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Donnerstag, den 19. November 1891.

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Deutsches Keich.

Berlin, 17. November.

* Der Reichstag nahm heute seine Sitzungen bei ziemlich lückenhafter Besetzung wieder auf. Präsident v. Levetzow widmete dem verstorbenen König von Württemberg einen warmen Nachruf, während dessen sich die Anwesenden von ihren Plätzen erhoben. Der Gesetzentwurf, betreffend die Bestrafung des Sklaven­handels wurde an eine Kommission verwiesen. Auf eine Anfrage des Prinzen v. Arenberg bestritt Geh. Legationsrath Kayser, daß im deutschen Togogebiet Sklavenhandel geduldet würde. Die dort bestehende Haussklaverei sei eine Art milden Hörigkeitsverhält­nisses. Dann wurden Petitionen erledigt. Eine Petition um Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf Gefangene wurde dem Reichskanzler als Material überwiesen. Eine Petition auf Verschärfung des Wucher­gesetzes wurde nach längerer Debatte an den Reichs­kanzler verwiesen. Donnerstag Berathung der Novelle zum Krankenkassengesetz.

* Gelegentlich des heute im Reichstage vom Präsidenten v. Levetzow dem verstorbenen König von Württemberg gewidmeten Nachrufes erhoben sich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten von ihren Plätzen, wozu Abg. Singer das Zeichen gab, dem auch, an­scheinend widerstrebend, Abg. Bebel, Folge leistete.

* Ue6er Diäten für die Reichstagsabgeordneten schreibt die ,Köln. Blksztg.': Im Reichstag wird von den Frelstnntgen und den Sozialdemokraten der An­trag auf Gewährung von Diäten an die Abgeordneten eingebracht werden. Die Mehrheit ist ihm sicher, und hoffentlich dies Mal auch die Zustimmung des Bundes- rathes. Wenn letzterer sich bisher der Gewährung von Diäten widersetzte, wiewohl der Reichstag sie wieder­holt beschloß — so zuletzt im Jahre 1884 mit 188 gegen 90 Stimmen —, so war daran, wie an so vielen Unfreundlichkeiten gegen den Reichstag, nur Fürst Bismarck schuld. DurchschlagendeGründe für die Diätenlosigkeit gibt es ja auch nicht. Wie wenig sie ein Gegengewicht gegen das allgemeine Wahlrecht zu bilden und' die Sozial-Demo- kralen oder etwas Aehnliches fern zu halten vermochten, sehen wir an den 35 Vertretern der sozialistischen Partei. Nicht ein Mal der Einfall des Fürsten Bis­marck, den sozialistischen und freisinnigen Abgeordneten die ihnen von der Partei gezahlten Tagegelder durch eine „scharfsinnige" Auslegung vergessener Paragraphen des allgemeinen Landrechts entgehen zu lassen, hat etwas genutzt. Haben auch Urtheile von Oberlandes­gerichten, bestätigt durch Erkenntnisse des Reichsgerichts, dem preußischen Fiskus einige tausend Mark „unsitt­licher" Diäten gerettet, es ist deshalb kein einziger sogen, demokratischer oder freisinniger Abgeordneter weniger gewählt worden. Wie sehr die fraglichen Urtheile der Oberlandesgerichte und des Reichsgerichts dem öffentlichen Bewußtsein ins Gesicht schlugen, sehen wir jetzt nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck. In Erfurt wurde mitgetheilt, daß die sozialdemo­kratischen Abgeordneten 6 Mark Tagegelder beziehen.

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(45. Fortsetzung.)

„Ihr Wort genügt mir," sagte er ernst. „Aber wenn Ihr Herz frei ist, warum wollen Sie mir dann nicht die Gelegenheit lassen, es für mich zu erobern? Im Ehestände hätte ich den Vortheil, Sie täglich, stündlich von meinem guten Willen überzeugen zu können, und schließlich würden Sie mich doch lieb ge­winnen . . . Denken Sie nur daran, wenn wir die Jungen in den Ferien bei uns auf dem Lande haben könnten, wenn .... o, all die Träume von dem Glücke, das ich Ihnen bereiten möchte, machen mich rasend!"

„Ich fühle, wie schlecht ich bin," sagte Elisabeth mit thränenerstickter Stimme, „aber ich kann das Widerstreben in meiner Natur nicht überwinden."

Er drang noch weiter in sie: „Was haben Sie an mir auszusetzen?" fragte er. „Ich weiß, daß ich kein Heiliger gewesen bin, aber ich habe auch nie etwas gethan, dessen ich mich zu schämen hätte. Kommen Sie, schlagen Sie Ihre Zweifel in den Wind; geben Sie mir ganz Ihr süßes Selbst. Keiner, das schwöre ich Ihnen, kann Sie so lieben wie ich, Keiner wird sich so bemühen, nur Sonnenschein in Ihr Leben zu bringen."

