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Dienstag, beit 17. November 1891.

18. Jahrgang

ulbflcr M Zeitung

„ ±,,,, Erschemt täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Hierzu eine Beilage.

* Gin neuer Krach

hat die Börse, die nun schon vier Tage zähne­klappernd dem „Publikum" einzureden suchte, daß sie sich äußerst wohl, ruhig und solide fühle, „mißge­stimmt." Der Bankier Ed. Maaß in Charlotten- burg hat sich in Berlin zur Hast gestellt, weil er Depots im Werthe von 400,000 M. unterschlagen hat. Er gibt an, 300,000 M. ihm nicht gehörige italienische Renten bei Mendelssohn verpfändet zu haben. Er wollte bei seinem Schwager, einem Börsenmakler, zweite Hypotheken von 300,000 M. auf zwei ihm ge­hörige Häuser in Charlottenburg aufnehmen, um sich aus der Klemme zu helfen. Der Schwager wollte aber die Summe nicht hergeben, weil Maaß damit doch nicht mehr zu retten sei. Maaß will nun durch die Panik des Publikums in den letzten Tagen verhindert worden sein, seine Gläubiger zu befriedigen. Die heute statt­gehabte Beschlagnahme der Geschäftsbücher soll jedoch ergeben haben, daß die Bücher seit 13 Jahren nicht mehr geführt waren, so daß die fehlende Summe nicht zu ermitteln war. Bisher hat sich ergeben, daß die Passiva 750,000 M. betragen; die Aktiven bestehen aus Grundbesitz, auf denen etwa 350,000 M. Hypo­theken lasten. Die Gläubiger haben auf höchstens 30 Prozent zu hoffen. Die Depots fehlen sämmtlich. Im Ganzen sind 150 Kunden, darunter 100 kleine Leute geschädigt. Unter den unterschlagenen Geldern befinden sich 30—40,000 M. Kirchengelder, so 20,000 für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniß-Kirche, ferner viele Logen­gelder. Auch 100,000 M. Waisengelder sollen ver­loren sein. Auch in diesem Falle ist der Sturz der Firma durch Wohlleben und Verschwendungs­sucht herbeigeführt worden. Maaß bewohnte ein luxu­riös eingerichtetes Haus, baute sich im vorigen Jahre in Swinemünde eine Villa für 120,000 M., hielt zwei Reit- und zwei Wagenpferde, für seine Kinder zwei Ponny's rc. Beachtenswerth ist, daß auch hier wieder die B ö r s e an dem Schaden nicht betheiligt ist; begaunert ist abermals lediglich das „Privatpublikum." Nachdem wir in der vorigen Woche Millionen-Krachs erlebt haben, ist der Maaß'sche Krach eigentlich eine Lappalie. Dem entsprechend wird er auch von der Börse und in den Börsenberichten behandelt. Die Börse ist zwar „tief verstimmt", aber im Grunde ist die Sache des Aufhebens gar nicht werth; „man darf annehmen, daß wirklich schlimme Eventualitäten ausge­schlossen sind", wird dem „Publikum" versichert. Denn man ist eben deshalb „tief verstimmt", weil das Pub­likum die Börse nicht mit Aufträgen beehrt. Daß die letzten Wochen mit ihren Enthüllungen über den Schwindel, den Luxus, die Genußsucht und Sitten­losigkeit, die gewissenlose Gewinnsucht in den besitzen­den Klassen Wasser auf die Mühlen der Sozial­demokraten sind, ist auch dem blödesten Auge klar. Es wird denn auch wacker in den Blättern aller Rich­tungen gepredigt; die,Post' enthält heute sogar hinter­einander zwei Artikel, in denen unter Hinweis auf die

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(43. Fortsetzung.)

Graf Bannstein machte schon am folgenden Tage den erwarteten Besuch. Er war sich in seinem Be­nehmen vollständig treu geblieben. Die Umgestaltung der Verhältnisse hatte vielleicht etwas mildernd auf manche Schroffheit in seinen Anschauungen gewirkt, vielleicht trat auch der Wunsch, Anderen Freude zu machen, die ihn in Elisabeth's Augen immer besonders ausge­zeichnet hatt, noch mehr hervor, sonst war er derselbe geblieben in seiner treuherzig derben Art, und wenn er auch noch mit einer direkten Aeußerung seiner Wünsche zurückhielt, so fühlte Elisabeth doch, daß die­selben in keiner Weise durch den Wechsel der beider­seitigen Verhältnisse beeinflußt waren.

