Einzelbild herunterladen
 

18. Jahrgang

Samstag, den 12. Dezember 1891

JM 287

FuldaerM Zeitung

wieder eine Verpflichtung Deuschlands zur Verallge­meinerung der durch die Verträge ermäßigten Zollsätze vermißt. Eine solche Verpflichtung wäre noch bedenk­licher, um nicht geradezu zu sagen, thöricht. Wie kämen wir dazu, Rußland alle diejenigen Konzessionen urn- onst zu gewähren, welche die uns befreundeten Staaten Oesterreich-Ungarn und Italien erst durch Gegen­konzessionen erkaufen mußten? Man würde ein solches Verfahren an der Donau und am Tiber gewiß nicht ehr bundesfreundlich finden.

„ausschlaggebende" Partei im deutschen Reichstage. Wir zweifeln nicht daran, daß die neuen Handelsver­träge im Reichstage Annahme finden werden und zwar wesentlich unter Mitwirkung des Centrums, welches bisher stets einen g'e mäßigt en Schutzzoll vertreten hat, wie er durch die Herabsetzung der Zölle auch in den neuen Zollverträgen sich findet. Daß dabei aber seitens einzelner Interessenten, und zwar nicht nur von der Landwirthschaft, sondern auch vom Wein­bau und von einzelnen Industriezweigen Opfer gebracht werden muffen, war leider nicht zn vermeiden. In dieser Beziehung schließen wir uns den Ausführungen der Denkschrift, aber auch deren Erwartung, daß die neuen Handelsverträge dem ge- ammten wirthschaftlichen Leben Deutschlands zu Gute ornrnen mögen, vollständig an.

* Der Reichstag begann heute die 1. Lesung der Handelsvertsräge mit Oesterreich-Ungarn, Italien und Belgien. Reichskanzler v. Caprivi theilte zunächst mit, daß zu den bereits vorgelegten inzwischen noch ein vierter Vertrag, der mit der Schweiz getreten sei, und begründete dann eingehend den Uebergang von der autonomen Feststellung der Zölle zu Vertragstarifen, indem er als Schattenseiten der autonomisüfchen Fest- tellung Ueberfüllung des Marktes und Mangel anAb- atzgelegenheit darstellte. Wir seien auf die Dauer nicht in der Lage, das zu bezahlen, was wir brauch­ten, was bei der stets anwachsenden Bevölkerung zu einem Nothstand führen müsse. Wir könnten uns wohl abschließen, aber nicht auf 'die Dauer felbst genügen. Wollte man noch länger warten, so würden immer mehr Staaten sich mit chinesischen Mauern umgeben. Die Regierung habe bei den Verhandlungen herausge- schlagen, was herausgeschlagen werden konnte ; sie habe mehr für die Landwirthschaft gethan, als dies irgend eine Regierung vermocht hätte, indem sie trotz der Ernteergebnisse die Agrarzölle aufrecht erhielt. Dre Landwirthschaft könne des Schutzes nicht entbehren, fie müfse gestützt werden im Interesse des Staates, und damit wir im Falle eines Krieges hinsichtlich un­serer Ernährung nicht auf Dritte angewiesen sind. Aber nicht die Landwirthschaft bringe Opfer, fondern der Landwirthschaft wird ein Opfer gebracht. Die Zoll­erhöhung auf 5 Mark sei eine Kraftprobe gewesen, die der Staat nicht bestanden habe. Was die Positionen, betreffend den Wein, anlange, so solle den französischen Weinen durch die italienischen Weine ein Schlachtfeld bereitet werden. Auch die Industrie bedürfe des Schutzes. Die Verträge bezweckten Hebung des Exports. Expor- tirt muffe werden, entweder Maaren oder — Menschen. Es sei wünschenswerth, daß wir mit unseren Verbün­deten auch in enge wirthschaftliche Verbindung treten. Die europäischen Staaten müßten sich an einander an­schließen; sie hätten Besseres zu thun, als sich gegen­seitig das Blut auszusaugen. Die Verträge würden dazu beitragen unsere Weltstellung zu erhalten und zu befördern. Hierauf nahm der Abg. Dr. Reichen­sperger das Wort, aus dessen Erklärungen zu An­fang seiner Rede zu entnehmen ist, daß das Centrum,

Ein modernes Aschenbrödel.

Bon Quitte Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(16. Fortsetzung.)

Kapitel 7.

„Jedenfalls ist er hierher gekommen, um in Deiner Nähe zu fein. Er wußte, wie innig befreundet, die Croft's mit uns sind und daß Du zur Jagd - Saison bei uns weilen würdest — Du sagtest es ihm ja selbst,

Z Die Handelsverträge, in.

