JV 264
Sonntag, den 15. November 1891
18. Jahrgang
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Deutsches Keich.
93erlin, 12. November.
* Am Dienstag tritt der deutsche Reichstag wieder zusammen. Da derselbe lediglich nach stattgefundener Vertagung seine Sitzungen wieder aufnimmt, unterbleibt natürlich auch der feierliche Akt der Eröffnung mittelst einer Thronrede. Vielleicht wird die auswärtige Politik bei den Etatsberathungen berührt werden und der Reichskanzler Gelegenheit nehmen, sich mit einigen Worten über unsere auswärtigen Beziehungen zu äußern. Uebrigens hat sich darin seit seinem Ausspruch über das durch die russisch-französische Annäherung zum äußerlichen Ausdruck gelangte europäische Gleichgewicht wohl nichts geändert. Der Etat wird dem Reichstage bald nach seinem Wiederzusammentritt zugehen, so daß wenigstens ein Theil desselben noch vor dem Weihnachtsferien erledigt werden kann. Die Handelsverträge dürften erst nach Neujahr eingehen; deren Annahme ist kaum zweifelhaft. Darüber, ob Fürst Bismarck im Reichstage erscheinen wird um die Handelsverträge zu bekämpfen, gehen die Meinungen anseinander. Es wäre kein wünschenswerthes Schauspiel, den früheren Reichskanzler im Reichstage persönlich gegen seinen Nachfolger auftreten zu sehen. Anders läge die Sache, wenn die heutige Regierung eine schroffe Wendung gegen die früher verfolgte Politik machte und damit die Träger der letzteren zur Ver- theidigung zwänge. Es handelt sich aber nicht um ein Überspringen vom Schutzzoll zum Freihandel, sondern um eine organische Weiterentwickelung der deutschen Wirthschastspolitik.
* Im Reichstagsgebäude findet eine Konferenz des Reichsversicherungsamts mit Vertretern der Landesversicherungsämter und den Vorständen der Jnvaliden- und Altersversicherungsanstalten zur Berathung wichtiger, die weitere Durchführung der Jnvaliditäts- und Altersversicherung betreffender Fragen statt. Ein großer Theil dieser Fragen betrifft die Quittungskarten; auch die Entwerthung der Beitragsmarken steht auf der Tagesordnung.
* Der Berliner Zweigverein des „Evangelischen Bundes" veranstaltete vorgestern Abend aus Anlaß des Reformationsfestes eine Lutherfeier, an der gegen. 1000 Personen th eilnah men. Der Prediger Lie. Weser, Professor M. Lenz und Superintendant Wegener tummelten in gewohnter Weise das Kulturkampfroß; namentlich mußte die Ausstellung des hl. Rockes zu Trier dazu herzuhalten, um den Theilnehmern einen rechten Abscheu vor dem Katholizismus beizubringen. Superintendent Wegener begrüßte es mit Freude, daß bei der Ausstellung des hl. Rockes „eine Theilnahme von Protestanten an den Festlichkeiten nicht stattgefunden habe". Schade, daß der Herr Superintendent über die Empfindungen geschwiegen hat, die ihm die geschäftliche Theilnahme von Protestanten an der Ausstellung, durch Verkauf von Bildern, Medaillen u. s. w., eingeflößt haben muß. Eins hat der Herr
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(42. Fortsetzung.)
Er bot ihr den Arm und führte sie zu einem etwas entfernt stehenden Sopha. Sie unterhielten sich lange und eifrig. Er fragte nach Allem mit der Theilnahme eines wahren Freundes, und sie antwortete mit der Unbefangenheit, welche nur das Bewußtsein, verstanden zu werden, eingiebt. Nachdem die eigenen Verhältnisse durchgesprochen, kam man auch auf andere, gemeinsame Interessen zu reden, und ehe Elisabeth wußte, wie es geschah, war auch Fräulein Bianca Neumann, die Tochter des Kommerzienraths, in ihre Erörterungen hineingezogen worden.
„Sie ist ein bedeutendes Mädchen, welches sich ihre bevorzugte Stellung in der Gesellschaft lediglich durch ihre eigenen Verdienste erworben hat", meinte Danfeld. „Man findet die Wahrheit, daß Jeder selbst der Begründer seines Schicksals ist, überhaupt mehr bestätigt, je tiefer man in das Leben hineinsieht."
„Diese Meinung theile ich nicht", warf Elisabeth lebhaft ein. „Bedenken Sie doch alle die Fallstricke und Schlingen, welche uns gelegt werden, und wie schwer es ist, den schwülen Weg einzuhalten, wenn ein
Supenintendent indeß vermißt: „den lebendigen Unwillen, den Lutherzorn gegenüber dieser Kundgebung". Dem „Evang. Bunde" ist eben die Verhetzung der Protestanten doch noch nicht in dem Maße gelungen, daß sich sofort der „Lntherzorn", der „lebendige Unwille" erhöbe, wenn die Katholiken nichts weiter thnn, als in großer Zahl öffentlich ihren Glauben dokumentiren. Hoffentlich kommt es nie dahin; es wäre um Deutschland übel bestellt, wenn die Drachensaat des „Evangelischen Bundes" aufginge.
