JV 273 Donnerstag, den 26. November 1891. 18. Jahrgang
Fuliuer W Zeitung
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y. Berliner Krief.
Berlin, 22. November.
Seit dem Dienstag der vergangenen Woche sind die Reichsboten wieder versammelt, nicht nur um mit saurer Miene die große Rechnung des Kriegsministers entgegenzunehmen, sondern auch um in Gesetzen und mahnenden Worten des Volkes Wohlfahrt zu befördern. Daß das Centrum in der Erfüllung dieser ebenso schönen wie schwierigen Aufgabe unter den Parteien nicht die letzte Stelle einnimmt, das hat es von jeher bewiesen, und in der gegenwärtigen Tagung hat es in dieser Hinsicht sofort die erste Stelle eingenommen. Es arbeitet nicht nur da nach wie vor in hervorragender Weise mit, wo es das Wohl der Arbeiter gilt, wie bei der Novelle zur Krankenversicherung, deren zweite Berathung augenblicklich und auch in dieser Woche noch zumeist den Reichstag beschäftigt; es ist nicht nur für den Schutz der L and- wirthschäft bedacht, deren Interessen es namentlich bei der im nächsten Monat zu erwartenden Berathung der neuen Handelsverträge wahrzunehmen Gelegenheit haben wird; sondern es bewährt auch aufs neue wieder seinen Ruhm, so eifrig wie keine andere Partei die Bestrebungen des Handwerkerstandes zur Hebung seiner mißlichen Lage zu unterstützen. So hat das Centrum gleich in seiner ersten Fraktionssitzung nach den Sommerferien eine Interpellation an die Reichsregierung beschlossen, in der es als erste Mahnung die Anfrage stellt, welche gesetzgeberischen Maßnahmen die verbündeten Regierungen auf Grund der Verhandlungen mit den Vertretern des Handwerkerstandes zur Hebung der Lage dieses so überaus wichtigen Standes beabsichtigt. Die Regierungen müssen endlich Farbe bekennen; mit wohlwollenden Worten ist nichts gethan, es ist dringend Zeit, endlich auch zu Thaten überzugehen. Nichts arbeitet der Sozialdemokratie mehr in die Hände als die Zertrümmerung des Mittelstandes, dessen Hauptbestandtheil in der städtischen Bevölkerung ja gerade die Handwerker sind. Das Centrum wird nicht verfehlen, diese Wahrheit am Dienstag, auf dessen Tagesordnung im Reichstag die Interpellation des Centrums gesetzt ist, eindringlich zu wiederholen. Hoffen wir, daß wir dann aus dem Munde der Regierungsvertreter vernehmen, daß die Erfüllung der dringendsten Forderungen der Handwerker nicht mehr fern ist. — Wenn wir eben gesagt hrben, das Centrum werde bei der Berathung der Handelsverträge die Interessen der Landwirthschaft wahrnehmen, so bleibt dies auch für den Fall richtig, daß das Centrum zu der in den Handelsverträgen abgemachten Ermäßigung der Getreivezölle seine Zustimmung gibt. Die Aufrechterhaltung dieser Zölle in ihrem vollen Umfange wird wohl angesichts der fortdauernden Lebensmitteltheuerung und ihrer Ausbeutung durch Freisinnige und Sozialdemokraten zu hetzerischen Zwecken, wie auch um das so dringend wünschenswerthe wirtschaftliche Einvernehmen mit Oesterreich zu erzielen, nicht wohl länger möglich sein. Werden aber die Zölle nicht herabgesetzt, so werden wir eine bis
Ein modernes Aschenbrödel.
Bon Quille Penne.
Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.
(2. Fortsetzung.)
„Das ist der Prinz, des Königs Sohn," dachte sie riud dann erinnerte sie sich des Abschlusses der Begegnung von Aschenbrödel mit dem Prinzen und sie erröthete über und über. Sir Alick Wolfe lächelte noch freundlicher und trat an sie heran. Er war ein vornehm aussehender, schöner Mann in modernem, grauen Herbstkostüm, eine Marschall-Niel-Rose im Knopfloch, mit welcher er sich zu Ehren des Gastes seiner Mutter geschmückt hatte.
„Das ist also die kleine Mazda?" begrüßte er sie lächelnd mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme, welche dem jungen Mädchen bis in's Herz drang. Zögernd legte sie ihre mit Frank's schwedischem Handschuhe bekleidete Rechte in die ihr dargebotene Hand Alick's, während er fragte: „Haben Sie mich ganz vergessen? Sie sind wohl recht müde?"
