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JV 270 Sonntag, den 22. November 1891. 18. Jahrgang

Fuldaer M Zeitung

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X Das sozialdemokratische Dereinswesen in Kerlin.

Außer der politischen Organisation hat die Sozialdemokratie überall, wo sie Anhänger zählt, ein engmaschiges Netz von Ver­einen mit eingestandenem parteipolitischem Charakter sowie ohne denselben geschaffen, welches ohne Frage für die Zusammenhal­tung der bisherigen Anhänger und Gewinnung neuer „Genossen", sowie ganz besonders für die Durchdringung der Familien mit fozraldemokratischem Geiste von großer Bedeutung ist und des­halb volle Beachtung verdient. Am meisten ausgebildet ist das Vereinsnetz in Berlin; die Reichshauptstadt ist mit sozialdemo­kratischen Vereinen förmlich wie übersäet.

Es hält schwer, eine genaue Statistik des sozialdemokratischen oder unter sozialdemokratischem Einflüsse stehenden Vereinswesens in Berlin aufzustellen, man ist auf die Anzeigen in den Partei­organen angewiesen, die jedenfalls auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen können, aber doch immerhin ein zur Charak­teristik des Ganzen ausreichendes allgemeines Bild geben. Unsere Zusammenstellung beschränkt sich auf den Zeitraum einer Woche, es haben daher in derselben diejenigen Vereine, welche nicht jede Woche Sitzungen haben, nur zum Theile Aufnahme finden können; diejenigen, welche weder durch Anzeigen noch durch die Notizen im Vereinskalender der Parteiblätter ihre Sitzungen bekannt geben, entziehen sich ganz der Berechnung. Die Fachvereine, als im Wesentlichen parteipolitischen Charakters, haben wir nicht mit in Anschlag gebracht. Unter diesem Vorbehalt ergibt sich etwa Folgendes:

Religiösen, oder richtig gesagt, antireligiösen Cha­rakters sind drei unter sozialdemokratischem Einflüsse stehende Bereinigungen: Die „Freireligiöse Gemeinde", der „Verein zur Pflege freireligiösen Lebens" und die „Ethische Gesellschaft." Besondere Bedeutung wird diesen Vereinen offenbar nicht mehr beigelegt, indem die sozialdemokrattschen Arbeiter Berlins zum größten Theile soweit sind, daß schon das Wort „religiös" bei ihnen Anstoß erregt.

Auch die „Arbeiter-Bildungsvereine" welche ftüher für die Agitation eine größere Rolle spielten und in der Provinz noch spielen, scheinen bei den „Genossen" nur mehr geringe Pflege zu finden ; wir, haben deren etwa ein halbes Dutzend ange­troffen.

Kra lken- und Unterstützungskassen und -Vereine theilweise auf Berlin beschränkt, theilweise als Sektionen eines das ganze Reich umfassenden Vereins, traten uns ebenfalls 6 entgegen; auck auf diesem Gebiete scheint somit die Thätigkeit eine geringe zu sein.

Lese- und Diskutirklub s, meist Gründungen aus der Zeit nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, begegneten uns 15, sie haben die Mitte zwischen politischen und unterhaltenden Ver­einen.

Aua, „Vereine Ehemaliger" hat die Sozialdemokratie rn Berlin gegründet, z. B. einen „Verein ehemaliger Schüler der 30. < Semeindeschule" und selbst einen „Verein ehemaliger Schüler des Friedrichs-Waisenhauses", im Ganzen dürfte min­destens ein halbes Dutzend davon vorhanden sein.

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(Schluß.)

„Ich schätze hauptsächlich den Vortheil einer unab­hängigen, sicheren Stellung," gab Danfeld etwas be­fangen zurück. Und nach einer kleinen Weile fuhr er fort: „Fräulein von Buchenau klagte mir, daß Ihnen Ihre Neffen viel Sorge machen."

„Ja, das thaten sie allerdings, aber das ist jetzt hoffentlich vorbei." Sie hielt ein, unschlüssig, wie sie die plötzliche Freigebigkeit ihres Vetters am besten motiviren könne.