* lieber den Ausspruch des Kaisers „suprema lex regis voluntas“ schreibt die .Köln. Vztg.': „Der Kaiser, welcher schon manche Probe eines stark entwickelten Herrschergefühls abgelegt hat, wird bei dieser Niederschrift gewiß nicht im entferntesten an eine anti-eonstitationelle Kundgebung gedacht haben. Daß im heutigen Verfassungsstaate nur das Zusammenwirken der Krone und der Volksvertretung Gesetze schafft, dieses Bewußtsein wird auch dem Kaiser niemals verdunkelt werden können. Sein Ausspruch ist allerdings mißdeutungsfähig; eine Berechtigung hat er in so fern, als der König bei der Gesetzgebung die ausschließliche Sanctionsgewalt hat. Da bei dem Besuche des Kaisers in München auch nicht der geringste Anlaß zu einer „selbstherrlichen" Kundgebung vorlag, so darf man unseres Erachtens hinter dem Spruche keine besondere Absicht suchen. Der Monarch nimmt in un- serm Verfassungsleben die erste Stelle ein, nicht nur als Würdenträger, sondern auch als Faktor der Gesetzgebung und wir sind die Letzten, welche die Prärogative des Staatsoberhauptes in Frage stellen möchten. Anderseits aber ist die kaiserliche und die königliche Gewalt beschränkt, nicht bloß durch ungeschriebene Gesetze einer höhern Ordnung, an welche kein irdischer Wille ungestraft heranreicht, sondern auch durch die positiven Bestimmungen der Verfassungen und Gesetze des Reiches wie der Einzelstaaten. Diese geschriebenen Rechtsordnungen anzutasten, lag ganz sicher nicht in der Absicht des Kaisers, wenn er wirklich jene Worte schrieb; dagegen kann man nicht in Abrede stellen, daß jener irnperatorische Grundsatz in seiner allgemeinen Fassung der Mißdeutung sehr ausgesetzt ist und an den schlimmen Spruch anklingt: Quod principi placuit, legis habet vigorem (was dem Fürsten gefällt hat Gesetzeskraft). Unseres Erachtens lag keinerlei Grund vor, in München die königliche Prärogative in dieser scharfen Form zu betonen, eben so wenig wie gelegentlich der Schulkonferenz zu dem bekannten Citat: Sic volo, sic jubeo, und ohne ganz bestimmten Anlaß würden, wie uns scheint, solche Citate besser vermieden.
* Für die allgemeine Börsen - Krisis, die sich im Anschluß an den Rückgang der russischen Werthe vollzogen hat, waren in Frankreich außer der deutschen Finance auch die französischen Juden, besonders Rothschild, verantwortlich gemacht worden. Der Pariser Rothschild hat es für nöthig befunden, sich von diesem Verdachte zu reinigen und die feierliche Versicherung abzugeben, daß sich das Haus Rothschild zu keiner Zeit einer Operation gegenüber abgeneigt gezeigt habe, die eine Regierung interessirte, mit welcher es immer die besten Beziehungen unterhalten habe. Sonst ist immer
zu heftiger Schlag unseres Herzens, eine Anwandlung von Freude oder Schmerz uns aus dem Gleichgewicht zu bringen vermag. Auch der Sicherste kann straucheln, und für Manchen scheint sich der Weg nie zu ebnen. Zur Rettung unserer Seelen giebt uns Gott die Freiheit des Willens und seine Gnade, aber unser Schicksal vertraut er nicht so schwachen Händen an".
Danfeld blickte sie einen Augenblick ernst an, dann sagte er: „Ich wollte Sie sprächen einmal mit Bianca über dieses Thema".
Die Anwendung des Vornamens berührte sie unangenehm und i.sie gab etwas gereizt zurück: „Wir stehen auf zu verschiedenem Standpunkten, um mit einander zu disputiren. Oder meinen Sie, Fräulein Neumann's Geistesrichtung könne einen heilsamen Einfluß auf mich ausüben."
Danfeld sah ihr freundlich in die Augen. „Wie unvernünftig Sie zuweilen sein können, Fräulein von Argast", sagte er, „Meine Wünsche beschränken sich nur darauf, daß Sie Fräulein Neumann kennen und schätzen lernen. Ich bin überzeugt, daß sie Ihnen eine ebenso gute Freundin sein würde, wie sie es mir ist."
