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Deutsches Keich.

Berlin, 7. Dezember.

* Der hiesige Hof legt für den verstorbenen Kaiser Dom Pedro von Brasilien auf 14 Tage Trauer an. Der hiesige brasilianische Gesandte hat sich anläßlich des Ablebens Dom Pedro's nach Paris begeben.

* Zwei wichtige Anträge hat die freisinnige Partei zum Etat eingebracht. Zum Etat für den Reichstag beantragt Dr. Baumbach den Bundesrath zu ersuchen, eine Abänderung der Reichsverfassung, Art. 32, in dem Sinne herbeizuführen, daß die Mitglieder des Reichstags aus Reichsmitteln Diäten und Reise­kosten erhalten. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß dieser Antrag wiederum eine große Mehrheit im Reichstag finden wird. Die Frage ist nur, ob der Bundesrath ebenfalls zustimmen wird, nachdem er bereits sechs oder sieben Mal denselben Antrag abge­lehnt hat. Als neulich in der Presse verlautete, die freisinnige Partei werde nach langer Zeit wieder ein Mal mit dem Diäten - Antrag erscheinen, brachte die ,Nordd. Allg. Ztg/ alsbald einen Artikel, welcher mit Bismarck'fchen Gründen Stimmung dagegen zu machen suchte und auf einen offiziösen Ursprung zurückgeführt wurde. Demgegenüber muß daran erinnert werden, daß, wenn wirklich die Diätenlosigkeit einen integriren- den Theil der Reichs-Verfassung bildet — wie Fürst Bismarck es darzustellen versucht — dieses Korrektiv des allgemeinen gleichen Wahlrechts seine Wirkung jedenfalls gänzlich verfehlt hat. Die Diätenlosigkeit hat den Einzug von 35 Sozial-Demokraten in den Reichstag nicht zu verhindern vermocht und auf der andern Seite die Mitwirkung der auf dem Boden der heutigen Ordnung stehenden Parteien an der Ge­setzgebung erheblich erschwert und erschwert fortgesetzt dieselbe. Im Gegensatz zu den übrigen Parteien ver­fügen die Sozial - Demokraten über eine Parteikasse, aus welcher an ihre Abgeordneten Diäten gezahlt werden; vermittels dieser Einrichtung wären sie sogar im Stande, einen der Ihrigen, welcher sich etwa von den Grundsätzen der Sozial - Demokratie entfernte und mit den „bürgerlichen" Parteien gehen wollte, durch Entziehung der Diäten die Ausübung des Mandats unmöglich zu machen. Die Diätenlosigkeit ist also, austatt dem allgemeinem Interesse des Reichs zu dienen, eher geeignet, öemselben entgegenzuwirken, als durch sie der Zersetzungsprozeß innerhalb der Sozial-Demo- kratie hintangehalten wird. Viel höher indeß ist der Nachtheil zu veranschlagen, unter welchem viele Mit­glieder der anderen Parteien leiden. Das Centrum rst daher immer für Bewilligung von Diäten einge­treten. Hr. v. Schorlemer hat sogar gelegentlich ein Mal im Reichstage öffentlich erklärt, daß es ihm ohne Diäten immer schwerer werde, die Kosten seines Aufenthalts in Berlin zu bestreiten. Die dauernde Versagung der Diäten würde zu unhaltbaren Zustän­den führen, und es ist gar kein Zufall, daß die sozial­demokratische Partei im Reichstage regelmäßig am

stärksten vertreten ist. — Der zweite, vom Abgeord­neten Richter eingebrachte Antrag, verlangt die im Reichsmilitärgesetz vom 2. Mai 1874 zugesagte Vor­legung eines Gesetzentwurf zur Regelung der Vorbe­dingungen, welche zum Einjährig - freiwilligen Dienst berechtigen. Seitdem die Reform des höheren Unterrichtswesens in Fluß gekommen ist, hat sich viel­fach die Meinung festgesetzt, daß die Einjährig-Frei- willigen-Frage lediglich durch eine einseitige Anord­nung der Militär-Verwaltung gelöst werden könne, während tatsächlich von vorn herein der gesetzliche Weg vorgesehen ist. Es erscheint daher zeitgemäß, auf das Recht des Reichstages zur Mitwirkung bei. dieser Regelung aufmerksam zu machen.

* Die Handelsverträge mit Oesterreich, Italien und Belgien sind im Laufe des heutigen Nachmittags in dem Reichstage eingebracht worden. — Die,Germania^ hebt aus dem Vertrag mit Oesterreich hervor, daß die Zölle auf Weizen und Roggen 3,50 M. per 100 Kilogramm, auf Hafer 2,80 M., auf Buchweizen 2,—, Hülsenfrüchte 1,50, Gerste 2,—, Raps, Rübsaat rc. 2,—, Mais 1,60, auf Malz 3,60 M. betragen; auf Mühlenfabrikate 7,30, auf Reis 4 M., auf Wein und Most in Fässern 20 M., auf rothem Wein und Most zu rothem Wein und zum Verschneiden 10 Mark, auf Butter 16 M., auf Schweinefleisch 17, auf anderes Fleisch 15 M. (Näheres über die Verträge und die denselben beigefügte Denkschrift folgt in der morgigen Nummer unseres Blattes. D. R.)