_ Sie seufzte, als er wieder fort war. Er war so aufrichtig in dem Wunsche, sie glücklich zu machen. Dse edleren Seiten seiner Natur waren ihr heute wie­der zum vollen Bewußtsein gelangt; und doch sagte sie sich, daß ihr Herz nie die Gefühle erwiedern würde, die ihr hier so unverdient entgegengebracht wurden. Für sie gab es nur Einen, an dessen Seite ihr das Leben als ein Glück erschienen wäre, und zu diesem

Sozialdemokratie namentlich die oberen Zehntausend ermahnt werden in sittlicher Selbstzucht mit gutem Bei­spiel voranzugehen. Daß die Ermahnungen irgend etwas helfen werden, ist nicht anzunehmen. Wie lange wird nun schon aus Angst vor den Mächten des Umsturzes praktisches Christenthum gepredigt. Wollen wir ehrlich sein und uns keinen optimistischen Träumereien hin­geben, so müssen wir sagen, daß es nichts genützt hat und auch wohl nichts nützen wird, bis „der große Kladderadatsch" hereinbricht, für den die am meisten arbeiten, über die er die größten Trümmer häufen wird. Das Widerwärtigste an der Sittenpredigerei der Presse ist die Hänselei, mit der die Schuld von dem Einen auf den Andern zu werfen gesucht wird. Die sogen. Börsen- und Judenpresse vermerkt es mit Vor­liebe, daß der Adel und die hohe Beamtenwelt so eifrig und blind dem Gewinne nachzögen. Die konservative Presse entrüstet sich darob und schimpft auf die Juden, die Adel und Beamte um ihr Geld betrögen. Die einen benutzen den Krach, um gegen die Spielsucht, die Habgier und Unklugheit des „Publikums" zu eifern, als ob dies deren Schuld sei, daß es von Schwindlern betrogen würde, die andern fallen über die Juden und die Bankiers her, als ob diese das „Publikum" hätten betrügen können, wenn dies vorsichtiger und bescheidener gewesen wäre.

Deutsches Keich.

Berlin, 14. November.

* Die gestern erwähnte Konferenz zur Durchführung der Jnvaliditäts- und Altersversicherung befürwortete mit Rücksicht auf die Schädigung des öffentlichen Rechts­bewußtseins, welche durch betrüglich erlangte Renten­bewilligungen herbeigeführt wird, den Erlaß einer kaiserlichen Verordnung, betr. die Erweiterung der für die Wiederaufnahme des Verfahrens zugelasfenen Gründe. Aenderungen der Quittungskarten wurden nicht bean­tragt, dagegen erklärte sich die Versammlung einstimmig dahin, daß bei der Entwerthung der Beitragsmarken die Eintragung des schmalen schwarzen Strichs künftig Wegfällen müsse, da sie einerseits zwecklos sei, indem sie die wiederholte Verwendung der Marken nicht ver­hüte , andrerseits den Inhalt der Marke unkennbar mache. Ferner war man der Meinung, daß für die Eintragung des Datums nicht ein bestimmter Raum auf der Marke vorzuschreiben, daß vielmehr das Datum über die ganze Marke hingeschrieben oder gestempelt werden könnte. Für eine obligatorische Datumsein­tragung war die Mehrheit der Versammlung nicht. Die Versicherungspflicht der in ausländischen Transport­betrieben im Inland beschäftigten Arbeiter wurde an­genommen. — Mitgetheilt wurde, daß beim Reichs­versicherungsamt bis zum 1. November d. I. 961 Revisionen eingegangen sind, von denen bisher 250 er­ledigt wurden. Uebrigens sind es bisher weniger die Arbeiter, die mit den Urtheilen der Schiedsgerichte nicht zusrieden waren, als vielmehr die Anstaltsvor­stände und Staatskommissionen.

* Zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist der Entwurf eines neuen Eisenbahn-Betriebsreglements

Einen durfte sie, als eine Unwürdige, nicht den Blick erheben.

„Wie elend und schwach war ich und bin es noch," sagte sie sich, „daß ich dem Zauber, welchen er auf mich ausübte, nicht gleich von Anfang an widerstand! Ach, aber wo — wann war dieser Anfang zu finden? — Das ist eine Frage, die kein Herz zu beant­worten vermag. Wer kann voraussehen, daß aus der kleinen Quelle, welche ihr Wasser durch das Stein­geröll des Berges herabsendet, ein Strom anwächst, der je nach dem Zufluß oder der Einschränkung, welche ihm wird, den Wohlstand ganzer Völker begründen, oder sie mit seinen reißenden Fluchen vernichten soll?"

24. Unter der Ceder.

Seit jenem ersten Besuche waren einige Woche ver­gangen, und Elisabeth hatte häufiger Gelegenheit ge­habt, den Grafen zu sprechen. Die Gelegenheit oder vielmehr den Vorwand zu diesem regen Verkehr hatten die Pfingstferien ihrer Neffen geboten, die Graf Bann­stein den Knaben in der liebenswürdigsten Weise an­genehm zu machen versuchte. Frau Ormann behaup­tete, nicht die Courage zu haben, ihrem Mann in sei­ner jetzigen Stimmung die Knaben ins Haus bringen. Als Elisabeth in Folge dessen ziemlich rathlos vor der Frage ihrer Unterbringung gestanden, hatte sich Fräu-

vereinbart worden, der dem Bundesrathe zur Genehmi­gung unterbreitet wird.

