Einzelbild herunterladen
 

18. Jahrgang

Freitag, den 4. Dezember 1891.

J\£ 280

4

-8- Der Ausfall auf die Landbe;irke, den die Sozialdemokraten zur Gewinnung der bäuer­lichen Kreise für ihre Ansichten zu unternehmen wieder­holt gedroht haben, wird von vielen mit geringschätzen- dem Lächeln betrachtet. Man sagt: auf dem Lande herrscht noch ein so lebendiger christlicher Geist, der Gedanke der Unauflöslichkeit der Ehe wird dort so hoch ge­halten, die Bande der Familie sind dort so enge, die Anhänglichkeit an den heimischen Herd ist eine so warme und innige, daß es noch vieler mit Ausdauer und Ge­schick geführter Wühlereien bedarf, bis diese „liebge­wonnenen Vorurlheile" aus der Seele unserer Land­bewohner verbannt sein werden. Indessen ist wohl zu beherzigen, wenn ein Mann, wie Dr. Freiherr von Schorlemer-Alst, fern von jeder Anwandlung düsterer Auffassung, bei Gelegenheit der Generalversammlung des Westfälischen Bauernvereins am 14. Mai d. I. die Ansicht ausspricht, man solle sich zwar hüten, die sozialdemokratischen Bestrebungen zu überschätzen, ebenso sehr sei aber auch davor zu warnen, daß man dieselben unterschätze und wenn derselbe Redner so­dann im Verlaufe seiner Darlegungen ausdrücklich her­vorhebt, daß die kleinen Grundbesitzer gar leicht Ge­fahr liefen, auf die Dauer von den Jrrlehrern verführt zu werden. Wir meinen, wenn ein so vorzüglicher Kenner der bäuerlichen Zustände, wie Dr. Freiherr von Schorlemer-Alst, die Gefahr einer Verführung durchaus nicht als eine eingebildete hinstellt, dann sollten weniger sachkundige Leute sich damit bescheiden, ihre Urtheilslosigkeit in einer derartigen Frage zuzu­geben, die Richtigkeit der betreffenden Behauptung aber nicht mit Hohnlachen in Zweifel ziehen.

Um ein richtiges Urtheil sich darüber zu bilden, ob es denkbar fei, daß auch das Land auf die Dauer eine bedeutendere Anzahl sozialdemokratischer Wahl­stimmen aufweisen könne, ist festzuhalten, daß bei weitem nicht alle, welche bislang bei den Wahlen ihre Stimmen zu Gunsten der Sozialdemokraten abgegeben haben, mit allen Einzelheiten der in den Schriften der sozialdemo­kratischen Führer niedergelegten Weltanschauung ein­verstanden gewesen sind. Die Sache verhält sich viel­mehr so: man ist unzufrieden mit einer Reihe be­stehender Verhältniffe; man fühlt die Ohnmacht, allein den Titanenkampf zur gewünschten Umgestaltung er­folgreich führen zu können, man weiß, durch ander­weitige Erfahrung gewitzigt, daß nur durch Vereint- gung eine gewisse Macht herzustellen ist und indem man sich mit einer ganz verschwommenen Vor­stellung von den Zielen „der berussmäßig Un­zufriedenen" begnügt, faßt man nur diese letztge­nannte Eigenthümlichkeit „aus Wahlverwandtschaft" in's Auge und gliedert sich flugs dem großen Haufen an. Gerade der Umstand, daß es so viele Unzufriedene gibt, die ein gewifses Mißbehagen über ihre Lage fühlen, aber nicht wissen, wie demselben abzuhelfen und nur um etwas zu thun, in kopfloser Verzweiflung dem Rufe der Umstürzler folgen, ist von größter Wichtigkeit für die richtige Schätzung der fozialistischen Strömungen und ganz befonders in Betracht zu ziehen, wenn wrr

verspricht. Redensarten, schützen davor nicht. Rem, es müssen wirthschaftliche Einrichtungen ge­troffen werden, die den Bauern vor den Klauen der Wucherer bewahren, oder, falls er hineingerathm, ihn daraus sicher befreien. Es würde indessen eine um­fangreiche Abhandlung erfordern, wollten wir hier ausführen, was alles die Bauernvereine in dieser Be­ziehung geleistet haben. Wir begnügen uns damit, den geneigten Leser auf das oben erwähnte Schrlftchen: Was will der Rheinische Bauernverein?" sowie auf die ausführlichere, früher erschienene Schrift von Dr. Martin Faßbender: „Die Bauernvereine und die Lage der Landwirthschaft" hinzuweisen. Jeder vorurtheils- sreie Leser wird daraus die Ueberzeugung gewinnen, daß die Bauernvereine durch ihre wirthschaftlichen Ein­richtungen, welche sie zu Gunsten des kleinen und mitt­leren Bauernstandes geschaffen, die festeste Schutz­wehr gegen die sozialistischen Bestrebungen bieten.

