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JV 274 Freitag, den 27. November 1891. l8. Jahrgang

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* Die Finanzlage des Deiches.

Der neue Haushalt des Deutschen Reiches sieht die Hilfsquellen der Nation noch für höchst ergiebig an. Die Ausgaben für Heer und Marine erfahren eine gewaltige Vermehrung. Noch sind große Kredite aus früheren Jahren flüssig zu machen, und wieder wird eine Anleihe von anderthalb Millionen Mark vorge­schlagen. Am Ende des nächsten Etatsjahres werden seit 1872 rund zwölf Milliarden Mark für Zwecke der Kriegsbereitschaft ausgegeben sein, die Aus­gaben für strategische Bahnen, Verzinsung der Schul­den, und ähnliche mit dem Heerwesen zusammenhängende Zwecke nicht eingerechnet.

Deutschland hat von Frankreich fünf Milliarden erhalten. Im Jahre 1876 war das Reich, abgesehen von den Reichskassenscheinen, vollkommen schuldenfrei. Am Schluß des Etatsjahres 1886 waren 440 Millio­nen ausgenommen. Am Ende des Etatsjahres 1892 soll die Reichsschuld 1789 Millionen Mk. betragen. Man darf starke Zweifel hegen, daß es ge­lingen wird, diese Summen im Volke unterzubringen, zumal gleichzeitig der preußische Staat mit ähnlichen oder noch höheren Anforderungen an den Geldmarkt tritt. Am 13. November verfügte das Reichsschatzamt noch über Kredite in Höhe von 138,579,887 Mark. Der preußische Finanzminister hat die Ermächtigung, mindestens noch 600 Millionen im Wege des Kredits flüssig zu machen. Woher solche Summen, auch wenn man alle Bemühungen der Verwaltung in Be­tracht zieht, die Sparkassen, die Versicherungsanstalten und Privatleute zum Ankauf von Reichs- und Staats­anleihen zu bewegen?

Die Kaufkraft des Volkes geht zurück; die Einlagen der Sparkassen nehmen ab. Ueberall ist das Volk ge- nöthigt, seine Ausgaben einzuschränken. Die Militär­lasten aber steigen, als wären sie von der Wirthschafts- lage der Nation abhängig.

Das Schlußergebniß des Voranschlags für 1892— 1893 ist, daß derselbe sich für die Bundesstaaten um rund 14,800,000 Mk. besser stellt, als der laufende Etat nach dem Voranschlag. Zwar müssen 4,900,000 Mk. mehr an Matrikularbeiträgen erhoben werden, jedoch die Ueberweisungen sind um 19,700,000 Mk. höher veranschlagt, so daß sich das erwähnte Mehr an Herauszahlungen ergibt. Es ist auf das Anwachsender Zölle und Verbrauchssteuern, der Stempeleinnahmen, des Ueberschusses der Reichsbank rc. zurückzuführen, zu

Ein modernes Aschenbrödel.

Von Quille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(3. Fortsetzung.)

Die Zofe, welche Lady Wolfe dem jungen Mädchen als Bedienung überwiesen, hatte soeben die letzte Hand an den glänzenden Ballschmuck gelegt und das Zimmer verlassen, und noch immer konnte Magda sich an den weichen Falten des schweren schimmernden Seidenkleides, an der Pracht der Silberstickerei und dem herrlichen, von Th autropfen übersäelen, weißen Rosenkränze nicht satt sehen.

Wie geblendet von diesem Reichthum ließ sie sich, die Augen mit der Hand bedeckend, auf einen Stuhl nieder. So saß sie lange in Gedanken verloren.

Heute war der letzte Tag des Jahres, der wiederum mit einem noch unbekannten Vergnügen schließen sollte, denn Magda hatte noch nie einen Ball besucht. Morgen begann das neue Jahr! Was würde es ihr bringen? Was hatte das Schicksal für sie in seinem Schooße ge­borgen ?

Sie schlug die Augen auf, ihr Blick fiel auf einen in der Ecke des Zimmers stehenden kleinen, alten Leder­koffer. Dieser barg außer etwas Handgepäck einige Briefe Philipp's, welche eine Menge Ermahnungen

einem erheblichen Betrage aber darauf, daß 12,700,000 Mk. mehr, als für das laufende Jahr, an Ueber- schüssen der Vorjahre in den Etat eingestellt werden konnten. Ohne diesen Posten würde das Mehr der Ueberweisungen an die Einzelstaaten fast ganz ver­schwunden sein; denn das Reich hat einen Mehrbedarf von nahezu 29 Millionen Mark, dem an eigenen Ein­nahmen desselben nur ein Plus von 24 Millionen Mark gegenübersteht. Um die Mehrüberweisung von 14,800,000 Mark (nach Abzug der Steigerung der Matrikularbeiträge) nicht zu überschätzen, muß beachtet werden, daß bereits ein Nachtrags etat für 1891— 1892 vorliegt, der eine Nachtragsbewilligung von etwa 10 Mill. Mark für das laufende Jahr, größtentheils in Folge der hohen Preise der Nahrungsmittel für die Verpflegung des Heeres, zu einem kleineren Theil für die Befestigung Helgolands, fordert. Weiter ist in Betracht zu ziehen, daß der Einnahme-Ausfall, welchen die Handels-Verträge bedingen werden, noch nicht veranschlagt ist, da sie noch geheim gehalten werden.