Die Urtheile über die Handelsverträge gehen, tote das nicht anders erwartet werden konnte, je nach der Verschiedenheit der dabei betheiligten Interessen, aus­einander. Die Vertreter der böhmischen Textilindustrie finden, daß sie ihre Rechnung nicht dabei finden, die Ungarn meinen, daß deutscherseits in Bezug auf das ungarische Vieh weitergehende Konzessionen hätten ge­macht werden können. Wir in Deutschland hätten sicher­lich auch gewünscht, mehr zu erhalten und weniger zu geben; aber bei friedlichen Verträgen muß man sich eben mit dem Erreichbaren bescheiden. Anders ist es ja, wenn man nach der Schlacht als Sieger seine Be­dingungen diktiren kann. Auf deutscher Seite besteht vielfach in landwirthfchaftlicheu Kreisen Unzufriedenheit darüber, daß die Landwirthschaft in der Hauptsache die Kosten der neuen großen wirthschaftlichen Aktion tragen foll. In diesen Kreisen wird in der Kritik der Verträge aber vielfach recht erheblich über das Ziel hinansgeschofsen. Es gilt das namentlich von der Be­hauptung, daß wir mit den Verträgen an der Schwelle einer fteihändlerischen Aera stünden. Das Irrige dieser Behauptung ist bereits dargethan worden. Das deutsche Schutzzollsystem beruht auf dem Zolltarif von 1879. So lange dieser Tarif nirgends grundsätzlich durch­brochen ist, kann von einem Bruch mit dem Schutz­zollsystem auch nicht die Rede sein. Der Zolltarif von 1879 fetzte den Getreidezoll auf 1 Mark fest; erst "später wurde derselbe erhöht, zunächst auf 3 und dann auf 5 Mark. Wenn nun Oesterreich-Ungarn und den anderen Staaten gegenüber, mit denen wir Verträge geschloffen haben, unter den Betrag der letzten Er­höhung zurückgegangen wird, so läßt das die Grund­lagen des 1879er Zolltarifs vollständig unberührt. Das würde auch dann der Fall sein, wenn der Zoll­satz von 3>/, Mark ganz allgemein in Kraft gesetzt würde. Das geschieht aber nicht. Das Getreide ans den Staaten, die mit Deutschland nicht auf dem Boden der Meistbegünstigung stehen, unterliegt nach wie vor bei der Einfuhr nach Deutschland dem Zollsatz von 5 Mark. Das gilt in erster Linie von russischem Ge­treide. Man hat es für bedenklich gefunden, daß sich Deutschland nicht verpflichtet hat, den ermäßigten Zoll anderen, als den vertragsschließenden Staaten, zu ver­sagen. Eine solche Verpflichtung wäre aber wenig an­gemessen. Wie käme Deutschland dazu, sich solchergestalt die Hände binden zu lassen und auf feine Verfügungs- sreiheit zu verzichten! Es wäre ja immerhin möglich, daß, um von Rußland zu sprechen, dieses ausreichende Aequivaleute anböte, um derselben Vergünstigung theil- haftig zu werden, welche durch den Vertrag Oesterreich- Ungarn gewährt ist. Wir dürfen doch nicht nur die augenblickliche wirthfchastliche, und wir dürfen wohl hinzufügen, politische Konstellation ins Auge fassen. Die Verträge sind auf die Dauer von 12 Jahren ab­geschlossen und was kann sich in diesen 12 Jahren Alles ereignen. Auf fteihändlerischer Seite wird dagegen

„Selbst ich konnte nicht über eine solche Auswahl von Heiraths-Anträgen verfügen," sprach Frau Mow­bray ärgerlich und auch ein wenig neidisch. Dann er­innerte Ethel sie daran, daß sie erst neunzehn Jahre alt gewesen sei, als sie bereits geheirathet habe.

„Ich zähle nun schon vierundzwanzig Jahre," sagte Ethel, „und muß noch immer vergebens nach dem Rech­ten ausschauen, obgleich Du, geliebte Schwester, Dein Bestes gethan hast, mich in die Gesellschaft emzuführen und mich in's günstigste Licht zu stellen."

.^Vielleicht hast Du jetzt den Rechten gefunden, tröstete Frau Mombray, sich zu ihrer jüngeren Schwester wendend, welche an dem französischen Fenster stand und die schöne Herbstlandschaft bewunderte. „Ich hörte Dich doch selbst in Holland-Park zu Sir Mick Wolfe sagen, daß Du im September hierher kommen würdest."

„Er fragte mich danach!"

„Nun, um so besser. Dies ist ein Zeichen, daß er es ernst meint,“ erklärte Frau Mombray, die goldene Feder, mit welcher sie soeben einige kurze Korrespon­denzen erledigt, ans der Hand legend und vom Schreib- tische ausstehend. „Das würde eine ausgezeichnete Par­ti- für Dich sein, Ethel."

„Jedenfalls ist diese Partie eine ausgezeichnete, antwortete Fräulein Danecourt, ohne ihre Stellung zu

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Dezember.

