. V 277 Dienstag den 1. Dezember 1891. 18. Jahrgang
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* Die letzte Unterredung Windthorst^ mit Kismarck
wirb in den „Hamburger Nachrichten vom Fürsten Bismarck bargestellt, ber zugleich die „Kölnische Zeitung" Lügen straft, welche behauptet hatte, Winbthorst habe Bismarck Unterstützung gegen den Kaiser angeboten. Wenn es überhaupt benkbar wäre, baß Winbthorst so etwas gethan hätte, mit welchem Behagen würbe Fürst Bismarck es berichtet haben. Er hätte damit auch gar nicht bis jetzt gewartet, sonbern würbe es beim Tode Winbthorsts spätestens erzählt haben; hat er boch seinem Aerger über die bem verstorbenen Centrumsführer erwiesenen Ehren wieberholt kräftig Luft gemacht.
Winbthorst, so erzählen die „Hamburger Nachrichten", habe nach den Reichstagswahlen von 1890, welche bie eklatante Niederlage Bismarcks gebracht hatten, durch Herrn v. B^eichröder vertraulich anfragen lassen, ob Fürst Bismarck bereit sein würde, ihn zu empfangen. Dies habe den Fürsten Bismarck deshalb in Verwunderung gesetzt, weil es durch langjährige Praxis bekannt geworden sei, daß Fürst Bismarck es „für seine dienstliche Pflicht, hielt, jeden Reichstagsabgeordneten, der sich unter Berufung auf diese seine Eigenschaft bei ihm melden ließ, zu jeder Zeit zu empfangen, um so mehr eine im Reichstage so hervorragende Persönlichkeit wie die des Führers des Centrums. Fürst Bismarck beantwortete die gestellte Anftage damit, daß seine Bereitwilligkeit selbstverständlich sei und empfing den Abgeordneten Windthorst, sobald derselbe sich bei ibm melden ließ. In dem darauf stattgehabten Gespräche, dessen Dauer etwa 1—Via Stunde betragen konnte, hatte Fürst Bismarck das geschäftliche Bedürfniß, zu erfahren, welche Haltung das Centrum in dem damals neu gewählten Reichstage annehmen werde unv welches die Ansprüche seien, die dasselbe stellen werde. Von dem Versuche, irgend eine Kooperation einzuleiten, war zwischen beiden Herren keine Rede. Fürst Bismarck verhielt sich lediglich sondirend und der Abgeordnete Windthorst motivirend, d. h. die Bedürfnisse des Centrums nach Maßgabe der Stimmung der Wähler darlegend. Herr Windthorst hat auch nicht versucht, „nach Zerschmetterung der Kartellstützen," wie die „Kölnische Zeitung" jsich ausdrückt, eine Anknüpfung der Regierung mit der Centrumspartei herbeizuführen; er hat lediglich auf die Sondirung des Fürsten Bismarck präzisirt, was das Centrum haben müsse, um zuftieden zu sein. Der Abgeordnete Windthorst hat sich hierüber klar und präcise dahin ausgesprochen, daß das Centrum bie Herstellung bes status quoante 1870 in allen unb jebenBeziehungen erstrebe. Mit bieser Erklärung war für ben Fürsten Bismarck bas Bedürfniß der Sondirung erschöpft. Im Uebtigen bezog sich die Unterhaltung der beiden Herren auf die Frage des bevorstehenden K abin etsw echsels, wobei der Abgeordnete Windthorst dem Fürsten Bismarck zum Verbleiben in seiner Stellung lebhaft zuredete, für den Fall aber, daß der Wechsel dennoch stattfände, dringend empfahl, die Nachfolge einem Militär, also einem General, zu übertragen, indem er dabei die Bedenken geltend machte, die gegen eine eivilististische Lertung in der unruhigen Lage der Parteiverhältnisse sprächen. Als Fürst Bismarck auf diesen Gesichtspunkt einging, empfahl der Abgeordnete Wind horst bei einer Besprechung der Personenfrage in erster Linie den General von Caprivi, der sich durch parteilose und sachliche Haltung wäbrend seiner Vertretung der Marine im Reistage auch als Redner das Ansehen erworben habe, mit dem seine Persönlichkeit umgeben sei." Fürst Bismarck
Em modernes Aschenbrödel.
