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JV 282 Sonntag, den 6. Dezember 1891. 18. Jahrgang

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Zweites Blatt. "HML

-6- Die Kapelle der Deutschen Nation in der Kathedrale;u Loreto.

Das deutsche Komitee, welches von den General- Versammlungen der Katholiken Deutschlands zu Koblenz und Danzig den Auftrag erhalten hat, die Sammlungen zur Restaurirung der Chorkapelle in der Kathedrale zu Loreto zu organisiren, welche als Kapelle der Deutschen Nation zum 600jährigen Jubiläum der Uebertragung des heil. Hauses gewidmet werden soll, hat die Vor­arbeiten soweit sördern können, daß unter der als sicher angenommenen Voraussetzung, daß die erforderlichen Geldmittel durch die im Gange befindlichen Sammlungen beschafft werden, ein des deutschen Namens würdiges Denkmal geschaffen werden wird. Leider mußten die hochwürdigen Patres Benediktiner aus der Beuroner Kongregation aus Mangel an ausführenden Künstlern aus der Ordens - Genossenschaft den bereits übernom­menen Auftrag für die Ausmalung der Wände der Kapelle zurückgeben. Unser Landsmann, Herr Professor Friedrich Seitz, der Kustos der vatikanischen Gal- lerie, hat aber sich bereitwilligst dazu verstanden, diese Arbeit unter Zugrundelegung des von den Patres Bene­diktinern aufgestellten Programms zu übernehmen. Die monumentalen Werke des einzigen in Rom lebenden christlichen Malers aus der Schule der Overbeck und Genossen sind in Deutschland wenig bekannt: aber fast in jedem katholischen Hause finden sich in Alban Stolz' „Legende" die meisterhaften Holzschnitte nach Friedrich Seitz, die den besten spätmittelalterlichen Holzschnitten zur Seite gestellt werden dürfen. Auch für die Aus­führung der Holz-Skulpturen an den Chorstühlen und dem päpstlichen Throne sind in Rom lebende deutsche Künstler gewonnen und es steht in sicherer Aussicht, daß der Fußboden - Belag von einer wohlrenommirten deutschen und katholischen Firma ausgeführt werden wird. Die ganze Kapelle wird demnach das Gepräge echter guter deutscher Kunst erhalten. Ein mit dem hochwürdigsten Herrn Bischof von Loreto durch das Komitee zu schließender Vertrag wird für die deutschen Pilger eine Reihe besonderer Privilegien festsetzen, so daß in Zukunft unsere Loreto-Pilger an dem mit Recht so beliebten hochberühmten Wallfahrtsorte eine nach allen Seiten hin sie anheimelnde Andachtsstätte finden werden. Das Komitee kann die große, recht bedeutende Mittel erfordernde Aufgabe jedoch nur dann vollenden, wenn in allen Kreisen der Verehrer unserer lieben Frau von Loreto derselbe Eifer sich zeigt, wie er sich da kundgegeben hat, wo seiner Anregung bereits Folge geleistet worden ist. Das Komitee hat außer dem schönen in dem Anzeiger für die katholische Geistlichkeit' veröffentlichten Briefe des hochwürdigsten Herrn Bischofs von Eichstätt die Zustimmung aller Oberhirten unferes Vaterlandes erhalten. Die hochwürdigsten Herren Bischöfe Preußens schrieben dem Vorsitzenden des Komitee's, Sr. Durchlaucht dem Fürsten zu Löwenstein, nach der letzten Bischofs-Konferenz zu Fulda:

„Die in Fulda versammelten Bischöfe geben ihren Beifall dem von Ew. Durchlaucht vorgelegten Plane einer Restauration der hl. Sakraments-Kapelle im Dome zu Loreto und ihrer Wid­mung zur deutschen National-Kapelle und wünschen dem frommen Unternehmen Gottes reichsten Segen."

Der hochwürdigste Herr Bischof von Rottenburg schreibt:

„Das fromme Vorhaben, die Kathedrale über dem hl. Hause zu Loreto auf die bevorstehende sechste Centenarfeier neu herzu­stellen, begrüße ich mit aufrichtiger Freude, begleite das Unter­nehmen mit den besten Segenswünschen und zweifle nicht, daß auch die Angehörigen meiner Diözese gern diesen Anlaß benutzen werden, um ihrer dankbaren Verehrung gegen das gnadenvolle Geheimniß der Menschwerdung und ihrer Liebe zur Gottesmutter Maria einen kräftigen Ausdruck zu geben."

