JV 268 Freitag, den 20. November 1891. 18. Jahrgang
Fuldaer W Zeitung
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Br- Ein bemerkenswerthes Urtheil über die Streikes.
Bekanntlich hat die Encyklika über die Arbeiterfrage sich nicht gerade günstig über die Streikes ausgesprochen. Ohne die Berechtigung derselben absolut zu verwerfen, betont die Encyklika doch ihre große Gefahren und empfiehlt deshalb vorbeugende Maßnahmen zur Verhütung von Arbeiter - Ausständen und friedliche Beilegung der Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Sie sagt darüber:
„Nicht selten greifen die Arbeiter zu gemeinsamer Arbeits- Einstellung, um gegen die Lohnherren einen Zwang auszuüben, wenn ihnen die Anforderungen zu schwer, die Arbeitsdauer zu lang, der Lohnsatz zu gering scheint. Dieses Borgehen, das in der Gegenwart immer häufiger wird und immer weiteren Umfang annimmt, fordert die öffentliche Gewalt auf, Gegenwehr zu ergreifen; denn die Ausstände gereichen nicht bloß den Arbeitgebern mitsammt den Arbeitern insgemein zum Schaden, sie be- uachtheiligen auch empfindlich Handel und Industrie, überhaupt den ganzen öffentlichen Wohlstand. Außerdem geben sie erfahrungsmäßig Anlaß zu Gewaltthätigkeiteu und Unruhen und stören so den Frieden im Staate. Dem gegenüber ist diejenige Art der Abwehr am meisten zu empfehlen, welche durch entsprechende An- Drdnungen und Gesetze dem Nebel zuvorzukommen trachtet und sein Entstehen hindert durch Beseitigung jener. Ursachen, die den Konflikt zwischen den Anforderungen der Brodherren und der Arbeiter herbeizuführen pflegen."
Es ist interessant, diesem Urtheile des Papstes über die Streikes ein ganz ähnliches aus dem klassischen Lande der Streikes und aus dem Kreise der bestorganisirten Arbeiter anzureihen.
England ist bekanntlich das klassische Land der Ge- werkschasten und auch der Streikes. Manchen harten .Strauß haben namentlich die alten Trabes Unions mit "der Großindustrie und nicht selten zu ihrem Vortheile ausgesuchten. Dennoch sind die Streikes in den Händen der Arbeiter immer ein zweischneidiges Schwert, welches sie selbst meist am empfindlichsten verwundet. Diesem Wedanken gab der Präsident des diesjährigen englischen Gewerkschafts-Kongresses zu Newcastle, der Bergarbeiter Burt, in seiner Einleitungs-Rede in bemerkenswerther .Weise Ausdruck.
Die kräftige Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung — erklärte Burt nach dem Berichte der Wiener Monatsschrift für christliche Sozialreform' — werde eher eine Verminderung als eine Vermehrung der Ausstände bewirken. Es falle ihm nicht ein, die Streiks in Bausch aind Bogen zu verurtheilen — im Gegentheile: bei dem Getöse der Maschinen, bei der Taubheit des Mammon und in vielen Fällen auch bei seiner Blindheit könne sich der Arbeiter oft nur Aufmerksamkeit verschaffen, wenn er die Räder stille stehen lasse. Aber es sei ein häßliches Mittel. Der Streik sei eine Waffe gleich dem Boomerang, der, wenn nicht sehr geschickt geschleudert, beim Zurückfallen den Schleuderer selbst verwundet. Wo immer die Arbeiter ihre Streitigkeiten mit den Unternehmern durch ein vernünftiges Schiedsgericht schlichten lassen könnten, wären sie Narren, ja beinahe Verbrecher, wenn sie zum Ausstande schritten. Dem Londoner ,Trade Council' schuldeten die Arbeiter Dank für die Vertheidigung ihres Rechtes zum Ausstande;
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(46. Fortsetzung.)
„Es sind noch nicht drei Jahre her, da haben Sie in demselben Tone zu Eva Trant gesprochen," entgegnete sie mit einem verächtlichen Zucken um die Mundwinkel. „Sie war jung, sie war arglos, sie war allein. Ich verdanke es jedenfalls nur dem Vorzüge meiner gesellschaftlichen Stellung, daß Sie mich zu Ihrer Frau begehren. Wer steht mir dafür, daß ich Ihnen nach wenigen Monaten nicht ebenso gleichgiltig werde, wie Eva Trant? Und dabei wagen Sie zu sagen: Sie hätten nie etwas gethan, dessen Sie sich zu schämen hätten!"
„Ich schäme mich auch nicht," fuhr er auf; „nicht nach den Ehrbegriffen meiner Welt .... Wie können Sie wissen, wie können Sie beurtheilen . . . ."
„Ich maße mir auch kein Urtheil an," gab sie stolz zurück. „Ich weiß nur, daß sich in dem Augenblicke, als Eva's Augen den Ihrigen begegneten, eine Kluft zwischen uns aufthat, die nichts mehr überbrücken kann. . . . . Geben Sie mir jetzt den Weg frei, Herr Graf."
