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18. Jahrgang

Knnntag, den 29. November 1891

Zeitung

Für den Monat Dezember werden Abon­nements auf die ,

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage »Sterne «nd Blumen' und dem »Rathgeber für Land- wirthfchaft, Gartenbau und Hauswesen' von allenPostanftalten» Landbriefboten,Zeitnngs- trägern und von der Expedition (Harmonie) zum Preise von Sb' 50 Pfg. *B6 (nebst . Neicysscyatzamrs, yreigerr vvn yuv

Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen, übliche Finanz-Expos». Das EtatS-Jahr 1890/91

schloß für den Reichshaushalt mit einem Ueberschuß von 15 Millionen, während den Einzel - Staaten 80 Millionen mehr, als angesetzt, überwiesen werden konn­ten. Das laufende Etats-Jahr 1891/92 verspricht zwar gleichfalls eine über den etatsmäßigen Anschlag hinaus­gehende Ueberweisung an die Bundesstaaten, aber für die Reichskaffe läßt es einen Fehlbetrag von 8 Mil­lionen erwarten. Die Mehrausgaben werden allem 15% Millionen betragen, wovon der Haupttheil auf den Militär - Etat (vornehmlich in Folge der Preis- steigerungen) entfällt. Bei dem neuen Etat für 1892/93 war die knappe Finanzlage zu berücksichtigen, weshalb auch auf eine wesentliche Förderung der Besoldungs- Aufbesserungen der Beamten verzichtet werden mußte. DieUeberweisungen an die Bundesstaaten sind um 19%

haben werden, anders gestalten. Berücksichtigt konnten die Wirkungen der Handels-Verträge bei der Aufstel­lung des Etats nicht werden, weil der Etat auf Grund der bestehenden gesetzlichen Lage aufgestellt werden mußte. Auch lassen sich die Ausfälle in Folge der Handels-Verträge zur Zeit noch nicht abschätzen. Da­von, daß bereits in den nächsten Monaten 200 Mil­lionen Mark neue Anleihe auf den Markt geworfen werden sollten, könne keine Rede sein; z. Zt. habe die Reichsverwaltung noch ziemlich volle Kassen. Ueber den Termin der Begebung und über den zu wählenden Typus (ob 3, 3% oder 4prozentig) sei noch kein Beschluß ge­faßt. Jedenfalls würde aber auf eine Verpflichtung der Nichtkonvertirung nicht eingegangen werden. — Abg. Rickert (dfr.) machte für den Ernst der gegen­wärtigen Situation das Bismarck'sche System verant­wortlich, mit dem leider nicht energisch genug gebrochen worden fei. Die Reichsschuld dürfe nicht weiter stei­gen, diebeständig fortschreitenden Rüstungen seien nicht zu ertragen; da Deutschland den Frieden wolle, müß­ten alle nicht ganz dringenden Militär - Ausgaben abgelehnt werden. Die heutige Marineverwaltung entbehre aller festen Grundsätze, welche dem Reichstage

i für die Marineforderungen einen Maßstab abgeben könnten. Redner verlangt ferner eine Abänderung der Wirthschaftspolitik. Die Absperrungszölle hätten für ganz Europa schädlich gewirkt. Reichskanzler v. C a p r l v i konstatirte gegenüber den Behauptungen von seiner an­geblichen Regierungsmüdigkeit, daß er auf feinem Posten bleibe, so lange S. M. der Kaiser es wünsche und trat dann dem herrschenden Pessimismus entgegen, zu dem kein Anlaß vorliege; es sei, als ob ein Beun­ruhigungsbazillus in der Luft liege. Man werfe der Regierung schwankende Haltung vor, ohne zu sagen, wie sie es besser machen solle. Die russische Reise des Kaisers, die angeblich keine gute Wirkung gehabt,Zhabe in der That eine vorzügliche Wirkung gehabt. Durch Kronstadt sei nur ein bereits früher bestandener Zu­stand äußerlich dokumentirt worden; von einem event. Kriege mit zwei Fronten war längst vorher die Rede. Die allgemeine Lage sei nicht ungünstiger als bisher, wenn auch die allgemeinen Rüstungen noch lange Jahre dauern dürften. Das der Regierung zum Vorwurf gemachte englische Abkommen sichere Deutschland außer dem ostafrikanischen Schutzgebiet, das Xmal mehr werth sei als das englische, auch Helgoland. Welche Entrüst­ung wäre entstanden, wenn Helgoland etwa in den Besitz einer anderen Macht übergegangen wäre! Die Maßregeln in Elsaß - Lothringen und den polnischen Landestheilen verfolgten die Tendenz des Sammelns aller unserer Landsleute, gleichviel welcher Zunge. Schlimmer noch als der politische, fei der militärische Pessimismus. Es gäbe keine Nation, die so viel