Ihr Zuhörer ließ sie jedoch nicht dazu kommen. „Die armen Kinder," sagte er. „Wie schrecklich würde es für sie sein, Sie entbehren zu müssen!"

Elisabeth sah gerührt, aber ohne zu antworten, zu ihm auf; da rückte er, wie von magnetischer Kraft angezogen, seinen Stuhl etwas näher zu ihr heran und sagte ernst:

„Wollen Sie mir eine freundschaftliche Frage er­lauben ?" Und als sie schmieg, fragte er weiter: „Wie darf ich mir Graf Bannstein's plötzliche Abreise er­klären?"

Elisabeth zauderte.

„Ich spreche nicht gerne von dem Grafen," sagte fte endlich.

Landsmannschaftliche Berei ne sozialdemokratischen Charakters sind zahlreicher vertreten. Zum Theile sind sie für „Genossen" aus ganzen Provinzen oder Bundesstaaten, zum Theile für solche aus Einzelstädten bestimmt. Mit 20 scheint die Ziffer nicht zu hoch gegriffen zu sein. Im Wesentlichen dienen sie offen­bar dazu, die von auswärts nach Berlin strömenden Arbeiter alsbald für die Sozialdemokratie einzufangen.

Das Hauptgewicht legt die Sozialdemokratie offenbar auf die geselligen und Vergnügungsvereine, mit andern Worten auf die Ausnutzung der Vereinsmeierei für sozialistische Propaganda beim Arbeiter und seiner Familie. Wir fanden in allgemeinen Ziffern:

Im Ganzen ergäbe das also etwa 280

.Gesangvereine" .

.Vergnügungsvereine' .Musikvereine" .Turnvereine" . . .Kegelklubs" . . .Theatervereine" . .Rauchklubs" . . .Touristenvereine"

Im Ganzen ergäbe das also etwa 280 Vereine sozialdemo­kratischer Observanz, in der That dürfte die Zahl der vorhan­denen noch weit größer sein. Bezeichnend ist die hohe Ziffer der Vereine, welche das „Vergnügen" als ihren Zweck angeben, in denselben haben Männer, Frauen und Kinder Zutritt. Das Letztere gilt auch von den „Theatervereinen," die meist Dilettanten-Gesellschaften vorstellen und für die Verbreitung sozialistischer Ideen nicht unwirksam sein dürften; im Rheinlande sind sozialdemokratischerseits zu gleichem Zwecke auch ja bereits Karnevalsgesellschaften gegründet. Manche dieser Vereine unter geselligem Aushängeschilde stammen noch aus der Zeit der Herr­schaft des Sozialistengesetzes und tragen sogar hier und da patriotische Namen, z. B. „Augusta Viktoria", wie sich eine „Privat-Theater-Gesellschafr" nennt. Besonders beliebt waren in den achtziger Jahren bei den Sozialdemokraten Berlins die „Rauchklubs," von denen, wie erinnerlich, verschiedene au' den Index des Sozialistengesetzes kamen.

Ein großer Theil dieser geselligen Vereine ist zu Verbänden vereinigt, z. B. der „Arbeiter-Sängerbund", der „Bund der ge­selligen Arbeiter-Vereine Berlins," wodurch sie jedenfalls in engere Verbindung mit der Parteileitung gebracht werden sollen. Auch in der Provinz ist diese Einrichtung bereits hier und da nachgeahmt, so durch den „Arbeiter-Sängerbund für die Rhein­provinz."

ca. 60 „ 60 „ 20 „ 15 „ 10 „ 30 „ 30

„ 1

Zur Charakterisirung dieser Art sozialistischer Agitation sind weitere Beinerkungen überflüssig, es war nur der Zweck, an einem konkreten Beispiele wieder einmal zu zeigen, wie die So­zialdemokratie cs versteht oder sich wenigstens bemüht, Alles und Jedes in den Bereich ihrer Agitationssphäre zu ziehen; selbst die gewöhnlichste Vereinsmeierei ist ihr dafür gut genug oder besser, ganz besonders erwünscht.

Deutsches Deich.

Berlin, 20. November.