Darauf führte er sie nach dem ihrer harrenden Wagen, half ihr besorgt denselben besteigen und plauderte zu ihr mit seiner verführerischen Stimme während der erfrischenden Fahrt durch die sich leise niedersenkende Dämmerung. Mazda dachte, daß Aschenbrödel's Prinz
dahin nie gesehene Verhetzung der arbeitenden Bevöl- kerung erleben, die schließlich auch der Landwirthschaft weit gefährlicher würde als eine mäßige Herabsetzung der Schutzzölle — und wer ist so sicher, daß die Regierung nicht schließlich dieser Verhetzung nachgäbe und am Ende gar die Schutzzölle ganz aufhöbe? Sind aber erst die Handelsverträge angenommen und die neuen Zollsätze für Getreide u. s. w. in ihnen festgelegt, dann bestehen wenigstens diese Zollsätze ein für allemal zu Recht, und kein freisinniger und kein sozialdemokratischer Schreier vermag an ihnen zu rütteln. — So großes Gezeter diese Herren der Zölle wegen anstimmen, eben so tief schweigen sie sich aus über die gewissenlose Getreidespekulatron an der Börse, die in Wahrheit die Hauptschuld an der unnatürlichen Preishöhe der nothwendigsten Lebensmittel trägt. Was liegt diesen Spekulanten daran, ob die Armen hungern und den Sozialdemokraten in Masse zulaufen? Was kümmert es sie, ob bei den Berliner Stadtverordnetenwahlen in der dritten Abtheilung die Umstürzler einen vollständigen Sieg davontragen? Wenn sie nur, wie die Firma Ritter und Blumenfeld, im Handumdrehen Millionen ergaunern — apres nous le deluge! Doch die Vorgänge der letzten Zeit, zuerst diese kolossalen Diebstähle am Nationalvermögen durch die Getreidespekulation, dann die Bankbrüche der Depotdiebe Wolff, Sommerfeld u. s. w., endlich in diesen I Tagen die internationale Verschwörung gegen die | Staatspapiere, die in Wien sogar beunruhigende Worte des österreichischen Kaisers zu erfinden sich nicht scheute, — diese und noch einige andere, weniger bekannte Vorgänge, haben doch endlich den Krug zum Ueber- laufen gebracht. Alle Parteien des Reichstags, ausgenommen natürlich die unerschütterlichen Judengenossen und Juden des Freisinns und der Sozialdemokratie, sind entschlossen, dem nichtsnutzigen Treiben der Börse und ihres Anhanges nicht länger geduldig zuzusehen. So hat das Centrum im Vereine mit den Konservativen und der Reichspartei den Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen, „noch im Laufe der gegenwärtigen Session eine Gesetzesvorlage zu machen, in welcher dem Mißbrauch des Zeitgeschäftes als Spielgeschäft sowohl an der Börse wie anderwärts, namentlich in den für die V o l k s e r n ä h r u n g wichtigen Artikeln, durch eingreifende Bestimmungen auf dem Gebiete des Strafrechts und des bürgerlichen Rechts entgegengetreten wird", und „dahin zu wirken, daß die Börsen und der Geschäftsverkehr an denselben einer wirksamen staatlichen Aufsicht unterstellt und dadurch ihren wahren Aufgaben für Handel und Verkehr erhalten werden." Die Nationalliberalen sogar haben sich zu einem eigenen Antrag gegen den Banken- und Börsenschwindel emporgeschwungen, namentlich mit Rücksicht auf die Depots und die reinen Differenzgeschäfte, sowie mit dem Verlangen einer Verschärfung der Bestimmungen über den Konkurs. Die ganze Börsen- und sonstige Judenpresse fällt über diese Anträge mit Hohn und Spott her. Leider scheint es, als ob sie Grund zu diesem Ueber- muth hätte. Die Regierung scheint keine Nei-
nicht liebenswürdiger und schöner gewesen sein könne, als der junge Mann an ihrer Seite, und Alick dachte, wie die Anwesenheit dieses schönen, lieblichen Mädchens seinem alten, dunklen Hause neuen Glanz verleihen werde.
Plötzlich tauchte das imposante, alterthümliche Gebäude vor ihren Blicken auf. Mazda betrachtete die Reihe erleuchteter Fenster und die gastlich geöffnete Halle mit ihrem blankpolirten eichenen Fußboden und Wandgetäfel, auf welchem der Widerschein des im Hintergründe flackernden Kaminfeuers tanzte.
„DaS ist des Königs Palast," dachte sie. „Mich soll's nur wundern, ob ich, wenn es zwölf Uhr schlägt, ebenso davon laufen werde wie Aschenbrödel, ob mein schönes, neues Kleid sich wieder in den alten grauen Kittel verwandeln und mein Glaspantoffel mir vom Fuße gleiten wird?"