I Es ist keinem Staatsanwalt mehr eingefallen, daß das gesetzwidrig sei. Und wenn sie noch gerichtlich ver­folgt würde, so könnte die Diätenzahlung heimlich ge­schehen, wie sie unter Bismarck heimlich weiter ge­schehen ist. Die Nachtheile der Diätenlosigkeit sind unbestreitbar und liegen auf der Hand. Am greif­barsten treten sie uns in der ewigen Beschlußun­fähigkeit des Reichstages entgegen, die man in einer ähnlichen mit Diäten ausgestatteten Körperschaft nie so finden wird. Die Beschlußunfähigkeit schadet den Geschäften; nicht allein, daß ihre Erledigung ver­zögert wird, sie wird nicht selten auch aus Besorgniß vor der Beschlußunfähigkeit überstürzt. Noch bedenk-

I kicher wirkt die Diätenlosigkeit auf die Zusammensetzung I des Reichstages, nicht, wie gesagt, indem sie „unbe­queme" Persönlichkeiten, sondern indem sie solche fern­hält, die im Reichstage von großem Nutzen sein könn­ten. Daß abhängige Beamte in einer Volksvertretung nicht den Ton angeben, sondern, falls sie überhaupt hineingehören, nur ausnahmsweise gewählt werden sollten, ist selbstverständlich. Jetzt werden sie aber vielfach gewählt in Ermangelung eines anderen Be­werbers, weil sie ihr Gehalt während der Session fort­beziehen. Ebenso werden viele Berliner gewählt, weil für sie das Abgeordneten - Mandat eine weniger kostspielige Ehre ist, als für einen „Provinzialen", der sein Geschäft darum vernachlässigen muß und noch große Auslagen obendrein hat. Eine aus allen Gegen­den und Ständen kommende Volksvertretung ist jeden­falls die fachkundigste, objektivste und praktischste. Leug­nen läßt sich auch nicht, daß jetzt häufig ein wohl­habender Mann, der nichts zu thun hat, gewählt wird, weil der bessere Kandidat aus finanziellen Gründen das Mandat ablehnen muß.

* In der Konferenz zur Durchführung der Jnva- liditäts- und Altersversicherung wurde den Versiche­rungs-Anstalten vom Präsidenten Dr. Bödiker empfoh­len, ihre Bestände in. ansg-dehvterer Weise als bisher in Reichs- und Staatspapieren anzulegen, wozu nament­lich jetzt der Zeitpunkt günstig sei. Befürchtungen, die gesetzlichen Beiträge möchten im Laufe der ersten Bei­trags-Periode zur Deckung der entstehenden Verpflich­tungen nicht ausreichen, wurden technischerseits wider­legt. Die Erstattung der Beiträge in den Fällen, in welchen die Versicherungs-Anstalt eine Rente ablehnt, weil sie den Ansprecher nicht für versicherungspflichtig erachtet, wurde von der Mehrheit der Versammlung für angemessen erklärt.

* Der stellvertretende Führer der deutschen Schutz­truppe in Süüwestafrika berichtet über einen Angriff Wilbois auf die Hereros am 18. September. Derselbe wurde abgeschlagen. Witboi hatte 30 Todte; von den Hereros wurden 14 Mann, 8 Frauen und 2 Kinder getödtet.

* Die bevorstehende diesjährige Gewerbesteuer-Ver­anlagung, für welche noch die bisherigen Bestimmungen maßgebend sind, soll einer Verfügung des Finanzmini­sters zufolge zur Vorbereitung und Erleichterung des Uebergauges zum neuen Gewerbesteuer - Gesetz benutzt werden.

Seine Worte verfehlten nicht ganz ihre Wirkung. Ja, da war Keiner, der sie so liebte wie er! Und würde sich ein Anderer der Knaben so annehmen, wie er es versprach? War es nicht weiser, eine glückliche Wirklichkeit an die Stelle eines nie Befriedigung ge­währenden Traumes treten zu lassen? Aber mit ihrem „Ja" mußte auch das Bekenntniß der Schuld verbun­den sein, welche ihr Leben befleckt hatte. Das war schwer. Vielleicht würde er sich nach diesem Schuld­geständnisse von ihr wenden und ihr Schicksal wäre entschieden. —

„Sie verdienen so viel Dankbarkeit für Ihre Güte," sagte sie endlich. „Aber geben Sie mir etwas Zeit zum Nachdenken. Es ist furchtbar, sich entscheiden zu müssen." Sie stützte die Stirn in die Hand.

Bannstein stand erleichtert auf. Er wußte, daß in solchen Fällen das Ueberlegen meist dem Unterliegen vorausgeht.

„Ja, nehmen Sie sich Zeit", sagte er, näher zu ihr tretend, „aber, Elisabeth, kaffen Sie Ihre Antwort ein „Ja" sein."

Sie blickte nicht auf, aber er zog ihre Hand mit zärtlicher Inbrunst an seine Lippen; bann begann er, unruhig auf dem seine Schritte dämpfenden Teppiche auf und ab zu gehen.

