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259 Dienstag, den 10. November 1891. 18. Jahrgang

Fuldaer MZeiMg

die mein und meiner Mutter Leben

nahm einen Stuhl und fuhr dann,

Gedanken anläßlich des Trunksuchlsgesetz- Entnmrfs.*)

i.

Vergnügungssucht und Trunksucht.

Daß ein enger Zusammenhang besteht zwischen Vergnügungssucht und Trunksucht, wird Niemand leug­nen. Wir kennen ja kaum ein Vergnügen, heiße es Tanzmusik, Konzert, Vereinsfest usw., bei dem nicht getrunken würde, und es ist zu verwundern, daß in einem Entwurf, welcher die Trunksucht beschränken will, auf die Einschränkung der vielen Vergnügungen gar keine Rücksicht genommen wird.

Daß in den letzten Jahren die Vergnügungssucht ganz gewaltig überhand genommen hat, ist eine unbe­strittene Thatsache. Man nehme nur ein Mal die Lokalblättchen zur Hand und studire sie genau mit Rücksicht auf diesen Punkt. Man wird staunen, wie selbst auf dem Lande ein Vergnügen dem andern folgt. Jetzt ist Frühkirmeß, natürlich mit Tanzmusik, meistens an drei Tagen und an mehreren Stellen, denn die Tanzsäle sind in den letzten zwanzig Jahren wie Pilze aus der Erde geschossen. Dann kommt das Stiftungs­fest des Krieger-Vereins, natürlich wieder mit Ball, vielleicht dauert es auch drei Tage. Jüngst lasen wir in einem Kreisblatt folgende Anzeige: „Stiftungsfest des Krieger-Vereins zu G. Programm. Samstag den 5. September: Ankündigung des Festes durch Böller- fchüsfe und Reveille. Sonntag-Nachmittag 5 Uhr: Zug durch den Ort und große Parade. Nachher Tanz­musik. Montag-Nachmittag 4 Uhr: Großer Aufzug. Nachher Ball. Dienstag: Zug zur Gier Mühle. Nachher Tanzmusik, verbunden mit Polonaise und großer bengalischer Beleuchtung." Ganz nach hohen Mustern! Ist das eine Stiftungsfest vorbei, so hat vielleicht der Gesangverein das {einige; dann kommt der Turnverein, Gesangverein Nr. II usw., dann Neujahr und Fastnacht, natürlich wieder mit Tanzmusik, Spätkirmeß mit drei­tägiger Tanzmusik. Selbst an den hohen Feiertagen Ostern und Pfingsten ist an vielen Stellen Tanzmusik,

Man sage nicht, daß wir übertreiben, wenn auch der Uebelstand nicht überall in gleicher Weise besteht. Diese häufig wiederkehrenden Vergnügungen sind eben so viele Gelegenheiten zum Trinken. Die Tanzmusiken dauern meist übermäßig lang. Auf dem Lande geht Las Vergnügen gewöhnlich schon um 5 bis 6 Uhr an und dauert bis zum frühen Morgen, also oft 9 bis 10 Stunden. Daß es dabei regelmäßig Betrunkene gibt, ist ganz selbstverständlich. Wie viel Lüderlich- keit dann vorkommt beim Nachhausegehen, weiß jeder erfahrene Seelsorger. Und wie viele Schlägereien sind die Folgen dieser Tanzmusiken? Wie häufig liest man in den Zeitungen: Bei der Kirmeß zu X geriethen mehrere junge Leute in Streit usw. Schreiber dieses ist jetzt beinahe zwei Jahre in einer ländlichen Gemeinde; beinahe jedes Mal, wenn Tanzmusik war, hat's auch, wenn nicht gerade blutige Schlägereien, doch ernste Streithändelabgesetzt. Dazu kommt, daß sich das junge

*) Aus der Kölnischen Volkszeitung.

a Der Geizhals.

Nacherzählt von Cora von Schönburg.

(37. Fortsetzung.)

Herr Walter stand erbleichend auf, dann klammerte er sich, wie um eine Stütze zu suchen, an die Stuhl­lehne fest und stammelte tonlos:

„Georg von Argast!"