Lady Wolfe, eine stattliche, wunderschöne Erscheinung, trat vom hellen Licht umflossen lächelnd auf die Schwelle, um ihre kleine Pathe zu begrüßen und Mazda sah sich plötzlich in einem glänzenden Zimmer, in welchem drei bis vier schön gekleidete Damen und ebenso viele Herren um einen großen Tisch saßen und Thee tranken, während sie in anmuthiger Weise lachten und plauderten. Die Damen, welche sämmtlich noch jung waren, betrachteten des neuen Ankömmlings strahlende, frische
I gung zu haben, den Anträgen Folge zu geben. So muß man wenigstens einen höchst gewundenen Artikel deuten, den heute die wieder offiziöse .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' bringt. Dieser Artikel verweist ganz in der Manier der Freisinnsorgane das Publikum auf die Selbsthilfe und versucht dann eine nette Mohrenwäsche an der Börse und den Banken in Deutschland. Alle Veruntreuungen und Schwindeleien der letzten Zeit sind der ,Nordd.' nur Ausnahmen, die die Regel beweisen. Nicht auf den Erfolg von Spezialgesetzen und „ab irato-Maßregeln" solle man bedacht sein, sondern darauf, den soliden, ehrbaren Geschäftsmann zu kräftigen. Ganz recht; letzteres geschieht aber gerade dadurch, daß man das unsolide Geschäft unter«
I drückt und so dem Publikum wieder Vertrauen zu dem Geschäft im Allgemeinen, insbesondere zu den Bankiers, einflößt. Dem soliden Bankier kann das doch nur angenehm sein. Wenn die Regierung jetzt nichts von Ge- ! setzen gegen den Bank und Börsenschwindel wissen will, so hat das seine besonderen Gründe, die unschwer zu erratheu sind. Man will sich die Börsenkönige in guter Laune erhalten, da man besorgt, ihre Hilfe bald nöthig zu haben. Zwar meldete die ,Voss. Ztg.', weder Preußen noch das deutsche Reich würden voraussichtlich für das kommende Jahr einer größeren Anleihe bedürfen, da noch genug Geld vorhanden sei, und die ,Nordd.' übernahm diese Meldung, indem sie dieselbe ausdrücklich als offiziös bezeichnete. Aber man darf darauf trotzdem nicht zuviel Gewicht legen. Durch die Handelsverträge vermindern sich unsere Zolleinnahmen um mindestens 24 Millionen, wogegen wir kolossale Mehrausgaben für Militär und Marine haben; da glaubt man doch nicht im Ernste daran, den Etat ohne Anleihe im Gleichgewicht halten zu können. Solche Meldungen, wie die der ,Vyss. Ztg.', sollen nur zur Beruhigung dienen und günstig auf den Kurs der preußischen und deutschen Zprozentigen Papiere einwirken, an die sich der Markt nicht recht gewöhnen will. Die Aussicht auf eine Vermehrung dieser Papiere würde den Kurs noch weiter drücken. Aber auch die Aussicht auf eine Anleihe mit höherem Zinsfuß, etwa 3V/o, würde den Zprozentigen schaden, da jeder bestrebt wäre, diese letzteren los zu werden, um sich später mit den höher sich verzinsenden Staatspapieren zu versehen. Diese Abneigung gegen die Zprozentigen ist dabei eigentlich ganz unbegründet; beim tragen sie auch weniger ein, so kosten sie dafür auch weniger. 3^2 prozentige Papiere würden zu einem bedeutend höheren Kurse ausgegeben werden.
Deutsches Keich.
Berlin, 24. November.
* Der Kaiser empfing heute Vormittag den russischen Minister des Auswärtigen v. Giers, welcher gestern Abend aus Paris in Berlin eingetroffen ist. Mittags leistete Herr v. Giers einer Einladung des Reichskanzlers Folge.
* Im Reichstage begründete heute Abg. Hitze die von ihm gemeinschaftlich mit anderen Centrumsabge- Schönheit mit kritischen Blicken, und zum ersten Male fühlte sich Mazda in ihrem neuen Reisekleide unbehaglich; es sah so einfach und nichtssagend gegen die kostbaren Gewänder der Damen mit ihren reichen Spitzenbesätzen aus. Bald jedoch vergaß Mazda ihr blaues Kleid über der offenbaren Bewunderung, die ihr die jungen Herren zollten, für welche diese ungewöhnliche, eigenartige, kleine Schönheit einen ganz besonderen Reiz besaß; und sie umringten das einfache Stadtkind, sich in Aufmerksamkeiten überbietend während, Lady Wolfe lächelnd und wohlgefällig den Eindruck beobachtete, den ihr kleiner Schützling hervorbrachte. Mazda Lockhart bekam zum ersten Male eine Ahnung von der Macht ihrer Schönheit.
Das Gespräch nahm ruhig seinen Fortgang und Magda sah, daß Sir Alick nicht allein der größte und schönste der anwesenden Herren sei, sondern daß er auch ein ernsteres Wesen hatte und sich ihr gegenüber freundlicher und liebevoller, aber weniger bewundernd verhielt als die übrigen. Dann ertönte die Glocke, welche das Zeichen zum Ankleiden gab. Es fand ein allgemeiner Aufbruch statt und Magda wurde in ihr Zimmer gewiesen, um zum ersten Male in ihrem siebzehnjährigen Leben zum Diner Toilette zu machen.
Als sie sich vom Spiegel abwenden wollte, welcher ihr ein hübsches Bild entgegenstrahlte, blieben ihre