Demgegenüber muß es eigenthümlich berühren, wenn man sich daran erinnert, welche Schwierigkeiten von verschiedenen Seiten dem Westfälischen Bauernvereine bei seinem Entstehen in kurzsichtigem Verkennen der weittragenden Bedeutung einer solchen Schöpfung ge­macht wurden. Mit besonderer Genugthuung muß es uns dagegen erfüllen, daß Se. Majestät der Kaiser durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 21. Februar d. I. dem Westfälischen Bauernvereine auf Grund der in der Generalversammlung vom 1. Juli 1890 geneh­migten Statuten die Rechte einer juristischen Person zu verleihen geruht hat. An alle Mitglieder der Bauernvereine und alle diejenigen, welche Fühlung mit der Landbevölkerung haben, sei aber die Bitte ge­richtet, die Werbetrommel für die Bauernvereine zu rühren und neue Mitglieder denselben zu gewinnen. Je mehr Mitglieder diese Vereine zählen, desto stärker wird der Damm gegen das Anstürmen der sozialdemo- kraüschen Fluthen.

Erscheint tögllch, Son» M

»-rMMrUcher Ab°—U °u-°4rtS 1 Mart 50 Pfennig. _________

Ein modernes Aschenbrödel.

Bon Quille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(9. Fortsetzung.)

„Fräulein Lockhart, dies ist unser Tanz, darf ich bitten?" sprach er eifrig und führte sie hinweg. Ehe sie den Saal betrat, warf sie noch einen flüchtigen Blick zurück und fah, daß Julia's Begleiter sich ent­fernte, während ihre zukünftige Schwägerin sich m den von ihr felbst soeben verlassenen rothen Sammetsessel setzte und Sir Alick seinen früheren Platz wieder em- nahm. t

Mazda wußte nicht, ob sie tanzte oder taumelte. Sie hatte kaum das dumpfe Bewußtsein, daß Jemand zu ihr spreche und sie dann und wann lächelnd mit dem Kopfe nicke. Die Musik schien ihr nur aus un­zusammenhängenden, gellenden Tönen zu bestehen, der Lichtglanz blendete ihre Augen, der Blumenduft, welcher den zahlreichen Sträußen und dem Gewächshaufe ent­strömte, verursachte ihr Kopfweh.

Wie glücklich war sie noch vor einer halben Stunde gewesen! t , ..

Trotz ihrer Betäubung und Verwirrung sah sie nach einiger Zeit, daß Alick Wolfe in den Tanzsaal zurückkehrte, und ein Blick sagte ihr, daß er Alles wußte,

obgleich nur ihre durch die Liebe hellsehend gewordenen Augen in seinem stolzen, ruhigen Gesicht eine Veränderung wahrzunehmen vermochten. Mazda aber bemerkte, wie aller Glanz aus diesen sonst so leutselig blickenden, qrauen Augen geschwunden war, wie der Mund unter dem dichten Schnurrbarte sich fest und entschlossen zu­sammenzog. , , . „ .

„Das Souper wird um Mitternacht servirt , sagte Magda's Tänzer, als die letzten Töne verhalten. „Darf ich fragen, wer Sie zu Tische führen wird? Sie sind doch jedenfalls engagirt!"

Sir Alick Wolfe wird mein Tischnachbar sem , antwortete Magda mit müdem Lächeln. f„Es ist wohl bald zwölf Uhr? Dort, glaube ich, kommt er — fchon — mich zu — holen!"

„Es fehlen nur noch fünf Minuten", antwortete der junge Mann höflich. „Sie sehen aber furchtbar ermüdet aus, Fräulein Lockhart. Ich hoffe, Sir Alick," fügte er hinzu, als dieser herantrat, „daß Lady Wolfe noch nicht fobald aufbrechen wird, obgleich Fräulein Lockhart so aussieht, als bedürfe sie im höchsten Grade der Ruhe."

„Der Saal wird sür sie zu warm sem , ant­wortete Alick, ohne eine Miene zu verziehen. Dann beugte er sich scheinbar besorgt über das junge Mädchen und sagte: „Soeben wollte ich Sie fragen, ob Sie

Berlin, 2. Dezember.

* Zur gestrigen kaiserlichen Tafel waren u. A. geladen der Gouverneur von Kamerun Zimmerer und der Afrikareisende Borchert.

* Der Kapitän z. S. a. D. Geisel er der zu­letzt mit Wahrnehmung der Geschäfte eines Kommau- dante« von Helgoland beauftragt war, ist am Sonntag an der Lungenentzündung gestorben.

* Der Handels- und Zollvertrag zwischen Deutsch­land und Belgien ist gestern im hiesigen Auswärtigen Amt paraphirt worden. Die Paraphirung des Handels­und Zollvertrags Oesterreich-Ungarns mit Belgien steht unmittelbar bevor.

* Der Reichstag berieth heute den Antrag Hirsch auf Verleihung der Korporationsrechte an die Berufs­vereine. Der Antragsteller führte aus, daß die Arbeiter­bewegung dadurch in ein ruhiges Fahrwasser gelenkt würde. Abg. v. Keudell (Rp.) wies darauf hm, daß die angestrebten Rechte zum Mißbrauch derselben reizen und zur Durchführung ungerechtfertigter Strikes Anlaß nicht einige Minuten frische Luft schöpfen möchten. Er ist in dieser selten warmen, klaren Wmternacht ganz herrlich auf der Terrasse. Hier habe ich Ihren Mantel mitzebracht".