„Ja, Georg von Argast, — ich wußte, daß Sie mich erkennen würden."

Die wenigen Worte hatten Elisabeth mit einem Schlage eine furchtbare Wahrheit klar gemacht. Das Testament ihres Onkels war unterschlagen — jetzt trat der Sohn und natürliche Erbe in seine Rechte. Was sollte aus denen werden, welchen sie mit ihrem Reich- chum helfen wollte?

Wie von Entsetzen gelähmt, starrte sie einen Augen­blick in das unsympathische Gesicht des Eindringlings. Niemand unterbrach die peinliche Stille, bis Georg von Argast endlich das Wort ergriff.

„So, Ihr hieltet mich Alle für tobt — für un­schädlich?" sagte er hämisch. „Ihr dachtet nicht, daß ich wiederkommen könnte, um die glücklichen Erben meines Vaters aus ihrem Besitze zu verdrängen?"

„Aber wie kommt es, daß Sie noch leben?" stieß Herr Walter, nach Fassung ringend, hervor.

noch Verwandte, bewahren sollen, vergiftet haben?"

Er hielt ein,

Elisabeth gerade

kein Zweifel an meiner Berechtigung übrig bleibt, so werde ich Ihnen jetzt meine Geschichte erzählen. Sie wissen", wendete er sich halb an Herrn Walter, „daß ich, nachdem ich meiner elenden Häuslichkeit entronnen war, eine Anstellung als Schiffsjunge fand und in dieser Eigenschast nach Sidney gelangte. Einer meiner Reisegefährten, ein kluger, aufgeweckter Geselle, schlug mir vor, mit ihm nach den Goldminen aufzubrechen. Wir machten uns auf und gelangten nach langer be­schwerlicher Wanderung an das Ziel unserer Wünsche.

da wir bereits vor vierzehn Jahren von einem Augen­zeugen die Nachricht Ihres Todes empfingen."

„Der elende Lügner! Es war allein des Herkom­mens werth, ihn in sein Nichts zusammenkriechen zu sehen, als ich ihm jetzt plötzlich gegenüber trat."

„Warum benachrichtigten Sie mich nicht van Ihrer Existenz, als Sie den Tod Ihres Vaters erfuhren?"

„Ich kümmerte mich nicht um sein Leben und Ster­ben. Meinen Sie, ich hätte Zeit und Gelegenheit ge­habt, jeden Tag die Familien-Nachrichten in den Zei­tungen zu studiren? Für mich gab es weder Frennde Wie hätte ich denen ein Andenken

in's Gesicht sehend, fort: „Damit

Volk nicht auf die Vergnügungs-Gelegenheiten in der eigenen Gemeinde beschränkt. In der Nachbarschaft ist ja auch Kirmeß und Tanzmusik, und da muß man wieder hin. Dann gibts beinahe regelmäßig wieder Betrunkene, vielfach auch Rivalitäten zwischen den ein­zelnen Dörfern, die sehr häufig zu Schlägereien führen.

Könnten nicht die Tanzmusiken an den Kirmeßtagen beschränkt, könnten nicht überhaupt die Kirmessen be­schränkt ober vielleicht, wie das anderwärts, z. B. in Bayern geschehen sein soll, wenigstens in denselben oder in benachbarten Kreisen auf einen und denselben Tag gelegt werden? Könnte man nicht die Zahl der Tage, an welchen Tanz-Gelegenheit geboten wird herabsetzen? Könnten schließlich nicht auch die Vereins-Festlichkeiten auf ein geringeres Maß gebracht werden? Muß denn jeder einzelne Verein alljährlich sein besonderes Stif- tungssest feiern, oft drei Tage lang und noch länger? Wie viel Geld wird unnützer Weife bei solchen Gelegen­heiten ausgegeben, wie viel Unzufriedenheiten in den Familien wachgerufen! Jüngst hat (nach amtlicher Quelle) ein Knecht (!) auf einer Kirmeß 30 M ver­ausgabt, acht Tage später war Kirmeß in seiner eine halbe Stunde entfernt liegenden Heimath, da gingen wieder 25 M. d'rauf; wieder acht Tage später war Kirmeß in einem eine halbe Stunde entfernt liegenden Dörfchen, wo er wieder 25 M. verschleuderte, das macht in drei Wochen 80 M.! Ebenso wissen wir bestimmt, wie jüngst auf einer Kirmeß an einem Abend von drei Bauern zusammen acht Flaschen Champagner ge­trunken worden sind. Solche Beispiele stehen nicht vereinzelt da.

Gewiß erwarten wir nicht alles Heil vom Polizei- stock. Die Vergnügungssucht ist leider ein Zeichen unserer genußsüchtigen Zeit, die sich nichts mehr ver­sagen will, die das Wort Christo -. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst", nicht mehr kennt, der die Abtödtung so ganz fremd geworden ist, das sind zum Theil auch noch Früchte des Kulturkampfes. Aber in mancher Beziehung ist die polizeiliche Hülfe nicht zu entbehren. So lange die Gelegenheiten, der Ver­gnügungssucht ungehindert nachzugehen, in so reichem Maße geboten werden, wie es jetzt auch auf den kleinsten Dörfern vielfach der Fall ist, wird man die Gelegen­heit auch benutzen.

Uebrigens lernt ein guter Theil unserer deutschen Jugend das lange Wirthshaussitzen schon auf den Universitäten. Ich kenne das Universitätsleben aus eigener Anschauung und weiß, wie lange vielfach die „Kneipen" (auch in manchen katholischen Studenten- Vereinigungen) dauern. Dann wird des Nachts Radau gemacht, des Morgens giebt's schwere Köpfe, es wird bis in den Morgen hinein geschlafen, Kollegien werden geschwänzt usw. Wenn diese jungen Leute dann später in's öffentliche Leben treten, so ändern sie sich natür­lich nicht mit einem Schlage. Sie find an dieses Leben gewöhnt und finden vielfach auch als verheirathete junge Männer ihre größte Freude in der Gesellschaft im Wirthshause, anstatt in der Familie.

„Darüber kann ich leicht Rechenschaft geben." Er fah sich nach einem Stuhl um.

„Ja, bitte, fetzen Sie sich", sagte Herr Walter, welcher seinen Schrecken zu bemeistern begann.

Elisabeth erhob sich und trat mit dem Zartgefühl der Frau, welche das Schreckliche einer solchen Situa- tion'nachzuempfinben vermag, auf den Heimgekehrten zu.

„Erlauben Sie mir, Ihnen als Ihre Verwandte den ersten Willkommensgruß in der Heimath zu bieten", sagte sie, ihm die Hand reichend. „Mögen Sie viele glückliche Jahre hier erleben."

Argast sah erstaunt auf, dann griff er mechanisch nach der ihm dargereichten Hand und sagte, in ihr Gesicht blickend:

„Wer sind Sie?"

„Elisabeth von Argast, Ihres Onkels Friedrich Tochter."

„Also diejenige, welche mich verdrängt hat!" rief er feindselig. „Diejenige, welche Alles, ohne eine Nach­frage, ohne ein Wort der Erkundigung, ob ich lebend ober tobt fei, an sich geriffen!"

„Setzen Sie sich, setzen Sie sich!" brängte Herr Walter, auf» Empfindlichste berührt. „Wir wollen Alles in Ruhe besprechen. Daß Sie noch unter ben Lebenden weilten, konnten wir unmöglich annehmen,

Deutsches Deich.

Berlin, 7. November.

* „Aus zum Kampf gegen Rom!" Unter biesem Titel bringt bas Organ ber Hannover'schen Confer- vativen, bie ,Hannover'sche Post', folgenbe beherzigens- werthe Mahnung, bie wir von ganzem Herzen unter­schreiben : .

