JV 263
Samstag, den 14. November 1891.
18. Jahrgang
Zeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 12. November.
* Zu der Thatsache, daß Rudini und Salisbury gleichzeitig ihrem Vertrauen auf Erhaltung des Friedens Ausdruck gegeben, bemerkt die ,N. A. Z.: Wir dürfen daraus schließen, und wir haben die feste Ueberzeugung, daß England und Italien gleichmäßig entschlossen sind, ihr gewichtiges Wort für Erhaltung des Friedens, wenn derselbe bedroht werden sollte, in die Waagschale zu werfen.
* Der Reichskommissar für die Weltausstellung in Ehicago erläßt eine längere Mittheilung, aus der u. A. zu entnehmen ist, daß für Deutschland außer 205000 Quadratfuß bedeckten Raumes zur Errichtung eines deutschen Dorfes n. s. w. im Freien noch 210000 Quadratfuß zu Verfügung stehen. Der Platz wird völlig kostenlos an die Aussteller abgegeben. Die deutschen Bahnen befördern die Ausstellungsgüter hin und zurück für die halben Frachtsätze, die amerikanischen Bahnen gewähren freie Rückfahrt und erhebliche Vergünstigungen für den Hintransport. Ueber Frachtermäßigungen zur See wird noch verhandelt. Verzollt werden nur die Güter, die nach Schluß der Ausstellung in den Vereinigten Staaten in den freien Verkehr übergehen. Ueber den Schutz der Erfindungen und Handelsmarken hat die amerikanische Regierung eine Erklärung abgegeben, die alle in dieser Beziehung bisher aufgetretenen Bedenken beseitigt. Geübte Angestellte auswärtiger Ausstellungen, welche deren Maschinen aufstellen und in Betrieb halten, sind dem amerikanischen Kontrakt - Arbeiter - Gesetz nicht unterworfen. Der Reichskommissar fordert schließlich die Anmelder auf, wenigstens die vorläufigen Anmeldungen innerhalb der bis zum 1. Januar k. Js. laufenden Anmeldefrist zu bewirken. Diejenigen Aussteller, die bis dahin über die Art ihrer Betheiligung im Einzelnen oder über die Wahl des Vertreters noch nicht schlüsiig zu werden vermögen, können die endgiltigen Angaben einem späteren Zeitpunkte Vorbehalten.
* Der Generalstabschef Graf Schlieffen überreichte an der Spitze einer Abordnung des Großen Generalstabes dem General Grafen Waldersee in Altona ein Bild des Grafen Moltke, worauf Graf Waldersee im Garten des dortigen Generalkommandos unter entsprechenden Feierlichkeiten eine Linde pflanzte, an deren Fuß eine Tafel mit der Inschrift „Moltke-Linde 1891" eingelassen wurde.
* Die Frage der Aufbesserung der Beamtengehälter, einschließlich der Lehrergchälter wird demnächst in den größten parlamentarischen Vertretungskörpern der deutschen Staaten wieder eine hervorragende Rolle spielen. Die Regierungen müssen die Nothwendigkeit, hier den durch die Verhältnisse hervorgerufenen Wünschen zu entsprechen, anerkennen; es ist dies nicht nur eine soziale Pflicht, sondern ebenso eine Forderung politischer Klugheit. Finanzielle Bedenken werden bei den Milliardenetats unserer modernen Großstaaten in den betheiligten Kreisen keinen ernsthaften Eindruck machen und noch weniger Einwände, welche dem an Seltsamkeiten reichen
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(41. Fortsetzung.)
„Da siehst Du, wie er denkt," ließ sich jetzt Ada wieder vernehmen. „Und wenn ich ganz allein von ihm abhängen sollte — meine Kleider — meine Hüte — die vielen kleinen Toilettenbedürfnisse . . .," sie konnte vor Weinen nicht weiter reden.
