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18. Jahrgang

Sonntag, den 13. Dezember 1891.

JM 288

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betrachte.

* Der Reichstag setzte heute die Berathung der Handelsverträge fort. Staatssekretär Frhr. v. Mar­schall wies die Behauptung des Abg. Grafen Kamtz Zurück, daß die Vorlagen liberaler freihändlerischer Ten-

* Das Schicksal der Handelsverträge war schon bei der ersten Berathung im Reichstage ent­schieden. Da Herr v. Capnvl „keine Geheimnisse hatte und auch die politische Seite der Vertrage mit großer Offenheit im Reichstage erörterte wird eine Kommissionsberathung nicht beschlossen werden, und da die Diskussion zweiter Lesung im Plenum die freieste Bewegung haben soll, wird, tote die Germ.' schreibt, die Kommissionsberathung viel­leicht gar nicht gefordert werden, höchstens aber von ch? w-mgm Slimmen. Und di- An»°hm° der Verträge ist gesichert nut sehr großer Mehrheit. Aus der Linken finden sie gar keine Gegner, m der Mitte einige vereinzelte, rechts einige mehr. Es wird wieder eine Mehrheit sein, wie sie Fürst Bismarck m den letzten Zeiten seiner Regierung selten erhielt

Von den zwei am Donnerstag zum Worte ge­kommenen Rednern aus den Parteien war Gras von Kanitz ein scharser Gegner der Vertrage. Er sprach vorzugsweise vom agrarischen Standpunkte, warnte aber auch einige Industrielle, z. B.der waarenbranche, vor der Herabsetzung ihres Schichzolles aeqenüber der hochentwickelten österreichischen Glasin­dustrie, während allerdings z. B. die Eisenindustrie zu den Verträgen fick gratuliren könne. Eine Insinuation, als wenn der Reichskanzler wohl nur m Folge Ver­leitung die jetzigen Bahnen beschritten, und daß man den liberal - manchesterlichen Geheimrathsstil in den Aktenstücken merke, gab dem Reichskanzler zu der sehr scharf vorgetragenen und von dem Hause lebhaft applaudirten Aeußerung Anlaß, daß er die volle Ver­antwortung für das Vorgelegte übernehme und daß die Rälhe des Fürsten Bismarck auch jetzt die Rache ge­

Meinetwegen mögen sie hinüberfahren", antwortete Frau Mowbray gleichgiltig. Jackson kann den Ponny- wagen für fie anipannen und Fräulein Lockhart mag sie unter ihre Obhut nehmen".

Ich danke Dir. Das ist's gerade, um was ich Dich" bitten wollte", sagte Ethel vergnügt, einen Kuß auf ihrer Schwester Wange hauchend. Wo hast Du eigentlich dieses Fräulein Lockhart aufgefunden? Ist es schon lange bei Dir?"

Ich weiß nicht einmal, tote lange; es kann em Jahr sein. Lady White empfahl mir das junge Mädchen".

Lady White?" wiederholte Ethel, über und über erröthend, dann trat sie, sich über die Hitze des Feuers beklagend, nach dem Hintergründe des Zimmers.

„Ja. Kennst Du sie? Es sind Leute aus der City, furchtbar reich, sie können nur so im Golde wühlen, aber sie sind ein Bischen gewöhnlich."

„Sie sind gewöhnlich?" sragte Ethel erstaunt. „Das glaubte ich nicht — ich dachte . . "

Oh, die jüngere Generation geht schon an, ob­gleich sich auch noch bei ihr ein plebejischer Zug be­merkbar macht!" unterbrach Frau Mowbray ihre Schwester. „Es sind zwei Töchter uud ein Sohn in der Familie".

„Ich traf mit dem Sohne diesen Sommer in Dieppe zusammen. Er kam mir durchaus nicht ge­wöhnlich vor."

Gin modernes Aschendrödel.

Von Ouille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(17. Fortsetzung.)

Der gedankenvolle Blick in Ethel's Augen vertiefte sich; das Leben, welches ihrer Schwester so volle Be­friedigung gewährte, erschien ihr leer und freudlos- Der Triumph in der Gesellschaft, die herrlichen Pariser Toiletten, die stete Abwechselung der Vergnügungen hatten keinen Reiz für sie. Sie würde die stete Nahe ihres Gemahls und der drei kleinen, reizenden Mäd­chen welche ihre Mutter als eine unnahbare Gottheit betrachteten, an Tante Ethel aber mit ihrer ganzen kindlichen Gemüthstiese hingen, bei Weitem vorgezogen

muß die Gäste von Croft - Haus zu uns einladen", sagte Frau Mowbray, ihren kleinen, schwar­zen Atlasschuh bewundernd, „und Du mußt nach Mög­lichkeit die Gelegenheit wahrnehmen, Ethel Es ist: m der That Zeit, daß Du an eine vortheilhafte Verbin­dung etwas ernster denkst!" .,

Ja, ich müßte heirathen, um Papa und Dich von den "großen Ausgaben, welche mein Auftreten erfor­dert, zu befreien. Uebrigens, was ich fragen wollte, werden die Kinder heute Nachmittag dem Turniere beiwohnen? Sie möchten so gern ihre Mama als huld­volle Vertheilerin der Preise bewundern.

wesen seien. , .

