JW 283
Dienstag, den 8. Dezember 1891.
18. Jahrgang
Zcitoiig
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FriedensKläuge.
* Es blinken fünf freundliche Sterne in's Dünke der Kriegsfurcht hinein. Liefe fünf Sterne sind: Ribot, Rudini, Salisbury, Kalnoky und Caprivi. In den verschiedensten Tonarten haben diese 5 Herren vom Frieden gesprochen.
Herr Ribot, der französische Minister des Aeußern, sagte am 26. Oktober: „Niemand zweifelt, daß die Annäherung Frankreichs an Rußland eine neue Friedens-Garantie ist. Es herrscht der Eindruck, daß der Friede in diesem Augenblicke besser denn je gesichert ist."
Herr Rudini, der italienische Ministerpräsident, erklärte am 9. November: „Ich hoffe, daß Gott nicht zugeben wird, daß ein Krieg über Europa hereinbricht. Ich glaube fest und übernehme sogar die Bürgschaft, daß die Herrscher vom Geiste großer Mäßigung und Weisheit geleitet sind."
Herr Salisbury, der englische Premier-Minister, erklärte am 9. November: „Gegenwärtig ist nicht das kleinste Wölkchen am Horizont zu entdecken, das irgend etwas dem Frieden Schädliches enthielte."
Herr Kalnoky, der österreichisch-ungarische Minister des Aeußern, erklärte am 14. November: „Es ist mir keine einzige politische Frage bekannt, welche zu einer direkten Befürchtung Anlaß geben könnte, daß die lange Friedens-Epoche jetzt eine Unterbrechung erfahren könne."
Und Herr v. Caprivi erklärte in der Reichstags- Sitzung vom 27. November: „Ich bin davon überzeugt, daß die persönlichen Intentionen Sr. Maj. des Kaisers von Rußland die friedlichsten von der Welt sind; ich bin ebenso überzeugt, daß keine Regierung heutzutage wünschen kann, einen Krieg zu provoziren; ich glaube auch nicht, daß in dem gesteigerten Selbstgefühl der Franzosen eine Gefahr für uns liegt."
Innerhalb eines Monats haben sich also die ersten Minister von fünf Staaten in höchst friedlicher Weise geäußert. Hoffen wir, daß sie sämmtlich Recht behalten. Handel und Wandel und die ehrliche Arbeit wünschen den Frieden und können nur im Frieden gedeihen.
Deutsches Keich.
Berlin, 5. Dezember.
* Dem Reichskanzler v. Caprivi wurde vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin das Großkreuz des Hausordens der wendischen Krone verliehen.
* Artikel 1 des deutsch-österreichischen Handelsvertrages enthält die Verpflichtung beider Staaten, mit anderen Staaten nur auf Grund des jetzt geschlossenen Vertrages Tarif-Verträge einzugehen.
* Der Reichstag nahm das Etatskontrollgesetz in dritter Lesung an. Ein von der Geschäftsordnungs- Kommission gestellter Antrag über die Behandlung der zum Etat eingebrachten Resolutionen wurde vom Abg. Richter als eine Erschwerung des parlamentarischen Jnitiativrechts bekämpft und schließlich von der Tagesordnung abgesetzt. Dann wurde die Vorlage, betreff.
Ein modernes Aschenbrödel.
Bon Quill« Peuue.
Autorisirte Ueberse'tzung von Louise Koch.
'(12. Fortsetzung.)
Susanne ließ das Telegramm zur Erde fallen und griff mit beiden Händen nach der rückwärts taumelnden Mazda.
„Nein, nein!" rief diese athemlos, mit aller Gewalt gegen ihre Ohnmacht ankämpfend. Ich bin nicht krank — meine Kräfte dürfen nicht versagen. Oh, Susanne, lassen Sie mich los, lassen Sie mich fort! Philipp — Philipp! O, mein armer guter Bruder!"
Ihr Haupt sank einen Moment auf den Arm, welcher sie liebreich stützmd umschlungen hielt, dann besiegte sie mit der Kraft der Verzweiflung ihre Schwäche.
„Keinen Moment will ich zögern," fuhr Mazda mit ihrer süßen, weichen Stimme, welche Thränen in der Dienerin Augen riefen, hastig fort. „Susanne, möchten Sie mir nicht einen Wagen besorgen, welcher mich nach der Station bringen kann, und zugleich fragen, wann der nächste Zug abgeht?"