Mehrere der hochwürdigsten bayerischen Bischöfe haben Mitglieder ihrer Kathedral - Kapitel beauftragt, die Sammlungen zu organisiren. Diese haben sich in warmen Zuschriften an den Diözesan - Klerus gewandt und ihn ersucht, sich der Sache anzunehmen. Möchten alle diese oberhirtlichen Anregungen bei den treuen Ver­ehrern der allerseligsten Jungfrau gute Früchte tragen und besonders bei den Mitgliedern der Marianischen Kongregationen und Bruderschaften einen recht regen Sammeleifer erwecken!

* Ueber das Kahnprojekt Tann-Geisa- Dacha-Gerstungen

wird uns aus Geisa geschrieben:

„Seit einigen Wochen wird sehr eifrig die Werbetrommel gerührt, um Stimmung zu machen für den Bau einer Eisenbahn Schmalkalden-Wernshausen-Dermbach-Tann und um durch Sammlungen die für Fertigung der Vorarbeiten dieser Eisen­bahn erforderlichen Mittel aufzubringen. Wir möchten den Ein­wohnern der Ortschaften, in denen solche Sammlungen veran­staltet werden, insbesondere den Einwohnern der Städte Fulda, Tann und Dermbach dringend rathen, ihr Geld nicht an dieses Unternehmen zu hängen, da dasselbe u. E. irgend welche Aus­sicht auf Verwirklichung nicht hat. Wir sehen ganz von der Frage ab, ob die preußische Staatsregierung einem Unternehmen geneigt ist, welches einer nicht im Staatsbesitz befindlichen Eisen­bahn (Werrabahn) bedeutenden Verkehr zuführt und auf diese Weise den über kurz oder lang wohl in Aussicht stehenden An­kauf dieser Bahn erschwert, welches ferner mit dem durch seine Verwirklichung bedingten Uebergang aus dem Feldathal in das Ulsterthal die größten technischen Schwierigkeiten bietet, wir weisen nur aus die Thatsache hin, daß die preußische Staatsre­gierung, wie schon in der zur Berathung jenes Unternehmens am 8. November l. I. in Dermbach stattgehabten öffentlichen Versammlung von wohlunterrichteter Seite hervorgehoben wurde, bekanntlich Bahnen von der sekundären Bedeutung jenes Unter­nehmens nur dann baut, wenn der Grund und Boden ohne Entschädigung von den Gemeinden zur Verfügung gestellt wird. Nun sind aber, wie dies in jener Versammlung bezüglich Derm- bach's von der zuständigsten Stelle zugestanden worden ist, die Beseitigten weimarischen Gemeinden, die theilweise schwer unter der zwecks Erbauung der Feldabahn aufgenommenen Schuld seufzen, nicht im Stande, aus eigenen Mitteln jene Bedingung zu erfüllen und man irrt sich in Dermbach, wenn man glaubt, das weimarische Land werde zur Beschaffung der Mittel für die weimarischen betheiligten Gemeinden eintreten. Nach den uns in unzweideutiger Weise zugegangenen höheren Informationen geht die Politik der weimarischen Staatsregierung dahin, nicht dem bereits in das Eisenbahnnetz einbezogenen Dermbach aus Staatsmitteln zu einer weiteren Bahn zu verhelfen, sondern daS örtlich vom Hauptland abgesonderte Geisa in erster Linie in das Eisenbahnnnetz einzubeziehen.

Es hieße weiter auch der weimarischen Staatsregierung, deren Einwilligung der Verwirklichung jenes Unternehmens vor­aussetzt, mögen ihr nun finanzielle Opfer angesonnen werden, oder nicht, geradezu einen Selbstmord zumuthen, wollte mau ihr ansinnen, etwa gar durch Berwilligung eines Beitrags zur Strecke Wernshausen-Dermbach zur Herstellung einer Konkurrenz­linie für die durch letztere zum großen Theil brach gelegte Feldabahnstrecke Salzungen-Dermbach behülflich zu sein, wozu nach jenen Informationen die weimarische Regierung nicht ge­neigt ist und sein kann.

Ganz anders stehen die Aussichten für Verwirklichung eines andern Projekts, nämlich in der kürzlich in einer großen Ver­sammlung preußischer und weimarischer Untertanen in Vacha besprochenen und in Aussicht genommenen Eisenbahnlinie Tann- Geisa - Philippsthal - Vacha - Heimboldshausen-Berka - Gerstungen, welche, den Anschluß an die bereits int Betriebe befindliche Eisenbahn Fulda-Tann bezweckend, das Ulster- und Werrathal benutzt und nicht die geringsten technischen Schwierigkeiten Bietet. Die Bedeutung einer derartigen Bahn für das preußische Eisen- Bahnnetz liegt aus der Hand. Während die jetzt von Osten und Nordosten nach Westen und Südwesten und umgekehrt auf preußischen EisenBahnen gehenden Güter und Personen den nicht unbedeutenden Umweg üBer Bebra nehmen müssen, würden bei Benutzung jener projektirten Eisenbahnstrecke Güter und Personen auf weit direkterem Wege ihrem Bestimmungsort entgegengeführt werden.

Es wird vor allen Dingen der bekanntlich höchst baufällige große Tunnel bei Hönebach zwischen Gerstungen und Bebra und der bekanntlich durch übergroßen Verkehr belastete Bahnhof Bebra entlastet werden, dadurch, daß nach Verwirklichung jenes Unternehmens Güter und Personen unter Umgehung von Bebra auf einem direktem Wege von Osten und Nordosten nach Westen und Südwesten und umgekehrt geführt werden. Diesem Projekt steht nach den obenerwähnten Informationen, falls es von den bei der neuen Linie betheiligten preußischen Ortschaften, unter­stützt von den dabei betheiligten weimarischen Ortschaften bei der preußischen Staatsregierung in Anregung gebracht wird, die weimarische Staatsregierung durchaus sympathisch gegenüber, selbst wenn ihr größere finanzielle Opfer zugemuthet werden müßten, umsomehr als mit Ausführung dieser Linie die Felda­bahn nicht nur nicht lahm gelegt, sondern durch den Anschluß in Vacha bedeutend gehoben würde.

Man kann daher nur wünschen, daß nicht jenem Projekt, für dessen Verwirklichung begründete Aussichten nicht vorhanden sind, sondern dem zuletzt erwähnten Projekt Tann-Geisa-Philipps- thal-Bacha-Heimboldshausen-Berka-Gerstungen das öffentliche In­teresse entgegengebracht wird."

Wir unterbreiten vorstehende Ausführungen dem Urtheil unserer Leser, indem wir uns selbst der Be­vorzugung des einen oder anderen Projekts vorläufig noch enthalten. Wir sind hierzu veranlaßt durch Gründe, deren Mittheilung sich bis auf Weiteres der Oeffent- lichkeit entzieht. D. R.

Em modernes Aschenbrödel.

Von Qnille Penne.

Autorisirte Ueberse'tzung von Louise Koch.

(11. Fortsetzuno.f

Die Erfahrung war eine zu bittere. Die letzten Monate waren so glückliche gewesen, glücklich in dem neuen, süßen, seltsamen Empfinden, dem sein Herz sich

hingegeben! Es war hart, zu der alten Oede seines Daseins zurückkehren zu müssen — entsetzlich hart; und dennoch zögerte er nicht — nicht einen Moment. Sie hatte ihn belogen und betrogen, ihn sowohl wie den anderen armen Burschen, welcher sie liebte und ihr vertraute — sie konnte ihm für die Zukunft nichts mehr sein. Und dennoch — sie war so schön und eben jetzt, wie ihre dunklen Augen flehend an seinem Antlitz hingen, bemächtigte sich seiner ein so sehnliches Ver­langen, sie in die Arme zu schließen, sie an sein Herz zu drücken, wie man ein verirrtes Vögelchen in seinen liebenden Schutz nimmt, daß er kaum zu widerstehen vermochte. Die schlanke, zarte, graziöse Gestalt, die sanften und doch so leuchtenden Augen, der zarte Teint, die rothen Lippen, das Alles übergossen von einer hinreißenden Lieblichkeit und Anmuth — wie war es ihm nur möglich, es aufzugeben, nachdem er geglaubt, es zu besitzen?