Bon Quille Penne.
Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.
(6. Fortsetzung.)
„Woh-r wissen Sie," fragte sie plötzlich, ihren verwirrten Blick zu ihm erhebend, „daß es nicht Ihr Reichthum ist, welcher mich in Versuchung führt? Ich Haffe die Armuth, in welcher ich--— — "
„Woher ich das weiß?" unterbrach er sie. „Weil Sie die treusten Augen unter der Sonne haben, mein Liebling, und diese haben mir schon seit langer Zeit eine mir schmeichelhafte, liebe, traute Geschichte erzählt. „Dennoch, fügte er ernst hinzu, „habe ich nichts dagegen, eine wörtliche Bestätigung dieser süßen Geschichte zu hören. Wollen Sie mir dieselbe geben?"
Er neigte sein Haupt so tief herab, daß seine Wange auf ihrem glänzenden, schwarzen, welligen Haare ruhte. „Gib sie mir, Geliebte," flüsterte er. „Es ist so lercht zu sagen, und wenn du es sprichst, mein trautes Herz, dann werde ich wissen, daß es wahr ist, daß du nie diese Worte zu einem Anderen gesprochen, ausgenommen vielleicht zu Bruder Philipp, und selbst auf den kann ich nicht umhin, eifersüchtig zu sein."
„Was soll ich sagen?" fragte das junge Mädchen kaum hörbar.
„Nur drei kleine Worte: Ich liebe Dich, Alick."
sei durch diese Unterredung zur Ueberzeugunq gelangt, welche er in den wenigen Tagen, die er noch im Amte blieb, auch nicht verfehlt hat: daß eine geschäftliche Annäherung der Regierung an das Centrum wegen der zu weit gehenden Forderungen desselben i n d e r d a m a l i g e n Lage nicht thunlich sei. Solches sei er aber zu höflich gewesen, Herrn Windthorst gegenüber ausdrücklich auszusprechen. Ueberraschend sei demnächst die Schnelligkeit gewesen, mit welcher der Vorgang der Unterredung "und die Vermittlung des Herr v. Bleichröder dabei zur Kenntniß der höheren Regionen gelangte und zwar ohne den Zusatz, daß die Vermittlung nicht vom Fürsten Bismarck, sondern von Herrn Windthorst nachgesucht worden war.
Die „Germania" bemerkt wiederholt: „Der Abg. Windthorst war nach seiner Zusammenkunft mit dem Fürsten Bismarck geradezu erstaunt, als in der nichtkatholischen Presse sofort die Untersuchungen begannen, ober die Unterredung nachgesucht habe oder ob Frust Bismarck sie veranlaßt habe; es gehöre doch nur wenig politischer Scharfsinn dazu, einzusehen, daß in der politischen Situation, wie sie sei, weder das Eine noch das Andre stattgefunden habe; es läge doch nahe genug, in solchen Fällen an eine Mittelsperson zu denken." Die „Köln. Volksztg." aber enthält in einem von „unbedingt vertrauenswürdiger" Seite stammenden Schreiben eine Bestätigung, welche u. A. sagt: „Windthorst rheilte mir mit, und zwar im November vor. Js., eine Mittelsperson habe ihn zu einer Unterredung mit Bismarck zu bestimmen gesucht; er theilte mir auch die dieser Mittesperson gegebene Antwort mit, aus welcher aufs Unzweifelhafteste hervorgeht, daß Windthorst an eine solche Unterteilung vorher nicht gedacht, also auch nicht sich angeboten hat." In ber Unterhaltung mit ber Mittelsperson, Herrn v. Bleichröder, über die politische und besonders parlamentarische Lage gewann eben Windthorst bald die Uebetzeugung, daß diese Mittelsperson, die ja auch dem Fürsten Bismarck weit näher stand wie ihm, nach dieser Seite bereits Fühlung besaß, und so bloß noch eine seinerseitige Andeutung über die Idee einer Zusammenkunft erforderlich sei. Hier haben wir es sichtlich mit einer der bekannten diplomatischen „Schiebungen" zu thun. Fürst Bismarck wollte nicht direkt bei Windthorst anfragen und ließ es durch seinen Vertrauensmann v. Bleichröder thun. Da hat dann Windthorst schließlich, als er merkte, wie es gemeint war, das Nöthige formell geantwortet. Jedenfalls stimmen Alle, die von Windthorst etwas übet die Sache erfahren haben, darin überein, daß der Anstoß vom Fürsten Bismarck ausgegangen ist.