Magda löste schweigend ihre Hand von ihres Tänzers Arm und entließ ihn mit einer ernsten, kühlen Verbeugung. Dann hüllte Alick sie in den weißen, mit Seide gefütterten und mit Schwan besetzten Kashmirmantel und führte sie durch das Gewächshaus nach dex hinter demselben liegenden Terrasse.

Als er die Glasthür, durch welche sie das HauS verlassen hatten, hinter sich schloß, schlug ine große Thurmuhr von New-Place in langsamen, dröhnenden Schlägen: Zwölf. ,

Kapitel 4.

Das Mondlicht verklärte mit seinem weichen, bläu­lichen Schimmer die Steinbalustrade, welche die Terrasse umgab, und in seinem Silberschein bot die Gegend einen reizenden Anblick, den sie bei Tage nicht ge­währte. Das Gebäude selbst sah nicht mehr gewöhn­lich, sondern stattlich aus, wie es sich gegen den klaren, sternbesäten Himmel abhob.

Die Nacht war vollkommen still, nur em leiser Wind raschelte im dürren Laub und spielte mit dem Schwanenpelz um Magda's Hals, sowie mit den kleinen schwarzen Löckchen aus ihrer Stirn.

die Gefahr der Verführung für die ländlichen Kreise sachgemäß beurtheilen wollen.

Das beste Mittel unsereBauern vor der Umgarnung durch die Sozialdemokraten zu schützen, bieten die Bauernvereine. So­eben ist im Verlage des Rheinischen Bauernvereins ein vorzügliches Schristchen unter dem Titel: „Was will der Rheinische Bauernverein?" (8° 53) erschienen, welches an dem Beispiele dieses Vereins zeigt, welche unberechenbare Vortheile die Bauernvereine, allgemein organisirt, dem Bauernstände zu bieten im Stande wären. Wir möchten wünschen, daß dieses Schristchen, welches für wenige Pfennige zu beschaffen ist, in mög­lichst weiten Kreisen Verbreitung fände. Leider gibt es nämlich noch so viele, besonders kleinere und mittlere Landwirthe, welche, in thörichter selbstsüchtiger Ver­blendung befangen, für die großen Ziele und Aufgaben der Bewegung, welche wir unter dem Namen „Bauern­vereine" zusammenzufaffen pflegen, durchaus kein Verständniß haben. Mit Recht sagt das genannte Schristchen: „Das Hauptziel (der Bauernvereme) ist, zunächst den Bauernstand im Ganzen mit einem Bande zu umschlingen, um in dieser Einigung dann auch den Einzelnen zu tragen. Mag bisweilen dem einen oder anderen irgend etwas nicht vortheilhast erscheinen. Ist es für den Stand im ganzen von Nutzen, dann nützt es auch dem Einzelnen, denn nur der kräftige Stand, der kräftige Verein ist im Stande, seine Glieder wirk­sam zu stützen. Nur der in sich festgeschlossene Stand kann diejenigen Einrichtungen besitzen, in denen der Einzelne Schutz und Hilfe findet."

Abgesehen von den Belehrungen und Aufklärungen, die in den Versammlungen und durch die Zeitschristen der Bauernvereine über die wirklichen Ziele der sozia­listischen Schwärmer geboten werden, sind die einzelnen Einrichtungen, welche von den Vereinen in's Leben gerufen sind, besonders bestimmt und geeignet, dem mittleren und kleineren Bauern, der, wie wir vorhin bemertten, besonders den sozialistischen Wühlereien aus­gesetzt sein wird, Hülfe und Schutz nach den verschie- densten Richtungen hin zu gewähren. Ist nicht der Wucher, der als vielköpfiges Ungethüm auf dem Lande sein Unwesen treibt, allein befähigt, unzählige Rekruten dem Sozialismus in die Arme zu führen? Denken wir uns den Besitzer eines kleinen ländlichen Anwesens durch unvorhergesehene Unglücksfälle plötzlich in Geldverlegenheit! Er nimmt in der Noth seine Zuflucht zu einer jener herzlosen Kreaturen, die ihre Lebensaufgabe in der Ausbeutung fremden Mißge­schickes zum eigenen Vortheil erblicken: er geräth in die Klauen eines Wucherers. Der Aermste wird m ein hartes Joch geschlagen, er tarnt wie der Galeeren­sklave voll Ingrimm und Wuth an der Kette zerren, an die er gefesselt, frei läßt ihn sein Henker nicht und — er sollte den Sirenengesang der sozialistischen Volks- beqlücker nicht mit Entzücken hören und die letzteren als seine Befreier begrüßen? Was nützen da alle Mahnungen und noch so wohlgemeinte Belehrungen? Der Sklave des Wucherers hört nicht darauf, er folgt sicher dem Verführer, der ihm die Freiheit zu geben