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269 Samstag, den 21. November 1891. 18. Jahrgang

Mulinier W Zeililiiß

Vom Krach-Schauplatze.

Auf die Bankbrüche in Berlin folgte ein Krach in der Vorstadt Charlottenburg und dann mehrere Ban­kerotte „in der Provinz". Sehr bitter für die Bethei­ligten, aber wenn man Alles in Allem nimmt, hat die Krisis nicht diejenige Schärfe und Ausdehnung er­reicht, die man befürchten mußte.

Das ist ja in gewissem Sinne sehr erfreulich. Doch erhebt sich die Frage, ob denn nun auch wirklich das Kranke und Faule ausgemerzt ist und ob das Pub­likum durch den bisherigen mäßigen Schaden klug genug geworden ist. Das erscheint noch zweifelhaft. Zunächst ist es nämlich auffällig, daß der jüngste Reichsbank­bericht über die zweite Novemberwoche so große Ver­änderungen in den Ziffern über Wechsel und Einlagen ergibt, als man erwarten durfte. Wenn bei einem ein­zigen Bankhause in Berlin an zwei kritischen Tagen 15 Millionen zurückgeholt wurden, so sind die 26 Millionen, die in jener Zeit auf Wechsel- und Lom­bard-Kredit der Reichsbank entnommen wurden, als eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem Bedürfnisse der sämmtlichen Banken zu erachten. Entweder hat also die Rückforderung der Einlagen bei den Bankiers sich im Allgemeinen in bescheidenen Grenzen gehalten oder die Leute haben das, was sie bei dem einen Bankier holten, schnell zu einem anderen hingetragen, so daß die Kassen sich ohne stärkere Inanspruchnahme der Bank wieder füllten. Auf Letzteres deuten auch zwei beach- tenswerthe Umstände. Die Summe der „täglich fälligen Verbindlichkeiten" bei der Reichsbank hat sich in der fraglichen Woche nur um 36 Millionen erhöht, eine keineswegs außerordentliche Summe. Ferner sind die deutschen Reichs- und Staats-Anleihen nicht ge­stiegen, sondern haben vielmehr am Mittwoch einen verhältnißmäßig starken Coursrückgang sich ge­fallen lasfen müsfen. Zur Erklärung führt man freilich an, daß der Reichshaushaltsetat für 1892/92 ver­stimmend gewirkt und besonders die Ankündigung der Beibehaltung des dreiprozentigen Typus zu Verkäufen dreiprozentiger Papiere gereizt habe. Trotzdem hätte der ohnehin nicht hohe Cours sich halten müssen, wenn die kleineren Kapitalisten in größerer Zahl das Be- dürfniß gefühlt hätten, ihr Geld nunmehr mit größerer Vorsicht in den sicheren Staatspapieren anzulegen und die Hilfe des Staatsfchuldbuches in Anspruch zu nehmen. Eine derartige Bekehrung zur Solidität scheint also in 'größerem Umfange doch nicht erfolgt zu sein.

„Sehe Jeder, wie er's treibe ... und wer steht, daß er nicht falle." Man muß vor kopfloser Aengst- Uchkeit warnen, aber auch vor jener Leichfertigkeit, die sich durch die Erfahrung Anderer nicht belehren lasfen will, sondern erst abwartet, bis das eigene Kind in den Brunnen gefallen ist.

Die neueren Ereignisse auf dem Krach-Schauplatze dienen zur Erweiterung der ersten trüben Er­fahrungen in doppelter Richtung. Einmal zeigen sie, daß es nicht bloß in Berlin, sondern auch in den mittleren Städten faule Banken und gewisfenlofe Ban­kiers gibt, und daun widerlegen sie die Ansicht gewisser antisemitischer Eiferer, daß der betrügerische Bankbruch

A Der Geizhals.

Nächerzählt von Cora von Schönburg.

(47. Fortsetzung.)

Dann beschrieb er ihr in kurzen Zügen das elende Dasein, welches er und seine von ihm leidenschaftlich geliebte Mutter früher in dem Hause seines Vaters geführt. Wie die Mutter schließlich, der Sklaverei müde, mit ihrem Sohn geflohen sei, und an einem zurück­gezogenen Orte im Hause einer Schwester von ihr Ruhe gefunden habe. Eifersüchtig auf das ihr zu Theil gewordene Glück, hatte fein Vater dann den Knaben zurückgefordert. „Der Jammer meiner Mutter, als sie mich der Grausamkeit meines Peinigers überlassen mußte, war herzzerreißend, erklärte der Erzähler bewegt, „und ich werde nie den Eindruck vergessen, welchen ihr Schmerz damals auf mich gemacht." Mit 16 Jahren hatte Georg v. Argast ebenfalls feine Fefseln gesprengt und war nach Australien ausgewandert. Seine späteren Schicksale sind dem Leser bereits bekannt. Jetzt war er aus Liebe zu seinem Kinde in die alte Heimath zurück­gekehrt, unbekümmert darum, ob sein Vater noch lebe oder bereits gestorben sei, sich aber durch dessen Testa­mentsbestimmungen von vornherein von der Erbschaft ausgefchloffen meinte.