Während sie dies sprach, zog sie mit unsichern, zitternden Händen das kostbare, schimmernde Ballkleid ab, ohne zu beachten, ob sie demselben Schaden zu-
Abänderung des Artikels 31 der Verfassung (während einer längeren als 30-tägigen Vertagung des Reichstages sollen Abgeordnete wegen strafbarer Handlungen in Untersuchung genommen und verhaftet werden dürfen) in erster Lesung berathen. Dr. Bamberger (dfr.) befürwortete Ablehnung der Vorlage. Die längeren Vertagungen der letzten Zeit seien Ansnahmen, um deren willen man keine Verfassungsänderung vornehmen sollte. Die Vertagungen ließen sich durch geschäftsordnungsmäßige Bestimmungen vermindern. Staatssekretär v. Bötticher wies darauf hin, daß, wenn eine gesetzliche Regelung nicht zu Stande komme, der bestehende Uebelstand einander widersprechender Interpretationen Seitens der Gerichte über Artikel 31 der Verfassung fortdauere. Abg. Dr. Lieber (Ctr.) befürwortete Verweisung der Vorlage an eine Kommission, in welcher vielleicht ein anderer Weg zur Lösung der Frage gefunden werden könne. Für Kom- mifsionsüberweisung traten noch ein Abgg. Hahn (konf.) und Dr. v. Marquardsen (ntl.); ersterer sprach sich im Prinzip für die von der Regierung vorgefchlagene Lösung der Frage aus. Abgg. Singer und Stadthagen (Soz.) griffen speziell die sächsische Regierung wegen eines während der Vertagung gegen ihren Parteigenossen Schmidt eingeleiteten Strafverfahrens an. Sächsischer Generalstaatsanwalt Held wies diese Angriffe zurück, während Staatssekretär des Reichsjustizamts Bosse der Singer'schen Behauptung, daß das Reichsgericht ganz unglaubliche Interpretationen verübt habe, entgegentrat. Die Vorlage wurde schließlich an eine 14er Kommission für Vorberathung überwiesen. — Nächste Sitzung: Mittwoch, Anträge.
* Ueber den Sklavenhandel in Deutsch - Ostafrika hat der Stationsvorsteher in Tabora, Lieutenant Sigl, einen eingehenden Bericht an den Gouverneur erstattet, wonach hinsichtlich oer Unterdrückung der Sklaverei bei den herrschenden Verhältnissen noch keine großen Hoffnungen gehegt werden dürfen.
* Der 9. deutsche Lehrertag, welcher Pfingsten nächsten Jahres in Halle zusammentritt, wird u. A. auch das Thema, die „allgemeine Volksschule in Rücksicht auf die soziale Frage" behandeln.
* Die deutsch - englische Grenz-Kommission begibt sich in nächster Zeit in das Innere von Ostafrika, um die Grenze zwischen den beiderseitigen Einfluß-Sphären vom Meere an bis zum Viktoria-Nyanca festzustellen. Wahrscheinlich wird Dr. Peters zum deutschen Kommissar ernannt.
Ausland.
* Bern, 6. Dez. Nach den bis jetzt eingelaufenen Nachrichten scheint die Vorlage betreffend den Ankauf der Centralbahn mit großer Mehrheit verworfen zu werden. — Die West- und die Centralschweiz : ;aben die Vorlage durchgehends verworfen,sogarZürüch mit 49,183 gegen 13,834 Stimmen. Auch Schaffhausen und Gla-rus haben Nein gesagt.
* In Frankreich werden die Interpellationen betreffs der Beziehungen der Kirche zum Staat voraus-
üge, und warf es sorglos zur Seite. Was galt ihr letzt Reichthum, was Pracht? Sie haßte förmlich diesen sitzernden Schein. Alles — Alles war vergessen über ihres Bruders Krankheit. Der Schmerz um ihn betäubte jeden anderen Gedanken. Vor einer Stunde noch war sie in Kummer um ihre verlorene Liebe ver- enkt gewesen, um den Verlust aller schönen und herr- ichen Dinge, in deren Besitz sie sich bereits geträumt und welche nun nimmer die ihrigen werden sollten. Dieser Schmerz aber war verschwunden, wie eine vom Sturm verwehte dunkle Wolke. Sie hatte nur noch einen Gedanken: ihres Bruders Lebensgefahr.
„Ich muß mit dem ersten Zuge reisen, den ich noch zu erreichen vermag," sprach sie, vor Aufregung zitternd, daß ihre Zähne zusammenschlugen. „Sie brauchen Lady Wolfe oder Sir Alick nicht erst zu stören, Sufanne. Ich kann allein fahren — ich bekomme doch gewiß einen Wagen?"
„Sir Alick kehrte diese Nacht nicht zurück, Fräulein," sagte die Dienerin, dem jungen Mädchen bei dem Ueberwerfm des Reisekleides Hilfe leistend. „Wußten Sie nicht, daß er mit Lord Vavafour nach Schloß Vavasour gefahren ist?"
„Nein, ich glaubte, er habe nur einen anderen Wagen benutzt," antwortete Mazda mit schwacher Stimme. „Jetzt danke ich Ihnen, Susanne. Das
sichtlich eine lebhafte Debatte Hervorrufen; bedeutende Redner, wie Bischof Freppel, Clemenceau, Millerand u. A. werden sprechen Der Abg. Dreyfus wird die Dringlichkeit für seinen Antrag auf Trennung der Kirche vom Staat verlangen.