Diese wahren, schönen Worte eines einsichtigen Protestanten werden vielleicht den Herrn Bundes­rittern doch etwas zu denken geben. Daß sie freilich den „Evangelischen Bund" bewegen werden, von seiner jetzigen Kampfesweise abzulassen, — das glauben wir

für's Erste noch nicht.

Wie ein Protestant über den „Evangelischen Kund" urtheilt.

6077 Personen. .

* Ter .Reichsanzeiger' hat, wie schon erwähnt, eine Uebersicht der Erntcergebuisse im deutschen Reiche für Roggen und Weizen veröffentlicht, welche das Er- aebniß amtlicher sachverständiger Ermittelungen ist. Danach ist der Ausfall der Ernte günstiger als gehofft wurde: Der Ertrag stellt sich sowohl an Roggen, rote an Weizen nicht nur höher, als im vorigen Jahre, sondern auch als im Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Allerdings erzeugt Deutschland seinen Bedarf an Brod- korn nicht ganz und ist deshalb auf eine theilweise Zufuhr aus dem Auslande angewiesen. Durch das russische Ausfuhrverbot ist die Roggenzufuhr größten- theils abgeschnitten, und es muß daher in höherem Maße, als sonst der Weizen zur Deckung des Er­nährungsbedürfnisses herangezogen werden. Eine Zu­sammenstellung der Weizenproduktion, der hauptsächlich in Frage kommenden Produktionsländer zeigt aber gegenüber einer Aufstellung des Weltbedarss einen an­sehnlichen Ueberschuß, so daß jede Sorge hinsichtlich hinreichenden Brodkorns zur Volksernährung als be­seitigt gelten kann.

* Seitens des Ministers für Landwirthschast, Domänen und Forsten ist die Einfuhr von lebenden Schweinen aus Steinbruch, Bielitz-Biala und Wiener- Neustadt über Oderberg, Dzieditz und Bodenbach in das Schlachthaus zu St olp in Pommern widerruflich gestattet worden.

* Ueber die bevorstehende Einführung des Erz­bischofs Dr. v. Stablewski von Posen-Gnesen erfährt die .Germania' von zuverlässiger Seite. Das Fest­komitee, welches sich in Posen gebildet hat, gedenkt dem Erzbischof ein goldenes Kreuz mit goldener Kette zu

* Der Reichstag trat heute in die erste Berathung des Reichshaushalts - Etats ein. Staatssekretär des Reichsschatzamts, Freiherr von Maltzahn, gab

Deutsches Keich.

Berlin, 27. November.

iflTtPTt I 9

.Wir wollen Frieden zwischen Katholiken und Protestanten, weil die Erhaltung dieses Friedens die Grund­bedingung für die Erhaltung des deutschen Reiches, ja des deutschen ^Volkes selbst ist. Beide christlichen Konfessionen sollen nicht gegen einander, sondern neben einander gegen die wilde heidnische Sozialdemokratie streiten und diese zu chrrstlanislren, zu erziehen, zu veredeln bemüht sein. Und wenn die katholische Kirche zu diesem Zwecke die volle Entfaltung ihrer Machtmittel braucht, so gewähre man sie ihr......Wir Protestanten

müssen uns mit Rom gegen den Unglauben verbunden, denn es ist besser mit Rom, das die allgemeinen christlichen Grundartikel mit uns theilt, gegen den Unglauben, als mit dem Unglauben gegen Rom streiten!"