„Trotzdem haßte ich Dich als die Nutznießerin des mir zukommenden Vermögens," fügte er hinzu. „Aber das ist jetzt anders geworden."

„Warum?" fragte seine Zuhörerin, die sich ver­geblich auf den Zweck der langen Auseinandersetzung besann.

Der Erzähler zögerte nicht länger mit der Auf­klärung. „Höre weiter," fuhr er fort. „Vor einigen Tagen ließ ich mich von meiner kleinen Marie über­reden, sie zu der Schneiderin zu begleiten, welche ihre Kleider anfertigte. Als die Thür aufging und die junge Person hereinkam, war es mir, als solle mich der Schlag treffen. Sie war das verjüngte, aber lebende Bild meiner armen Mutter. Ich vermochte zuerst kein Wort hervorzubringen, dann aber fragte ich sie, ob ich sie später einen Augenblick allein sprechen könne. Sie schien überrascht, gab mir aber doch eine Stunde an. Im Herausgehen las ich das vorher nicht beachtete Schild mit ihrem Namen. Meine Vermuthungen schienen sich zu bestätigen. Als ich sie später wiedersah, ent­schuldigte ich meine Neugier mit einer mir bei ihr auf­fallenden Aehnlichkeit und bat sie, mir etwas über ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse zu sagen. Sie wußte nicht viel darüber. Ihr Vater war früh gestorben, ihre Mutter hatte selten ihre Vergangenheit und ihre

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eine ausschließlich jüdische Eigenthümlichkeit fei. Wie sehr man es auch bedauern mag, es läßt sich nicht an der Thatsache rütteln, daß auch Leute, die sich Christen nennen und als recht christlich gesinnt darstellten, die Depots angetastet und fremdes Gut in wilden Speku­lationen vergeudet haben. Wir wollen hier die „jüdische Frage" nicht von Grund aus lösen, sondern blos zum Maßhalten im Urtheil mahnen, wobei uns ein be­sonderer praktischer Gesichtspunkt leitete.

Der Hofprediger a. D. Stöcker hatte auf die Bank­brüche der Juden Wolff und Sommerfeld hin eine Versammlung anberaumt, in welcher er das heiße Eisen der antisemitischen Entrüstung zu schmieden gedachte. Zwischen Lipp' und Kelchesrand ereignete sich der traurige Fall von Charlottenburg: der christlich-konser­vative Bankier Maaß mußte sich wegen Unterschlagung dem Gerichte stellen. Herr Stöcker mußte etwas Wasser in seinen Wein gießen; er suchte aber die unangenehme Thatsache möglichst zu beschönigen durch die Bemerkung: daß es bei Maaß mit Maß zugegangen sei, bei Wolff und Sommerfeld's aber ohne Maß. Demgegenüber könnte man sagen: Wer hundert Mark stiehlt, ist ein Spitzbub so gut wie der, der tausend Mark stiehlt, und ein Mann, der sich als christlich, religiös und konser­vativ hinstellte und dadurch sogar zum Hüter von Kirchen- und Wohlthätigkeitsgeldern sich aufschwang, verdient keine mildere Beurtheilung, als ein Jude, der sein Geschäft und seinen Lebenswandel ohne jeden idealen Anstrich ließ. Aber wir brauchen mit Herrn Stöcker nicht weiter zu disputiren, da sein Freund Prof. Wagner schon ihm und der Versammlung eine heilsame Mahnung zukommen ließ. Das Schimpfen auf die Juden allein thut's nicht. Zieht lieber gegen die gewinnsüchtigen, leichtsinnigen Christen zu Felde, die den Wolff's und Sommerfeld's mit vollen Geldsäcken die Thür einremrewl-Diejr blinde Kundschaft, die nicht mal gelockt zu werden brauchte, sondern sich von selbst einfand, die jede Vorsichtsmaßregel außer Acht ließ und den offenkundigen verschwenderifchen Lebenswandel der jüdischen Bankiers als Zeichen ihres Reichthums passiren ließ — die hat vor Allem an ihre eigene Brust zu schlagen.

Daß die Juden bei allen Geldgeschäften — den ehrlichen sowohl wie den faulen — in unverhältniß- mäßig starker Weise betheiligt sind, ist ja eine alt­bekannte Thatsache. Aber deshalb darf man doch nicht das Volk glauben machen wollen, daß aller Betrug und Wucher auf Rechnung der „Semiten" zu setzen fei. Das ist nicht blos ungerecht, sondern auch gefähr­lich. Denn dadurch wird gewisfen bedenklichen Geld­männern, die sich als „gute Christen" aufspielen, um dadurch mehr Vertrauen, als sie verdienen, zu ge­winnen, ihr oft recht zweifelhaftes „Geschäft" erleichtert. Es würde zu fchlimmen Enttäuschungen führen, wenn der kleine Kapitalist nur gegenüber Geschäften mit jüdi­schen Namen, nicht gegenüber christlichen Firmen vor­sichtig wäre. Man muß auch erst prüfen, was hinter dem christlichen Aushängefchild steckt.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. November.