Der Abg. Peter Reichensperger gab rmNamen des Centrums die fast einstimmige Zustimmung des­selben kund und motivirte sie. Der Veteran des Cen­trums sprach mit einer Frische, die von seinen 82 Lebensjahren nichts merken ließ. Reichensperger hatte bekanntlich schon 1887 zu denjenigen Centrumsmlt- aliedern gehört, welche die damals von der Regierung geforderte Erhöhung der Getreidezölle von 3 auf 6 Mark bekämpften, aber in Form eines Kompromisses und zum Zwecke eines einheitlichen Votums der Cen­trumspartei zuletzt für 5 Mark stimmten. In den jetzigen Verträgen fand der Redner gesunde Grund­lagen wirthschaftlicher Entwickelung.

Reichskanzler v. Caprivi hatte oieVerhandlungen durch eine fünfviertelstündige Rede eingeleitet, die, ab­gesehen von einigen Beifallsrufen, von, Haus und Tn- i dem "1879 geschaffenen Schutzzoll-Tarif

bünen in gefpannter lautloser Aufmerksamkeit angehor . s-staebalten Die Verträge sicherten

wurde. Der Reichskanzler begann mit kincr strml.ch i« S 3M.

kompendiarlich klaren Ausführung über die Gegensätze, . wäbrend die vom Grafen Kanitz befürwortete LL« Le« S^Mart-Zolls dieLandwirthfchast au,

schwankenden Grund stellen würde. Daß die Tarissätze als Kompensations-Material bei Handelsverträgen tbeil- weise dienen sollten, sei von Anfang an in Aussicht genommen gewesen. Abg. Dr. Broemel erklärte die Zustimmung der Freisinnigen, Abg. Dr. Böttcher die der Nationalliberalen zu den Verträgen; aber während Ersterer die Schutzzölle prinzipiell verwarf, legte Letz­terer dar, daß di. selben vortheilhaft gewirkt. Abg v. Kardoiff(Rp ) führte aus, daß nur eine Remontffirung des Silbers die Nachtheile einer bedeutenden Herabsetzung der Getreidezölle auszugleichen vermöge und bestritt, daß ohne England die Währungssrage nicht zu losen sei Auf 5 Jahre könnte man die Verträge allenfalls zur Probe bewilligen; auf 12 Jahre nicht. Reichs­kanzler v. Caprivi legte dar, daß ein längeres Zuwar- ten deutfcherseits nur die Folge gehabt haben würde, uns weitergehende Konzessionen abzuringen. Für einen Abschluß der Währungssrage bestehe zunächst keine Aus­sicht. Eine Genehmigung der Verträge auf 5 Jahre würde die Regierung ablehnen. Abg. Dr. v. Komierowsn erklärt die Zustimmung der Polen zu den Verträgen. Abg. Dr. Kropatscheck (kons.) sprach gegen die Verträge, durch welche die Landwirthschaft zu Gunsten der In­dustrie geschädigt würde und vertheidigte die,Kreuzztg.' gegen gestrige Aeußerungen des Reichskanzlers. — Reichskanzler v. Caprivi hält seine Vorwürse gegen die .Kreuzztg.' ausrecht, dieselbe habe noch kürzlich gesagt: der Reichskanzler verkröche sich hinter dem Könige; so etwas wäre noch bisher keinem preußischen Osfizrer geboten worden. — Abg. Dr. Simonis (Elsässer) be­kämpft die Ermäßigung der Weinzölle, welches Baden vom Bundeskommiffar Geh. Rath Schraudt mit dem Hinzufügen zurückweist, daß Frankreich uns keine Schnitt­weine liefere und der Traubenzoll gemacht werden mußte, wenn anders der Vertrag mit Italien nicht scheitern sollte. — Weiterberathung morgen. ,

* Dem Bundesrath ist das vom 6. ds. rn Wien abgeschlossene Abkommen zwischen dem Reich und Oesterreich-Ungarn über den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz vorgelegt worden.