Chancen'für den nächsten Krieg habe, als Deutschland. In jedem Falle, glaube er, werde die Regierung im Stande sein, die Würde und das Ansehen der Nation zu schützen. (Bravo!) — Abg. v. Keudell (Rp.) be­merkte dann noch persönlich, daß seine Fraktion mit dem bes. Artikel im ,Deutsch. Wochenblatt' nichts zu schaffen gehabt habe. — Weiterberathung morgen.

• Die im Reichstage eingebrachten Börsenantrage sollen sofort nach Abschluß der ersten Berathung des Etats auf die Tagesordnung kommen, also am Dienstag.

* Ueber die letzte Unterredung Windthorst's mit Bismarck wird der ,Köln. Volksztg.' von unbedingt vertrauenswürdiger Seite geschrieben: „Gegen­über der Behauptung der ,Münch. Allg. Ztg.': „Herr Windthorst hatte den Fürsten Bismarck um eine Un­terredung ersuchen lassen, welche der Kanzler ihm gewährte", und den daran geknüpften Schlußfolgerun­gen in der Art der ,Köln. Ztg.', Windthorst habe sich Bismarck an geboten, und gar als Stütze gegen den Kaiser, (!) glaube ich Ihnen Folgendes nicht vorent­halten zu dürfen: Windthorst theilte mir im November vorigen Jahres mit, daß eine Mittelsperson, deren Namen er mir auch nannte, ihn zu einer Unter­redung mit Bismarck zu bestimmen gesucht habe. Er theilte mir ferner die dieser Mittelsperson von ihm gegebene Antwort mit, woraus auf das unzweifel­hafteste hervorging, daß Windthorst an eine solche Un­terredung vorher nicht gedacht hatte, also sich auch nicht „angeboten" haben kann. WenngleichWindt­horst mir bezüglich dieser Mittheilungen nicht besonders Stillschweigen auferlegt hatte, fo betrachtete ich, wie zweifellos auch er, solche selbstverständlich als streng vertraulich. Ich würde wie bisher auch heute vollste Verschwiegenheit als Pflicht ansehen, wenn ich es nicht als höhere Pflicht betrachten müßte, solche Verdächti- gungen gegen Windthorst abzuwehren. Bei dieser Un­terredung war für mich auch die kleinste Inkorrektheit von Seiten Windthorst's ausgeschlossen."

* Der Bundesrath überwies gestern Petitionen auf Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf Insassen der Gefängnisse, Armenhäuser u. s. w. und auf Revision des Wuchergesetzes dem Reichskanzler.

* Einer amtlichen statistischen Mittheilung , zufolge betrug auf den beiden vom Reiche subventionirtra Dampferlinien der ostafrikanifchen und der australischen (die ostafrikanische ist erst in diesem Jahre eröffnet worden), auf der Ausreise und Heimreffe zusammen 1890: 70,503, 1889: 63822, 1888: 58477 Tonnen. Die 1890 beförderten Güter hatten einen Werth von 87268 Mill., wovon 39057 Mill, auf die Aus­reife entfielen. Der überwiegende Th eil der beförder­ten Maaren war deutscher Herkunft oder für Deutsch­land bestimmt. Der Personenverkehr betrug 1890 auf der ostafrikanifchen Linie 8282, auf der australischen

* Es ist eine bekannte Thatsache, daß das fort­währende Hetzen des „Evangelifchen Bundes" gegen uns Katholiken auch von den einsichtigeren Pro­testanten auf's Schärfste mißbilligt und verabscheut wird. Selten wohl dürfte die durch dessen „Bund' betriebene Verhetzung unserer protestantischer Mitbürger so entschieden von protestantischer Seite verurtheilt wor­den sein, wie es der durch zahlreiche Schriften bekannte Protestantische Leipziger Schriftsteller Dr. Max Oberbreyer in einer „Das neue Programm der Sozialdemokratie" betitelten, unlängst bei Kupferberg i 2t/.',/?'“ tofoer einaefteQt (während die Erhöhung der in Mnin, ,«i-n.n°n Schrift Ser tafnfc n«. /'S-W*

langt einen aufrichtigen Frieden Zwischen . Eraebuiß wird sich unter dem Einfluß

der katholischen und Protestantismen Kirche zur wi - Kandels-Verträge welche Ausfälle gerade bei den sameNtBekämpfung des sozialistischen Unglaubens. Er @innQ^men, bie denBundesstaaten^zufließen, zur Folge