* Der Reichstag wählte Abg. Dr. Hermes (Frs.) an Stelle des Abg. Dr. Krause (Frs.) zum Schrift­führer und setzte dann die 2. Berathung der Kranken­kassennovelle fort. § 2 erweitert den durch Ortsstatut zu verfügenden Versicherungszwang auf Kommunal­beamte, Familienangehörige von Gewerbetreibenden, die nicht im Arbeitsvertrag stehen, weitere Kategorien der Hausindustrie und Beamte im forst- und landwirth- schaftlichen Betriebe. Sowohl Seitens der Sozialdemo­kraten als von einem Theil der Konservativen wurde die Aufnahme der Dienstboten und des landwirthschaft- lichen Gesindes befürwortet, doch wurde mit Rücksicht auf die entgegenstehenden Schwierigkeiten, namentlich die Verschiedenheit der in Betracht kommenden Ver­

„Wann kehrt er zurück?"

„Ich weiß es nicht. Seine Pläne sind mir über­haupt nicht bekannt."

„Dann weiß ich genug," lächelte Danfeld. „Aber Sie haben Recht gehabt. Ihr Herz ist oft weiser, als Ihr Verstand." Und nach kurzem Jnnehalten fragte er: „Erinnern Sie sich noch des Tages, wo Sie mir Ihre abenteuerliche Geschichte erzählten? Das war der Wendepunkt meines Lebens. Sie sagten mir damals, meine Weisheit sei eine begrenzte, wenn ich nicht die alle Bedenken besiegende Macht der Liebe verstehe." —

„Die Einzelheiten des schrecklichen Tages sind mir nicht mehr erinnerlich," wandte Elisabeth stockend ein. „Ich weiß nur, wie nachsichtig und gut Sie waren."

„Aber ich erinnere mich aller Einzelheiten, und ich weiß auch, daß mir von diesem Augenblicke an das Licht der Weisheit, welche Sie meinten, aufging und mein ganzes Wesen mit Liebe, mit unbegrenzter Liebe zu Ihnen durchdrang. Sie hatten mir eine neue Welt eröffnet, in der ich nur Ihre Stimme hörte, nur Ihr Auge sah."

Er sprach leise und doch warm und überzeugungs­voll, wie Jemand, der einen Gedanken zum Ausdruck bringt, welcher ihn lange und ausschließlich beschäf­tigt hat.

Elisabeth antwortete nicht; nur das stürmische Klopfen ihres Herzens verrieth die innere Bewegung.

hältnisse davon abgesehen. § 3 der Vorlage bestimmt, daß dem Versicherungszwange nicht unterworfen sein sollen Soldaten, sowie Beamte, wenn sie einen Anspruch auf Fortbezug von Gehalt oder ausreichendem Kranken­geld an eine Reichs-, Staats- oder Kömmunalbehörde auf die Dauer von 13 Wochen haben. Ein sozial­demokratischer Antrag, diese Bezugsdauer auf min­destens 52 Wochen festzusetzen, wurde mit Rücksicht auf die noch nicht genügend erstarkten Kassen abgelehnt. Zu § 4, welcher nicht dem Versicherungszwange unter­liegenden Personen das Recht gibt, der Gemeinde­krankenversicherung ihres Wohnorts beizutreten, erhielt auf Antrag des Abg. v. Strombeck (Ctr.) eine Be­schränkung dahin, daß der Beitritt nur solchen Personen gestattet sein soll, deren Jahreseinkommen 2000 Mark nicht übersteigt. Zu den von den Kassen zu gewähren­den Leistungen lagen Anträge vor, welche bezweckten, daß nur approbirte Aerzte von den Krankenkassen be­nutzt werden. Darüber entspann sich eine längere Debatte, welche nicht zum Abschluß gelangte. — Weiter- berathung morgen.

* Die nationalliberale Parteihat beim Reichs­tage beantragt, die verbündeten Regierungen aufzufor­dern, eine Gesetzesvorlage zu machen, durch welche den Mißständen, welche sich besonders im Depotwesen und in der übermäßigen Spekulation in Banken und an der Börse geltend gemacht haben, wirksam entgegengetreten wird. — Das Centrum interpellirt den Reichskanzler, ob und welche gesetzgeberische Maßnahmen auf Grund der Verhandlungen mit Vertretern des Centralaus­schusses der vereinigten Jnnungsverbände Deutschlands u. s. w. zur Hebung des Handwerkerstandes beabsich­tigt sind.

* Der Gesetzentwurf, betreffend Unverletzlichkeit (Immunität) der Abgeordneten, welcher dem Reichs­tage zugegangen ist, hat folgenden Wortlaut: „Dem Art. 31 der Reichsverfassung wird folgender vierter Absatz hinzugefügt: Auf die Zeit einer Vertagung des Reichstags, welche die Frist von dreißig Tagen über­steigt, finden die vorstehenden Bestimmungen keine An­wendung." Die dem Gesetzentwürfe beigegebene Be­gründung lautet:

„Die Frage, ob die Bestimmungen im Artikel 31 der Reichs­verfassung auch für Fälle der Vertagung des Reichstags auf län­gere als dreißigtägige Dauer (Artikel 26) Geltung haben, wird von den Gerichten verschieden beantwortet, und es macht sich dies als ein Mißstand fühlbar, der zur Abhilfe drängt. Dazu bedarf es eines Eingreifens der Gesetzgebung. Mögen nun auch der­jenigen Auslegung des bestehenden Rechtes, welche die Immuni­täts-Bestimmungen für jegliche Vertagung ohne Rücksicht auf deren Dauer in Anspruch nimmt, beachtenswerthe Gründe zur Seite stehen, so läßt sich doch nicht verkennen, daß eine so weit reichende Immunität weder ein Bedürfniß, noch auch unbedenk­lich ist. Die Immunität der Abgeordneten bezweckt die Sicher-- stellung der Geschäfte des Reichstags und ist deshalb nicht für die ganze Legislatur-Periode, fondern nur für die Dauer der Sessionen, d. h. für diejenige Zeit vorgesehen, in welcher der Reichstag thätig ist. Es macht keinen Unterschied, ob die Ein­stellung der Thätigkeit des Reichstages auf einer Schließung oder ob sie auf einer Vertagung der Session beruht. Dazu kommt, daß die Immunität während der Vertagung eine ganz andere Bedeutung gewinnt, als während der Sitzungszeit. Die in ihr liegende Kollision verschiedener öffentlicher Interessen soll ihr

„Vieles verurtheilte mich zum Schweigen," fuhr er fort; „theils war es die Furcht, Ihnen zu mißfallen, theils die Angst, als Bewerber um Ihr Vermögen zu erscheinen, vor Allem aber meine eigene unsichere Stellung. Und nun, da ich komme, um Sie zu werben, agen Sie mir, Fräulein v. Argast, ob mein Anblick noch immer die peinlichen Erinnerungen von früher in Ihnen erweckt? — Ob Sie mir nicht etwas von der leberfülle der Liebe abgeben können, welche Ihr Herz Ijirgt. Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist; wollen Sie den Schüler nicht belohnen, der sich so gelehrig erwiesen hat?"

Elisabeth überließ ihm einen Augenblick ihre kalte, zitternde Hand; dann sagte sie, dieselbe mit dem letzten ' lufwand ihrer Willenskraft zurückziehend: „Aber Sie können einer Frau, welche Sie Jahre lang betrogen hat, nicht Ihre Liebe und Ihr Vertrauen schenken."

„Aber Ivenn ich es trotzdem thue, und Ihnen trotz­dem glaube" — sagte er, in ihre Augen blickend. „Ich laube an Ihre Wahrhaftigkeit, Elisabeth, wie ich an >as Licht der Sonne glaube, und wenn Sie mich wieder lieben, so glaube ich auch, Sie glücklich machen zu kön­nen. Das Loos, welches ich Ihnen biete, ist nur ein bescheidenes, aber es wird ein ruhiges und sicheres Loos ein. Ich werde Sie bei der Erziehung der Knaben nach Kräften unterstützen, und ich will auch nicht eifer­süchtig sein auf den Theil, den sie an Ihrem Herzen