* Der ehemalige Kaiser von Brasilien Dom Prdro ist heute zu Paris im Alter von 66 Jahren gestorben. Als einziger Sohn Dom Pedro's I. wurde er nach dessen Abdankung am 7. April 1831 im Alter von 6 Jahren als Kaiser ausgerufen; sein Regierungsantritt erfolgte im Jahre 1840. Durch seine wohlwollende Gesinnung und fein Interesse für das Wohl feines Landes erwarb er sich die Achtung und Liebe feines Volkes, bei welchem, wie bekannt, die dynastischen Gesinnungen allerdings nicht tief wurzelten, auch Dom Pedro's Abdankung s. Z. (15. Nov. 1889) veranlaßten. Die Beisetzung der Leiche Dom Pedros erfolgt, seinem Wunsche gemäß, in Liffabon. Die Pariser Blätter widmen dem Verstorbenen ausnahmlos warme Nachrufe; einige verlangen, daß die Regierung ihn nicht als bloßen Besitzer des Großkreuzes der Ehrenlegion, sondern als Kaiser behandle und seiner Leiche Herrscherehren erweise.
* In Rom wurde in der Deputirtenkammer am Freitag die Kirchendebatte fortgesetzt, in welcher Ministerpräsident Rudini Veranlassung nahm, zu erklären, „er begreife nicht, wie man im italienischen Parlament die Frage der weltlichen Herrschaft des Papstes aufwerfen könne, eine Frage, welche längst abgethan sei. Ferner besprach Rudini die jüngsten Aeußerungen Kalnoky' s und hob hervor, daß es weder in der Absicht des Letzteren gelegen hätte, sich mit der römischen Frage zu beschäftigen noch die patriotischen Gefühle Italiens zu verletzen, wie denn auch die Haltung Oesterreich- Ungarns in der Frage des Papstthums eine Italien stets freundschaftliche gewesen sei. Die Regierung werde an ihrer bisherigen Kirchenpolitik festhalten. Im Weiteren wollten die gemessenen Erklärungen Rudini's den italienischen Heißspornen, welche das Garantiegefetz sogleich abgeschafft und Trient und Triest mit Italien vereinigt wifsen wollten, nicht recht behagen. Es ist aber als sicher anzunehmen, daß eine für das Kabinet ungünstige, von denselben eingebrachte Tagesordnung in der Deputirtenkammer zurückgewiesen werden wird.
* In Rußland hat sich ein Komitee zur Unterstützung der Nothleidenden in den vom Mißwuchs betroffenen Gegenden unter Vorsitz des Großfürstl. Thronfolgers konstituirt. Das Komitee bezweckt, die Wohl- thätigkeit der Privatkreise zu Gunsten der Nothleidenden zu wecken und ihr die nöthige einheitliche Direktive zu geben.
* London, 6. Dez. Der englische Generalkonsul in Shanghai meldet dem Auswärtigen Amte telegraphisch, er habe befriedigende Berichte von dem englischen Konsulate in Niutschwang erhalten. Letzteres melde, die Truppen der Aufständischen seien vollständig zersprengt; die Nachricht von der Niedermetzelung der Christen bestätigt sich, dagegen nicht das Gerücht von den gegen Frauen verübten Gewaltakten.
Uebrige kann ich allein besorgen. Bitte, sehen Sie nur nach dem Wagen und der Abfahrt des Zuges."
„Der Zug geht erst um acht ein Viertel Uhr," antwortete das Mädchen. „Ich werde Ihnen schnell etwas Frühstück besorgen, Sie haben noch reichlich Zeit, liebes Fräulein."
Nunmehr allein, kleidete Mazda sich zunächst reisefertig an, setzte sich nieder, um auf Susannens Rückkehr zu »warten. Das Tageslicht begann im Osten zu dämmern; ein scharfer heulender Wind, welcher gegen Morgen zu wehen begonnen, fegte das dürre Laub raschelnd zusammen und ein kalter Schauer überrieselte Magda, als sie dieses Geräusch vernahm. Sie saß da, als hätte das über sie hereingebrochene Unglück sie ihrer Sinne beraubt; kaum wußte sie, wo sie war und was sich zugetragen. Sie fühlte nur eine Last auf ihrem Herzen und einen Druck auf ihrem Gehirn, die sie vollständig gefühlos machten.
Plötzlich sprang sie auf, das volle Bewußtsein kehrte ihr zurück, fieberhaft erregt durchmaß sie mit schwankenden Schritten das Zimmer. Philipp krank, fehr krank, kerbend — und sie nicht bei ihm? Konnte es denn möglich sein? Philipp, ihr einziger Freund, ihr einziger Blutsverwandter, den sie befaß — Philipp, welcher tets so gütig, so liebevoll, so verzeihend zu ihr gewesen war! Er sollte sterben? Oh — nein, nein! Es mußte