit Zustimmung der Organe der Religions-Gesell­schaften eingeführt sind, sollen die letztern auch voll­ständig frei sein in der Auswahl derjenigen G e i ft- lichen und Lehrer, welche mit der Ertheilung des Religions-Unterrichtes betraut werden." Das Versprechen sieht ganz gut aus, man muß es aber auch erst im Einzelnen näher besehen, ehe man Urtheil abgeben kann. Die gerühmte Mitwirkung der

nach der Bühne. Sollte dies wirklich Fräulein Lockhart sein, welche in ihrem schwarzen Kleide stets so bleich, ernst und traurig einherging?

Sie sah wunderbar lieblich aus. Die dunsten Augen glänzten wie zwei Sterne unter dem gepuderten Haar, welches sich auf dem fein geschnittenen Kopfe hoch auf» thürmte. Das Roth auf den Wangen ließ sie gesünder und heiterer erscheinen; der Pompadour-Ueberwurf von Atlas und Spitzen, welchen sie auf einem mit Rosen­knospen besäten Unterkleide gerafft hatte, machte ihre zierliche Gestalt noch anmuthiger, und die innere, fieber­hafte Erregung verliehen ihr eine Lebhaftigkeit der Be­wegung, einen Liebreiz, welcher über alle Beschreibung erhaben war — eine Lebhaftigkeit, welche noch zunahm, wie sie den ungläubigen, verwirrten, beinahe erschreckten Ausdruck auf Alick Wolfe's Antlitz wahrnahm, als er die Bühne betrat, und wie sie fühlte, daß seine Hand bebte, während er die ihrige berührte.

Ethel's mädchenhafte Lieblichkeit, Frau Mowbray'S hervorragend schöne, stattliche Gestalt, Lady Lyndon's brünette Reize, Alles, Alles versank in Unscheinbarkeit vor Magda Lockhart's glänzender, pikanter Schönheit» die mit ihrer Grazie und ihrem Liebreiz auf das Innigste harmonirte. Sie spielte vollkommen, mit einer selbstbewußten Sicherheit und einer Routine, welche Alle, die sie als die schüchterne, kleine, bescheidene Gouvernante kannten, in das höchste Erstaunen setzen mußten, und welche Sir Alick Wolfe seine stolzen Lippen fest znsammenpressen ließ. Er dachte, wie Recht