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Freitag, den 13. November 1891.
>8. Jahrgang
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* Das Testament des heiligen Daters.
Der Londoner ,Daily Chronicle' erhält von seinem Pariser Korrespondenten nachstehende Mittheilungen, die wir mit ausdrücklichem Vorbehalt wiedergeben: „Ich erfahre soeben, daß bei dem Papste, wenn schon dessen Krankheit keine unmittelbare Gefahr befürchten läßt, doch ein sichtbarer Krästeverfall stattfindet. Die Darmentzündung, an welcher Leo XIII. schon seit längerer Zeit leidet, beginnt sich durch Schlafsucht und andere Symptome zu äußern, die eine Lähmung befürchten lassen. Ich bin in der Lage zu versichern, daß der Papst im vergangenen Oktober sein Testament gemacht hat. Das Dokument ist in lateinischer Sprache abgefaßt und beginnt mit einer herrlichen Dankbarkeitsbezeugung für die besondere Aufgabe, die dem gegenwärtigen Pontificate Vorbehalten war, worauf ein demüthiges Bekenntniß der menschlichen Schwachheit und eine Berufung auf die Verdienste Christi und die heroischen Beispiele der Heiligen folgt, insbesondere des hl. Joachim, des Vaters der allersel. Jungfrau und Namenspatron des hl. Vaters. Entgegen allen Gerüchten, die über diesen Gegenstand verbreitet wurden, findet sich in diesem Testamente nicht die geringste Spur eines Versuches, die Wahl seines Nachfolgers zu beeinflussen, oder der Bevorzugung irgend eines Kandidaten. Die diesbezügliche Stelle des Testamentes lautet wörtlich also: „Petrus, der reuige und seinem Herrn am meisten ergebene Apostel, der durch den Mund meiner Vorgänger und durch den meinigen gesprochen hat, wird mehr und mehr die unendliche Liebe Gottes verbreiten, durch denjenigen, der von meinen durch den Tod vertrockneten Händen den Ring und das Siegel des Fischers nehmen wird." Der Papst spricht sodann vom heiligen Hause des Zimmermannes von Nazareth, das er als den göttlichen Tempel der Arbeit bezeichnet, dieses erhabensten Gebetes unserer gefallenen Natur, welches den Schweiß von der Stirn des Menschen in die Salbung der zeitlichen Gnade und in das Unterpfand unsterblicher Glorie nach dem Tode verwandelt hat.
Diese wenigen Auszüge genügen schon, um eine Idee zu geben von diesem so rührenden, so friede- und mildevollen Schriftstücke, so recht würdig des Papstes, dessen einziger Ehrgeiz es war, von der Geschichte dereinst „der Arbeiterpapst" genannt zu werden.
Ein anderes Testament, welches über zeitliche Angelegenheiten verfügt, befindet sich in Verwahrung von vier Kardinälen und wird natürlich geheim gehalten; immerhin kann ich versichern, daß der größte Theil des Vermögens des heiligen Stuhles bei der Bank von England deponirt oder in Werthen der Vereinigten Staaten angelegt ist. Falls also der Papst durch die Ereignisse gezwungen wäre, Rom zu verlassen, dann wären die finanziellen Interessen der katholischen Welt durch Garantieen erster Ordnung in England und Amerika gesichert."
a Der Geizhals.
Nacherzählt von Cora von Schönburg.
(40. Fortsetzung.)
22. Zärtliche Verwandte.
Fräulein von Buchenau war auf's Tiefste ergriffen, als sie den Wechsel in dem Schicksale ihres Schützlings erfuhr.
„Was werden Sie jetzt thun?" war die Frage, welche sich ihr unwillkürlich auf die Lippen drängte.
„Das frage ich mich selbst," war Elisabeth's gelassene Erwiderung; denn vorausgesetzt sogar, daß es gelingen sollte, meinen Vetter zur Nachsicht zu bewegen, so brauche ich doch den kleinen Rest meines väterlichen Einkommens zur Unterstützung meiner Neffen."
„Aber es sind ja nicht einmal Ihre rechten Neffen, und ist ihre Mutter nicht in erster Linie verpflichtet, für sie zu sorgen?" warf Fräulein von Buchenau mit einiger Schärfe ein.
„Ach, die arme Ada! Sie hat gar kein eigenes Vermögen. Es wird ein furchtbarer Schlag für sie sein," seufzte Elisabeth.
Ihre Zuhörerin ahnte wenig von den Gewissensbissen, welche sie quälten, wenn sie an die falsche Stellung dachte, in die ihre Schwägerin um ihretwillen hineingerathen war. Welcher Ausbrüche von Wuth mußte man bei Major Ormann gewärtig sein.
X Die Stimmung in Derlin.
