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JV 279

Dminerstag, den 3. Dezember 1891.

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Em modernes Aschenbrödel.

Bon Qnille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(8. Fortsetzung.)

„Es ist eigentlich ein demüthigendeS Geftändniß", fuhr er schmeichelnd fort, „aber ich bin ein schrecklich eifersüchtiger Mensch, und nichts macht mich glücklicher, als daß mein Lieb noch ein so kleines Mädchen ist, das sich mit reinen Lippen und unbeflecktem Herzen mir zu eigen gab! Nicht wahr, Mazda, Sie hatten noch niemals, was man eine „vorübergehende Neigung", was eine Französin „eine Caprice" nennt?"

„Nein", antwortete sie mit einem schwachen Lächeln, „niemals".

„Das wußte ich. Diese unschuldigen Augen konnten leine Lüge sprechen", sagte er zärtlich, dann schwiegen Beide.

Im Ballsaale tanzten die Paare weiter in buntem Reigen und zu dem stillen Gewächshause hinüber er­tönten die sanften Klänge deS TraumwalzerS. Niemals wieder konnte Magdy an diese Melodie denken, ohne einen Stich im Herzen zu fühlen.

Plötzlich schwieg die Musik, der Tanz war beendet und Sir Alick erhob sich seufzend von seinem Sitze. Die Minuten der Ruhe waren vorüber, die erhitzten Paare strömten, lustig lachend und scherzend, dem

Deutsches Keich.

Berlin, 1. Dezember.

* Der Aufenthalt des Herr« v. Giers in Berlin, so schreibt man der .Wiener Polit. Korr.', darf nur in so fern ein bedeutsames politisches Ereigniß genannt kühlen Gewächshause zu. Ein eigenthümlich furchtsamer Blick kam in Magda Lockhart's dunkle Augen, und wiederum war sie gezwungen, das Beben ihrer Lippen hinter den Maraboutfedern ihres Fächers zu verbergen.

„Hier kommen die Ungeschickten, welche uns so ge­waltsam aus dem Himmel rissen!" bemerkte Sir Alick, und ein scherzendes Lächeln flog über sein Gesicht, als ein blonder Herr und eine große Dame in rosa seidenem Schleppkleide auf sie zuschritten. Das etwas steife, junge Mädchen spielte affektirt mit dem Fächer und lächelte in ebenso gezierter Weise ihren Begleiter an. Magda erbebte bis in's Herz hinein und sank in ihren Sessel zurück.

Immer näher kam daS Paar; die lange, rosa seidene Schleppe rauschte über den Kiesgrund, und der Dame große, blaue Augen blickten aus dem stolz erhobenen Kopfe nach allen Seiten. Magda's Herz drohte still zu stehen. Würden diese kalten, spähenden Augen sie im Schatten der Blattpflanzen entdecken? Wenn dies der Fall, so war Aschenbrödels Stunde gekommen. Die Ungewißheit währte nicht lange. Kaum war eine Minute vergangen, Julia White's lange, rosa seidene Schleppe hatte soeben Sir Alick's Fuß berührt, da wandte die Dame langsam den Kopf zurück und ihre Blicke blieben auf dem lieblichen, bleichen Gesichtchen, das fast ge- spensterhaft unter den schwarzen, die Stirn umgeben­den Locken hervorsah, haften.

t»altck Son» und Ftiertaar MSaemnmn«. — Inserate kosten die einspeltige Zeile oder betts Stoma 15 Pf., bei Wiedech

Kl..-—»»-.»