„Soll ich Sie in den Saal zurückfithren?" fragte er, sich selbst überwindend, endlich in kühlem Tone. Das junge Mädchen zuckte zusammen und richtete sich hoch auf, als ob seine Worte sie elektrisirt und sie zu neuem Leben erweckt hätten.

„Wie könnte ich —", stöhnte sie, „wie vermöchte ich jetzt zur Gesellschaft zurückzukehren?"

„Sie sind in der That eine vollendete Schauspie­lerin," erwiderte er ruhig. „Sicherlich wird Ihnen Ihre theatralische Begabung einst noch von großem Nutzen sein."

„Ah, Sie sind entsetzlich grausam," sprach sie tonlos.

„Grausam zu Ihnen, die Sie mein Herz gebrochen, mein Leben vergiftet haben? Es steht Ihnen wahrlich gut an, von Grausamkeit zu sprechen," erwiderte er mit bitterem Lachen. „Grausam! Nun, die einzige Hoffnung, der einzige Wunsch meines künftigen Lebens fallen sein, daß ich Sie niemals wiedersehe!"

Sie stieß einen Schrei aus und erhob, wie einem tödtlichen Streiche wehrend, die Hand. Dann nahm sie alle Kraft zusammen und schritt ohne ein weiteres Wort neben ihm her nach dem Gewächshause.

Es war noch leer. Das Souper war noch nicht vorüber und das Musikkorps spielte noch seine süßen Weisen. Magda sank erschöpft in den nächsten Sessel.

„Lassen Sie mich hierbleiben," sagte sie matt, „mir ist nicht wohl."

Ohne ein ferneres Wort, ohne einen Blick, wandte er sich von ihr und überließ sie sich selbst. Und ohne ein Wort ließ sie ihn gehen.

Vorbei — vorbei! Mit der Mitternachtsglocke, welche den Abschluß des alten Jahres verkündete, war der Zauber der Märchenwelt geschwunden. Ihr Prinz würde aber nicht nach ihr suchen lassen im ganzen Lande, wie einst nach dem echten Aschenbrödel gesucht wurde, und sie, wenn er sie wiedergefunden, an kein Herz ziehen und auf seinen Königsthron erheben. Sie war geächtet, verhöhnt von ihm, und dennoch — wie liebte sie ihn!

Zusammenschauernd, als friere sie bis in's innerste Mark, zog sie den weichen Mantel dicht um ihre Schultern. So mochte auch Afchenbrödel sich zitternd in seinen Mantel gehüllt haben, als es aus des Kö­nigs Palast um Mitternacht entfloh und der kalte Nordwind ihm über die brennenden Schläfe strich.

Kapitel 5.

Der Neujahrsmorgen begann eben zu dämmern, als eine schlaftrunkene Dienerin mit einem halb be­stürzten, halb mitleidigen Ausdruck auf dem Gesicht, an Mazda Lockhart's Thür klopfte.

„Es ifi kaum zwei Stunden her, daß sie zu Bett ging," murmelte das Mädchen, welches auf die Beant­wortung des Klopfens wartete. „Es thut mir leid, sie wecken zu müssen, sie war bei ihrer Heimkehr so müde, daß sie kaum die Treppe ersteigen konnte. Wie, Fräu­lein Lockhart, ich glaube gar, Sie haben noch keine Minute geschlafen," rief die Dienerin aus, als Mazda mit bleichen Wanzen und tiefliegenden Augen auf der Schwelle erschien.

„Nun, was thut das," fragte Magda mit schwachem, wie geistesabwesendem Lächeln. „Wir kamen erst so spät nach Hause, daß es wirklich nicht der Mühe lohnte, sich noch niederzulegen."

„Garnicht geschlafen!" wiederholte die Kleine, in­dem sie bedauernd den trostlosen Blick der großen, schwermüthizen Augen sah und den Eindruck der Nach­richt fürchtete, die sie zu überbringen hatte.

„Ich glaube wenigstens nicht," erwiderte Magda,