JM 281
Samstag, den 5. Dezember 1891.
r 8. Jahrgang
Fuldaer W Zeitung
Erschrick täglich, Sonn- usb Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vierteljährlicher Abonnement-preis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blume»' und der alle 14 Tage erscheinende» GratiSbelln^r ,Rathgeber für Landwirthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auSwärtS 1 Mark 50 Pfennig.
n. Die päpstliche EnnMKa über die Lage der Arbeiter,
welche schon gleich bei ihrem Erscheinen ein allgemeines Staunen ob ihrer freimüthigen Sprache und eine gerechte Bewunderung ob der erhabenen Weisheit ihrer Lehren erregte, ist noch fortwährend der Gegenstand ernster Betrachtung aller Freunde der Wahrheit, und der Zielpunkt freudiger Kundgebungen von Seiten der bedrängten Arbeiterwelt.
Wie ein hellleuchtendes Licht aus Himmelshöhen strahlen die Worte des hl. Vaters in die dunkeln Wirr- fale unserer gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Zustände. Seitdem in einer stillen Einöde des fernen Morgenlandes das Wort: „Mich dauert des hungernden Volkes" von göttlichen Lippen fiel, hat sich nie eine so mächtige Stimme voll rührenden Mitleides und zärtlicher Liebe zu Gunsten der Armen und Arbeiter vernehmen lassen.
Stehend auf den Höhen des Vatikans, dem Mittelpunkte der katholischen Christenheit, welche die ganze Welt umspannt, hat der hl. Vater den harten Kampf um's Dasein geschaut, den in den Niederungen der menschlichen Gesellschaft eine unabsehbare Schaar gegen die wucherische Habsucht führt. Er hat auch im Geiste geschaut die verheerenden Kämpfe, welche der unheimliche Schleier der Zukunft verborgen hält. Und er hat seinen Mund geöffnet, um die Weisheitssprüche der ewigen Liebe und der ewigen Gerechtigkeit der Menschheit kund zu thun. Er hat die Uebel bloßgelegt, an denen die Gesellschaft krankt, und er hat die Heilmittel angegeben, die eine Besserung anbahnen. Er hat dies gethan mit einer Klarheit und mit einer Schärfe, wie es bisher keine Autorität,c.üf Erden gewagt hat, noch wagen konnte.
Für alle katholischen Sozialpolitiker ist die Encyklika eine Fundgrube echter sozialer Wissenschaft, aus der um so mehr Wahrheiten geschöpft werden, je mehr sie durchsucht wird. Alle erkennen sie es dankbar an, in dem Schreiben des obersten Hüters der Wahrheit einen sichern Führer bei den Forschungen auf dem weiten und wild verwachsenen Gebiete des gesellschaftlichen Lebens zu besitzen. Alle nehmen in ihren Reden und Schriften auf dieselbe Bezug. Wenn es heute nur noch spärliche Kommentare zu diesem gewichtigen Schriftstücke gibt, dann hat das seinen Grund nicht in dem Mangel, sondern in der fast unerschöpflichen Menge von Wahrheiten, die sie bietet.
Auch die katholischen Arbeiter wissen die Encyklika zu schätzen, sie haben dieselbe gelesen und wieder gelesen, sie kennen ihren Inhalt. So oft in öffentlichen Versammlungen auf die großartige Kundgebung des hl. Vaters die Rede kommt, strahlen ihre Gesichter vor Freude und die Wogen der Begeisterung gehen hoch. Sie haben das Bewußtsein, einen Schutzpatron gefunden zu haben, wie die Welt ihnen keinen mächtigeren und besseren bieten konnte. Bei der neulichen Romfahrt brachen die französischen Arbeiter, sobald sie des hl. Vaters ansichtig wurden, in ein lebhaftes Hoch auf den „Arbeiterpapst" aus. Als
Em modernes Aschenbrödel.
Von Quille Penne.
Autorisirte Ueb erse'tzung von Louise Koch.
(10. Fortsetzung.)
„Hörten Sie niemals von dem alten, englischen Volksliede", fuhr er fort, welches sagt: Brich mit der ulten Liebe, e'h Du eine neue gewinnst? Hätten Sie nicht besser daran gethan, sich dieses Liedes zu erinnern, als Sie mit Frank White's Verlobungsring am Finger, mir die Ehre anthaten, meinen Antrag anzunehmen?"
„Ich war von Sinnen!" murmelte das junge Mädchen gebrochen.
„Von Sinnen! Das wäre allerdings eine voll- giltige Entschuldigung", höhnte er. „Aber ich fürchte, die Symptome des Wahnsinns sind allzu praktisch, um glaubhaft zu erscheinen. Einen ärmeren Mann für einen reicheren zu nehmen, könnte wohl auf die erwünschte Weise ausgelegt werden, aber dem Reichthum den Vorzug zu geben ..."
Mazda wandte sich, wie von einer Natter gestochen, ihm zu und blickie ihm mit Entsetzen gerade ins Gesicht.
