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V 292 Freitag, den 18. Dezember 1891.

iS. Jabrgang

kitniig

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* Das „freie, geeinigte Italien".

So lange der Kirchenstaat und die anderen kleinen italienischen Staaten bestanden, widerhallte die akatho- lische und freimaurerische Presse Enropa's von unauf­hörlichen Klagen über die schlechte, unerträgliche Ver­waltung der schönen Halbinsel und des Jammers und der Krokodilslhränen über das unglückliche, einer „un- > fähigen, verrotteten Priesterherrschaft überantwortete, seinem Untergange rettungslos entgegengehende Volk" war kein Ende. Man betrachtete und erklärte es in diesen Kreisen für eine heilige Pflicht der Humanität, den „Unterdrückten" zu Hilfe zu kommen, und wenn irgendwo ein „Kreuzzug" zu ihrer Rettung gepredigt worden wäre, fo würde diese Presse mit ihren Adepten die Idee mit dem hellsten Jubel begrüßt und mit allen Mitteln unterstützt haben. Da das nun nicht möglich war, so sammelten sich wenigstens die v „Brüder" aller Länder auf der Halbinsel und suchten durch ihre, unterirdische Wühlerarveit zu erreichen, was durch offene Gewalt noch nicht erreichbar schien. Auch die katholische Presse wurde vielfach von dem Lamento der Gegner angestcckt, und da ja überhaupt die leidige Sucht des Kritisirens und der Splitternchterei gegen­über der eigenen Sache eine katholische EigenthümUch- keit ist, welche zum Theile wohl in der Liebe zur Wahrheit und zum Guten, das bekanntlich nirgends in der Welt vollkommen zu finden ist, zum guten Theile aber auch in dem Bestreben wurzelt, recht „un­parteiisch" und „objektiv" zu erscheinen, so gab cs auch in unserem eigenen Lager Leute genug, welche in sitt­licher Entrüstung über die verkommenen Zustände in Italien machten, und so den geschworenen Feinden des Papstthums und der katholischen Religion, wenn auch nicht wissentlich, so darum doch nicht weniger wirkungs­voll in die Hände arbeitet*’”. Das Briganteuthum, die „Unwissenheit" des Volkes, die Betrügereien, die Armuth, die „tobte Hand", die schlechte Polizei, das Söldner­wesen, die „Unmasse" der Klöster, bcr Geistlichen, ihre Unthätigkeit, das Darniederliegen von Handel und Industrie u. s. w., alle diese Dinge wurden in den übertriebensten Schilderungen breitgetreten, bis endlich Savoyen sich an die Spitze der Bewegung stellte und mit offener, unerhörter Gewalt die legitimen Staaten vernichtete, um auf ihren Trümmern das „freie ge­einigte" Königreich Italien zu errichten, und unter dem Jubel der Revolutionäre aller Länder in Rom die Hauptstadt des „geeinigten" Italiens zu etabliren.

Nun war also Italien frei, und man hätte er­warten dürfen, daß jetzt das goldene Zeitalter für das italienische Volk anbrechen würde, in welchem alle seit­her beklagten Uebelstände ihr Ende fänden. Einund­zwanzig Jahre sind jetzt seit dem Einzuge des „re galan- tuomo“, Viktor Emmanuel, in der Hauptstadt der Christenheit verflossen; aber wenn je ein Volk durch die Revolution enttäuscht und auf das Schmäh­lichste um sein Alles betrogen worden ist, fo ist es das

Ein modernes Aschenvrödel.

Bon Quille Penne.

Autorifirte Uebersetzung von Louise Koch.

(21. Fortsetzung.)

Die Kinder klopften an ihre Thür, die Pflicht rief. Dem armen, für sein täglich Brod in Abhängigkeit schaffenden Menschen, wird ja nicht einmal Zeit gelassen für seinen Kummer.