* In Betreff der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe hat auf die Eingabe eines Handlungsgehülfenvereins, welche dem Wunsche Ausdruck gab, die neuen Gewerbe­ordnungsbestimmungen über die Sonntagsruhe zum 1. Januar 1892 in Kraft gesetzt zu sehen, der Minister für Handel und Gewerbe geantwortet, es sei ausge­schlossen, dieseJnkrafttretung vor dem 1. April 1892 erfolgen zu lassen, weil erst von diesem Zeit­punkte ab die betreffenden Strafbestimmungen und die Vorschriften über den Erlaß ortsstatutarischer Bestimmungen nach der Gewerbeordnungsnovelle Ge­setzeskraft erhielten.

* An dem am Samstag beim Reichskanzler statt­gefundenen parlamentarischen Diner, zu dem fast aus­schließlich Badenser geladen waren, nahm auch der Erb- großherzog von Baden theil.

* Ob er in den Reichstag kommen wird, — der frühere Reichskanzler nämlich: Diese Frage fort­gesetzt in Fluß zu erhalten, scheinen gewisse Leute ein großes Interesse zu haben. So schreibt neuerdings wieder die ,Münch. Allgem. Ztg.': „Die Ankunft des Fürsten Bismarck für einen einzigen Tag zu den Ver­handlungen über die Handelsverträge gilt in Reichs- tagskreifen für möglich und wird lebhaft erörtert." — Damit über die „lebhafte Erörterung" keine Mythe entsteht, wird es gut sein, darauf hinzuweisen, daß die „Reichstagskreise", in denen diese „Erörterung" angeb­lich stattfinden soll, sich auf die sehr kleine Zahl stiller Verehrer beschränkt, die der Nörgler von Fried-

richsruh noch im Reichstage besitzt. In den Kreisen der übrigen Volksvertreter glaubt Niemand mehr nach der großen Rede des Reichskanzlers v. Caprivi, daß Fürst Bismarck den Muth haben werde, im Reichs­tag zu erscheinen. Aus dem Busch heraus die Politik seines Nachfolgers zu bekämpfen, das bringt er fertig. Man darf ruhig jede Wette riskiren, daß er nicht in den Reichstag kommen wird.

* Aus München, 7. Dez. wird dem ,Fränk. Vbl.' geschrieben: Der Austritt des Reichstagsabgeordneten Fischer aus der Centrumsfraktion des Reichstags regt in liberalen Blättern wieder vielen Staub auf und man zerbricht sich den Kopf, warum er diese Schritte wohl unternahm, Die Sache liegt sehr einfach. Die unerquicklichen Preßerörterungen über seine Person ge­legentlich des Verkaufs des .Frdbl.' und feine verschie­denen Prozesse boten den gegnerischen Parteien und ihrer Presse jederzeit eine Handhabe gegen die Cen­trumsfraktion als solche aufzutreten und die Fehler, die nur Herrn Fischer zur Last gelegt werden konnten, der ganzen Partei zum Vorwurf zu machen. Herrn Fischer mußte sich unter diesen Umständen endlich doch die Ueberzeugung aufdrängen, wie sehr der Sache durch seine persönlichen Angelegenheiten geschadet werde. Daß diese erst so spät kam ist freilich zu bedauern. Im vorigen Jahre war ihm nicht nur der Austritt aus der Centrumsfraktion sondern überhaupt eine Man­datsniederlegung wiederholt angesonnen worden. Hätte er damals diesem berechtigten Verlangen nachgegeben, es wären ihm viele Unannehmlichkeiten erspart geblieben.

Ausland.

* Die Volksabstimmung in der Schweiz über den Ankauf der Centralbahn hat stattgefunden, und zwar ist die betreffende Bundesraths - Vorlage mit großer Majorität verworfen worden. Es wurden gegen den Ankauf 277,132 Stimmen, für denselben 128,795 Stim­men abgegeben. Rein angenommen haben die Kantone Bern, Solothurn und Basel Stadt und Land. — Nach dieser Abstimmung ist der Versuch der Verstaatlichung der Eisenbahnen in der Schweiz als gänzlich gescheitert anzusehen.

* Die Liberalen Belgiens sind ganz zerfahren ob der Frage wegen der Aenderung des Wahlrechtes. An­fangs hatten sie geglaubt, der Regierung und der Kammermehrheit mit dem Verlangen nach der Ver­fassungs-Revision eine Verlegenheit bereiten zu können, über welche dieselben womöglich zu Falle kommen könnten. Heute hat sich die Rechte aber über ein Wahl­system — dasjenige der Jnhaberschaft einer Wohnung — geeinigt, welches viel weiter geht als die ursprüng­liche Absicht der Liberalen war. Ein Theil der Letztem möchte nun, um die Regierung und die Rechte zu ärgern, noch weiter gehen und verlangt das allgemeine Stimmrecht ohne Beschränkung. Davor hat es aber vielen Doktrinairen schon lange gebangt, da sie daraus das endgültige Uebergewicht der „Klerikalen" entstehen sehm, und zwar mit Rücksicht auf die Landbevölkerung.