Uff! Sie athmen wieder erleichtert auf im Tempel und in den Privatkapellen des goldenen Kalbes. Der Ansturm von Forderungs - Berechtigten auf die Banken, ist ohne weiteren Krach vorübergegangen. Am schärfsten war der Ansturm auf ein altes und bedeutendes Bankgeschäft in der Leipzigerstraße; dort sollen am Montag Forderungen von 12 bis 15 Millionen gestellt und ohne Zögern beglichen worden sein. Recht charakteristisch ist der Vorfall, auf den man in Börsen- kreifen das grundlose Gerücht von der Unsolidität dieser Firma zurückführen will. An der Börse laufen viel „Witzbolde" herum und ein „fauler Kalauer" ist dort gerade in trüben Zeiten recht beliebt. Nun soll Einer mit geheimnißvoller Miene gesagt haben: „Wissen Sie, in der Leipzigerstraße ist auch ein großes Haus, das nicht koscher ist." Natürlich legte sich der Angeredete schleunigst auf's Fragen und Rathen, und bekam dann die Auskunft: „Das ist das große Wurstgeschäft von H., der gehört nicht zu den Koscher-Schlächtern. Dieser einfältige Scherz soll nun weiter erzählt worden sein und unterwegs die Pointe verloren haben, so daß bloß das Gerücht übrig blieb, daß es mit einem Bankgeschäft in der Leipzigerstraße faul stehe. Zum Ueberfluß kam das Gerücht auch noch in die Spalten eines Klatschblattes, und nun rückte das Publikum in Schaaren auf das bekannteste Bankgeschäft der genannten Straße los. Die Leute, die mir diese „witzige" Geschichte erzählten, waren gar nicht besonders ungehalten über den Urheber des Kalauers. „Ein wahres Glück, daß er gerade ein Geschäft herausgegriffen hat, das es aushalten kann. Der guteAusgang diesesVorfalls wird sehr beruhigend wirken."
Charakteristisch ist ferner die unverhehlte Genug- thuung darüber, daß die Gebrüder Sommerfeld sich durch Selbstmord dem irdischen Richter entzogen haben. Dem Kommerzienrath Wolff nimmt man es sehr übel, daß er nicht auch zur Pistole gegriffen hat. Diese Vorliebe für Selbstmorde beruht nicht auf Blutdurst oder einem Uebermaß von Entrüstung über die Schuld, sondern einfach auf der Erwägung, daß der Tod des Angeklagten die gefährliche Neugierde des Gerichts einschränkt; man scheut die Enthüllungen, die das strafrechtliche Verfahren mit sich bringt. Freilich denken längst nicht alle Männer vom Fach so; die Besseren sagen, es müsse mal gründliche Klarheit und „Auskehr" geschafft werden, wenn auch der Heilungsprozeß schwere Opfer fordere. Uebrigens gehört die Ansicht, daß „Ehrenfragen" unter Umständen durch Selbstmord zu lösen seien, zu den schlechten Dingen, die aus den sogen. Kavalierkreisen in weitere bürgerliche Kreise gedrungen sind. Vom alten Wrangel erzählt man sogar, daß er seinem eigenen Sohne, der in einem faulen „Ehrenbandel" verwickelt gewesen, den Rath gegeben haben, sich zu erschießen. Die Unsitten, welche in der Offizierswelt ihren glänzendsten Ausdruck finden, wirken besonders ansteckend auf die Studenten und die Par- venu's. Zu letzteren gehören in gewissem Sinne auch die reich gewordenen Herren vom Geldmarkt, deren O, der Verwegenheit eines Sterblichen, die Vorsehung der ©einigen spielen zu wollen!
Fräulein von Buchenau verfolgte ihren Gedanken weiter.
„So schrecklich finde ich die Sache nicht," sagte sie; „sie hat einen reichen Mann."
„Der es genug findet, für sie selbst zu sorgen. Aber wie furchtbar muß der Gedanke sein, wenn die eigenen Kinder dem Gatten eine Last sind!"
Hier wurde die Unterhaltung durch einen eben von Herrn Walter anlangenden Brief unterbrochen.
Der alte Freund theilte Elisabeth in seinem Schreiben mit, daß er Herrn von Argast mit der Zeit doch von seinem rücksichtslosen Vorgeven abzubringen hoffe. Dann gab er einige praktische Rathschläge und pries schließlich den glücklichen Umstand, daß das angekaufte Haus auf Fräulein Trant's Namen eingetragen und damit vor allen Angriffen sicher gestellt sei. Den Wechsel der Vermögensverhältnisse, rieth er, noch so lange geheim zu halten, bis er eine Mittheilung an Frau Ormann für wünschenswerth halte.
Wenn jede Ungewißheit schon an und für sich schrecklich ist, so waren es die jetzt vor Elisabeth liegenden Tage noch mehr, denn das Bewußtsein, durch eigene Schuld alles Leid über sich und Andere gebracht zu haben, überwältigte sie mit vernichtender Gewalt. Hätte sie Danfeld's Großmuth ahnen können, so hätte
eifrigstes Bestreben bekanntlich dahin geht, durch „nobles Auftreten" und „noblen Passionen" die Erinnerung an ihren orientalischen Stammbaum oder ihren kleinbürgerlichen Ursprung zu verwischen. 4 Reit- und ein halbes Dutzend Kutschpferde hielt sich einer der verkrachten Selbstmörder; das mußte doch alle Welt überzeugen, daß er ein „Cavalier" sei.