Quantität der Truppen nach und nach zur Geltung kommen. Ich glaube nicht, daß einer von den lebenden Heerführern tm Stande ist die zur Verfügung stehenden Truppenmassen zu er­nähren, zu bewegen und gemeinschaftlich schlagen zu lassen. Es kommt also auf die Qualität der Sowaten an. Es ist ja nichts leichter, als durch ein gesetzliches Aufrücken der Dienstzeit Leute heranzuziehen, die in anstrengendem Beruf ihre Kraft bereits verloren haben, die durch sitzende Lebensgewohnheit chre Be­weglichkeit eingebüßt haben, die vielleicht, wie in Frankreich, nicht nur Väter, sondern auch Großväter sind. Wenn ein deut­scher Zeitungleser in seinem Leibblatt liest, daß Frankreich mehr Soldaten hat, wie wir, so hat er also noch keinen Grund, sich zu beunruhigen, so lange die deutsch Armee so bleibt, wie sie ist. Gerade für den zukünftigen Krieg, wo im entscheidenden Moment, wenn die Offiziere gefallen sind, der Soldat allein auf sich angewiesen ist, haben wir vorzügliche Aussichten; es giebt keine andere Nation die so viel Chancen in dieser Beziehung für den nächsten hat wie die deutsche. (Lebhaftes Bravo.) Wenn wir also mit der Ziffer rechnen, so, glaube ich, können wir ruhig sein; denn die beiden anderen Staaten haben auf europäischen Boden nur ungefähr dasselbe Material wie die drei Staaten des Dreibundes zusammen. Aber wir Deutsche haben noch einen anderen Faktor, der uns erhoffen läßt, wenn es noth thut, noch weiter gehen zu können, nämlich die steigende Bevölkerungsziffer, Ich halte es nicht für ausgeschloffen, daß wir noch einmal in diesem Hause in Verhandlungen darüber eintreten werden, wie die Steigerung der Bevölkernngsziffer aus­genutzt werden kann, um auch unsere Wehrkraft ent­sprechend zu steigern. Der Reichskanzler legt sodann dar, daß die Meldungen von rvffischen Truppenverlegungen uns nicht zu beunruhigen brauchen, daß in dem entsprechenden Rayon auf deutschen Gebiete an den Grenzen weit mehr Truppen liegen, als auf dem russischen, daß eS sich bei den von den Blättern sensationell aufgebauschten Dislokationen sogar um Orte handle, die von der deutschen Grenze ebensoweit in der Luftlinie ent­fernt seien, wie Koblenz von der polnischen Grenze, (Heiterkeit), Ich will die Gefahr nicht verkleinern, aber beunruhigen können wir uns immer noch später; so weit ist die Sache noch nicht. (Lebhafter Beifall). Wenn der Zeitungsschreiber wirklich glaubte, wir stehen vor dem Kriege, so thut er besser, er läßt Handel und Wandel seinen Gang gehen und schwächt nicht den National­wohlstand. (Beifall.) Ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich durch diese Aussprache beigetragen hätte, die Beunruhigung wenigstens zu reduzieren. Der Pessimismus ist schwächlich; ich glaube, die Regierung ist es nicht in dem Maße als diese Ge- ftihle. Will man. uns aber der Schwäche zeihen, dann soll man nur herauskommen, sagen, was haben wir gemacht, was hätten wir bester machen müssen, wo liegen die Fehler? Was nutzt es aber, immer von dunklen Gefahren, von falschen Maß­regeln zu sprechen, die die verbündeten Regierungen nicht wahr­nehmen können. Klären Sie uns auf, aber lasten Sie diese Art unterirdischer polittscher Taktik gegen die Regierung, die, was sie gethan, vertreten kann. Keine Station sollte doch um ihrer selbst willen das Bedürfniß haben, ihre Regierung als schwächlich darzustellen. Man sollte also etwas vorsichtiger mit solchen An­griffen gegen die Regierung fein. Wir haben das aufrichtige Bestreben, nach außen mit allen anderen Nationen in Frieden zu leben. Es ist uns bisher geglückt, ich wüßte nicht, warum nicht weiter. Wir Deutschen find dazu immer noch in der sehr guten Lage, daß wir eine Regierung haben, die sich auf eine sehr gute Armee stützt und auf eine Nation, die mit ihren sämmtlichen Männern fchließlich, wenn es fein muß, hinter ihr steht; und ich wüßte nicht, warum diese nicht im Stande sein sollte, die Würde und das Awehen Deutschlands unter allen Umständen zu schützen. (Lebhafter Beifall nud Händeklatschen.)

Rede des Reichskanzlers v. Gaprivi,

gehalten im deutschen Reichstag am 27. November 1891.

(Schluß.)