„Himmel, Elisabeth, Sie zittern, Sie schwanken! Ich weiß, es ist unrecht, Sie noch länger fefthalten zu wollen; aber ich kann die letzte Aussicht meines Glückes nicht so aus der Hand geben, Sie sind ein Engel!
was die Gewerkschaften nun zu erringen hätten, sei, daß der Kapitalist, wenn auch noch so mächtig und stolz, ihren rechtmäßigen Vertretern Gehör leihe. Wenn die auf dem Kongresse vertretenen Arbeiter einig wären, gäbe es kaum etwas, das sie nicht durchsetzen könnten.
Die Aehnlichkeit dieses Urtheiles über die Streiks mit dem der Encyklika, springt in die Augen, wenn auch die Encyklika mehr die öffentlich rechtliche Seite betont, während Burt, ein hervorragendes Mitglied der alten Trabes Unions, welche zum Unterschiede von den neuen englischen Gewerkvereinen die Selbsthülfe gegenüber der Staatshülfe vertreten, sich auf die privatrechtliche Behandlung durch Schiedsgerichte beschränkt. Immerhin aber bleibt es höchst interessant, das Urtheil der Encyklika über die Streiks gerade von dieser Seite bestätigt zu sehen.
Ueberhaupt hat die alte englische Gewerkschaft noch einen konservativen und christlichen Geist bewahrt. Auch Burt gab dem in seiner Rede Ausdruck mit den Worten: „Millionär und Elender sind beide abnorme Erscheinungen und beide verschwinden, wenn wir ein christliches und civilisirtes Volk werden. Wir sind entschlossen, das Rechte zu thun und bitten Gott, unseren Verstand und unsere Thatkraft zu lenken." Möchte dieser Geist in der englischen Gewerkschaftsbewegung die Oberhand behalten und in der festländischen Boden gewinnen, um die jetzt allgemein auch auf dem Kontinente aufblühenden Gewerkvereine von der gefährlichen sozialistischen Umstrickung zu befreien oder davor zu bewahren! An der rechtlichen Vertretung ihrer Interessen darf und wird sie Niemand hindern.
Deutsches Keich.
Berlin, 18. November.
* Die Steigerung der Schuldenlast des Deutschen Reiches wird durch folgende Zahlen beleuchtet. Bis zum Jahre 1876 war das Reich, Dank der von Frankreich erhaltenen 5 Milliarden, schuldenfrei. Dann begannen die Anleihen. Bis 1886, also in einem zehnjährigen Zeitraum, waren bereits 440 Mill, ausgenommen, und wenn die jetzigen Forderungen sämmtlich genehmigt werden, wird am Ende des Etats - Jahres 1892 die Reichsschuld 1689 Mill, betragen.
* Gegen Bewilligung von Tagegeldern an die Reichstagsmitglieder spricht sich die,Nordd. Allgem. Ztg.' aus mit der Begründung, würde man sie gewähren, so könne es nicht ausbleiben, „daß über Jahr und Tag der Schwerpunkt im Reichsparlammte sich nach einer Seite verschieben würde, auf welcher kein größeres Verlangen besteht, als auf dem Wege der parlamentarischen Machtgewinnung die Mittel in die Hand zu bekommen, um jene umstürzlerischen Pläne in die Wirklichkeit überzuführen, deren Ausführung zu verhindern mit dem Kaiser und den verbündeten Fürsten alle staatserhaltenden Faktoren unseres Reichs- und Staatslebens in positiven sozialreformatorischen Maßregeln zusammenwirken." Da hält es in der That schwer, den Ernst zu bewahren.
Verfügen Sie über mich, ich will warten — ich will Alles thun, was Sie wollen . . . ."
Noch einmal flehte er, noch einmal wollte er die sich ihm scheu entziehende Hand küssen, dann war Elisabeth von Argast für immer für ihn entschwunden.--
26. Eine Aussöhnung.
Baronin Hellweg war auf's Aeußerste erschrocken, als sie die Umwandlung bemerkte, welche sich seit Graf Bannstein's Besuch in dem Aussehen ihrer Gesellschafterin vollzogen hatte. Ihr weibliches Zartgefühl ließ sie halb und halb das Vorgefallene errathen, und sie belästigte Elisabeth daher nicht mit unnützen Fragen um den Grund ihrer körperlichen und geistigen Verstimmung.
Trotz des Zwanges, welchen sie ihrer Natur auferlegte, fühlte sich das junge Mädchen während der beiden ersten Tage unfähig, etwas Besonderes zu unternehmen. Erst am dritten Tage hatte sie sich so weit erholt, um Eva Trant aufsuchen zu können.
Ihre Freundin empfing sie sichtlich erregt, aber sie ließ derselben keine Zeit zum Reden, sondern sagte nur, sie in ihre Arme schließend: „Seien Sie ruhig Eva. Ich weiß Alles, und ich werde ihn nicht Wiedersehen."
„Aber er ist nicht schlecht. Es war auch meineSchuld", entgegnete Eva leise.