„Sollte ich wirklich gänzlich mittellos bleiben," fuhr Elisabeth, kaum noch ihre Empörung bemeisternd, fort, „so muß ich Ihnen leider Ihre Stiefsöhne überlassen. Wenn nicht, so stehe ich mit Allem, was ich habe, für sie ein. Herr Walter wird Ihnen den geschäftlichen Theil der Sache besser erklären können, als ich ; außerdem bin ich nicht geneigt, Ihnen in Ihrer jetzigen Stimmung noch länger Rede zu stehen."
„Weiß Gott! das nennt man Einem die Thüre weisen," bemerkte der Major erstaunt.
„Welche Undankbarkeit!" rief seine Frau aufspringend. ----Vor weiteren Auslassungen
wurde Elisabeth bewahrt, da sich in diesem Augenblick die Thür öffnete, um Baron Danfeld einzulassen.
Eine allgemeine Stille empfing den Einlretenden.
„Wie freut es mich, Sie hier zu treffen," wendete sich derselbe nach der Begrüßung mit Elisabeth an
Gebiete der Beamtenhierarchie entnommen sind. Auch die bayerische Regierung, die Anfangs eine sehr zurückhaltende Stellung einnehmen zu wollen schien, ist jetzt entschlossen, nachdrücklich vorzugehen. Der Finanzminister hat in der Freitagssitzung des bayerischen Abgeordnetenhauses in dieser Beziehung bestimmte Erklärungen abgegeben; er sagte:
Der Landtag kann auf Grund des neuesten Standes der Dinge bei den Etatsberathungen die Ueberzeugung gewinnen, daß eine Aufbesserung der Beamtenbezüge unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Lehrer und unter gleichzeitiger Gewährung von Erleichterungen an andere Berufsklassen ohne Gefahr für den Staatshaushalt möglich ist. Inzwischen habe auch die Presse in dankenswerther Weise in der Frage mehr Licht in weitere Kreise getragen. Wer sich mit der Lage der Beamten nur einigermaßen beschäftige, könne heute darüber nicht im Zweifel sein, daß für die Beamten baldmöglichst etwas geschehen muffe. Der Druck werde mit der Zeit immer fühlbarer und weniger erträglich. Die Staatsregierung werde auch weiterhin diese nicht bloß für die Beamten, sondern für den Staat selbst höchst wichtige Sache angelegentlichst fördern, und er hoffe zuversichtlich, daß die Regierung noch in dieser Session mit dem Landtag eine Regelung derelben vereinbaren könne, welche billigen Anforderungen entspreche und dem Interesse und der Ehre unseres Vaterlandes gerecht werde.
* Der dem Bundesrath zugegangene Reichshaushalts-Boranschlag schließt mit Einnahme und Ausgabe mit 1200 Millionen Mark ab. Die Gesammt - Ausgabe des Vorjahres ist um circa 110 Millionen überstiegen, wovon 44 Millionen auf die fortdauernden Ausgaben entfallen. Für Zwecke der Verwaltungen des Reichsheeres, der Marine und der Reichs-Eisenbahnen ist eine Anleihe von 146 Millionen Mark vorgesehen. — Nach der gleichfalls dem Bundesrathe zugegangenen Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben für 1890/91 schließt das genannte Etats - Jahr mit einem Ueberschuß von mehr als 15 Millionen ab, trotz einer Etats - Ueberschreitung von über 110 Millionen bei den Ausgaben, der nur eine solche von gegen 8 Millionen Mark bei den Einnahmen gegenübersteht.
* Daß eine Beschränkung des Hausirhandels beabsichtigt ist, wurde schon vor längerer Zeit gemeldet. Das Ministerium der öffentlichen Betriebe hat nun an die Kölner Handelskammer ein Schreiben gesandt, worin diese Absicht kundgegeben wird. Die Handelskammer soll feststellen, in welchem Umfange die industrielle Thätigkeit auf den Haustrhandel angewiesen ist. Auszuschließen sind laut ministeriellem Schreiben: Putz- waaren, Luxusartikel, Tuche, Leinen, fertige Kleider, Anerbieten gewerblicher Leistungen durch Schirmflicker, Korbflechter, Verzinner, Scheerenschleifer, ferner nicht völlig unbescholtene Personen, sowie Taube, Stumme, Blinde und Kinder.