Deutsches Keich.

Berlin, 25. November.

* Reichskanzler v. Caprivi stattete heute demruffi- schen Minister v. Giers einen Besuch ab. Herr v. Giers hat heute Abend Berlin wieder verlassen, um seine Reise nach Petersburg fortzusetzen.

* Es ist interessant, gegenwärtig die Haltung der einzelnen Parteiblätter zu beobachten gegenüber den im Reichstage gestellten Anträgen auf Beseitigung der Aus­wüchse des Börsenspiels. Die nationalliberalen Or­gane nehmen zwar auch „der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe" einen schwachen Anlauf, um den großen Dieben in Berlin und Wien auf den Leib zu rücken, allein der Versuch ist, wie gesagt, so schwach, daß die börsenfreundliche Presse offen darüber spottet. Ganz anders ist es bei den freisinnigen und demo­kratischen Blästern, die sich sonst bei jeder Gelegenheit als besonders volksthümlich anpreisen. Sie haben an dem gegenwärtigen Zustand nicht das Mindeste auszu­setzen. Die,Franks. Ztg.', die sich in politischen Fragen ein ziemlich objektives Urtheil bewahrt hat und im Gegentheil zu der demokratischen Hetzpresse in der Provinz auch den anderen Parteien Gerechtigkeit ange­deihen läßt, verhöhnt jetzt Tag für Tag die Anträge der Konservativen und der Centrumsfraktion. Den nationalliberalen Antrag hat sie mit Recht nie ernst genommen. Er ist nur Sand in die Augen der Wähler. Die Stellungnahme der „volksthümlichen" demokrati­schen und freisinnigen Presse ist übrigens aus mehr als einem Grunde begreiflich. Mögen auch Hunderte von mittleren und kleinen Existenzen zu Grunde gehen, was kümmert das die Rothschild und Konsorten !

* Zu der gestrigen Reichstagsverhandlung über die Interpellation des Centrums betreffend die Handwerkerfrage bemerkt die.Germania': So weit Heer von Bötticher positive Reformen auf dem Gebiete der Handwerks- und Gewerbegesetzgebung an­

enthielten, und eine ganze Anzahl Briefe von Frank. — Frank und Philipp! Sie war es den beiden lieben Menschen, welche bisher ihr Leben behütet hatten, wohl schuldig zum Jahreswechsel einige beglückwünschende Worte an sie zu richten. Ja, sie wünschte ihnen von Herzen alles Gute — ihnen, die stets so gut zu ihr gewesen waren. Noch zögerte sie einen Moment, dann griff sie kurz entschlossen zur Feder. Es war keine Antwort auf Frank's letzte Briefe, welche sie jetzt niederschrieb, dieselben lagen noch uneröffnet in dem kleinen Lederkoffer. Des braven, treuen Mannes liebe­volle Worte hätten sie wie Stiche in's Herz getroffen, und weshalb sollte sie sich die kurze Spanne Zeit des Glückes trüben, weshalb den Freudenrausch unterbrechen, der doch so schnell — zu schnell sein Ende erreichen mußte? Sie erzählte ihrem Verlobten nur von der Großmuth Lady Wolfe's, von den Vergnügungen und dem Luxus, den sie hier kennen gelernt, sowie von ihrem Leben in Wolfingham, welches so berauschend sei, daß sie sich mitunter in's Feenreich versetzt glaubte. Doch von dem jugendlichen Herrn des Schlosses, welcher ihre ganze Gedankenwelt ausfüllte, erwähnte sie keine Silbe. Nachdem sie noch einige auf den Jahreswechsel bezügliche Worte hinzugefügt, schloß sie mit einem herz­lichen Gruße an ihren Bruder.

Als sie geendet hatte, hüllte sie sich in ihren braunen

gekündigt hat — dieselben waren ja zumeist schon vor­her in Aussicht gestellt — wollen wir den Inhalt der betreffenden Vorlagen abwarten und znnächst nur um Beschleunigung der gesetzgeberischen Vorarbeiten bitten. Was aber die Ablehnung der obligatorischen Innung und der Wiedereinführung des Be­fähigungs-Nachweises anlangt, so sind wir der festen Ueberzeugung, daß darüber in der heutigen Reichstagssitzung das letzte Wort noch nicht gesprochen worden ist.