Erfreut sind wir, von dem Fürsten Bismarck bestätigt zu sehen, daß Windthorst einfach die Wiederherstellung des Zustandes vor 1870 forderte, wobei es sich damals wesentlich um die Schulfrage in Preußen und die Ordensfrage gehandelt haben wird. Also selbst in einem Augenblicke, wo für das katholische Volk und das Centrum Großes auf dem Spiele stand — wenn Fürst Bismarck „sondiren" wollte, hatte er sicher einen realpolüischen Zweck dabei — hat der Centrumsführer sich auf keinen Handel eingelassen. Fürst Bismarck will zu der Uebetzeugung gekommen fein, daß eine Annäherung der Regierung an das Centrum nicht thunlich sei, und diese auch amtlich nicht verhehlt, Windthorst gegenüber jedoch nicht ausdrücklich ausgeipiochen haben. Als wenn Windthorst nicht selbst der Mann gewesen wäre, zu merken, wie die Dmge standen. Von seinem politischen Scharfblicke zeugt auch, daß er, als die Frage des bevorstehenden Kabinetswechsels zur Sprache
„Das sind vier," entgegnete sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln.
„Nun denn, vier! Vier kleine Worte, und ich bin der glücklichste Mensch der Welt!"
Einen Moment zögerte sie, dann bog sie den Kopf zurück und mit einem leidenschaftlichen, liebeglühenden, verzehrenden Blicke schlang sie die Arme um seinen Hals.
„Ich liebe Dich," flüsterte sie, „ich liebe Dich, Alick." Ihr ganzes Herz schien in diesen Worten auszuströmen.
In diesem Momente begannen die Glocken der nahegelegenen Dorfkirche den Sylvesterabend einzuläuten. Ihr feierlicher Klang erschütterte das junge Mädchen bis in die tiefste Seele hinein. Das bessere Ich erwachte in ihr und kämpfte mit furchtbarer Gewalt gegen die Schwachheit ihres Herzens — doch vergebens. Sie konnte nicht mehr zurück, und so ruhte sie still in seinen Armen, an seiner Brust, bis sich die Schritte der übrigen von der Jagd zurückkehrenden Herren in der Halle hören ließen und Sir Alick sie mit einem tiefen Seufzer frei ließ.
„Ich möchte wissen, ob Du es zu fassen vermagst, wie glücklich Du mich gemacht," sprach er zärtlich. „Seit der ersten Stunde Deines hiesigen Aufenthaltes liebe ich Dich, von da an schwankte ich zwischen Furcht und Hoffnung. Sobald ich ein wärmeres Em-
kam, auf Herrn von Caprivi als eventuellen Nachfolger hinwies, nachdem er dem Fürsten Bismarck „zum Verbleiben in seiner Stellung lebhaft zugeredet." Der Haß gegen seinen Gegner verblendete ihn also nicht, dessen Sturz zu wünschen; auf Herrn von Caprivi soll er bekanntlich auch schon ftüher hingewiesen haben. Wenn schließlich die ,Hamb. Nacht' erzählen, Fürst Bismarck sei überrascht gewesen über die Schnelligkeit, mit welcher man in weiterem Kresse und namentlich in den höheren Kreisen von dem Vorgänge der Unterredung Kenntmß erhielt, so soll damit hoffentlich nicht gesagt sein, daß Windthorst die Sache aus- gebracht habe. Jeder Vernünftige wird das einfach für undenkbar erklären. Von der Thatsache der Unterredung hatten in den Zeitungen ja auch zuerst scharfäugige Reporter berichtet. Wie es scheint, hat Fürst Bismarck sich auch dem Kaiser gegenüber, als dieser ihn wegen der Begegnung interpellirte, barauf berufen, daß nicht er, sondern Windthorst die Unterredung nachgesucht habe. Wenigstens beklagt er sich, daß die Sache in höheren Regionen zur Kenntniß gelangte ohne dem Zusatz, daß die Vermittlung von Windthorst nachgesucht worden sei.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. November.