„Ich komme schon — ich komme!" rief sie schwach, und langsam erhob sie sich, legte ihr Mäntelchen ab, kämmte ihr Haar und begab sich in das Schulzimmer, um den Kindern den Thee einzuschänken.

Die kleinen Mädchen waren von der ungewöhnten Zerstreuung ganz besonders erregt; sie plauderten lustig und unaufhörlich, machten neckische Bemerkungen und fragten mehr, als ein Mensch zu beantworten im Stande ist. Es gereichte daher Mazda zu nicht geringer Erleichterung, als die kleine Schaar nach dem Thee zur Tante Ethel eilte, um bei bei deren Toilette als neugierige Zuschauer zu fungiren, eine Erlaubniß, welche ihre Mutter ihnen niemals ertheille.

Wiederum allein, begab sich Mazda an eines der geöffneten Fenster, um ihre brennende Stirn, ihre klopfenden Schläfe zu kühlen. Der Abend war still, ein leiser Regen hatte zu fallen begonnen. Das junge Mädchen steckte den Kopf hinaus, damit es sich an den rieselnden Tropfen erquicke.

italienische. Waren unter den früheren ^Regierungen Schäden und Mißstände vorhanden: unter^dem jetzigen Regimente sind sie nicht nur nicht gehoben, sondern hundertfach verstärkt und vergrößert worden, und neben dem Elende des russischen Volkes, dessen Schilde­rungen gegenwärtig die W4l in Schrecken setzen, gibt es wohl keine Nation mehr auf der ganzen weiten Welt, deren Geschick beklagenswerther wäre, als die italienische. Die Güter der „tobten Hanb" sind in rück­sichtslosester Weise eingezogen unb auf bas Schänd- lichste verschleubert worben; bie Klöster sinb aufge­hoben, bie Orbensleute vertrieben, ber Klerus mehr als bezimirt, bie „Priesterherrschaft" ist gebrochen, bas Volk ist „frei" ; es hat eine „nationale" Armee, eine „nationale" Polizei, eine „nationale" Justiz; Alles ist „national" geworben; es hat aber auch em „natio­nales" Elenb, von bem es unter ben früheren Regierun­gen keine Ahnung gehabt.

Das Brigantenwesen wüthet stärker als je auf ber unglücklichen Halbinsel; bie geheimen Verbrecherbanden, wie bie Maffia unb anbere, terronsiren Stabt unb Land; bie öffentliche Unsicherheit ist nirgendswo in ber Wett so groß als in Italien; bie öffentliche Schulden­last wächst in's Ungemtsiene, so baß das Laub destän- blg am Adgrunbe bes Bankerottes steht; bie Armuth bes Volkes ist grenzenlos, so baß alljährlich Hunbert- tausenbe in Verzweiflung Haus unb Hof verlassen unb zum Wanderstabe greifen, um in anberen Ländern unb Welttheilen ihren Lebensunterhalt zu finben unb dem Hungertobe zu entgehen, ber ihnen in ihrer Heimath broht; bie Steuern werben von Jahr zu Jahr brückender und sinb kaum mehr zu erschwingen; bie Mißwirthschaft mit ben öffentlichen Gelbern spottet ber Beschreibung; Kassendiebstähle unb Veruntreuungen fremden Gutes mehren sich von Jahr zu Jahr; Städte, bie, wie Rom, vor 20 Jahren keinen Pfennig Schulden hotten, sinb jetzt von einer Schuldenlast bedrückt, baß sie kaum noch durch die künstlichsten Mittel und immer neue Steuern vor dem finanziellen Untergang bewahrt werben kön­nen; bie öffentliche Justiz ist, wie in bem letzten Anar­chisten- Prozeß, bem schmachvollen Prozeß Cagnassi- Livraghi unb Genossen, bei besten Scheußlichkeiten einem ehrlichen Menschen förmlich bie Haare zu Berge stehen, unb bem Prozesse Raco zu Tage tritt, zum Skandale von Europa geworben; Unzufriebenheit, Gährung, blutige Aufstänbe in allen Theilen bes Lanbes, Morb und Todtschlag sinb an ber Tagesorbnung; ber öffent­liche Unterricht liegt so im Argen, baß man schon vor Jahren ben Unterrichtsminister mit blutigem Spott ben Minister ber „öffentlichen Unwissenheit" genannt hat; welche Zustänbe auf biesem Gebiete herrschen, bavon mag u. A. bas eine Beispiel einen Begriff geben, baß kürzlich bie Vorsteherin bes Lehrerinnen - Seminars in Venebig ihren höchstens sechszehnjährigen Schüle­rinnen als Thema zum Aussatze bie Frage gab: „Was halten Sie von ber Lehre ber Ehescheidung mit besonderer Bezugnahme auf den im Sommer in Florenz stattgehabten Ehescheidungs-Kongreß?"