„Sie glauben, daß ich — daß es Ihr Reichthum war — welcher . . .
er sich später in einer Sänfte durch ihre Reihen tragen ließ, vergaßen Manche alle Etiquette und wagten es, den Vater der Christenheit zärtlich zu umarmen. Unsere katholischen Arheiter Deutschlands sind zwar nicht in der Lage, eine Pilgerfahrt zur heiligen Stadt zu veranstalten, aber ihre Begeisterung, ihre Anhänglichkeit und Liebe zu unserer heiligen Kirche und ihrem obersten Leiter ist darum nicht minder groß. Sie bekunden tagtäglich diese ihre echt christliche Gesinnung, indem sie ihre Pflichten als Christen treu erfüllen. Jn- deß, auch sie empfinden das Bedürfniß, dem hl. Vater noch einen besonderen Beweis ihrer Dankbarkeit und Ergebenheit zu bringen. Sie stehen im Begriffe, eine gemeinsame Adresse an den hl. Vater vorzubereiten. *) Es ist das ein sehr glücklicher Gedanke, der allen Arbeitern nochmals die hohe Bedeutung des päpstlichen Schreibens in Erinnerung bringt und zugleich sich als eine erste öffentliche Kundgebung der vereinigten katholischen Arbeiter Deutschlands darthut. Möge dieser Schritt, der von unseren Arbeiter-Vereinen ausgeht, für das Vereinsleben eine mächtige Hebung und Förderung sein.
*) Auf der General-Versammlung der Präsides der katholischen Arbeiter-Vereine in Köln am 15. September wurde eine Adresse der Mitglieder der katholischen Arbeiter-Vereine in Aussicht genommen. An alle bekannten Arbeiter-Vereine ist der Text einer Adresse zum Unterzeichnen geschickt. Sollte der eine oder andere Verein keine solche Aufforderung erhalten haben, dann möge sich derselbe an Herrn Domkapitular Lic. Belten in Köln a. Rh. (Burgmauer 9) wenden.
Deutsches Deich.
Berlin, 3. Dezember.
* lieber die Aufnahme, welch- di- große Rede des Reichskanzlers im Reichstag in Petersburg gefunden hat, erhält die ,Allg. Reichskorresp.' folgendes Telegramm: „Nachdem der Wortlaut der Rede Ca- privi's hier bekannt geworden ist, hat sich der tiefe Eindruck, welchen dieselbe auf die hiesigen Regierungskreise und die gesammte öffentliche Meinung hervor- gerusen hat, noch verstärkt. Seit langen Jahren hat keine öffentliche Kundgebung aus Centraleuropa sich hier so allgemeinen Beifalls und ungetheilter Zustimmung zu erfreuen gehabt."
* Der Reichskanzler Herr von Caprivi hat an sämmtliche Mitglieder des Reichstages, welche ihre Karte bei ihm abgegeben, Einladungen zu einem Parlamentarischen Diner ergehen lassen. Des beschränkten Raumes wegen sind jedoch die Einladungen nicht für alle Theilnehmer auf denselben Tag erfolgt, vielmehr empfängt Herr v. Caprivi seine parlamentarischen Gäste nach einander am 3., 6. und 8. Dezember.
* Der Reichstagsabgeordnete Konrad Fischer, der bekannte Verleger aus München, ist aus der Centrumsfraktion ausgetreten. Die ,Germania' theilt dies mit, ohne Gründe dafür anzugeben. Herr Fischer vertritt den fünften oberbayrischen Reichstagswahlkreis.
* Die Budgrtkommisfion des Reichstags setzte gestern die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern fort. Bei den einmaligen Ausgaben wurden 900,000
„Und was sonst?" unterbrach er sie in demselben höhnenden Tone. „Meinen Sie vielleicht, auch ich sei von Sinnen — sei wahnsinnig genug, um Ihnen zu glauben — daß Sie mich lieben?"
Sie schreckte vor ihm zurück. Die Verhöhnung ihrer Liebe, dieses beseligenden Rausches, der in ihr Herz gezogen war und den sie nie zuvor gekannt — die Verhöhnung ihrer Liebe, welcher sie mit wonnigem Entzücken ihr Leben geopfert hätte, traf sie aus seinem Munde wie ein Dolchstich.
Er aber legte sich kühl und nachlässig gegen die Steinwand, als er ihre Bewegung sah, und lächelte.
„Erschrecken Sie nicht und fürchten Sie sich nicht," fuhr er verächtlich fort. Ich werde mir die Mühe eines Vorwurfes nicht geben. Das Eine möchte ich nur von Ihnen bestätigt hören, ich glaube wenigstens Fräulein White nicht mißverstanden zu haben, oder hätte die Dame sich in einem Jrrthum befunden, da sie mir mittheilte, Sie wären ihrem Bruder, Frank White, verlobt, und der Ring an Ihrem Finger sei das äußere Zeichen dieses Bündnisses?"
Mazda antwortete nicht, sie stand vor ihm wie eine reuige Sünderin, das Haupt auf die Brust gesenkt.
