18. Jahrgang
Sonntag, den 29. November 1891
JM 276
machte er ein prunkendes Geschäft in der Friedrichstraße auf. Die alten Gläubiger solcher Abenteurer pflegen leider fein still zu schweigen, weil sie hoffen, von dem Ertrage des neuen Schwindelgeschäfts noch etwas für sich abzujagen. —
„Schlechte Zeiten" heißt es überall. Aber als ich am Vorabende der Ziehung der Antisklavereilotterie die „Linden" entlang ging, mußte bei dem Hauptloose- händler die Geschäftsthür gesperrt werden, weil der Andrang der Loosekäufer zu stark wurde. Im Nu stand eine Schaar von Kauflustigen vor dem geschlossenen Laden, die sehr ärgerlich darüber waren, daß sie ihr schönes Geld nicht sofort los werden konnten. Ob nun wirklich all' die zahlreichen Loose abgesetzt sind, erscheint mir freilich noch zweifelhaft; doch ist immerhin der Andrang zum Glücksspiel stärker gewesen, als ich nach dem Kourssturze der preußischen Loose erwartet hatte.
In einem anderen Punkte hat mir ein neues Er- eigniß Recht gegeben. Einem Berliner Kaufmann wurden aus seiner Wohnung Werthpapiere im Betrage von 20,000 M. gestohlen, während er vergnügt mit seinen Angehörigen und Freunden eine Treppe tiefer in seinem Geschäftslokal faß. Er hatte sich nicht einmal die Nummern von allen Werthpapieren ausgezeichnet und die Zinsscheine hübsch dabei gelassen, damit die Diebe gleich Alles in einem Griff zusammen haben. Also eine Bestätigung der Mahnung, keine Werthpapiere im eigenen Hause aufzubewahren, wenn man nicht einen feuer- und diebessicheren Schrank hat, und auf jeden Fall die Zinsscheine und die Schuldtitel nicht zusammen zu lassen.
Eine eigenartige Beleuchtung des „Nothstandes" gab eine Versammlung Berliner Fleischhändler, in welcher über das „Monatsgeld" der Köchinnen und sonstiger Dienstboten verhandelt wurde. Eine Köchin, deren Herrschaft monatlich für 400 Mk. Fleisch gebraucht, forderte vom Schlächter eine Abgabe von 50 Mark monatlich für ihre Tasche. Also der Schlächter soll dem Frauenzimmer im Jahre 600 Mk. zahlen als Belohnung, daß sie zu ihm kommt und nicht zu einem Konkurrenten geht. Ein ganzes Achtel des Kaufpreises wollte diese Küchenfee für sich einstecken! Die Fälle, in denen eine Abgabe von einem Zehntel gefordert wird, sollen sehr häufig sein. Wenn der Schlächter sagt, so viel betrage sein ganzer Profit nicht, so wird ihm entgegnet: „Nachgewogen wird bei uns nicht. Wollen Sie nicht, so werde ich dafür folgen, daß Sie die Kundschaft verlieren." So wird der Betrug großgezogen. Mit der übervortheilten Herrschaft braucht man kein großes Mitleid zu habe», denn warum wiegt die Hausfrau nicht nach? Sie mag noch so fein und ihre Wirthschaft mag noch fo groß sein, sie kann doch von Zeit zu Zeit mal eine unangemeldete Kontrole ausüben. Thut sie es nicht, so hat sie den Schaden „sich selbst zuzuschreiben". Aber der moralische Schaden, den die Geschäftsleute und das Gesinde durch eine solche Wirthschaft davontragen, der ist zu beklagen, und ebenso die Schädigung der braven Geschäftsleute, die nicht mitthun wollen bei solcher Gaunerei und deshalb die Kundschaft verlieren. Die Moral von der Sache ist die, daß die Herrschaften aufpassen sollen, um ihren Dienstboten keine Gelegenheit zu Veruntreuungen zu geben. Nicht bloß im Interesse ihres Geldbeutels, sondern auch im Interesse der Dienstboten selbst, damit dieselben nicht auf die schiefe Bahn der Unehrlichkeit gelangen. Seit ich etwas mehr hinter die Koulisien des häuslichen Lebens und Treibens gucke, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die reine und volle Ehrlichkeit längst nicht so häufig anzutreffen ist, als ich mir früher dachte. Es wird erschrecklich viel „Schmuhl gemacht", gemaust, gemopst, gelogen und betrogen, auch gestohlen, wo man es gar nicht erwarten sollte. Der Diebstahl erstreckt sich seltener auf baares Geld, aber sehr häufig auf die Erraffung von Eßwaaren, Brennmaterialien, Gebrauchs-Gegenständen. Der Stolz der Ehrlichkeit scheint bei der großen Masse aus den niederen Klassen selten geworden zu sein, wenigstens hier zu Lande. Es gibt auch Familien des Mittelstandes, wo die Frau ihr Haushaltungsbuch fälscht, um von dem Wochen- oder Monatsgeld ohne Wissen des Mannes etwas für sich gebrauchen zu können, wo die Kinder die Mutter beschwindeln, um Geld für Näschereien, Bücher oder dergleichen zu haben. Wenn dann schließlich das Dienstmädchen sie Alle zusammen brandschatzt, so darf man sich nicht zu sehr darüber wundern; denn 1 das Dienstmädchen kennt in der Regel alle Geheimnisse
des ganzen Hauses am besten, und böse Beispiele verderben die ehrlichen Sitten.
