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JV 272 Mittwoch, den 25. November 1891. • 18. Jahrgang

gnHmtr W Zeitliiig

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* Die Stellung der Regierung zur Hand­werkerfrage.

Wie bereits kurz gemeldet, ist am Donnerstage eine Interpellation über die Stellung der Regierung zur Handwerkerfrage von der Centrumsfraktion im deutschen Reichstage eingebracht worden. Die Inter­pellation hat folgenden Wortlaut:

„Ist der Herr Reichskanzler in der Lage, dem Reichs­tage mitzutheilen, ob und welche gesetzgeberische Maß­nahmen auf Grund der Verhandlungen mit Vertretern des Centralausschusses der vereinigten Jnnungsverbände Deutsch­lands und des Allgemeinen Handwerkerbundes in München von den verbündeten Regierungen zur Hebung des Hand­werkerstandes beabsichtigt sind?"

Unterzeichnet ist diese Interpellation von den Abgg. Hitze, Haberland, Letocha, Metzner, Rintelen und Dr. Schädler (Landau) — von Centrumsmännern, die durch eine langjährige, entschiedene und unentwegte Vertretung der Interessen des Handwerkerstandes nicht nur im Reichstag, sondern auch außerhalb der Parla­mente ihrem Namen einen rühmlichen Klang in weiten Kreisen des Handwerkerstandes verschafft haben. Unter­schrieben und unterstützt ist diese Interpellation von sämmtlichen zur Zeit in Berlin anwesenden Mitgliedern der Centrumsfraktion des Reichstags.

Diese Interpellation knüpft an die Handwerker- Konferenz an, welche im Laufe des vergangenen Sommers in Berlin im Reichsamt des Innern statt­gefunden hat, und an welcher Vertreter des Central­ausschusses der vereinigten Jnnungsverbände und des Allgemeinen bayerischen Handwerkerbundes theilgenom- men haben. Ueber den Verlauf und das Ergebniß dieser Handwerkerkonferenz ist bekanntlich — man weiß nicht, aus welchen Gründen — Geheimhaltung anbe­fohlen worden. Erst auf dem IX. Allgemeinen baye­rischen Handwerkertage, welcher im Oktober d. I. in Weiden abgehalten wurde, hat ein Mitglied dieser Handwerkerkonferenz, der Buchbindermeister Nagler in München, den Schleier, des Geheimnisses, welcher die Verhandlungen, der Handwerkerkonferenz umhüllte, etwas gelüftet. Derselbe berichtete, daß als Vertreter der Regierung der Unterftaatssekretär v. Rottenburg gegen Ende der Berathungen erklärt habe, daß zur Leit Erwägungen schwebten über die Organisation des gesammten Handwerks durch Handwerkerkammern. Zugleich aber habe Herr v. Rottenburg im Namen des Ministers v. Bötticher erklärt, daß die Wiederein­führung des Befähigungsnachweises nicht einmal beim Baugewerbe, welches von jeher die meiste Aussicht auf Berücksichtigung gehabt habe, für eine fachgemäße Ausführung der Bauten Gewähr biete, und daß in Folge dessen die Rückkehr zur obligatorischen Meisterprüfung von den Regierungen nicht als empfehlenswerth betrachtet worden sei. Herr v. Rottenburg habe es den Mitgliedern der Hand­werker-Konferenz überlassen, daraus den Schluß zu ziehen, welche Aussicht auf Erfolg die Bestrebungen auf Einführung des Befähigungsnachweises bei den verbündeten Regierungen haben würden.

In den Kreisen, welche an der Spitze der Hand-

Ein modernes Aschenbrödel.

Bon Qnille Penne.

Autorisirte Uebersetzung von Louise Koch.

(1. Fortsetzung.)

Die süßen, rothen Lippen bebten, als sie diese Worte stockend hervorbrachten.

„Weshalb, Liebste?" fragte der Bruder.

„Ich weiß es selbst nicht! Einen besonderen Grund habe ich nicht!"

Philipp Lockhart legte zärtlich eine Hand auf seiner Schwester Schulter.

„Ist es deswegen? fragte er, die Falten ihres grauen, abgetragenen Wollenkleides berührend, welches der Grazie ihrer Gestalt nicht den geringsten Ab­bruch that.

„Theilweise auch das", antwortete Mazda. „Bei Wolfe's ist gewiß ein fo großer Luxus vorhanden, daß ich allerdings wenig Lust verspüre, demselben meine Aermlichkeit an die Seite zu stellen." Als sie dann aber den traurigen Blick in ihres Brudern Augen sah, fügte sie schnell hinzu: „Laß es nur gut sein Philipp, ich mache mir nicht das Geringste aus dem Vergnügen! Sorge Dich darum nicht, ich fühle mich hier voll- stäudig glücklich."