* Die Rede des Reichskanzlers v. Caprivi, welche er am Freitag, 27. November, im Reichstage gehalten, ist ein kräftiges Wort zur richtigen Zeit, welches im Deutschen Reiche wie im Ausland überall, wo ein Bedürfniß dazu vorhanden ist, beruhigend wirken muß. Maßvoll in der Form, entschieden in der Sache wird die Rede des Kanzlers allenthalben den gewünschten Erfolg erzielen. Die Rede des Kanzlers ist auf dem Gebiet der inneren Politik zunächst eine deutliche Antwort auf das unterminirende Treiben in der Bismarckpresfe, besonders den .Hamburger Nachrichten'. Rechthaberischer Eigensinn und Rachsucht ist das Leitmotiv in den bekannten Artikeln der,Hamburger Nachrichten", welche alle Maßregeln der „neuen Aera" in Grund und Boden kritisiren. Wenn man die .Hamburger Nachrichten' liest, dann ist unter Bismarck Alles herrlich gewesen, während das jetzige Regime schwach und unbeholfen sich zeigt und in großer Ruchlosigkeit ein allgemeines Durcheinander schafft. Dazu kam nun noch der Artikel des freikonservativen Deutschen Wochenblattes, welchen wir schon mitgetheilt, der den Reichskanzler v. Caprivi amtsmüde sein ließ und ein wahres Schrecköild von innerpolitischer Zerfahrenheit zeichnete. Darauf antwortete Caprivi, daß er nicht im Geringsten amtsmüde sei, sondern an seiner Stelle bleibe, so lange er das Vertrauen des Kaisers genieße. Der Reichskanzler hatte in den letzten Tagen Besprechungen mit Führern verschiedener Parteien des Reichstages; es stellte sich dabei heraus, daß der Kanzler mit dem lebhaftesten Interesse nicht nur den Arbeiten gegenübersteht, welche den jetzigen Reichstag beschäftigen, sondern sich auch mit denkbarstem Eifer den Fragen zuwendet, welche sich aus den jetzigen Verhandlungen entwickeln müssen. Auch in seiner Rede hat der Reichskanzler erklärt, daß er selten in seinem Leben schaffender Freude so nahe gestandm wie jetzt, wobei pfinden sür mich in Deinen Augen zu lesen glaubte," fügte er lächelnd hinzu, „kam irgend etwas wieder dazwischen, das mir den Zweifel aufdrängte, und wenn mein Blick auf jenen Ring fiel, den Du nicht vom Finger ließest, dann wurde ich fast närrisch bei dem Gedanken, es könne ein Verlobungsring sein. Oh, mein kleines süßes Lieb, Du weißt nicht, was für ein grünäugiges Unthier die Eifersucht ist! Doch wie bleich Du wieder bist und wie Du zitterst! Ich habe Dich erprüdet. Geh' mein Herz und lege Dich ein Stündchen nieder."
Als sie durch die Halle gingen, kam ein Diener mit den Briefen der Nachmittagspost. Sir Alick übersah dieselben schnell.
„Einer für Sie, Magda," sagte er, ihr einen der Briefe einhändigend. „Philipp ist ein unermüdlicher Korrespondent," fügte er lächelnd hinzu. Dann sah er der schlanken, zierlichen Gestalt nach, bis sie oben an der Treppe verschwunden war, und dachte, welch' einen verklärenden Strahl ihre Liebe in fein Leben geworfen habe.
Als Magda in ihr Zimmer trat, brannten die Wachskerzen auf den silbernen Leuchtern, der Kamin sandte ihr eine wohlthuende Wärme entgegen und das feenartige Ballkleid lag auf dem Bette ausgebreitet. Doch Magda fühlte nichts und sah nichts. Sie ging zur Ecke, in welcher der kleine alte Lederkoffer stand,