* In der gestrigen Konferenz der deutschen und italienischen Handelsvertrags-Delegirten zu München ist der deutsch-italienische Handelsvertrag paraphirt und das Paraphirungsprotokoll unterzeichnet worden. Auch der Abschluß der österreichisch-italienischen Handelsvertragsverhandlungen ist gestern erfolgt. Die Paraphirung findet Anfang nächster Woche statt.

* Nach den ,Hamb. Nachrichten' sagte Fürst Bis­marck zu Doktor Hahn-Osten, er könne vorläufig nicht gut in den Reichstag kommen. Zunächst liege noch keine dringende Veranlassung vor, außerdem habe der Fürst keine Wohnung in Berlin.

* ,Der Sozialist', das „Organ der unabhängigen Sozialisten", ist heute zum ersten Male erschienen. Als Redakteur zeichnet Hermann Treistler, als Drucker und Verleger Wilhelm Werner. Das Blatt soll wöchentlich einmal erscheinen. Die Abonnements-Einladung wendet sich in erster Linie an „die unabhängig denkenden Sozialisten und an alle Diejenigen, denen eine Klärung der sozialistischen Prinzipien am Herzen liegt."

* Nach der ,K.-Z.' sagte der Kultusminister zu einem höheren Schulbeamten, daß an eine Gleichstellung der Lehrer höherer Lehranstalten mit den Richtern zweiter Instanz nicht zu denken sei, daß eine Gehalts­erhöhung nur bis zum Höchstsätze von 5400 Mark statt­finde und vor Allem von der Regulirung des Aufsteigens ganz abgesehen würde.

* Hildesheim, 14. Nov. Die Reichstags-Ersatzwahl für den hiesigen Wahlkreis findet am 18. Dezbr. statt.

* München, 14. Nov. Eine Deputation der Buch­druckergehilfen suchte eine Audienz beimKriegs- m in ist er nach zur Erbittung der Zurückziehung der mit Stadturlaub arbeitenden Soldaten, mit der Be­gründung, daß die Druckarbeiten des Landtags an ein Konsortium von sieben Druckereien vergeben seien, von denen drei leistungsfähige wegen Bewilligung der Ge­hilfenforderungen volles Personal hätten und die Arbeiten liefern könnten. Der Kriegsminister lehnte den Empfang einer Deputation ab, er empfängt dagegen morgen den Gehilfenvertreter Kiefer.

* Aus Franken, 13. Nov. Die sog. Kuttenangst, die Furcht vor den katholischen Orden, treibt im poli­tischen Leben oft die sonderbarsten Früchte. Wir er­innern hier nur an die Kämpfe, welche sich wegen der Wiederzulassung der katholischen Orden in einem Nach­barstaate abspielten. Praktisch können aber auch Nicht­katholiken nicht leugnen, daß die katholischen Orden eine große Bedeutung haben. Sie schicken ihre Kinder zur Erziehung oder Ausbildung mit Vorliebe in Klöster. Dies erhellt aus einer Korrespondenz der ,A. A.' aus Nürnberg, welche lautet: Es ist wohl von Interesse, daß die hiesige von den (kath.) Englischen Fräulein geleitete Töchterschule zur Hälfte von Nichtkatholikinnen besucht wird; unter den 402 Schülerinnen befinden sich 201 Katholikinnen, 155 Protestantinnen, 42 Israe­litinnen und 4 Schülerinnen gehörten einer hier nicht aufgeführten Konfession an.

lein von Buchenau bereitwillig zur Aufnahme der Kin­der für die Ferienzeit angeboten. Für die Unterhal­tung hatte, wie gesagt, der Graf gesorgt, und er zeigte einen so unerwarteten Eifer und ein solches Geschick, sich täglich ein neues Vergnügen für die kleinen Ge­sellen auszudenken, daß Elisabeth ihn halb lächelnd, halb mit Dankbarkeit und Bewunderung in seinem Be­rufe als guter Onkel beobachtete. Jedenfalls war diese Aeußerung seines Wohlwollens mehr wie alles Andere geeignet, ihr Herz für ihn zu gewinnen.

Die Sommersaison war jetzt auf ihrer Höhe ange­langt, das heißt, die sonst üblichen Abendgesellschaften in geschlossenen Räumen waren durch Gartenfeste ver­drängt, welche die Gesellschaft früher als sonst und in ungezwungener Weise vereinigte. Zu den Glücklichen, welche in der Lage waren, ihren Freundes- und Be- kannrenkreis unter schattigem Laubdache zu versammeln, gehörte auch Kommerzienrath Neumann. Weniger sein Geld, als seine geistig hervorragende Tochter hatten es fertig gebracht, in seinem Hause eine Freistätte zu schaf­fen, auf der sich die Spitzen der verschiedensten Ge­sellschaftsklassen begegneten. Auch Baronin Hellweg gehörte zu dem bunt zusammengewürfelten Kreise; aber wenn sie heute einer Einladung zu dem Vorzug sweis der Jugend gewidmeten Gartenfeste folgte, fo gescha