Als Beweis für ihre Worte lachte und scherzte sie

werkerbewegung stehen, hat diese Erklärung detz Regie­rungs-Vertreters in der Handwerker-Konferenz über die vollständige ablehnende Haltung der Regierung gegenüber der Frage der Wiedereinführung des Be­fähigungsnachweises großes Aufsehen und nicht minder großes Bedauern hervorgerufen. Schon der bayerische Handwerkertag hat diesem Bedauern offen und ein- müthig Ausdruck gegeben. In Handwerkerkreisen wird man es deshalb dankbar und mit Freuden begrüßen, daß die um die Handwerkersache bisher so sehr ver­dienten Centrumsabgeordneten, denen es hoffentlich auch auf der konservativen Seite des Reichstags nicht an Unterstützung fehlen wird, durch ihre Interpellation an die Regierung über deren Stellung betreffs der gesetzgeberischen Maßnahmen zur Hebung des Hand­werkerstandes Gelegenheit genommen haben, die Hand­werkerfrage im Reichstage öffentlich zur Sprache zu bringen und von der Regierung öffentlich Rede und Antwort zu verlangen, wie sie sich zu den For­derungen des Handwerkerstandes, die auf eine Hebung desselben abzielen, stellt.

Die Interpellation wird wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen im Reichstage zur Verlesung und zur Verhandlung kommen. Ueber das Ergebniß derselben darf man gespannt sein. Jedenfalls wird der Regierung, auch wenn sie jetzt noch eine ablehnende Haltung oder eine ausweichende Stellung annehmeu sollte, bei Ge­legenheit dieser Interpellation mit allem Ernst und mit vollem Nachdruck das Mahnwort zugerufen wer­den: „Schutz dem deutschen Handwerk!"

Deutsches Keich.

Berlin, 23. November.

* Der Reichstag setzte die 2. Berathung der Kran­kenkassennovelle bei § 7 fort, welcher bestimmt, daß unter gewissen Voraussetzungen dem Erkrankten anstatt der im vorhergehenden Paragraphen festgesetzten Leist­ungen freie Kur und Verpflegung in einem Kranken­hause gewährt werden kann. Hierzu lagen eine Menge Abänderungsanträge bezw. Ergänzungen vor, die aber vom Staatssekretär v. Bötticher für überflüssig erklärt und schließlich abgelehnt wurden. § 8, welcher be­stimmt, daß der Betrag des von der höheren Ver­waltungsbehörde festgesetzten Tagelohns amtlich bekannt gemacht werden soll, wird in der Kommissionsfassung angenommen. Mit § 16 wurde in die Berathung der Bestimmungen über die Ortskrankenkassen einge­treten. § 20 setzt die von den Ortskrankenkassen zu gewährenden Leistungen fest. Nach der Vorlage sollen eheliche Wöchnerinnen das Krankengeld auf die Dauer von 3 Wochen nach ihrer Niederkunft erhalten. Die Kommission will allen, auch den unverheiratheten Wöchnerinnen das Krankengeld gewähren und zwar auf die Dauer von mindestens 4 Wochen. Abgg. Spahn und Hitze (Ctr.) und Graf Schulenburg (kons.) sowie der Regierungs-Kommissar Geh. Lohmann befürworteten die Beschränkung der Gewährung des Krankengeldes auf die ehelichen Wöchnerinnen, Graf Holstein (kons.), Kunert und Bebel (Soz.), Eberty und Hirsch (freis.)

während der frugalen Mahlzeit, und wenn ihre Heiter­keit auch eine erzwungene war, ließ Philipp doch nicht erkennen, daß er es bemerkte.

Nach dem Thee verließ er das Zimmer und als er nach geraumer Zeit in dasselbe zurückkehrte, fand er Magda noch, den Kopf in die Hand gestützt, am Tische sitzen.

Er strich liebkosend über ihr volles, glänzendes Haar und sagte freundlich, indem er ihr eine Banknote überreichte: „Hier, kann Dir das von Nutzen sein? Es ist nicht viel, mein Liebling, aber immerhin etwas."

„Zehn Pfund! Oh, Philipp, Du lieber, alter Bruder. Aber kannst Du es auch entbehren?"

„Ja, mein Herz. Du weißt ja, daß in letzter Zeit meine Einnahmen etwas bedeutender waren. Du kannst diese Summe für Deine Kleidung ausgeben, das Reisegeld ist noch außerdem vorhanden."

Glücklicher konnte Aschenbrödels Märchenschwester nicht gewesen sein, als die Fee sie mit dem köstlichsten Ballstaate vom Haselbäumchen aus überschüttete, wie jetzt Magda über ihres Bruders Geschenk. Zehn Pfund waren für eine Weltdame eine geringe Summe, Magda Lockhart erschienen sie indessen wie eine Gold­grube.

Die zehn Tage hindurch bis zu demjenigen, welchen Lady Wolfe für Magda's Reise bestimmt hatte, war

sowie Dr. Buhl (natl.) sprachen sich dagegen für die Gewährung auch an die unehelichen Wöchnerinnen aus, also für die Fassung der Kommission, die schließlich auch angenommen wurde. — Morgen: Interpellation Hitze, betr. Maßregeln zur Hebung des Handwerker­standes.