Ein komisches Zwischenspiel in dem Theuerungs- Drama ist der Streit um das billige Bier, der in Berlin entbrannt ist. Eine große Brauerei, die kürzlich eine andere Brauerei mit mehr Vorräthen als Kundschaft angekauft hat, fetzt den Preis für die Tonne von 20 Mark auf 18 Mark herab, „um damit zu räumen". Darob eine gewaltige Entrüstung und eine geharnischte Erklärung der übrigen Brauereien. Und was sagen die Biertrinker? Gar nichts, denn bei den Berliner Verhältnissen fällt für sie gar nichts ab. In München geräth das Publikum wegen jedes kleinen Aufschlages in revolutionäre Erregung, weil dort ein wirklicher Bierpreis in einzelnen Pfennigen existirt, der nach den Produktions - Verhältnisfen steigt und fällt. Hier kennen wir nur einen festen Preis von 15 oder 30 Pfg. für das halbe Liter. Die Ermäßigung des Tonnenpreises für das Berliner Bier würde einzig und allein den Wirth en Profit bringen. Der mag ihnen auch gegönnt fein, denn die Leute haben zum großen Theil erhöhte Ausgaben, weil sie die Mode der üppigeren Ausstattung der Kneipräume, der besseren Beleuchtung rc. mitmachen müssen. Aber in einer Hin- sicht ist es zu bedauern, daß das Bier nicht im Einzelverkauf billiger werden kann. Denn das billige Bier ist der schärfste Konkurrent des Schnapses, und da wir wenig Aussicht auf ein gutes Gesetz gegen den Schnapsteufel haben, so muß man die Hilfe nehmen, wo sie nur zu finden ist.
Immerhin ist es bezeichnend für die „deutscheSitte", daß trotz der schlechten Zeiten die Brauereien noch reichlichen Absatz haben. Die Leute schränken sich lieber im Essen, als im Trinken ein. Der § 11 trotzt der Theuerung und dem Nothstande.
N. Zeitgemäße Plauderei. *)
Berlin, 26. November.
Das Kirchenjahr ist zu Ende. Noch einen Monat, dann stehen wir vor dem Wechsel des bürgerlichen Jahres. Weihnachten wirkt bereits lebhaft ein auf t)a§ Sinnen und Trachten, den Handel und Wandel. Diejenigen Geschäftsleute, welche auf den Weihnachtsverkehr angewiesen sind, sehen dieses Mal mit banger Spannung den Ergebnissen der nächsten vier Wochen entgegen. „Schlechte Zeiten!" heißt überall der Seufzer des Tages. Die große Masse der Weihnachtskunden kann ja immer noch kaufen und wird es auch thun; aber etwas einschränken müssen sich die Meisten, und diese Schmälerung der Einkäufe, die im Einzelfall nur klein zu sein braucht, aber im Ganzen sich zu einem riesigen Minderertrag gestaltet, kann manchem Unternehmer den Rest geben.
Schlechte Zeiten sind es freilich; doch wenn man in einem Petersburger Blatt liest, daß für die Noth- leidenden getrocknete Brodreste gesammelt werden sollen, so kann man Gott danken, daß es uns noch so viel besser geht, als den Russen. Unser Brod ist theuer geworden, aber wir können doch noch für unser Geld welches haben. In Rußland jedoch gibt es schon Orte, in denen auch gegen baare Bezahlung der höchsten Preise kein Korn oder Mehl zu haben ist. Und bis in die Millionen geht die Zahl derjenigen, die kein Geld haben, um sich das Nöthige zu erwerben, weil sie keine Arbeit finden oder auch nicht arbeiten wollen. Wir begreifen es schwer, wie sich dort die Leute massenhaft auf das Herumbummeln verlegen, ohne an einen ernsten Versuch der Selbsthilfe zu denken. Sie verlasfen sich darauf, daß das Väterchm Zar sie füttern wird. Wie stark in Rußland das Vertrauen auf die Zarenhilfe ist, haben wir unlängst in Berlin gesehen an dem Verhalten der hilflosen russischen Auswanderer, die im städtischen Asyl untergebracht waren. Die Leute weigerten sich hartnäckig zu arbeiten, indem sie immerfort behaupteten, der Zar bezahle Alles, was sie brauchten. Und dabei waren das keine orthodoxen Stockrussen, sondern katholisch-polnische Leute, bei denen man eher Artigthun und Mißtrauen gegen die russische Regierung hätte vermuthen sollen, um so mehr, als sie einen Versuch zur Auswanderung gemacht hatten. — Das Vertrauen auf die Hilfe des Monarchen und des Staats ist eine sehr schöne Sache, wenn es in vernünftigen Grenzen bleibt und nicht die persönliche Thatkraft und Gewissenhaftigkeit lahmlegt. Das „Hilf Dir selbst" muß immer sein Recht behalten, wie bei dem Gottvertrauen, so auch bei dem Staatsvertrauen. —