* Die Menge des im Oktober d. I. im deutschen Reiche hergestellten Branntweins betrug 156,741 Hektoliter reinen Alkohols (gegen 117,755 Hektoliter im Oktober 1890). Nach Entrichtung der Verbrauchs-Abgabe wurden in den freien Verkehr übergeführt 180,473 Hektoliter (gegen 168,277 Hektoliter im Oktober 1890). Ende Oktober verblieb in den Lagern und Reinigungs- Anstalten unter steuerlicher Kontrole ein Bestand von 156,367 Hektolitern.
* Die Maul- und Klauenseuche herrschte Ende
Frau Ormann. „Fräulein v. Argast bedarf in dieser traurigen Krisis viel freundschaftlicher Unterstützung. Und wie geht es Ihnen, Herr Major?"
„O, danke, ganz gut," erwiderte dieser etwas verlegen. „Wir waren gerade daran, Fräulein v. Argast vor dem Schwindler zu warnen, der ihr ihre Rechte streitig macht."
„Ich fürchte, er ist kein Schwindler."
Der Major murmelte etwas von „schon sehen" und „verfluchte Geschichte" und verschwand dann durch die Thür.
Seine Frau blieb noch einen Augenblick zurück.
„Nicht wahr, ein schreckliches Unglück, lieber Baron? Es ist mir gerade, als ob es mir selbst passirt wäre. Zu liebenswürdig von Ihnen, Elisabeth auszusuchen . . .," noch ein schmerzliches Lächeln, und sie war ihrem Gatten nachgeeilt.--
Danfeld schloß die Thür hinter ihr zu und wendete sich dann zu Elisabeth, welche noch mit allen Zeichen der durchlebten Aufregung in der Mitte des Zimmers stand.
„Ich fürchte beinahe, Ihre Verwandten sind schlechte Tröster für Sie gewesen," sagte er theilnahmsvoll.
„Ja, sie waren sehr grausam mit mir," gab sie mit gepreßter Stimme zu. „Wie grausam, das ahnten sie selbst nicht, da ihnen nicht bekannt war, was Sie
Oktober in Preußen in 69 Kreisen und 150 Gemeinden resp. Gutsbezirken (gegen 43 bezw. 86 Ende September). Im Regierungsbezirk Schleswig ist seit dem Mai d. I. kein Seuchenfall vorgekommen.
* Beim Betriebe auf deutschen Eisenbahnen (ausschließlich Bayern) sind im September d. I. 279 Personen verunglückt, davon 42 tödtlich. Unter den Ge- tödteten waren 4, unter den Verletzten 22 Reisende.
* An Entschädigungen für die auf polizeiliche Anordnung wegen Verseuchung getödteten oder nach dieser Anordnung gefallenen Thiere wurden im deutschen Reiche im Jahre 1890 gezahlt: für 1018 Pferde aus Anlaß der Rotzkrankheit 320670 M. (gegen 459834 M. für 1579 Pferde im Verjähre), für 763 Stück Rindvieh aus Anlaß der Lungenseuche 130687 M. (gegen 365097 M. für 1627 Stück im Jahr 1889), mithin zusammen für 1782 Thiere 451357 M.