* Wegen Verächtlichmachung einer staatlichen EtN- richt'Mg durch öffentliche Behauptung erdichteter oder entstellter Thatsachen hatte am Dienstag der Tischler August Zimmermann vor der siebenten Straskammer des Landgerichts I. in Berlin zu erscheinen. Am 5 Mai d. I. hielt der Schriftsteller Mohrlach im Fach­verein sür Tischler einen Vortrag über „die Klasse der Geächteten." In der darauf folgendenDiskufsion nahm auch der Angeklagte das Wort. Er behauptete, daß der heutige Richterstand in Folge seiner ganzen juristi­schen Ausbildung und unter dem Druck der bestehenden Verhältnisse gar nicht mehr im Stande sei, objektiv und gerecht zu urtheilen. Dieser Zustand bewahrheite den Ausspruch Lafsalle's: „Die Justiz degradirt sich zur öffentlichen Dirne der Gewalt." Während der Staats­anwalt den Angeschuldigten mit einer Gefängmßstrase von 6 Monaten bestraft wisfen wollte, plaidirte der Vertheidiger, R.-A. Freudenthal, für Freisprechung, da

„Nun, so ganz gewöhnlich natürlich nicht. Er ist der Erbe einer Baronie und mehrerer Tausend Pfund jährlicher Einkünfte, und folche Männer sind keines­wegs gewöhnlich, sondern sehr selten. „Dann wechselte Frau Mowbray das Gesprächsthema, indem sie fragte:

„Welches Kleid 'wirst Du heute Nachmittag an- leqen?"

„Mein cremefarbiges Muffelinkleid", antwortete Cthe'l. „Sage mir doch, Mabel, wer sind eigentlich Fräulein Lockhart's Verwandte? Die junge Dame sieht ungemein vornehm aus." ,

Nicht wahr? Sie besitzt vollendete Manieren, bestätigte Frau Mowbray eifrig. „Das war auch der Grund, weshalb ich sie engagirte," fügte sie lachend hinzu. „Sie besitzt eine natürliche Grazie, ein Air von Wohlerzogenheit/das immer seltener und seltener wird, und welches, sollte es ihr gelingen, es den Kindern beizubringen, von viel höherem Werthe ist, als eine Unzahl von Kenntnissen, mit denen andere Erzieherinnen den lieben Kleinen den Kopf warm machen."

„Wer ist sie? Eine jener Schaar Unglücklicher, welche bessere Tage gesehen haben?"

; „Nein; sie ist die einzige Tochter eines Landwund- , arztes; aber sie wurde int Auslande, ich glaube in

Brüssel, erzogen und sie singt und spielt reizend. Ihre l Erscheinung steht int grellsten Widerspruche mit ihrer

Stellung. Kein Haushalt, in welchem erwachsene Söhne sind, würde sie aufnehmeu."

erforderliche Ausgleichung zwischen den Interessen von Landwirthfchast und Industrie, sah in der bedenklichsten Seite der Verträge, der Herabminderung der Zolle auf Verschnittweine und Keltertrauben, f einer fei ts die Eröffnung eines „Schlachtfeldes" der italienischen Weine gegen „sogenannten" — ja ebenfalls vorzugsweise aus spanischen und italienischen Weinen fabrizirten — fran- rösischen Bordeaux auf deutschem Boden, wandte sich mit Wärme gegen jeden Gedanken, daß tue Regierung der Landwirthschaft zu nahe treten könne — er als Soldat sei fest überzeugt, daß wir schon für den Fall eines Krieges im Wesentlichen unabhängig sein müßten von fremder Versorgung, erhob den Appell an die Vaterlandsliebe", nicht bloß die eigenen Interessen, sondern auch das Ganze im Auge zu haben, schilderte die Lage gegenüber Ländern wie Rußland und Nord­amerika, denen gegenüber in Europa eine größere Eini­gung die in den Verträgen theils erreicht und theils gefördert werde, nöthig sei, und schloß mit der Erwar­tung, die „Vaterlandsliebe" werde die Entscheidung geben.

Die Verträge werden nach vorläufiger Berechnung vielleicht 30 Gegner finden, darunter zwei Drittel Kon­servative.

Deutsches Keich.

Berlin, 11. Dezember.

* Der Handelsvertrag mit der Schweiz kommt morgen im Reichstage zur Vertheilung.

* Dem Reichstage ist als Weißbuch tue Korrespon- tienj vorgelegt worden, die anläßlich der Aushebung des Verbots der Einfuhr von amerikanischen Schweinen u. f. w. zwischen dem kaiserlichen Geschäftsträger tn Washington und der Regierung der Vereinigten Staaten stattgefunden hat. Die deutsche Regierung hat sich be­reit erklärt, den Vereinigten Staaten diejenigen Zoll- ermäßigungen für landwirthsch aftliche Er­zeug nifse einzuräumen, welche von ihr bei den Han­delsvertragsverhandlungen mit Oesterreich-Ungarn und anderen Staaten gemacht worden sind und zwar gegen amerikanische Konzessionen hinsichtlich der Einführung deutschen Zuckers. Der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten ist darauf vom Präsidenten zu der Mitthei- lung beauftragt worden, daß er diese Bereitwilligkeit der kaiserlichen Regierung als ein genügendes Entgegen­kommen für die Gewährung der von dem Kongreß der Vereinigten Staaten in Section 3 des Zolltarifgesetzes vorgesehenen Begünstigungen (Freilassung des Zuckers)