In das Kapitel der „schlechten Zeiten" gehört auch ein neuer Bankkrach in Berlin. In den letzten Wochen schien der Racheengel des Krachs „auf die Dörfer" gegangen zu sein. Heute ist er nach Berlin zurückgekehrt. Der Bankier Hugo Löwy, „persönlich haftender Gesellschafter" einer Kommanditgesellschaft, die schon lange als wurmstichig galt, ist verhaftet und das Geschäft geschloffen worden. Wer bei diesem Manne Depots verloren hat, der gehört ganz zweifellos in die Liste derjenigen, die nicht alle werden. Es war eines von jenen Geschäften, die mit riesigem Jahrmarktsgeschrei die Leute zum Börsenspiel anreizen. Während der Bankier Polke, der schon längere Zeit in Untersuchungshaft sitzt, ein eigenes Börsenblatt herausgab, veröffentliche Löwy in umfangreichen Inseraten Uebersichten über die Lage der Börse und die Chancen der Papiere. Jeder Urteilsfähige mußte das Verdächtige eines solchen Anreißerthums ohne Weiteres erkennen. Die Aussichten der Gläubiger sollen gleich Null sein. Der Fall beweist abermals die Nothwendigkeit einer Aufsicht über die Banken, welche in Depot- und Kommissionsgeschäften das Vertrauen des Publikums in Anspruch nehmen. Löwy war früher in Paris gewesen und hatte auch dort sehr bedenklich gewirthschaftet. Trotzdem konnte er in Berlin mit großem Lärm sich als Leiter einer Kommanditgesellschaft für Bankbetrieb aufspielen. Der Loosehändler Fuhse, der sich auch als Bankier gerirte und wegen einer ähnlichen schandbaren Pleite in Haft sitzt, war bekanntlich vom Rheinlande nach Berlin gekommen mit einer Schuldenlast von 90,000 M. Mit diesem negativen „Betriebskapital"
*) Nachdruck verboten.
V,
Ein modernes Aschenbrödel.
Von Quille Penne.
Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.
(5. Fortsetzung.)
„Mazda!" rief Sir Alick fanft.
Mazda gab keine Antwort; gerade in diesem Momente hätte sie nicht sprechen, seinen leidenschaftlichen Blicken nicht begegnen können.
„Mazda!" wiederholte der jungeIMann ihr die Hand reichend.
Aber sie fchwieg. Eine unendliche Freude, eine große Furcht und ein namenloser Schreck erfüllten gleichzeitig ihr Herz. Was hatte sie gesagt — sie, Mazda, welche mit all ihren Fehlern bis heute wahrhaft gewesen war, welche stets die Niedrigkeit der Lüge und Falschheit aus innerster Seele verachtet hattej? Selbst in dem leidenschaftlichsten Wonnegefühl, das jetzt ihr Herz durchfluthete, fühlte sie eine tiefe Scham bei dem Gedanken, daß sie ihn getäuscht hatte.
„Zürnen Sie mir?" fragte der junge Mann, sich vornüberneigend, und seine Blicke ruiten mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf der graziösen Gestalt, dem kleinen gesenkten Köpfchen. „Sie halten mich wohl für anmaßend, mein Kind? Ach, Mazda, wenn Sie wüßten — wenn Sie wüßten —"
Er erhob sich von seinem Sessel, ging mehrere Male im Zimmer auf und nieder, dann blieb er vor ihst stehen, ergriff ihre Hände und hielt sie fest in den {einigen.
„Wenn Sie wüßten —" fuhr er in tiefernstem Tone fort, „was es heißt, alle Hoffnungen für sein Lebensglück auf die Wahrheitsliebe und Reinheit eines schwachen Mädchenherzens gebaut, sein ganzes Leben in eine kleine, zarte Hand gelegt zu haben — und wenn dann bittere Augenblicke kommen, in denen man fürchtet, daß man sich getäuscht, daß das Mädchen dieses Vertrauens nicht werth sei, daß, wenn es zur Liebe ermuthigend lächelte, es damit vielleicht zwei Männerherzen zugleich betrog — dann erst, Mazda, könnten Sie begreifen, was ich erduldet, während ich — oh, vergeben Sie mir, mein Liebling — an Ihnen zweifelte. Und wenn bann" — hier wurde der Druck feiner Hand fester, fein schöner, stolzer Kops neigte sich zu dem ihrigen hinab — „man erfährt, daß man sich geirrt, daß man dem geliebten Wesen Unrecht gethan, daß es frei war und ein Recht hatte den Liebesworten zu lauschen und Liebe wiederzugeben, dann würden Sie die Erleichterung begreifen, die ich jetzt empfinde. Mein Kind, wie bleich Sie sind! Ich habe Sie durch meine
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