Man hat sich bann weiter, immer wieder ohne Beweis, beun­ruhigt über die Polenfrage und Elsaß-Lothringen. Was ist denn da geschehen? Wir haben den Paßzwang in Elsaß-Lothringen ermäßigt, weil wir uns Überzeugt hatten, daß er nur bann die erwünschte Wirkung haben würbe, wenn er mit rücksichtsloser Konsequenz durchgeführt würde. Ihn so aber durchzuführen, liegt nicht iw Wesen nuferer Nation und führt zu unerträglichen Schroffheiten. Die Assimilirung Elfaß-Lothringens hat denn doch auch in den letzten Jahren zweifellos Fortschritte gemacht. Man darf sich indeß nicht beunruhigen, wenn die Leute dort nicht von heute auf morgen olle Deutsche geworden sind. Wie lange hat es gedauert, bis die Rheiuproviuz innerlich preußisch geworden ist! Wir werden durch die Aenderuug der Verwaltungsgesetze, die Ausführung der Selbstverwaltung weiter kommen, vor allen Dingen aber durch die Armee, die noch immer das beste Binde­mittel zwischen Alt- und Neupreußen gebildet hat und auch das beste Bindemittel zwischen Alt- und Neudeutschland bilden wird. Aber auch dabei müssen erst Generationen durch die Armee ge­gangen sein. Der Reichskanzler geht bann zur Polenfrage über nnb rechtfertigt zunächst bie Zulassung polnischer Arbeiter. Wolle man bie Greuzkreise veröben lassen? Die Gestattung bes polni­schen Privatunterrichts halte er für eine überaus maßvolle unb SUnb baß ein Manu polnischer Abkunft ben erzbischöflichen l bestiegen, brauche Niemand zu beunruhigen. Der vorletzte Erzbischof war ein Manu von deutscher Abkunft, dem alles Gute nachzusagen ist, der aber vielleicht nicht stark genug war, um das, was gerade die Deutschen in der Provinz wünschen, zur Durchführung zu bringen; er wurde geleitet, und in einem Sinne, der den Deutschen schädlicher war, wie wenn ein Mann polnischer Abkunft, der die deutschen Wünsche anerkannt, und mit Charakterstärke seinen Willen durchsühtt, auf dem bischöf­lichen Stuhle sitzt. Anfangs habe sich ein Kandidat polnischer Abstammung, der allen Anforderungen genügte, nicht gefunden — aber auch kein Deutscher. Nach der Rede in Thorn, die so­weit preußisch und patriotisch gewesen fei, als man von einem Manne polnischer Abstammung nur erwarten könne, brauche auch die jetzt getroffene Erledigung der Frage Niemanden zu beun­ruhigen. Wir haben das lebhafte Bestreben, die Kräfte, die an der Erhaltung und wenn nöthig Bertheidigung des Staates ein Jntereffe haben, zu sammeln, nicht aber auseinaudergehen zu taffen. (Beifall.) In dieser Tendenz liegt die Aushebung des Paßzwanges und was in Posen geschehen ist. Wenn ich noch hinzufüge, daß diejenigen Fragen, die im Laufe der letzten IV» Jahren zwischen den europäischen Mächten entstanden, allemal durch das Entgegenkommen aller Regierungen eine friedliche Lösung gefunden haben, so glaube ich Alles gesagt zu haben, was hinreicht, dem, der nicht beunruhigt sein will, seine Ruhe zu lassen. (Zustimmung.) Die Beunruhigung ist auch durch eine Art Militärpessimismus genährt worden, nämlich durch die militärischen Mitarbeiter der Blätter. Es sind das

alte Kameraden von mir, denen ich das Beste gönne; aber bei der Schwierigkeit, die unendliche Organi­

sation der Armee zu übersehen, ist es denjenigen, die der Armee nicht nahe stehen, doch nicht möglich, die Verhältnisse richtig zu beurteilen. Wenn sie nicht wissen, worum es sich handelt, bann fangen sie an zu fcitifiren, machen Vorschläge, unb werben biefe nicht angenommen, bann finb sie unzufrieden unb schreiben Artikel mehr ober minber fulminant, bie barauf hinauslaufen: „Sie vis pacem, para beltum“ u. „Videant con- sules!“ (Große Heiterkeit.) Ich halte bas für sehr gefährlich, denn in ber Armee selbst könnte ber Glaube entstehen, als ob dort nicht Alles so ist, wie es fein soll. Wir haben bvch auch nicht geschlafen, wir haben im vorigen Jahre eine Verstärkung beantragt unb treten biesrnal mit einem sehr bebeutenben Wunsch auf Verbesserung bes Kriegsmaterials an Sie heran, unb ich kann vielleicht sagen, baß ich nicht für unwahrscheinlich halte, daß damit ber Ausbau unserer Organisation noch nicht abge­schloffen ist. Man schätzt vielfach die Armee nach ber Zahl. Aber erst wenn ber Krieg in bie Länge gezogen ist, kann bie