* „Die Herabsetzung der landwirthschastlichen Zölle", o schreibt eine vielverbreitete Centrums-Correspondenz, ist der Punkt, wo die Opposition der konservativen Großgrundbesitzer gegen die neuen Handelsverträge einsetzen wird — diesmal in Verbindung mit dem be­kannten Frondeur in Friedrichsruh. Die .Kreuzztg.' hat sich bereits in ihrer Bekämpfung der neuen Handels­verträge die Parole des Fürsten Bismarck „Quieta non movere“ (an Bestehendem nicht rütteln) zu eigen ge­macht; die Regierung hätte, so meint sie, den Zolltarif bis auf weiteres lasfen sollen, wie er ist und zwar mit Rücksicht auf die innere politische Lage in Deutschland, auf die Finanzlage und felbstverständlich auch auf die vitalen Jnteresfen der deutfchen Landwirthschaft. Die .Kreuzztg.' behauptet kühn und keck, daß die Handels­verträge den Beweis liefern, daß wir uns „an der Schwelle einer freihändlerischen Aera" befinden. Den Gegenbeweis kann die .Kreuzztg.' aus einem sehr ver­ständig geschriebenen Artikel ihrer konservativen Milch- schwester .Reichsbote' entnehmen, welcher in den neuen Zollverträgen einen „Akt vorausschauender Re­gierungsweisheit" erblickt, „für welchen der Regierung Dank gebührt". Mit Recht macht der '.Reichsbote' darauf aufmerksam, daß wir, wenn diese neuen Han­delsverträge nicht gekommen wären, vor einem „zoll­politischen Chaos" gestanden hätten, „und die Lage der Landwirthschaft wäre erst recht schlimm geworden. Durch die Zollverträge aber erlangt die Landwirthschaft für einen Zeitraum von zwölf Jahren zollpolitische Ruhe und Sicherheit, und diese Sicherheit ist wahrlich den kleinen Zollabschlag von l'/z M. werth. Gewinnt unsere Industrie aber durch die Verträge einen neuen Aufschwung, so wird ein solcher auch für die Land- wirthschast mit ihren Produkten nicht ausbleiben." Die freikonservative.Post' ist mit ihrem Urtheil über die neuen Handelsverträge noch nicht fertig; sie will auch „taktische" Erwägungen und Nebenrücksichten entscheidend sein lassen, und wirft dabei die Frage auf, „ob es für die Reichspolitik und vielleicht noch in höherem Maße für die preußische Politik nicht zweck­mäßig wäre, zu verhüten, daß das Centrum auch in dieser Frage den Ausschlag zu Gunsten der Regierung giebt". Das kann aber die ,Post' mit der schwind­süchtigen Reichspartei ganz sicherlich nicht „verhüten", denn das Centrum ist nun einmal thatsächlich dre suchnng gerathen, lange, schleppende Sammtkleider mit breiten, überfallenden Spitzenkragen zu tragen; doch diese Laune ging vorüber, wie ein vom Winde getrie­benes Wölkchen, und Frau Mombray blieb den Herren

Ethel."

„Sagte ich's ihm?" fragte Ethel Danecourt mit einem schelmischen Lächeln. „Es ist möglich!"

Die beiden Schwestern — Frau Mabel Mombray und Fräulein Danecourt — saßen in der Ersteren Bvudoir in Mombray - Hall, einem kleinen, mit rosa Atlas und weißen Spitzen ausgeschlagenen Zimmer, dem reizenden, traulichen, modernen Nestchen im Her­zen des stattlichen, alten Schlosses, welches Frau Mom­bray halb liebte, halb verabscheute und das sie für ihr Leben gern in ein mit allen Chikaneu der Neuzeit ver­sehenes, von unten bis oben durch Stuck verziertes Ge­bäude mit großen, luftigen Räumen, goldenen Decken und Spiegelglasfenstern verwandelt hätte. Der male­rische, ästhetische Schnitt von Ethel's Kleidung paßte herrlich zu dem alten, ehrwürdigen Schlosse, und em- i ober zweimal war ihre Schwester auch schon in Ver-

Worth und Pingat treu.

Die Herrin von Mombray-Hall war eine ganz be­sondere Art weiblicher Schönheit. Sie war die ton­angebende Beherrscherin der Salons von Loamshire und behauptete sogar in London ihren Platz, woselbst sie sich nun schon zehn Jahre lang während der Saison auf der Höhe der Situation erhielt. Ethel Danecourt pflegte lachend zu erklären, daß ihrer Schwester Schön­heit ihre eigenen Aussichten auf den Ehestand während der fünf Jahre, feit sie in die Gesellschaft eingeführt worden, verdorben habe. „Die Herren stellen fo große Erwartungen an Frau Mombray's Schwester," sagte sie lachend, „daß sie in der That enttäuscht sein müssen, wenn sie mich sehen." ,

Fräulein Danecourt war auch wirklich nichts An­deres, als ein liebes, hübsches, englisches Mädchen mit einem blüthenzarten Teint und Hellen, blaugrauen Augen — und nichts weniger, als eine Schönheit. Trotzdem aber that sie, als sei sie eine solche, wie ihre Schwester oft tadelnd behauptete. Sie schlug eine ganze Reihe der besten Anträge aus, als ob die Tochter eines blut- ------------ u------------------- . ,

armen Oberst Überhaupt ein Recht hätte, wählerisch verändern. _. ....

“tt fehl. „Du sprichst, als ob Du zweifelst. Dir Mick ist

$ Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen in yrulba und auswärts 1 Mark oO Pfennig.