„Ich will mich deutlicher ausdrücken", fubr er fort, „und lassen Sie wenigstens dieses eine Mal Ihre
Mark zur Betheiligung des Reichs an der Weltausstellung in Chicago bewilligt. Staatssekretair von Boetticher erwiderte auf bezügliche Anfragen, daß sich im Ganzen eine erfreuliche Betheiligung für die Ausstellung zeige. Freilich verhielten sich einige Industriezweige bis jetzt noch kühl. Was den Plan einer Ausstellung in Berlin anlange, so wolle die Regierung nicht die Initiative ergreifen; die Jnteressenkreise mögen vorgehen, die Negierung werde nicht widerstreben. Die Berliner Ausstellung bereits 1895, kurz nach der Chicagoer, zu veranstalten scheine ihm nicht empfehlenswerth, eher würde 1897 passen. — Die Budgetkommission führte heute die Berathung des Etats des Innern zu Ende. Staatssekretär von Boetticher theilte u. A. mit, daß der Bau des neuen Reichstagsgebäudes zum Herbst 1894 fertig gestellt sein werde. Eine Forderung zur wissenschaftlichen Erforschung und Aufdeckung des römischen Grenzwalls (Limes) wurde mit Rücksicht auf die Finanzlage abgelehnt.
* Der Reichstag setzte die 1. Berathung der Krankenkassennovelle fort und erledigte zunächst die Bestimmungen über die Betriebs- (Fabrik-) Innungs-Krankenkassen. Zu den letzteren wurden Anträge für die 3. Lesung angekündigt, welche diesen Kassen weitergehende Berechtigungen geben sollen. Zu den Bestimmungen über die freien Hülfskassen entwickelte sich eine längere Debatte. Diese Kassen sollen nach der Vorlage das Vorrecht verlieren, anstatt freier ärztlicher Behandlung und Arznei ein entsprechend höheres Krankengeld zu zahlen. Abgg. Dr. Hirsch (dfr.) und Molkenbuhr (Soz.) wandten sich gegen diese Neuerung, durch welche die freien Hülfskassen zu Gunsten der Zwangskassen vernichtet werden sollten, jedenfalls aber schwer geschädigt würden. Man solle es den Mitgliedern der freien Kassen überlassen, darüber zu entscheiden, ob sie lieber freie ärztliche Behandlung und unentgeltliche Arznei, oder höheres Krankengeld haben wollten. — Abgg. v. d. Schulenburg (kons.) und Möller (natl.) wiesen darauf hin, daß den freien Kaffen nicht etwa ein wohlerworbenes Recht, sondern nur ein Privilegium entzogen werde, durch welches die anderen Kassen geschädigt würden. — Staatssekretär v. Bötticher wies nach, daß die Krankheits- dauer bei den freien Hülfskassen durchschnittlich eine längere sei, als beiden übrigen Kassen, was sich daraus erkläre, daß ärztliche Hülfe nicht rechtzeitig in Anspruch genommen werde; damit verfehle aber die Krankenversicherung ihren Zweck. — Nachdem noch Abgg. Dr. Langerhans (dfr.) und Singer (Soz.) gegen die Verpflichtung der freien Kaffen zur Gewährung freier ärztlicher Behandlung und Arznei, sowie für die freie Aerztewahl gesprochen, wurde § 75 in der Kommissionsfassung angenommen, das mehrerwähnte Vorrecht der eingeschriebenen Hülfskassen also beseitigt. — Weiter- berathung morgen.
* Der Kaiserliche Gouverneur für Deutsch-Ostasrika hat den Verkauf von Opium und gleichartigen Genußmitteln an farbige Soldaten der Kaiserlichen Schutztruppe oder an farbige Angestellte des Kaiserlichen Gouvernements verboten.
Antwort eine wahre sein: Sind Sie mit Frank White verlobt?"
„Ja", hauchte sie kaum hörbar.
„Ah!" Dieser Ausruf klang wie ein Todesschrei.
Mazda zitterte, als sie ihn hörte, und mußte sich an der Balustrade halten, um nicht umzusinken. Beide verharrten einige Minuten in tiefem Schweigen. Plötzlich richtete Sir Alick sich zu voller Höhe auf.
„Wollen wir in das Haus zurückkehren?" fragte er in kaltem, schneidendem Tone. „Und möchten Sie die Güte haben, Herrn Frank Whüe meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu der Wahl seiner holden Braut auszuspreckien und ihm meine Entschuldigung zu überbringen, daß ich unwissentlich gegen ihn gefehlt?"
„Warten Sie!" rief Mazda verzweifelt und in einem Tone, welcher keine Aehnlichkeit mehr mit ihrer zarten, klangvollen Stimme hatte. „Warten Sie! Sie muffen mich hören. Oh, wifsen Sie denn, wie groß die Versuchung war? Ich liebte Sie, Alick, ich . . ."
Ein hartes, höhnisches Lachen hieß sie schweigen.
„Ich trage kein Verlangen nach weiteren Enthüllungen," sagte er wegwerfend. „Sie haben mich eben betrogen und belogen. Und nichts — nichts in der Well, nicht die innigste Liebe und Hingebung können eine solche Niedrigkeil der Seele wieder vergessen machen oder gar entschuldigen. Uebrigens müssen Sie mir ge-