* Während die .Voß'sche Zeitung' zu berichten wußte, daß im Lauf des nächsten Jahres keine Neue- misston von neuer Rkichsanlkihr und preußischer Staats­anleihe erfolgen werde, meldet die ,Post', daß das Reich bestimmt im ersten Quartal 1892, voraussichtlich im Februar, zum Verkauf neuer Anleihen schreiten wird. Die Begebung neuer preußischer Konsols wird kurze Zeit später erfolgen.

* Der brasilianischen Gesandtschaft in Berlin ist vom Minister des Auswärtigen, Chermont, ein Tele­gramm zugegangen, welches besagt, daß mit Ausnahme der Provinz Rio Grande do Sul, in allen Staaten Brasiliens Ruhe herrscht. Die Regierung hat Anstalten getroffen, die dortige anarchistische Bewegung zu unter­drücken und die Verhängung der Blokade über den Hafen von Rio Grande beschlossen.

* Wie der ,National-Ztg.' aus Paris berichtet wird, hat der Kaiser dem Komitee zum Bau einer deutsch-evangelischen Kirche im Mittelpunkt der Stadt Paris einen Beitrag von 16,000 M. über­wiesen. — Gleichzeitig wird die Nachricht Pariser Blätter, daß Graf Herbert Bismarck während der letzten drei Tage sich in Paris aufgehalten und auch Herrn v. G i e r s besucht habe, als Erfindung bezeichnet.

* In der Zeit vom 1. April bis Ende Oktober d. I. gelangten an Zöllen und gemeinschaftlichen Ber- brauchssteuern im Reiche zur Anschreibung 323,998,686 M. (3,383,496 M. mehr als im gleichen Zeiträume des Äorjahres). Die Zölle allein ergeben eine Wieder­einnahme von 280,141 M. Erhebliche Mehreinnahmen (von je über 2 Millionen) ergeben die Zuckerkonsum- und die Branntweinmaterialsteuer. — Von den Stempel­steuern hatten erhebliche Mindereinnahmen die Stempel­steuer für Werthpapiere (1,399,709 M. weniger) und die Börsensteuer (1,313,982 M. weniger).

* Ueber die Thätigkeit des Wiener Nuntius Galim- berti bei den Verhandlungen über die Besetzung des erzbischöflichen Stuhles von Posen-Gnesen wird der ,M. Allgem. Ztg.' aus Wien geschrieben: „Die katholischen Kreise aller Nationalitäten bekennen ihre warme Befriedigung darüber, daß auf den erzbischöf­lichen Stuhl von Gnesen wieder ein Pole gesetzt wurde. Man hat behauptet, daß der Nuntius in Wien, Galim- berti, es gewesen sei, der die Aufmerksamkeit der preu­ßischen Regierung auf Herrn v. Stab lew ski gelenkt habe. Soweit ist die Meldung nicht richtig. Galimberti wußte nur mit der größten Feinheit dafür zu wirken, daß der Grundsatz aufgestellt wurde: wenn unter den polnischen Geistlichen eine geeignete Persönlichkeit zu finden sei, dann solle die Nationalität nicht als Aus­schließungsgrund gelten. Schon dem Fürsten Bismarck gegenüber hatte der Nuntius stets betont, daß es er­sprießlicher wäre, wenn Preußen die Polen seines Ge­bietes durch Konzessionen zu beruhigen und zu gewinnen

die glückliche Kleine mit den Vorbereitungen zu der­selben fieberhaft befchäftigt. Als Alles bereit lag, er­schien es einfach genug, doch Magda war zufrieden. Neben dem Reifekostüm von dunklem, dickem Wollen­stoff sah das schwarze Grenadine-Kleid mit den mais­gelben Schleifen als Dinertoilette sehr großartig aus. Für den Abend mußte ein altes, aber kostbar gesticktes Kleid von indischem Mousselin genügen, das noch von Magda's Mutter herstammte und durch die gelbe Schattirung, welche das Weiß durch das lange Siegen angenommen hatte, nur noch moderner geworden war.

Während dieser zehn Tage wanderten in dem kleinen Häuschen an der Ecke der Ostend - Square außer den beiden Geschwistern noch eine traurige Gestalt mit blauen, treuherzigen Augen und einem langen, blonden Schnurrbarte umher, welche mit Magda's glückstrahlen­dem Gesichtchen in direktem Widerspruch stand. Bis jetzt hatte das junge Mädchen nichts gegen seinen Ver­lobten, Frank White, einzuwenden gehabt. Er war ein großartiger Liebhaber, der seine kleine Braut mit Bon­bons, Blumen, Schmucksachen, Theaterbillets und der­gleichen niemals unwillkommenen Dingen überschüttete, daß er aber jetzt so verzagt aussah, weil sie auf sechs oder acht Wochen ihre Pathe besuchen würde, war doch gar zu thöricht. Sie würden ja nachher das ganze Leben lang noch genug zusammen fein, dachte Magda, aber