* Bochum, 12. Nov. Die ,Wests. Volksztg.' erklärt auf die Kundmachung des .Reichsanzeigers', daß sie sämmtliche Behauptungen über die auf dem Bochumer Verein vorgekommenen Urkundenfälschungen und Betrügereien vollständig aufrecht halte. Die,Volksztg.' weist darauf hin, daß die Kundmachung bloß die letzten sieben Jahre umfasfe und für die Güte der Bochumer Schienen eintrete, während Unregelmäßigkeiten bedeutenderen Umfangs bei Abnahme von Achsen und Bandagen nachweisbar seien. Auch die Behauptung, der Geheimrath Baare sei Mitwisser bezw. Anstifter der Unregelmäßigkeiten, wird aufrecht erhalten. Die ,Volksztg.' fordert schließlich die Eisenbahnverwaltung zu öffentlicher Erklärung darüber auf, wie sie sich zu dem Verzeichniß gefälschter Stempel verhalte, das die ,Volksztg.' veröffentlicht hat.
* Der ,Frankfurter Zeitung' wird aus München vom 10. d. M. berichtet: „Als der deutsche Kaiser im September das hiesige Rothhaus besuchte, trug er seinen Namen in's goldene Buch der Stadt ein. Als Abends das sogenannte Fremdenbuch der Stadt mit der Bitte um die Eintragungen Caprivi's und der Begleitung des Kaisers vom Bürgermeister in die Residenz gesendet wurde, trug der Kaiser seinen Namen auch in dieses mit dem Beisatz ein: Suprema lex regis voluntas." Hierzu bemerkt das .Münch. Fremdenblatt': „Den thatsächlichen Inhalt dieser Korrespondenz können wir durchaus bestätigen. Die Sache kam so: Der Kaiser trug im Rathhause seinen Namen nicht in das „goldene Buch" ein. sondern in das Fremdenbuch; ein ihm überreichtes Blatt des „goldenen Buches" ist noch nicht zurückgekommen. In's Fremdenbuch schrieb der Kaiser seinen Namen Anfangs ohi.e jeden Zusatz. Als aber das Fremdenbuch zur Benützung durch den Reichskanzler in die Residenz geschickt wurde, setzte der Kaiser nachträglich unter seinem Namen: suprema lex regis voluntas — das oberste Gesetz ist der Wille des Königs. Dieser selbstherrliche Ausspruch ist in Bayern um ein ganzes Jahrhundert veraltet, denn Bayern besitzt schon seit 1818 eine Versüssung als Geschenk unseres Königshauses, während das preußische König- thum sich die Verfassung durch die Revolution von 1848 abtrotzen ließ. Es mögen daher in Preußen die
wissen. Wenn ich Ernst und Otto an Major Ormann überlassen soll, dann . . .," ihre Augen füllten sich mit Thränen.
Danfeld begann, zartfühlend über ihre Bewegung hinwegsehend, sein Eindringen zu entschuldigen, aber sie wehrte ihm ab. Dann erzählte er ihr von den Schritten, welche er in ihrem Interesse zu thun versucht. Er hatte unter dem Nachlasse seines Vaters einige Briefe des alten Herrn v. Argast gefunden, in welchen dessen Sohnes Georg Erwähnung geschah. Diese Briefe hatte er als Vorwand benutzt, um eine Zusammenkunft mit demselben bei Herrn Walter zu bewerkstelligen. Zuerst hatte sich der Vetter sehr unzugänglich gezeigt, ein wiederholter Besuch und eine längere Unterhaltung über seine moralischen Verpflichtungen gegen Elisabeth hatten ihn jedoch zu deren Gunsten umgestimmt. Besonders wirksam war die Versicherung gewesen, daß ein unedles Vorgehen gegen die seitherige Nutznießerin des Vermögens für alle Zeiten seine Stellung unter Standesgenossen schädigen würde. Danfeld glaubte, ohne bestimmte Zusicherungen erhalten zu haben, doch versichern zu können, daß Elisabeth einer günstigen Lösung der Erbschaftsfrage entgegen fehen könnte.
„Ich hoffe, Sie blicken der Zukunft jetzt nicht mehr zu schwarz entgegen," schloß er seinen Bericht.