Plötzlich drang eine Helle Kmderstimme in ihr Ohr.

„Fräulein Lockhart, Fräulein Lockhart, kommen Sie doch Tante Ethel sehen! O, sie ist entzückend, kommen Sie doch!"

Magda schreckte zusammen, als sie sich von der dunklen Nacht dem erleuchteten Zimmer zuwandte. Es war leer. ■ Des Kindes Stimme lö te von außer her; die junge Gouvernante durchschritt das Schulzimmer, das kleine Vorzimmer und trat in die Gemälde- gallerie hinaus, in welcher das blendende Gaslicht auf die steifen Züge der gemalten Gesichter und die schweren Sammtportleren fiel. Zugleich beleuchtete dasselbe je­doch auch eine zarte, weiße Mäechengcstalt, die soeben ihre langen Handschuhe zuknöpfte und sich von den dicken Falten des purpurfarbigen Sammls, welcher den Hintergrund bildete, wie eine Erscheinung ans des Himmels lichten Höhen abhob.

Unwillkürlich stockte Magda's Schritt und mit ihren großen, schwermüthigen Augen betrachtete sie das liebliche Bild. In der Thal sah Ethel mit ihrem langschleppenden, weißen Seidenkleide, den lächelnden blauen Augen und den vor Erregung gtühenden Wangen, mit dem im Lichte flimmernden Silbergürtel um die schlanke Taille, bezaubernd aus. Sie trug keinen Schmuck, außer einem Hellotropftiäußchen an der Brust — und sie bedurfte auch keines anderen. Die Kinder tanzten vor Vergnügen und Bewunderung um sie herum und riefen ber geliebten Tante allerhand Schmeichel-

3 ^Dazu nehmet man noch die beständigen^Minister- krisen, bie unaufhörlichen widerlichen Skandale im Par­lamente, bie Kopf- und Taktlosigkeiten in der afrikani­schen Politik, die ©eenen bei dem letzten französischen Pilgerzuge, und frage sich bann, was bas „freie, geeinigte Italien" jetzt ist, unb was das italienische Volk burch s.ine „Einigung" gewonnen hat. Unb bie liberale Presse? Ereifert sie sich jetzt auch noch über diese un­erträglichen Zustände? Klärt sie ihre Leser darüber auf, ruft sie nach einer neuen „Befreiung" des unglück­lichen Landes? Gott bewahre! Tas Günstigste ist noch, wenn sie sich ausschweigt, oder mit nichtssagenden Phrasen möglichst rasch darüber hinweg gleitet; wenn aber, wie dies noch im vorigen Jahre g schehen, in einer der Flugschriften des „Evangelischen Bundes" gelegentlich der Schutz gerühmt wird, welchen jetzt in Italien Ergenthum unb Leben der Leute finbe; wenn auch jetzt noch im altgewohntem Tone von ben früheren unfähigen Regierungen, ber verderblichen Priesterherr­schaft u. s. w. gefaselt wird, da möchte man wirklich solchen Menschen das alte cieerogermanische Quousque tandem! zurufen. Im Sommer 1872 erzählte einmal ein wackerer, in Venedig ansässiger Tyr oler einem meiner Bekannten lachend, wie nunmehr dre Eingeborenen ihm unablässig klagten, daß die italienische Regierung sie zu Bettlern mache, da Handel und Verkehr vollständig dar- niederlägen und die Theuerung immer zurehme. „Do hob' ich ihn ihnen g'fogt: ho, schaut's; als ihr öster­reichisch g'wesen, hobt ihr Geld g'hobt und g'schimpft, doß ihr nit frei feid; jetzt hobt's die Freiheit; alleweil aber kan Geld nit; recht g'schieht's euch!" So ist's überall auf der Halbinsel; „frei“ ist sie geworden; d. h. „frei" können sich ihre Bewohner zu Tode hun­gern. Das „Volk" wollte einen Herrn haben: es hat ihn bekommen. Die Zugaben dazu muß es mit in den Kauf nehmen, wenn es auch daran zu Grunde geht. (Nass. B.)