„Auch eine Schwester?" fragte Elisabeth, auf eine vorher von ihm gemachte Bemerkung hindeutend.
nur von Beziehungen einer Macht zur andern die Rede! es scheint sonach, daß Baron Alphons Rothschild für sich den Anspruch erhebt, als Großmacht betrachtet zu werden. Die Versicherung Rothschild's, mit der russischen Regierung immer die besten Beziehungen unterhalten zu haben, berührt auch im Hinblick auf die Juden-Verfolgungen in Rußland eigenthümlich genug.
* Die Reichspostverwaltung weist die Behauptung eines Berliner Blattes zurück, daß sie ungerechtfertigte Ansprüche auf die Benutzung von Straßen rc. erhoben habe. Sie habe lediglich im Jnteresie des allgemeinen Verkehrs und des allgemeinen Wohls beansprucht, daß auf ihre Anlagen bei der Konzessionirung der Starkstromanlage gebührende Rücksicht genommen werde. Alle diese Erörterungen seien in einer beide Theile befriedigenden Weise erledigt worden. Gleichzeitig wird hervorgehoben, daß bei der noch jungen Entwickelung der Starkstromverwendung und bei den vielen in diesem Gebiet noch ungelösten wissenschaftlichen und technischen Fragen bis zum Erlaß des Elektrizitätsgesetzes noch Jahre vergehen können.
* Der Kultus- und der Finanzminister haben, wie der ,Post' aus Breslau gemeldet wird, dem Vorsitzenden des schlesisch-posenschen Verbandes höheren Lehrer mit- getheilt, daß die Wünsche der höheren Lehrer auf Gleichstellung im Gehalt mit den Richtern nicht zu erfüllen seien; höchstens würden Funktionszulagen für Oberlehrer gewährt werden.
* Wiesbaden, 13. Nov. Gestern Abend wurde hier eine Versammlung der Centrumspartei abgehalten, die den Zweck hatte, einen Wahlverein hier zu gründen. Zu dieser sehr gut besuchten Versammlung war auch der Abgeordnete Dr. Lieber - Gomberg erschienen, der in längerer Rede die Zwecke eines Wahlvereins beleuchtete. Die Versammlung beschloß, einen Wahlverein zu gründen, und eine Kommission, die mit Ausarbeitung der Statuten beauftragt wurde.
Ausland.
* Warschau, 13. Nov. Nach amtlicher Feststellung beträgt der Minder-Ertrag der diesjährigen Kartoffel-Ernte Polens 30 Millionen Rubel. Bedeutende Abladungen von Hülsenfrüchten nach Preußen fanden in den letzten Tagen statt.
* In Odessa und anderen südrusfischen Städten entwickelt die revolutionäre Partei eine eifrige Thätig- keit; dieselbe soll sich die weitverbreitete Unzufriedenheit und Aufregung, die durch die Hungersnoth verursacht wurde, sehr zu Nutze machen und ihre Progaganda eifrig fortsetzen, wenigstens schließt man dies aus der sichtbaren Angst und außerordentlichen Geschäftigkeit der öffentlichen und Geheimpolizei.
* Das französische Spionengesetz von 1886 soll abgeändert werden. Der neue Entwurf bedroht die Spionage mit einer niedrigsten Strafe: Gefängniß von einem Jahre; als höchste Strafe ist die Todesstrafe aufgenommen, welche Militärpersonen oder Beamten droht, die vrrrätherische Beziehungen zu auswärtigen Mächten unterhalten haben.
* Rom, 12' Nov. Der ,Osservatore Romano' und der Moniteur de Rome' sagen, Rudini's Erklärung
„Ja!" entgegnete Danfeld mit gesenktem Blick; „aber eine andere Art von Schwester, als Sie es mir sind."
Elisabeth überlief es heiß, aber sie bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe: „Möge sie Ihnen immer eine liebe und treue Schwester bleiben".
Beide schwiegen eine Weile, dann fragte Danfeld, zu ihr aufblickend: „Haben Sie Bannstein schon seit seiner Rückkehr gesehen?"
Sie verneinte.
„Dann wird er Sie jedenfalls bald aufsuchen. Was für ein sonderbarer Mensch er ist. Ich bin neugierig, wie er sich, in seine neue Stellung finden wird. Er Hot einige gute Seiten ..."
„O, er hat deren sehr viele", warf seine Nachbarin ein. „Ich mag ihn sehr gerne. Er ist aufrichtig und treu."
„Und sehr leichtsinnig", schaltete Danfeld ein, als sich Elisabeth auf weitere Vorzüge zu besinnen schien.
„Jedenfalls nicht berechnend", bemerkte sie nachdrücklich. „Außerdem kann man wohl sicher annehmen, daß ihn seine neuen Standesrücksichten vernünftiger machen."
„Es wäre zu hoffen ..." Hier wurde die Unterhaltung durch Baronin Hellweg unterbrochen, welche