* Der Reichstag setzte die 2. Berathung der Kranken­kassennovelle bei § 21 fort, der bestimmt, welche Er­weiterungen der Leistungen der Ortskrankenkassen zu­lässig sind. Zulässig ist u. a. die Aufhebung der Carenz- zeit und zwar nach der Vorlage unter Voraussetzung eines bezüglichen Beschlusses der Vertreter der beitrags­pflichtigen Arbeitgeber und der der Versicherten, nach dem Anträge der Kommission dagegen unter der Vor­aussetzung, daß der Betrag des gesetzlich vorgeschriebenen Reservefonds erfüllt ist. Nach längerer Debatte wurde auf Antrag des Abg. Hitze (Ctr.) die Aufhebung der 3 Carenztage, sowohl auf Grund der einen als auch der anderen Voraussetzung zugelassen. § 26a bestimmt u. A., daß Kassenmitgliedern, die anderweit versichert sind, das Krankengeld soweit gekürzt werden kann, als das­selbe aus dem anderweit bezogenen Krankengelde den Betrag des Tagelohns übersteigt. Ferner soll durch das Kassenstatut bestimmt werden können, daß Mit­glieder, welche sich ihre Erkrankung durch Theilnahme an Raufhändeln, durch Trunkfälligkeit oder Aus­schweifungen zugezogen haben, das Krankengeld ganz oder theilweise verlieren und daß die Mitglieder an bestimmte Aerzte, Anstalten und Apotheken gewiesen werden können. Die Sozialdemokraten beantragten Streichung dieser Bestimmungen, sowie Abänderung der Bestimmung der Vorlage, wonach für eine längere als dreizehnwöchige Krankheit innerhalb eines Jahres nur noch die gesetzliche Mindestleistung gewährt zu werden braucht, dahin, daß diese Mindestleistung erst zulässig sein soll, wenn das Mitglied innerhalb zweier Jahre in 52 Wochen Krankengeld erhalten hat; § 26a wurde indeß in der Kommissionsfassung angenommen. Die Berathung gelangte bis § 52. — Weiterberathung morgen.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht das Ergebniß der Erhebungen über die diesjährige Roggen- und Weizrnernte im deutschen Reich. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen sachverständiger Körperschaften und Behörden. Danach wird geschätzt der Ertrag an Roggen auf 6,302.863 Tonnen, im Jahre 1890 wurde ec geschätzt auf 6,998,228, betrug aber nach endgültiger Ermittelung 1890 nur 5,867,930 Tonnen und im Durchschnitt des letzten Jahrzents 5,804,235 Tonnen. Die Weizen ernte für 1891 wird geschätzt auf 3 347,714 Tonnen; sie wurde im Vorjahr auf 2,548,483 geschätzt und betrug thatsächlich im Vorjahr 3,298,611 und im Durchschnitt der letzten 10 Jahre 2,937,975 Tonnen. Die Ein fub r nach Deutschland vom Januar bis Oktober betrug an W eizen 3,387.890 Doppelccntner mehr als im Vorjahr; an Roggen

mit Pelz besetzten Sammtmantel, dann stieg sie lang­sam die Treppe hinab, um den Brief selbst zur Post zu tragen.

Auf der letzten Stufe angelangt, trat ihr Sir Alick Wolfe in seinem Jagdrocke und hohen Stulpenstiefeln entgegen.

„Sie kehren ja so zeitig heim", sprach Magda den jungen Mann an, indem sie ihn mit einem koketten Blicke aus« ihren großen, dunklen Augen streifte.

„Ja", erwiderte er. „Ich war des Blutvergießens müde und kam in der Hoffnung nach Hause, eine Tasse warmen Thee zu finden; doch, wie gewöhnlich" — hier seufzte er tief auf — „erwartete mich eine Täuschung!"

„Und worin bestand diese?" fragte das junge Mädchen neugierig.

„Wenigstens glaubte ich noch vor einer Minute, nichts als Enttäuschung zu finden", antwortete er ga­lant. „Brandling sagte mir, die Damen seien sämmt- lich auf ihren Zimmern und hätten den Thee dorthin befohlen."

„Brandling hat Recht," erwiderte Magda. „Die Damen wünschten vor dem Diner noch ein Ruhe­stündchen zu halten, um Nachts desto frischer zu sein."

„Heute Nacht? Und weshalb?" fragte Alick, mit zärtlichem Blicke und leisem Lächeln das hübsche i