„Wir wollen ihn Beide aus unserer Erinnerung
Also lauter Sozialdemokraten wählt das Volk, wenn seinen Vertretern Tagegelder bewilligt werden! Da scheint ja die „alte Aera" in die Redaktion der.Norddeutschen' eingezogen zu sein.
* Dem Reichstag ist ein Gesetzentwurf, betr. Aenderung des Artikels 31 der Reichsverfassung zugegangen. Der Artikel soll einen Zusatz erhalten, wonach für die Zeit der außergewöhnlichen längeren Vertagungen des Reichstags (über 30 Tage) Mitglieder desselben wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung zur Untersuchung gezogen oder verhaftet werden dürfen.
* Von dem neuen Militairbrod aus anderem als Roggenmehl ist im Militairetat nicht die Rede. Der Bedarf von Roggen für das preußische Kontingent ist mit 1,830,932 Gentner veranschlagt, welches Quantum zu 133,584,855 Brodportionen zu 750 Gramm berechnet ist. An Weizen ist nur ein Bedarf von 2802 Gentner zur Auffrischung der Zwiebacksvorräthe vorgesehen. Der Bedarf an Hafer ist mit 3,470,241 Gentner, von Heu mit 1,731,856 Gentner und von Stroh mit 2,340,955 Gentner vorgesehen. Eine Anmerkung besagt, daß zu Versuchszwecken in Grenzen der Etatsmittel auch andere als die vorgenannten Naturalien bei der Verpflegung der Pferde verwendet werden. Nur für das württembergische Kontingent ist, wie das bereits bisher der Fall war, Brod aus gemischtem Mehl (Bedarf 60,640 Gentner Weizen und 30,321 Gentner Roggen) vorgesehen.
* Dem Militär-Etat ist eine Berechnung des zehnjährigen Durchschnittspreises für Weizen, Roggen, Hafer, Heu und Stroh beigegeben. Danach betrug der Durchschnittspreis in den Jahren 1880/1890 in Preußen für den Gentner Weizen M. 9,01, Roggen M. 7,46, Hafer M. 7,17, Heu M. 2,96 und Stroh M. 2,72. Den Kontingenten für Hessen, die Königreiche Sachsen und Württemberg sind auch die im Oktober 1890 gezahlten Preise beigegeben. Dieselben stellten sich für Hessen: Weizen M. 11,82, Roggen M. 11,94, Hafer M. 7,96, Heu M. 2,72, Stroh M. 2,33. Die sächsische Militärverwaltung zahlte im Oktober 1891 für Roggen M. 12,42 (d. i. beinahe noch mal soviel als im Jahre 1887, dem billigsten Roggenjahre), für Hafer M. 7,92 (gegen M. 5,80 im Jahre 1887), für Heu M. 3,09 (den billigsten Preis seit den letzten 10 Jahren) und für Stroh M. 1,98 pro Gentner. Württemberg endlich zahlte im Oktober d. Js. für Weizen 12,69, Roggen 12,46, Hafer 7,21, Heu 2,58, Stroh 1,36 M.
* Fürst Bismarck wird den ,Hamb. Nachrichten' zufolge auf Wunsch der Aerzte an den Sitzungen des Reichstages einstweilen nicht theilnehmen, später nur insoweit, als ihm die Gegenstände der Verhandlungen wichtig genug erscheinen, um sich gegen die ärztlichen Vorschriften aufzulehnen.
* Bei den gestrigen Berliner Stadtverordaeten- Ergänzungswählen der 3. Abtheilung betheiligten sich von über 106000 Wahlberechtigten nur der dritte Theil. Die Sozialdemokraten behaupteten nicht nur die 3 bisher von ihnen innegehabten Mandate,
auslöschen", sagte Elisabeth. „Wir wollen jetzt die Vergangenheit ihre Todten begraben lassen."
Beide Freundinnen standen noch eine Weile, wie an einem offenen Grabe da; dann theilte Elisabeth Eva mit, daß sie ihre Herrin an einem der nächsten Tage zu einem kurzen Aufenthalte an der See zu begleiten habe. Beim Abschiede fühlten Beide, daß das Band, welches ihre beiden Existenzen an einander knüpfte, ein noch engeres geworden sei.
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Baronin Hellweg rechnete richtig, wenn sie annahm, daß der Orts- und Luftwechsel gerade in diesen Tagen einen wohlthätigen Einfluß auf Elisabeth ausüben würde. Das junge Mädchen begann sich schon nach den ersten Tagen merklich von den Folgen der durchgemachten Gemüthsbewegung zu erholen. Sie wurde ruhiger und heiterer, so sehr das Bewußtsein, mit einem der traurigsten Probleme der menschlichen Gesellschaft in Berührung gekommen zu sein, auf ihr lastete. Es war ihr oft, als sei mit dem Einblick in die Nachtseiten des Menschenverkehrs der letzte Jugendtraum aus ihrer Seele geschwunden.
Eines Morgens saß sie mit ihrer Herrin am Meeresstrande und athmete entzückt den Frieden und Sonnenschein des herrlichen Tages ein, da würben ihr zwei Briefe überbracht. Der erste war von Ada und lautete: