Einzelbild herunterladen
 

261 Donnerstag, den 12. November 1891. 18. Jahrgang

Fuldiier M Zeitung

Erscheint täglich, Sonn' und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder der«Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher AbouuementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeiingr ,Rachgeber für Landwirchschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. November.

* Der dankenswerthe Erlaß der Minister Miquel und Herrfurth wegen Herabsetzung der Gemeindeein­kommensteuer wird vom,Reichsanz.' veröffentlicht. Das neue Einkommensteuergesetz wird zweifellos in den meisten Gemeinden eine beträchtliche Erhöhung des Steuerertrages mit sich bringen. Wo nur die Gemeinde- Bedürfnisse wesentlich durch Zuschläge zur Staats­steuer ihre Deckung finden, ist eine Herabsetzung dieser Zuschläge gewiß eine Forderung der Gerechtigkeit. Müßte der alte Prozentsatz weiter bezahlt werden, so würden die Steuerpflichtigen, die in Folge schärferer Einschätzung oder wegen des erhöhten Steuersatzes mehr Staatssteuern zahlen müssen, ganz empfindlich und oft unbillig belastet. Auch würde die ganze Steuer­last verschoben werden uud vorwiegend die mittleren Einkommen treffen. Die Gemeinden würden durch die Mehreinnahmen leicht zu neuen, entbehrlichen Ausgaben verleitet und könnten zudem steuerkräftige Gemeinde­mitglieder vertreiben. Unbillige und übermäßige Zu­schläge würden wieder die Durchführung des Ein­kommensteuergesetzes erschweren und eine zweckmäßige Regelung auch der Kommunalsteuer gefährden. Alles dies setzen die Minister in ihrem Erlaß auseinander uud mahnen dann, bei der nächsten Veranlagung die Rückwirkungen des neuen Einkommensteuergesetzes zu berücksichtigen und die Zuschläge soweit herabzusetzen, daß das Jahresaufkommen dem bisherigen Ertrage entspricht. Sofern sich das Ergebniß der Einkommen­steuer-Veranlagung noch nicht übersehen lasse, würde es sich empfehlen, für das zweite und die folgenden Quartale eine Herabsetzung der Zuschläge vorzusehen oder gegen Schluß des Etotsjahres die erforderliche Zahl von Monatsraten der Zuschläge außer Hebung zu lassen. Zu diesem Vorgehen können die Minister die Gemeinden freilich nicht zwingen. Die betheiligten Personen werden aber hoffentlich schon im eigenen Interesse den Wink beachten. Schon die neue Ein­kommensteuer wird viel Unzufriedenheit erregen. Da werden die kommunalen Körperschaften wohl nicht allzu viele Lust empfinden, den durch hohe Zuschläge noch mehr gereizten Unwillen auf sich zu lenken.

* Von den Banquiers Gebrüder Sommerfeld, die sich am Sonnabend erschossen haben, ist der jüngere, Felix, bald darauf, der ältere, Sigismund, gestern früh gestorben. Die Ursache der Katastrophe ist der durch die Verschwendungssucht des Sigismund unaufhaltbar gewordene Zusammenbruch der Firma Friedländer und Sommerfeld. Hier waren genau, wie im Wolff'schen Falle, Depots angegriffen und vergeudet worden, und ebenso reichen hier die Depotseinlagen bis in die höchsten Kreise hinauf. Das Defizit beträgt über drei Millionen Mark.

* Dem Bundesrathe liegt ein Antrag Braun­schweigs vor, wonach die Herstellung unzüchtiger Werke zum Verkaufe, sowie das Feilbieten und Änpreisen solcher Werke, gleichviel in welcher Form, mit Geld­strafe bis 300 Mark oder Gefängniß bis zu 6 Monaten

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(39. Fortsetzung.)

Mit wie anderen Gefühlen, als bei ihrem ersten Besuche, legte sie heute den weiten Weg zurück! Er Mußte jetzt Alles, und der Gedanke, mit ihm reden, den Klang seiner Stimme hören und seinem milden, freundlichen Blick begegnen zu können, erfüllte sie bei aller Sorge doch mit unbeschreiblicher Freude. Trotz­dem war es unendlich schwer, ihm die schwerwiegenden Folgen ihres Unrechts enthüllen zu müssen! Ein Zittern durchlief ihren Körper, als sie endlich, den Klingelzug in der Hand, vor seiner Wohnung stand.

Ihre von dem Briefe unterstützte Anfrage, ob Baron Danfeld zu sprechen sei, wurde schon nach wenigen Minuten durch ihn selbst beantwortet.

„Ich fürchte, es ist kein angenehmer Grund, welcher Sie hierher treibt," sagte er, besorgt in ihr verstörtes «Gesicht blickend, als er die Thür seines Arbeitszimmers hinter ihr schloß.

Sie nahm Platz, schwieg eine Weile und sagte dann: „Als ich das letzte Mal zu Ihnen kam, da ge­schah es in der Hoffnung, Ihnen durch mein Be- kenntniß zu helfen. Heute muß ich selbst ihre Hilfe in Anspruch nehmen."

bestraft werden soll. Bisher war nur der Verkauf und überhaupt die Verbreitung, sowie das öffentliche Ausstellen und Anschlägen solcher Werke von der er­wähnten Strafe bedroht.

* Der Verband deutscher Baugewerks - Berufs- Genossenschaften petitionirt zur Krankenverficherrnigs- Novelle beim Reichstage dahin, daß die auf Grund des Bauunfallversicherungsgesetzes gegen Betriebsunfall zu versichernden selbstständigen Baugewerbetreibenden verpflichtet sein sollen, sich auch gegen Krankheit zu versichern.

* Nach dem dem Bundesrath zugegangenen Gesetz­entwurf über die Einnahmen und Ausgaben der Schutz­gebiete sollen alle Einnahmen und Ausgaben für jedes Jahr veranschlagt und auf den Etat der Schutzgebiete, der vor Beginn des Etatsjahres durch Gesetz festzustellen ist, gebracht werden. Ferner soll bald nach Schluß des Etatsjahres, spätestens aber in dem folgenden zweiten Jahre dem Bundesrath und dem Reichstage eine Ueber- sicht sämmtlicher Einnahmen und Ausgaben des ersteren Jahres vorgelegt werden; in dieser Uebersicht sollen die über- und außeretatsmäßigen Ausgaben zur nachträg­lichen Genehmigung besonders nachgewiesen werden. Ueber die Verwendung aller Einnahmen soll durch den Reichskanzler dem Bundesrathe und dem Reichstage zur Entlastung jährlich Rechnung gelegt werden. Im Falle außerordentlichen Bedürfnisses soll die Aufnahme einer Anleihe, sowie die Uebernahme einer Garantie zu Lasten eines Schutzgebietes im Wege der Gesetzgebung erfolgen. Für die aus der Verwaltung eines Schutz­gebietes entstehenden Verbindlichkeiten soll nur das Vermögen dieses Gebietes haften. Der dem Gesetz­entwurf beigefügte Etat für 1892/93 stellt die Ein­nahmen und Ausgaben wie folgt fest: für das Schutz­gebiet von Kamerun cuf 566.090 M-, für das Schutzgebiet von Togo auf 116.000 M. und für das südwestafrikanische Schutzgebiet auf 297.000 M. Auf Schutzgebiete, deren Verwaltungskosten ausfchließlich von einer Kolonialgesellfchaft zu bestreiten sind, finden die Bestimmungen des neuen Gesetzes keine Anwendung. Für das ostafrikanische Schutzgebiet sollen die vorge­nannten Vorschriften erst mit dem 1. April 1894 in Kraft treten, sofern nicht durch kaiserliche Verordnung ein früherer Zeitpunkt festgesetzt wird.

* Der kaiserliche Gouverneur für Deutsch-Ostafrika wurde angewiesen, den Korrespondenten Eugen Wolff, der zuletzt von Sansibar an das Berliner Tageblatt' berichtete, das Betreten der deutschen Schutzgebiete ferner zu verbieten. Zur Begründung dieser Maßregel führt die ,Nordd. Allg. Zeitung' Folgendes an: Die Berichte des Herrn Eugen Wolff, welche nicht blos für Deutsch­land bestimmt sind, sondern von dort an die deutsch­ostafrikanische Küste zurückgelangen, sind nach ihrem theils unwahren, theils tendenziösen Inhalt geeignet, die Autorität des Gouverneurs zu schädigen, den Be­amten wie den Eingeborenen gegenüber das Ansehen der deutschen Herrschaft zu untergraben, hierdurch aber die Sicherheit und die ruhige Entwickelung der Kolonie zu gefährden.

Er blickte verwundert zu ihr auf; sie aber fuhr nach kurzer Paufe fort: „Der Sohn meines Onkels, den wir seit 14 Jahren tobt glaubten, ist plötzlich wieder erschienen."

„Und er kann seine Identität beweisen?"

„Ja, ich war selbst Zeuge, als er von Herrn Walter erkannt wurde."

„Stand Herr Walter früher in näheren Beziehungen zu ihm?"

„Ja. Er scheint ungefähr sein einziger Freund ge- wefen zu fein."

„Warum ist er nicht früher erschienen, um seine Rechte geltend zu machen?"

Elisabeth erzählte, was sie selbst eben erfahren hatte; sie beschrieb auch die feindselige Stimmung des Ankömmlings und Herrn Walter's trübe Auffassung der Sachlage.

„Daß er ein Recht hat, Ihnen Alles zu nehmen, ist sicher," bemerkte Danfeld; „aber er wird es nicht thun."

„Mir scheint, daß er Alles nehmen wird, was er kann," entgegnete sie, und daun fuhr sie erregt fort: „O, es wäre mir nichts, arm zu sein; ja, es wäre mir eine Erleichterung, das Geld zurückgeben zu können, das wie eine Last auf mir gelegen hat; aber die armen Kinder, die ganz auf mich angewiesen sind! Wie wer-

Ausland.

* Die silberne Hochzeit des Kaisers und der Kai­serin von Rußland wurde gestern im ganzen russischen Reiche festlich begangen. Die Spenden, welche aus diesem Anlaß gestiftet wurden, sind größtentheils für wohlthätige Zwecke bestimmt.

* Pans, 9. Nov. Kaiser Don Pedro sagte einem Besucher, er sei bereit, seine Kraft und sein Leben Brasilien wieder zur Verfügung zu stellen, wenn das Volk ihn zurückrufe; doch versicherte er, über die Vor­gänge in Rio noch keine näheren Nachrichten erhalten zu haben.

* In Lille wurde der Sozialist Lafargne mit 7714 Stimmen gegen den Republikaner Depaffe, der 5175 Stimmen erhielt, gewählt. Lafargne befindet sich zur Zeit noch im Gefängniß, er empfing gestern den ganzen Tag über die Wahlresultate durch seine Frau. Den ganzen Tag über fanden gestern in Lille Kundgebungen der republikanischen Studentm statt. Sie durchzogen die Stadt in geschlossenem Zuge und riefen, sobald Sozialisten sich zeigten: „Nieder mit den Preußen!" Die Truppen sind bis morgen konsignirt.

* Gestern fand in Sevres die Enthüllung des Denkmals Gambetta's statt, welches von der elsaß- lothringischen Vereinigung errichtet ist. Bourgeois, der Minister des öffentlichen Unterrichts, leitete bett öffentlichen Festakt; eine große Zahl von Senatoren und Deputirten war anwesend, ebenso alle Pariser elsaß-lothringischen Gesellschaften. Eine große Zahl von Kränzen wurde an dem Denkmal niedergelegt, fo von Kolmar, Hagenau, Mülhausen, Bisch, Gravelotte, Straßburg u. s. w.

* Der Kongreß der Bergarbeiter im Departement Pas de Calais hat die an die Arbettgeber zu stellen­den Forderungen nunmehr festgesetzt. Der Hauptsache nach bestehen dieselben in dem Verlangen einer acht­stündigen Arbeitszeit, sowie eines durchschnittlichen Tagelohns von 5 Francs 50 Cts. Erfüllen die Arbeit­geber diese Forderungen nicht, so soll am Sonntag der allgemeine Streik erklärt toerben.

* Der italienische Ministerpräsident Rudini hat gestern in Mailanb in bem prächtig erleuchteten Scala-Theater seine Programmrebe gehalten. Derselben wohnten etwa 2000 Personen bei, barunter sämmtliche Minister, 180 Deputirte und Senatoren, sowie Vertreter zahlreicher politischer Vereine. Rudini sprach zunächst über die finanzielle Lage Italiens, das bisher noch nie ein Gleichgewicht im Budget gehabt. Weiter sagte Redner, der innere Frieden Italiens sei gesichert; der Papst trete manchmal drohend (?) auf, er würde aber von der Regierung entschieden auf seinen geistlichen Wirkungskreis beschränkt. Der Zwischenfall im Pan­theon werde die Regierung nicht von ihrer traditionellen Kirchenpolitik abbringen; „erörtern wir nicht wegen solcher Kleinigkeit die Verfassung des Staates, rühren wir nicht an das Garantiegesetz, dessen Nutzen eine lange Erfahrung offenkundig gemacht hat." Auf seine treuen Verbündeten gestützt, könne Italien die Entwick­lung der auswärtigen Politik mit Ruhe verfolgen.

den sie den Unterschied empfinden, wenn ich nicht mehr für sie sorgen kann! Für sie, für sie, Baron Danfeld, komme ich zu Ihnen und flehe Sie an, das Testament vorzuzeigen, welches der Grausamkeit meines Vetters allein Einhalt zu thun vermag. Sie sind ja berechtigt zu sagen, daß Sie es aus Schonung für mich zurück- gehalten haben. ... Ist es nicht so?"

„Das Testament!" rief Danfeld aufspringend und in lebhafter Erregung das Zimmer durchmesiend. „Das Testament! Mein Gott, ich habe es vernichtet! Ich verbrannte es, um Sie für alle Zeiten sicher zu stellen, und nun gebe ich Sie anstatt dessen rückhaltlos in die Hände dieses Mannes . . . Können Sie mir verzeihen! O, vergeben Sie mir!"

Er ergriff ihre Hand und hielt sie einen Augen­blick mit flehender Gebärde fest.

In Elifabeth's Herzen vermochte sich nur Ent­täuschung, nicht Groll, über die That des geliebten Mannes Raum zu verschaffen, und es kam weich und überzeugungsvoll von ihren Lippen, als sie sprach:

„Ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen. Nur Ihr Edelmuth hat Sie zu dieser Uebereilung getrieben! Wenn mein Vetter das bereits verausgabte Geld nicht zurückverlangt, so bleibt mir auch noch genug zum Leben; ich kann selbst den Kindern vielleicht noch etwas