Deutsches Keich.

Berlin, 16. Dezember.

* Der Reichstag fetzte die 2. Berathung der Handels­verträge fort. Eine lange Debatte veranlaßten die Zoll­ermäßigungen für Wein und Weintrauben. Der Zoll ist ermäßigt für Wein und Most von 24 auf 20 M., für Rothwein zum Verschneiden und Wein zur Cognae- bereitung von 24 auf 10, für Taseltrauben von 15 auf 4 (Postsendungen frei), für andere frische Wein­beeren von 15 auf 10 und für eingestampfte frische Weinbeeren von 15 auf 4 Mark für den Doppeleentner. Die Hauptbedenken wurden gegen die letzte Position geltend gemacht. Abgg. Härle (Volksp.), Weish, Dr. Buhl, Dr. Bürklin (ntl.), Zorn, v. Bulach (Els.), Bamberger (frf.) unb Menzer (kons.) befürchteten bavon eine Verdrängung ber deutschen Mittelweine aus dem Konsum zu Gunsten der italienischen. Staatssekretär v. Schraut wies auf die großen Schwankungen in der deutschen Weinproduktion und auf den Umstand hin,

namen zu. Sie selbst waren malerische, kleine Gestal­ten in ihren schwarzen Sammtröckchen mit den rochen Strümpfen und lieferten ein Bild, das unendlich viel hübscher und fesselnder war, als alle die ringsum an den Wänden hängenden.

„Nun, Fräulein Lockhart, ist sie nicht reizend?" fragte Margaret Mombray. „Tante ist fo weiß wie der Schnee, ganz so weiß, wie Sie schwarz sind! Wenn ich malen könnte, würde ich Sie Beide gerade so malen, wie Sie hier stehen und das Bild „Nacht und Morgen" nennen."

„Meg »wird poetisch!" rief Ethel lachend, als sie Magda mit bittender Geberde die Hand reichte, damit diefe ihr den Handschuh vollends zuknöpfe. „Es giebt stets neue Wunder in der Welt! Ich danke Ihnen, Fräulein Lockhart". Plötzlich fügte sie mit veränderter Stimme besorgt hinzu: „Ist Ihnen nicht wohl? Sie sehen fo bleich aus. Oder find Sie müde?"

„Ermüdet? Oh nein, auch fühle ich mich ganz wohl," antwortete das junge Mädchen, seine Stimme zur Festig­keit zwingend. „Sehe ich wirklich bleich aus? Wissen Sie auch, Fräulein Danecourt," fuhr Magda mit matlem Lächeln fort, „daß Sie dem Gretchen gleichen? Dem Gretchen, welches im Begriffe steht, ihrem Faust zu begegnen?"

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als das Geräusch einer ausgehenden Thüre sich ganz in ihrer Nähe hören ließ; eine Hand zog die schweren Fallen