werden, als er klares Zengniß davon ablegt, welche» Grad von Jndifferentismns die glücklicherweise friedlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland nunmehr erreicht haben. In früheren Jahre» wäre der Aufenthalt des langjährigen Leiters der russi­schen Politik in Berlin kaum anders denkbar gewesen, wie als ein Ereigniß, an das sich Erwartungen und Kombinationen verschiedener Art verknüpft haben würden. Heute hat das Kommen des Herrn v. Giers nur die Bedeutung des Besuchs einer in hohem Ansehen stehen­den, allgemein geachteten Persönlichkeit, der die ent­gegenkommendste Gastfreundlichkeit als etwas Selbst­verständliches zu Theil wird, ohne daß von ihrem Zu­sammentreffen mit den höchsten Vertretern der deutschen Politik politische Ereignisse irgend welcher Tragweite erwartet würden. Herr v. Giers, der, um von Paris nach Petersburg zu gelangen, einen schwer zu erklären­den Umweg hätte machen müssen, wenn er an Berlin ohne Besuch vorübergegangen wäre, erscheint hier nach seinem Wunsche als Privatmann, und es ist anzu­nehmen, daß seine Eigenschaft als russischer Minister des Aeußern während seines Aufenthalts in Berlin nur in sehr beschränktem Maße formell zur Geltung kommen wird. Dies ist eS, was Rußland gewollt hat, wenn man die Aeußerungen der unter starker Kontrole stehenden russischen Presse als irgendwie maßgebend für die Ansichten der russischen Regierung und der öffentlichen Meinung in Rußland betrachten darf. Ruß­land wird sich also nicht darüber zu beklagen haben, und Deutschland beklagt sich nicht darüber; letzteres hat sich seit geraumer Zeit schon, namentlich aber nach den Kronstädter Verbrüderungsfesten und nach de» russischen und französischen Kommentaren dazu, eine feste Meinung darüber gebildet, was es von Rußland im günstigsten oder ungünstigsten Falle zu erwarten hat, und es steht Allem, was jetzt noch von Rußland kommt, ruhig erwägend, ohne Voreingenommenheit, aber auch ohne optimistische Erwartungen gegenüber.

* Der Reichstag berieth heute den Gesetzentwurf, betr. die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete. Staatssekretair Frh. v. Maltzahn konstatirte, daß die räumliche Entfernung und die eigenartigen Verhältniffe der Schutzgebiete eine von der allgemeinen Finanzver­waltung des Reichs abweichende Regelung der Finanz­verhältnisse erfordere, wozu die Vorlage die Grund­lage bieten solle. — Dr. Bamberger (dfr.) bezweifelte die Zweckmäßigkeit der völligen Loslösung des Kolonial- vom allgemeinen Reichsetat und wandte sich dann gegen die Kolonialpolitik im Allgemeinen, wobei bisher nichts herausgekommen sei, als Unkosten und Nieder­lagen. — Geh. Legationsrath Dr. Kayser gab eine Uebersicht der bisherigen Entwickelung unserer Kolonien, die in Zukunft auch die aufgewendeten Mittel reichlich wieder einbringen würden. — Graf Arnim (Rp.) Der» theidigte die Kolonialpolitik gegenüber Bamberger. Niederlagen einzelner Expeditionen seien unvermeidlich. Der Untergang Gravenreuths sei wahrscheinlich auf ungenügende Ausrüstung zurückzuführen. — Geh. Leg.-- Rath Dr. Kayser bestreitet dies. — Abg. v. Strom-

„Magda!" rief Fräulein White überrascht. „Wer hätte gedacht, Dich hier zu finden?"

Magda stand auf, ihr Antlitz war so weiß wie ihr Kleid, als sie zur Begrüßung die Hand ausstreckte.

„Ich sah Dich schon vorhin," sprach sie anscheinend ruhig.

„Ach, dann warst Du die Dame, mit welcher wir so unsanft zusammenstießen?" sagte Julia White lachend. „DaS Gesicht kam mir gleich ungemein be­kannt vornüber wie konnte ich ahnen, daß Du eS seiest! Wie kommst Du übrigens hierher?" fragte Julia neugierig weiter, indem sie Alick, welcher an Magda's Seite stand, von Kopf bis Fuß musterte. „Bei wem hälft Du Dich hier auf?"

Während dieser letzten Frage ruhten ihre kalten, blauen Augen auf Magda's kostbarem Kleide. Alick aber bemerkte, wie bleich seine kleine Freundin auSsah und ahnte, daß diese Begegnung ihr nicht lieb sei.

„Ich bin in der Wolsingham-Abtei zum Besuch," antwortete Magda möglichst unbefangen. „Befindet Ihr Euch Alle wohl, Julia?"

„In der Wolfingham-Abtei! Gütiger Himmel! Und —"

„Befinden sich die Deinigen wohl, Julia? Ist Adelaide auch hier?" fragte Mazda in einem Tone, aus welchem der ruhig neben ihr stehende und sie beo-