Wer den Selbstmord als die „natürliche Lösung" gewisser Schwierigkeiten hinstellt, frevelt schwer an der sittlichen Ordnung. Die Wurzel des Uebels ist der Unglaube. Fällt die Furcht vor Gericht und Strafe im Jenseits fort, so befreundet man sich leicht mit dem Gedanken, daß der Selbstmord unter Umständen vorzuziehen sei. Von da ist kein sehr großer Schritt zu der Erwägung: „Ich kann diese oder jene That, z. B. eine Unterschlagung, immerhin mal riskiren; es wird ja aller Wahrscheinlichkeit nach gut gehen, und sollte es doch zum Krach kommen, nun, dann macht die Pistole der Geschichte ein Ende!" Also wer es gut meint mit der Menschheit, der sollte sich vor jeder, auch der mittelbaren Verherrlichung oder Vertheidigung des Selbstmordes hüten. —
Eine gute Folge der neuesten trüben Zwischenfälle wird hoffentlich die Einschränkung des Luxus und der Verschwendung in den Bank- und Börsenkreisen sein. Was man über die Lebensführung der beiden Sommerfeld, des Wolff nachträglich hört, ist geradezu haarsträubend. Eine solche Vergeudung des Geldes ging über die Grenze der Verrücktheit schon hinüber. Die treibende Kraft scheint weniger die Genußsucht, als die protzenhafte Eitelkeit gewesen zu sein. Die Sucht, sich mit großen überflüssigen Geldausgaben aufzuspielen, wird nach wie vor viele „Ritter" der Bank- und Börsenwelt beherrschen; aber man wird sie wenigstens vorläufig etwas zügeln müssm, weil für die nächste Zeit die unvernünftige Verschwendung etwas Verdächtiges an sich haben wird. Die Inhaber von Gour- mand-Wirthschaften, und von Spielzimmern, die Pferdehändler, die Tänzerinnen und was sonst noch von Prassern und Verschwendern lebt, werden freilich den Schaden davon haben. Aber für die Gesammtheit wäre es ein großer Vortheil, wenn der Luxus wieder ein vernünftiges Maß und eine edlere Form annähme. Die Ausrottung des Luxus darf man nicht wünschen, denn es hängen viele hohe Interessen davon ab und auch viele berechtigte Existenzen — von der kleinen Spitzenklöpplerin bis zum berühmten Maler. Aber eine Veredelung des Luxus ist zu erstreben. Vorbedingung dazu wäre freilich, daß in den Kreisen der „großen Finanz" nicht blos mit den unedlen, sondern auch mit den gar zu dummen Elementen etwas aufgeräumt würde. Einem der Verkrachten, der sich ganz besonderer Ehre und Auszeichnung erfreut hat, sagt man einen außerordentlichen Mangel an Geisteskraft nach und fügt hinzu, daß auch bei manchem wirklichen oder angeblichen Millionär die Leere des Kopfes in einem schreienden Mißverhältniß zu der Fülle der Börse stehe. Man muß dieses Moment bei der Erklärung der Katastrophen mit beachten.
sie nie die Schranke überschritten, welche Recht von Unrecht scheidet. — Aber, o, wie viel endlose Reue birgt dieses „Hätte ich!" für so Viele, wenn es in dem Bewußtsein des „Zu spät!" empfunden wird! —
Trotz aller Niedergedrücktheit gelang es ihr doch, äußerlich ihren Gleichmuth zu bewahren, und die Wenigen, welche sie in dieser Zeit sahen, ahnten nichts von der furchtbaren Katastrophe, welche ihr Inneres erschütterte.
Einen Lichtblick in allen Sorgen bildete die Art, wie Eva Trant ihre Eröffnungen aufnahm. Das selbst einst so schwer geprüfte Mädchen wußte nicht, wie sie ihren dankbaren Absichten für die Zukunft genugsam Ausdruck geben sollte. Es erschien ihr fast wie eine glückliche Fügung des Himmels, daß es ihr endlich vergönnt' wäre, die Verdienste wieder zu vergelten, welche sich ihre Wohlthäterin um sie erworben. Sie bestand sogleich daraus, alle bisher nur mündlichen Vereinbarungen jetzt in einem rechtsgültigen Vertrage nieder zu legen, um Elisabeth dadurch auch ihren Verwandten gegenüber die Sicherheit eines festen Einkommens zu gewähren.
Die Auseinauderfetzung mit Ada ließ Elisabeth um so Schlimmeres befürchten, aber sie befaß moralischen Muth genug, um trotz Herrn Walter's Gegenrede die erste Mittheilung an ihre Schwägerin selbst zu übernehmen. Dabei stellte sie sich lebhaft den Eindruck vor,