Em modernes Aschenbrödel.

Von Quille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(13. Fortsetzung.)

O, welche Reue, welche Selbstvorwürfe nagten jetzt an ihrem Herzen, als sie die wenigen, von Frank White am Krankenbette ihres Bruders geschriebenen Zeilen las. Wie unwerth erschien sie sich jetzt der gütigen Fürsorge, die Philipp stets für sie gehegt. Sie hatte sich w wenig um ihn gesorgt, daß das Ausbleiben seiner Briefe ihr nicht einmal aufgefallen war, sie hatte sich Stunde um Stunde ergötzt, gelacht und gescherzt, während er im Sterben lag!

Der Nebel hing dick und schwer über der Riesen­stadt, als der Zug langsam in den Bahnhof einfuhr. Mazda sprang aus dem Coups und blickte erregt, mit brennenden Augen, nach einem bekannten Gesichte auf dem Perron umher. Frank war nicht gekommen, sie abzuholen, das war sicherlich ein gutes Zeichen. Wenn Philipp bereits — hier stockten ihre Gedanken — wenn Philipp seiner nicht mehr bedurfte, wäre er sicherlich hier, sagte sie sich. Philipp würde schon genesen; sie wollte ihn so sorgsam, so unaufhörlich pflegen, daß er nicht anders k.»mte, als genefen — und dann würde sie ihn nie n.ed-" allein lassen, nicht für einen Tag, nicht für e gründe!

„O, wie langsam bewegte sich der Wagen durch den

Nebel ihrem Hause zu, wie schlug ihr Herz, während sie vergebens in hilfloser, verzweiflungsvoller Angst gegen ihre Ungeduld ankämpfte.

Endlich — endlich war das bekannte Ostend-Square erreicht, Mazda stand auf der Stufe des Eckhauses, über dessen Eingang die rothe Lampe hing. Die Thür war geöffnet, sie trat ein. Das Gas brannte im Korridor und im Wohnzimmer, doch beide waren leer. Tiefe Stille herrschte rings umher. Mazda setzte sich einen Moment, an allen Gliedern bebend, nieder, die Füße versagten ihr den Dienst. Dann aber nahm sie allen Muth zu­sammen und langsam stieg sie die Treppe hinauf. Als sie den oberen Flur erreichte, that sich eine Thür auf — die Thür von ihres Bruders Zimmer — und Frank White trat heraus. Er sah überwacht, bleich und an­gegriffen aus, und als er ihrer ansichtig wurde, schreckte er zusammen.

„Mazda," rief er, und selbst in seinerUeberraschung erhob er die Stimme nicht über einen leisen Flüsterton. Des jungen Mädchens Herz zog sich krampfhaft zusam­men; mit fragenden Blicken schauten ihre fast aus den Höhlen getretenen Augen den Sprechenden an. „Bist Du endlich gekommen?" suhr er im Tone bittersten Vorwurfs fort, welcher ihm von der Erinnerung an den Sterbenden abgerungen wurde, der mit seinen brechen­den Augen umsonst nach der geliebten Gestalt der Schwester gespäht, und dessen Antlitz nunmehr ruhig, vorwurfslos und friedlich — o, fo friedlich — auf

dem weißen Kiffen ruhte, nun, wo Alles vorüber war! — „Ja," antwortete sie schwach, sich gegen dasTrep pengeländer stützend, „ich wußte nicht---"

Hier versagte ihr die Kraft. In stummem Flehen heftete sie ihre schönen, dunkeln Augen auf ihres Ver­lobten Antlitz, welches noch bleicher zu werden schien, als es schon war.

„Jetzt bedarf er Deiner nicht mehr," sagte der junge Mann, und seine Stimme brach. „Du kommst zu spät, Mazda!“

„Zu spät!" schrie sie auf. Es wurde Nacht vor ihren AuAen, ein Geräusch wie von strömendem Wasser tönte ihr in den Ohren und Frank fing sie in seinen Armen auf, als sie überwältigt von diesen beiden klemm inhaltschweren — o, so entsetzlich inhaltschweren Wor­ten zusammenbrach.

Kapitel 6.

„Ich wünschte, Du gestattetest Addy oder Julia, Dir Gesellschaft zu leisten," sprach Frank White in besorgtem und etwas ungeduldigem Tone, während er in Magda's ärmlichem Wohnzimmer auf und nieder schritt. „Zu uns willst Du nicht kommen und hier kannst Du doch unmöglich allein bleiben."

„Addy oder Julia hier!" rief Magda Lockhart mit einem kurzen, heiseren Lachen, und sie stellte sich in Gedankm die großen, wie aus Holz geschnitzten Gestal­ten mit den prunkenden Toiletten und den langen fegenden Schleppen in dem armseligen Häuschen vor,

Mittwoch, den 9. Dezember 1891.

284

18. Jahrgang