Endlich war Elisabeth's Entschluß gefaßt. Sie

* Ein Antrag auf Entschädigung unschuldig Ber- urtheilter soll sicherem Vernehmen nach dem Reichs­tage schon in nächster Zeit zugehen und derselbe auch auf Entschädigung für unschuldig erlittene Strafhaft ausgedehnt werden. In dieser letzteren Beziehung wird man sich, meint die ,Voss. Ztg.', auf den Fall des Handlungsgehilfen Schultz stützen, welcher drei Wochen unter dem Verdacht, einen Lustmord begangen zu haben, gefangen gehalten wurde und nach Feststellung seiner völligen Schuldlosigkeit entlassen werden mußte. Die Schilderung seiner Schicksale, welche der Genannte ver­öffentlicht hat, ist im Publikum und, wie des Weiteren bekannt wird, bei den Behörden nicht ohne tiefen Ein­druck geblieben, und foll bei den letzteren auch bereits zu eingehenden Erörterungen geführt haben, welche dm bezüglichen Verhandlungen im Reichstage jedenfalls zu Statten kommen werden.

* Magdeburg, 16. Nov. Der Redakteur der hie­sigen sozialdemokratischen,Volksstimme', Köster, hat sich der Verbüßung der gegen ihn erkannten Gesängnißstrafe durch Flucht nach der Schweiz entzogen. K. war wegen Abdruck des Heine'schen Weberliedes zu 6 Mo­naten und wegen des Abdrucks von „Danton's Tod" zu 4 Monaten Gefängniß verurtheilt worden.

* Karlsruhe, 17. Nov. Bei der heutigen Eröff­nung der Kammer haben die Sozial-Demokraten den Eid geleistet, beim Hoch auf den Großherzog aber den Saal verlassen. Die Regierung kündigt eine Erleichte­rung der direkten Steuer an, in politischen und kirch­lichen Freiheits-Fragen aber nichts.

Ausland.

* Wien, 16. Nov. Im Budgetausschusse der öster­reichischen Delegation gab K a l n o k y heute sein Expose über die äußere Politik. Kalnoky sagte: die wider- spruchvolle Auffassung der Thronrede führte zu einer Beunruhigung, die nicht so sehr im Wortlaute der Thronrede, als vielmehr auf Privatinteresstn begründet fein dürfte. In der Thronrede sei kein Anlaß zur Beunruhigung gelegen. Allerdings machte dieselbe auf den Widerspruch in der politischen Situation aufmerk­sam, der zwischen den allgemeinen Friedensversiche­rungen und den fortgesetzten militärischen Rüstungen besteht. Aber ein Anlaß zur Beunruhigung ist gegen­wärtig nicht vorhanden. Der Minister hofft, daß eine bessere Erkenntniß zum Durchbruch komme und die ge­spannte Situation endlich zur friedlichen Lösung führen werde. Der Dreibund mit seinen friedlichen Zielen sei das Pivot der europäischen Sage und habe sich weite Anerkennung verschafft. Der Minister besprach auch die Handelsverträge. Der Vertrag mit Deutschland bedürfe noch der Schlußredaktion, der mit Italien dürfte morgen paraphirt werden, der Vertrag mit der Schweiz dürfte bald nach Wiederaufnahme der Ver­handlungen zum Abschluß kommen. Alle drei Ver­träge werden voraussichtlich Anfangs Dezember den Parlamenten vorgelegt und sollen am 1. Februar 1892 in Kraft treten. Sämmtliche drei Verträge können nur im Zusammenhang behandelt werden. Unzufriedene werde es zwar in allen Ländern geben, aber bei der wollte ein offenes Geständniß ihres Vergehens ablegen, und dann, wenn der Graf nicht abgeschreckt, versuchen, ihn glücklich zu machen. Der Entschluß war schwer, aber was bedeutete die moralische Erniedrigung vor diesem Mann gegen die, welcher sie sich vor Danfeld unterzogen hatte! Sie fühlte sich stark genug, Alles über sich ergehen zu lasfen. Es war eine falte Auf­fassung dem Manne gegenüber, welcher ihr sein ganzes Leben bot, und der stolz von sich sagen konnte, daß er sich keiner That zu. schämen habe.

Der Graf hatte während der letzten Augenblicke sein Schicksal auf ihren Zügen zu lesen versucht. Jetzt trat er zu ihr heran ... Da wurden auf dem Gange draußen Schritte laut; gleich darauf öffnete sich die Thüre — und Fräulein Eva Trant trat herein.

Elisabeth erhob sich, um ihre Freundin zu begrüßen, allein diese blieb mit dem ersten Worte des Willkomms auf den Lippen stehen und starrte todtenbleich und mit verhaltenem Athem nach der Stelle hin, wo Graf Bannstein stand. Auch dieser s lbsi schien wie gelähmt. Sein Blick war ein Gemisch von Staunen und fi ’fterer Wuth.

Nur einen Moment dauerte die ganze Scene, dann erholte sich Eva und verschwand mit einer leise gestam­melten Entschuldigung durch die noch hinter ihr offen stehende Thüre.