• Der Reichstag trat heute in die Einzelberathung der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz ein. § 1 der Vorlage dehnt den Versicherungszwang auf Hand- lungsgehülfen und Schreiber bei Advokaten und Ge­richtsvollziehern aus. Die Kommission schlägt eine weitere Ausdehnung auf Angestellte der Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Versicherungsgesellschaften vor. Ein Antrag v. Strombeck (Ctr.) forderte ferner Ausdehnung des Versicherungszwangs auf Reichs- und Staatsbetriebe, Transportgewerbe und Speditionsbe­trieb, während die Sozialdemokraten den Versicherungs­zwang ganz allgemein auf alle gegen Lohn und Gehalt beschäftigten Personen erstreckt haben wollen. Im Gegensätze dazu bekämpften die Freisinnigen die Er­weiterung der Versicherungspflicht auch im Rahmen der Vorlage und der Kommifsionsanträge. Nach längerer Debatte wurde § 1 unter Ablehnung sämmtlicher Ab­änderungsanträge in der Kommissionsfassung ange­nommen. — Weiterberathung morgen.

* Der Magdeb. Ztg.' wird aus Berlin geschrieben: „Die vielfachen Anrufungen des Staates um Hilfe­leistung gegenüber den Aufsehen erregenden Bankbruch- fälle« werden bei der Regierung erfolglos bleiben. Es ist Sertens mehrerer maßgebender Perfönlichkeiten in den letzten Tagen, und zwar in fehr verständlicher Weise, Anlaß genommen worden, darauf Hinzuwelfen, wie die Gesetzgebung nicht den Beruf habe, die Leichtgläu­bigkeit und Spekulationswuth des Publikums zu schützen und zu verhindern, und daß andererfeits gesetzliche Maßnahmen, welche Krisen, wie den jüngst erlebten, vorbeugen könnten, in wirksamer Weise auch nicht zu treffen seien. Es heißt, von konservativer Seite wären Anträge über schärfere Kontrole der Börsengeschäfte und desgleichen mehr geplant. Sie würden erfolglos bleiben, der Regierung aber, wie man versichern hört, insofern erwünscht fein, als es ihr darum zu thun ist, ihren Standpunkt in diesen Fragen möglichst eingehend darzulegen."

* Der russische Minister des Auswärtigen, Herr von Giers, dem die Massagekur in Wiesbaden sehr gut bekommen ist, weilt zur Zeit in Paris. Man sagt, sein dortiger Aufenthalt habe mit der Politik nichts zu thun; aber das ist wohl nur Redensart. Auf der Rückreise von Paris nach Petersburg wird er auch nach Berlin kommen. Eine Zusammenkunft des russi­schen Ministers mit dem Reichskanzler v. Caprivi wird sich bei dieser Gelegenheit nicht umgehen lasfen.

* Der deutsche Kolonialdienst hat einen schweren Verlust erlitten. Hauptmann Frhr. v. Gravenreuth ist einem amtlichen Telegramm aus Kamerun zufolge auf dem friedlichen Vormarsche nach dem Süden vor Buka (?) angegriffen, nach dreitägiger Belagerung bei Einnahme der Stadt heldenmüthig gefallen. Er war erst 33 Jahre alt.

* Die freisinnige Partei des Reichstags hat sich dahin schlüssig gemacht, die Frage der Gewährung von Diäten an Mitglieder des Reichstags und einige andere schwebende Fragen bei der Berathung des Etats Familienbeziehungen berührt. Schließlich zeigte sie mir ein Bild von letzterer, die ebenfalls längst aus dieser Welt geschieden war. Ja, das war wirklich die Schwester meiner Mutter, bei der wir einst eine Zu­flucht gefunden, und fogar ein mir ganz wohlbe­kanntes Portrait derselben. Da vermochte ich meine Ueberzeugung nicht länger zurückzuhalten; ich sagte ihr, daß sie meine nahe Verwandte sei.

„Wir sprachen lange über die Verstorbene und Alles, Alles, was sie mir mittheilte, vermehrte meine Gewiß­heit, ja, es war, als ob mich von vornherein ein ver­wandtschaftlicher Zug zu der verlasfenen Waise hinzöge. Zuletzt erzählte mir Eva ihre traurige Geschichte, und die Rolle, welche Du in derselben gespielt hast. Sie theilte mir Alles mit, was Du für sie gethan .... Gib mir Deine Hand, ich werde es Dir nie vergessen. Mit Geld kann ich Dir nicht danken, aber wie Du für sie gefolgt hast, fo werde ich auch für Dich und diejenigen folgen, welche Dir am Herzen liegen. Ver­zeihe mir mein schroffes Entgegenkommen bei unserer ersten Begegnung, und sei meiner kleinen Tochter eine Freundin, wie ich Dir ein guter Freund bleiben werde.

Elisabeth, welche seiner Erzählung mit wachsendem Interesse gelauscht hatte, war tief gerührt. „Ich ver­zeihe Dir von ganzem Herzen", fagte sie, seine Hand