Die beiden großen christlichen Konfessionen muffen onrch- aus einen aufrichtigen Frieden schließen, wo es sich, rote feier um die Existenz beider handelt, wo so hochnnchttge Inter­essen in Frage kommen. Die Kluft, welche die durch die lutherische Reformation hervorgernsene unselige Kirchenspaltung entstehen ließ, muß nach Möglichkeit überbrückt werden. Es muß aufhören Mißgunst und kleinlicher Neid, mit welchem man pro­testantischerseits so oft auf die Kirche Roms sieht, auf ihre wett imvonirende Gestalt, ihre viel reicheren Mittel, ihre gesammeltere Kraft und ihre umfassendere Macht. Wir müssen die Mitar­beiterschaft dieser großen festgegründeten Kirchern der sozialen Fraqe von Herzen willkommen heißen. Ein solches freundliches Verhältniß ist aber unmöglich, so lange der seit einigen Jahren bestehende protestantische Hetzklu'b, genannt „Evangelischer Bund", durch Flugschriften, Broschüren und eine eigene Kirchliche Korrespondenz für die deutsche Tagespresse" unab­lässig Unfrieden stiftet und in einer allen friedliebenden Protestanten widerwärtigen Weife ununterbrochen gegen die katholische Kirche hetzt. Ich protestire als Protestant im Namen zahlreicher Gesinnungsgenossen gegen ein solches unchristliches Gebühren, welches beständig aea-n eine andere christliche Kirche das Feuer aus der Asche bläst. Der „Evangel. Bund" soll sich hüten, den Religionshaß in Deutschland wieder anzufachen! Es ist sehr richtig gesagt worden, daß der Gegensatz des Protestantismus und Katholizis­mus die Achillesferse der deutschen Einheit, des deutschen Reiches fei Der religiöse Hader hat Deutschland schon einmal in den Abgrund geschleudert: noch heute leiden einzelne Gegenden unseres Vaterlandes an den Nachwehen des aus der Lutherischen Reformation entstandenen unseligen dreißigjährigen Krieges. Wir sind vor einer Wiederholung leider nicht sicher. Die Er­haltung des von innen und außen bedrohten Reiches fordert, daß man die furchtbarste Parteileidenschaft, den Religwnshaß, nicht anfache, sondern mit aller Kraft auf die Erhaltung des religiösen Friedens hinarbeite. Soll sich etwa das deutsche Volk in zwei große haßerfüllte Streithausen Katholiken und Protestanten scheiden, die ihre Gegensätze m alle Verhalt- niffe hinübertragen? Dann ist der innere Krieg nicht mehr fern, und das könnte, zumal bei einem äußeren Kriege, dem Reiche doch recht übel bekommen! Duobus litigantibus tertius gaudet: das heißt, der gemeinsame Feind, der sozialistische Unglauben, triumphirt, wenn beide Kirchen sich bekriegen. Während die katholische Kirche in letzter Zeit moralisch und numerisch zu­nimmt, bröckelt die evangelische Kirche nach allen Seiten ab und große Massen, namentlich in den Schichten der Gebildeten, zeigen ihr die äußerste Gleichgiltigkeit und gehören ihr nur noch aus Bequemlichkeit oder dem Namen nach an. Will der „Evangel. Bund" die ftiedliebenden Protestanten auch noch aus der evangelischen Kirche treiben? Was ist das für eine Religion, deren Theorie die Feindesliebe und deren Praxis, der Femdes- haß ist ?! Sind das'noch Jünger Christi, dessen, der unter Kreuzes­qualen, nur die Worte für seine Feinde hatte: „Vater, vergieb

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