„Unsere Leser werden sich einigermaßen wundern. Und mit Recht. Den Ton pflegen wir nicht anzuschlagen, weil wir es nicht für eine Aufgabe der politischen Presse erachten, sich an dem Kampf der christlichen Bekenntnisse unter einander zu be- tbeiligen. Dieser „Kampf" ist Sache der kirchlichen Blätter, der Seelsorge, des Konfirmandenunterrichts u. s. w. So war unsere Meinung. Hat sich diese Meinung geändert? Nicht im Min­desten! Aber doch rufen wir, nicht scherzend, sondern ernstlich: aus zum Kampf gegen Rom! Man kann sehr viel azisrichten auf diesem Gebiete; jeder einzelne kann außerordentlich viel machen. Und er hat die Pflicht dazu. Jeder Synodalbericht klagt über schlecht n Kirchenbesuch, über zunehmende Glerchgüttg- keit gegen die Kirche, über Rohheit, Sittenlosigkeit, Mißachtung des Sonntags, über alle möglichen Uebelstände, kurz gesagt: über die Entkirchlichung des evangelischen Volkes. Nun will man einen Kampf für die Kirche der Reformation führen. Bravo! Bravo! Der Weg ist gewiesen: es kann nichts mehr selbstver- stäiwlich sein, als daß man jene Schäden und Uebcl in der evan­gelischen, in der lutherischen Kirche bessert. Das ist der Weg! Das ist der Kampf. Wer Polemik gegen die katholische Kirche treiben will, ohne der Entkirchlichung des evange­lischen Volkes entgegenzutreten, der ist entweder ein Feind aller Kirche überhaupt, oder er ist irregeleitet durch ein­seitige Ausbildung des bekenntnißmäßigen Gegensatzes. Also: auf zum Kampf gegen Rom! Man sorge für die Besserung des Kirchenbesuches, für die Hebung der Theilnahme am Abend­mahl, für die Sammlung der Gemeinden in den Städten, für die Würdigung der erhabenen Wahrheiten des Bekenntnisses, der Glaubenslehren, der Reformatoren und der reformatorischen Be­kenntnisse, — das ist der rechte Kampf gegen Rom. Ferner: In X hat Pastor W. die Würde, die berechtigten Ansprüche der Kirche vertreten. Er hat eine Beleidigung der Kirche und ihrer berufenen Diener nicht dulden wollen. Er hat nicht heuchlerisch segnend die Hände erheben, nichr einen Tooten preisen wollen, der sein Leben lang die Kirche so offen mißachtet hat wie alle Ehrbarkeit und Sitte. Da geht der Spektakel los. Da schreien die, welche am lautesten zum Kampf gegen Rom Sturm läuten, am dringendsten über Unduldsamkeit und.Ketzergericht, da helfen gerade s i e am meisten das Ansehen der evangelischen Kirche untergraben. Denn eine größere Beschimpfung dieser Kirche kann es nicht geben, als das Verlangen, daß ihr Vertreter in ihrem Namen heucheln und stets bereit stehen, die Hände segnend zu erheben. Sie wäre nicht achtbar, sondern verächtlich. Sie wäre eine leichte Beute der katholischen Kirche. Also auf zum Kampf gegen Rom! Auf zur Arbeit, daß die evangelische Kirche Kraft gewinne, um ihre sittlichen und kirchlichen Forderungen auch unter allen Umständen zu vertreten und ihre Verächter jener Forderungen hinauszuthun. Das ist der rechte Kamps gegen Rom. Man könnte das Thema fortspinnen durch alle Aeußerungen kirchlichen Lebens, durch die ganze kirchliche Thätig- keit hirümrch. Im eigenen Lager bessern, Gleichgiltigkeit Anmaßung, sittliche und kirchliche Lauheit bekämpfen, das ist der rechte Kampf gegen Rom, weil es der Kampf für die Stärkung der evangelischen Kirche ist."

Wenn bie Protestanten in biefern Sinne gegen Rom kämpfen wollen, fo wünschen wir ihnen in biesem Kampfe ben besten Erfolg. Ihre unb nufere Kirche kann nur baburch gewinnen, wenn ein solches Mettbestreben ein- tritt.

* Zur Frage ber öffentlichen Sittlichkeit, welche jetzt lebhaft erörtert wirb, bringt bie .Birmingham Post' eine Nachricht, für die man diesem englischen Blatte die Verantwortung überlassen muß. Darnach sollen

w w .Rathgeber für Landwrrthschast, Gattenbau und Hauswesen ut Fulda und auswärts I Matt au Pfennig. ___